15:00 - Kunst und Widerstand
15:00 Uhr Ein Lindwurm schlängelt sich von Tür zu Tür. Er stülpt im einen Raum seine Gedärme nach außen, um sich dann im nächsten ganz klein zusammenzuziehen, als wolle er einen Regenwurm simulieren. Nach geschätzten hundert Metern ist Schluss, der Wurm stößt mit seinem Kopf – oder ist es der Schwanz? – an seine Grenzen. Sackgasse. Für die wesenhafte Skulptur aus Pappe geht es keinen Zentimeter weiter.
Drei Wochen hat die Künstlerin Katja Windau, 37, gebraucht, um das Werk in der siebten Etage, dem Ausstellungsstockwerk des Frappant-Gebäudes in Hamburg-Altona, aufzubauen. In Handarbeit. Auch jetzt, nur einen Tag vor der Vernissage zur Gemeinschaftsausstellung Passage, bohrt Katja Windau mit einem Schraubenzieher letzte Löcher in die Pappen, um diese mit Kabelbindern zu verknüpfen. Katja Windau ist eine von rund 130 Künstlern und Designern, die seit April 2009 an einem Ort arbeiten, an dem noch vor wenigen Jahren Rolltreppen brummten und Verkaufsdurchsagen durch die Etagen hallten: im ehemaligen Karstadt-Gebäude an der Großen Bergstraße – dem Ex-Einkaufszentrum Frappant.
Die Künstler im Haus treten gemeinsam als Verein auf. Bei ihrem Einzug schlossen sie einen regulären Nutzungsvertrag mit dem Eigentümer, entwickelten ein Konzept zur Nutzung des Betonklotzes, organisierten Ausstellungen und Partys, sammelten Unterschriften und ver-s-uchten, Anwohner für den Erhalt des Abrisshauses zu gewinnen. In einem Bürgerentscheid sprachen sich allerdings 77 Prozent der Stimmberechtigten für den Abriss aus, danach will Ikea auf dem Gelände 2012 seine erste innerstädtische Filiale eröffnen. Weltweit. Das hat Symbolcharakter, ist jedoch vor allem ein Wirtschaftsfaktor. Besonders für die, euphemistisch ausgedrückt, in die Jahre gekommene Einkaufsstraße Große Bergstraße, in der das Gebäude liegt und in der sich heute Läden wie die „Preis-Oase“ mit Dönerbuden abwechseln.
Die Aktionen der Frappant-Künstler sind kreativ, überraschend, einfallsreich: Gianna Schade, 29, sitzt mit im Vorstand des Frappant-Vereins, sie ist dessen Pressesprecherin, selbst Fotografin und eines der Gesichter des neuen Widerstandes.
Gianna Schade, die ein wenig aussieht wie die Schauspielerin Tilda Swinton, organisiert Aktionen und verhandelt stellvertretend für die Künstler im Haus mit dem Bezirk, der Kulturbehörde oder mit potenziellen neuen Vermietern. Sie ist groß, ihre Stimme klingt tief und voll, sie wirkt kompetent und entschlossen. Aber auch sie bekam mitunter Anfeindungen zu spüren. „Klar wurden wir auf der Straße beim Unterschriftensammeln auch schon blöd angemacht. Da musste man sich einiges anhören“, erzählt sie. „Das hat natürlich etwas mit dem Gebäude zu tun. Wäre das hier ein heller Glaskörper, würde das anders laufen.“
Dennoch kam für die Künstler des Hauses niemals eine andere Form des Protests in Betracht als die smarte, humorvolle Mobilisierung ihrer Mitmenschen. Autos anzünden, Steine werfen? „Die Leute im Haus ticken anders“, sagt Gianna Schade. Und: Sie haben eine Zukunft. Dank der Hilfe der Hamburger Behörde für Kultur, Sport und Medien ziehen die 130 Künstler vorläufig in die Viktoria-Kaserne in Altona um. Nach einer dauerhaften Bleibe wird weiterhin gesucht. Denn: „Orte der bildenden Kunst in Hamburg möglich zu machen ist uns wichtig“, sagt Senatorin Karin von Welck.
Die Hafenstraße und ihre brennenden Barrikaden – das ist bald 30 Jahre her, heute protestiert man in Hamburg eleganter gegen den Verkauf von öffentlichem Raum und Gentrifizierung, auch wenn man einige der Akteure von damals, wie Malergröße Daniel Richter, wiedertrifft. Sie nutzen ihre exponierten Stellungen für die nicht so bekannten Kollegen. So wie im Gängeviertel, gut drei Kilometer Luftlinie vom Frappant entfernt. Man ist fast versucht, in alldem eine neue „Hamburger Schule“ zu sehen – nur dass es sich diesmal nicht um Pop, sondern um Protest handelt, der sich intelligent statt brachial Bahn bricht und ein neues Bewusstsein bei den Bürgern der Stadt geschaffen hat: Vor einem Jahr beschäftigten sich nur wenige mit Themen wie Stadtplanung und dem Stellenwert sozialer Durchmischung. Durch Leute wie Schade und Windau oder die Künstler und Aktiven der Gängeviertel-Gruppe diskutiert man heute in Hamburger Bars und Restaurants über Mitbestimmung und die Gestaltung öffentlicher Räume, über das Gesicht und die Seele der Stadt, in der man lebt, und darüber, wie man sie sich vorstellt.
Diese sanfte, aber wirkungsvolle Form des Widerstandes hat auch im Fall der Besetzung des Gängeviertels Wirkung gezeigt: Im August letzten Jahres bezogen zweihundert Hamburger Künstler widerrechtlich das Gängeviertel – ein historisch wertvolles, aber völlig heruntergekommenes Wohnungsensemble –, um es vor dem Abriss zu bewahren. Durch Aktionen wie beispielsweise öffentliche Ausstellungen und Versteigerungen ihrer Bilder, Führungen durch die Arbeiterhäuser und Ateliers, durch Performances und Diskussionen ist es ihnen gelungen, die Hamburger Bevölkerung auf die große Bedeutung des Komplexes aufmerksam zu machen – und letztendlich auch die Stadt davon zu überzeugen. Hamburg kaufte die Gebäude schließlich vom Investor zurück. Jetzt wird gemeinsam überlegt, wie man hier die Bedürfnisse der Künstler und die Interessen der Stadt zusammenbringen kann, um dann vielleicht etwas entstehen zu lassen, was es in dieser Form bislang noch nicht gibt: ein kreatives Quartier mitten in der City, das nicht nur geduldet, sondern sogar gewollt ist – Künstler mittendrin im Leben der Stadt.
Wenn man sich in dem kleinen umkämpften Areal umsieht, kann man sicherst einmal kaum vorstellen, dass aus den abrissreifen Häusern eine Kulturoase entstehen soll: Fensterrahmen verrotten vor sich hin, kaputte Glasscheiben sind mit Spanplatten vernagelt, Türen hängen schief in den Angeln. Wen wundert es, dass sich dieansässigen Künstler momentan mehr mit Handwerk als mit Kunst beschäftigen. Sie sanieren und renovieren im Rahmen ihrer Möglichkeiten und versuchen zu retten, was zu retten ist. Doch die Veranstaltungsreihen mit Filmabenden, Lesungen und Ausstellungen laufen weiter.
Am Hofeingang des Gängeviertels hängt eine Art Schwarzes Brett. Dort können Besucher die vielen Presseberichte über das Viertel nachlesen. Im Frühjahr nun soll den Hamburgern ein Konzept vorgestellt werden, hinter dem Stadt und Künstler gleichermaßen stehen. Es soll auch das Gängeviertel in eine neue Zukunft führen.
Katja Windau, 37,gehört zu den130 Künstlern, die ihr Atelier im sogenannten Frappant-Gebäude haben – einer ehemaligen Karstadt-Filiale an der Großen Bergstraße in Hamburg-Altona. Windau baut unter anderem Skulpturen aus Pappe – wie diese, die sich als endlose Schlange durchs Gebäude zieht.
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