17:58 - Rotoren auf hoher See
17:58 Uhr Die steife Brise, die kurz nach sechs über die offene Nordsee weht, lässt Thorsten Potthoff schwanken. Kein Wunder, denn er hängt an einer Seilwinde unterhalb eines Hubschraubers – 150 Meter unter ihm das tosende Meer. „Man muss ja irgendwie wegkommen“, sagt der 42-jährige Elektriker trocken. Weg von „alpha ventus“, dem ersten deutschen Offshore-Windpark, 45 Kilometer nordwestlich der Insel Borkum. Potthoff, der am Netzanschluss der Windräder bastelt und meistens auf der 18 mal 24 Meter großen Umspannstation mitten im Meer arbeitet, hat einen langen Tag hinter sich und wird nun per Helikopter abgeholt – die Katamaran-Fähre fällt aus, wenn die Wellen höher als zwei Meter sind. Und das sind sie oft.
„alpha ventus“, das sind zwölf riesige Windräder im Meer, darunter sechs von der Hamburger Repower Systems AG: 155 Meter vom Meeresspiegel bis zur Rotorspitze – also fast so hoch wie der Kölner Dom. Nach unten geht es dreißig Meter hinab zum Meeresboden, wo wiederum bis zu 44 Meter lange Pfähle in den Grund gerammt sind. Sie halten jeweils 480 Tonnen schwere Stahlfundamente, welche die 410 Tonnen des eigentlichen Windrads tragen. Das Testfeld „alpha ventus“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Stromerzeuger Vattenfall, E.ON und EWE; die Anlage soll zukünftig rund 220 Gigawattstunden erzeugen, ausreichend für den Strombedarf von etwa 50 000 Drei-Personen-Haushalten. Vor allem jedoch wird sie den Technikern helfen zu lernen, wie unter derart extremen Bedingungen wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll Strom erzeugt werden kann.
Die Vorteile sind klar: viel und kräftiger Wind, mehr Betriebstage, mehr Leistung. Die Nachteile hängen, will man es symbolisch sehen, gerade in Gestalt Thorsten Potthoffs am Hubschrauber: Errichtung und Wartung der Anlagen sind viel umständlicher als an Land. Dennoch sind sich die meisten Experten einig, dass gerade Offshore-Anlagen künftig sehr wichtig sein werden. Deutschland ist hier technologisch wie wirtschaft-lich füh-rend, und in Deutschland reihen sich die wichtigsten Unternehmen in Küstennähe auf. Die Bran-che hat 2009 erstmals mehr als 100 000 Menschen beschäftigt, die bereits genannte Firma Repower erwartet nach Abschluss des Geschäftsjahres 2009/10 einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro. Überhaupt stehen erneuerbare Energien auf der Rangliste Hamburger Themen weit oben.
Ein Symbol dafür soll der „Energieberg Georgswerder“ werden, ein Projekt für die Internationale Bauausstellung (IBA) 2013. Eine einstige Mülldeponie südlich der Elbe wurde in den Achtzigern aufwendig abgesichert und mit einigen Windrädern bestückt. Das Siegerkonzept eines Ideenwettbewerbs sieht nun, neben einem Besucherzentrum mit Aussichtsplattform, eine ganze Leistungsschau regenerativer Energien auf dem 40 Meter hohen Hügel vor: eine weitere, moderne Windkraftanlage, Photovoltaik, Biomasse, Geothermie und die Nutzung von Depo-niegasen. Der Energieberg soll mehr als 2000 Haushalte der Elbinsel Wilhelmsburg mit Strom versorgen.
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