18:00 - Eine Band spielt im Schaufenster
18:00 Uhr Punkt sechs Uhr abends steigt Pål ins Schaufenster und fängt an von der Liebe zu singen. Er trägt Wuschelhaar, Dreitagebart und eine Akustikgitarre vor dem Bauch, und es sieht so rührend aus, wie er da spielt und singt, dass man ihn am liebsten mit nach Hause nehmen möchte, um ihm einen Tee zu kochen. Aber das geht nicht, denn Pål steht nicht zum Verkauf in diesem Schaufenster, sondern gibt mit seiner norwegischen Band Minor Majority gerade ein Konzert.
Konzerte im Schaufenster – das hat seit zehn Jahren Tradition in dem geschichtsträchtigen Plattenladen „Michelle“ in der Hamburger Innenstadt. Immerhin standen hier auch schon Bands oder Musiker wie Calexico, Tomte und Peaches hinter der Glasscheibe.
„Michelle“ gibt es seit 33 Jahren, und genauso lang halten die Anhänger der gepflegten Alternativkultur, Musiker und DJs dem Laden die Treue. Denn bei „Michelle“ findet man die Welt der Musik jenseits des Plastik-Pop aus den Mediasupermärkten: eine ausgesuchte, aber nie elitäre Auswahl, feinstes Vinyl und natürlich ein paar Raritäten.
Christof, 45, und André, 35, die das Geschäft heute führen, legen außerordentlichen Wert darauf, der in Musikläden häufig anzutreffenden Expertenarroganz mit herzlicher Freundlichkeit entgegenzutreten. Bei „Michelle“ bekommt man kein Naserümpfen zu sehen, nur weil man nicht weiß, dass Neil Young in den Siebzigern gern auf Gretsch-Gitarren spielte. Kein Wunder also, dass die beiden Besitzer, die zusammen in einer Band spielen, viele Frauen zu ihren Stammkunden zählen. Vermutlich, weil die eben vom Fachsimpeln nicht ganz so viel halten wie manche musikversessene Männer.
Ein bunter Mix von Stammkunden ist es auch, der sich heute Abend zum Konzert der Norweger eingefunden hat: ältere Herren in Trenchcoats mit exakt geschnittenen Bärten, junge Männer in Trainingsjacken und mit Britpop-Frisuren, Mädels in Parkas, Pärchen, die Händchen halten, Familien mit Kindern. Der Laden ist also gut gefüllt. Konzentriert lauschen die Zuhörer dem sanften Folkpop der Norweger, kein Geplapper oder Geraune stört den Auftritt. Ein paar Zu-spät-Gekommene eilen leise durch die Tür.
Nach vierzig Minuten Herzschmerz am Mikro endet das Schaufensterkonzert. Das Publikum applaudiert begeistert, und Christof bringt den Musikern den traditionellen Hausschnaps. Wer mag, kann sich jetzt Autogramme abholen oder kurz mit der Band schnacken – bei „Michelle“ hat man kein Problem mit Nähe. Für Minor Majority ist es übrigens das dritte Mal, dass sie im Fenster auftreten. „Es fühlt sich aber immer wieder gut an“, erzählt Pål. „Nicht wie Arbeit, sondern so, als seien wir zu Hause und hätten Freizeit.“ Man darf sich also schon jetzt auf den vierten Auftritt freuen.
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