Türkei: Die Heimat in sich selbst
von Andin Tegen
Fatih Akin hat dunkle Ringe unter den Augen. Gestern Abend ist er vom Filmfest Venedig zurückgekommen, nun sitzt er in einer Suite im „Hyatt Hotel“, um über seine Komödie Soul Kitchenzu sprechen.
Ist der Film eine Hommage an die Stadt?
„Ja“, sagt Akin und streicht die schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht, „aber jenseits von HafenCity, Außenalster und Jungfernstieg. Eine Hommage an das echte, das raue Hamburg, das ich immer mehr vermisse.“
Akin ist einer der erfolgreichsten Regisseure Deutschlands. Sein Hamburg – hart, regnerisch, authentisch – kennen Millionen Kinogänger durch Filme wie Kurz und schmerzlos, Gegen die Wand und Auf der anderen Seite.
Doch welche Bedeutung haben die Türken für diese Stadt? Und was bedeutet Hamburg ihnen selbst? Würde man Fatih Akin nur reden hören, könnte man ihn für einen Hamburger Hafenarbeiter halten. „Wenn heute jedes alte Gebäude aus Kostengründen plattgemacht wird, verschwindet die Seele der Stadt.“
Dann wird seine Stimme langsam weicher. „Ich werde Hamburg immer lieben“, sagt er. „Trotz aller Kritik wird diese Stadt immer mein Zuhause sein.“ Wilhelmsburg ist so ein Ort, wie ihn Akin meint, wenn er vom „alten Hamburg“ spricht: Hier leben viele Arbeitslose, die Mieten sind niedrig, Industriegebiete grenzen an Gründerzeitarchitektur und Hochhausghettos. „Altona, wo ich aufgewachsen bin, war mal so rau wie Wilhelmsburg“, sagt er. „Bevor die Gemüsehändler den Bioläden weichen mussten.“
Als Akin 1973 in Altona geboren wurde, nannte man das Viertel noch Klein Istanbul. Heute leben hier nur noch halb so viele Türken wie in Wilhelmsburg. 3995 zählt das Statistische Landesamt.
Bülent Ciftlik
Mitten im Zentrum des Stadtteils Altona liegt Bülent Ciftliks Bürgerbüro. Durch die Schaufenster sieht man ihn am Schreibtisch. „Es ist wichtig, dass ich immer ansprechbar bin“, sagt der 37-Jährige, der 2008 für die SPD in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt wurde, und zupft sich einen unsichtbaren Fussel von der maßgeschneiderten Anzughose. „Am Freitag nach der Moschee kommen die älteren Türken, setzen sich und fragen mich um Rat, wenn sie Probleme mit dem Sohn haben oder mit Formularen nicht zurechtkommen“, sagt er. Ciftlik hat in Hamburg studiert und an der Universität Manhattan im US-Bundesstaat Kansas seinen Abschluss in Politikwissenschaft gemacht. Seine Eltern kommen aus dem anatolischen Hochland, sein Vater spricht bis heute kaum Deutsch, die Mutter kann weder lesen noch schreiben.
Volkan Baydar
Auch Volkan Baydar, Sänger und Komponist, gehört zur zweiten Generation von Türken. Der 38-Jährige hat mit seiner Band Orange Blue über eine Million Platten verkauft: soulige Balladen, auf Englisch und mit weichem Timbre gesungen. Baydars Eltern kamen vor vierzig Jahren nach Hamburg – mit Koffern und dem festen Willen, ein besseres Leben zu führen. Die Familie lebte in Hamburg-Hamm. Der Vater war Taxifahrer, die Mutter Schneiderin. „Meine Eltern haben uns dazu erzogen, immer hart an uns zu arbeiten, darum sind wir heute erfolgreich.“ Volkan Baydar kennt das Gefühl, die wirkliche Heimat nur in sich selbst zu tragen, aber er betrachtet es als Bereicherung. „Ich bin pünktlich, ehrlich, melancholisch – wie ein Hamburger“, sagt er. „Aber ich habe auch eine lebhafte, chaotische Seite an mir, als käme ich aus Istanbul.“
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