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Türkei: Die Heimat in sich selbst

von Andin Tegen

55.000 Türken leben in Hamburg, viele von ihnen machen an der Elbe aufregende Karrieren. Fünf von ihnen haben wir getroffen.

 

Faith Akin / Enver Hirsch
Filmregisseur Fatih Akin wurde in Altona geboren. (Bild: Enver Hirsch)

Fatih Akin hat dunkle Ringe unter den Augen. Gestern Abend ist er vom Filmfest Venedig zurückgekommen, nun sitzt er in einer Suite im „Hyatt Hotel“, um über seine Komödie Soul Kitchenzu sprechen.

Ist der Film eine Hommage an die Stadt?
„Ja“, sagt Akin und streicht die schwarzen Haarsträhnen aus dem Gesicht, „aber jenseits von HafenCity, Außenalster und Jungfernstieg. Eine Hommage an das echte, das raue Hamburg, das ich immer mehr vermisse.“
Akin ist einer der erfolgreichsten Regisseure Deutschlands. Sein Hamburg – hart, regnerisch, authentisch – kennen Millionen Kinogänger durch Filme wie
Kurz und schmerzlos, Gegen die Wand und Auf der anderen Seite.

 

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So wie Hamburg den jungen Regisseur geprägt hat, hat auch er selbst die Stadt geprägt. Ähnlich wie Akin haben viele Türken und türkischstämmige Hamburger der zweiten und dritten Generation diese Stadt beeinflusst. Längst haben sie eine eigene Szene, eine Sprache, mit der sie sich selbst gelegentlich parodieren; sie haben den Wangenkuss unter Männern salonfähig gemacht und scharfes Essen in Hamburger Küchen gebracht.
Doch welche Bedeutung haben die Türken für diese Stadt? Und was bedeutet Hamburg ihnen selbst?
Würde man Fatih Akin nur reden hören, könnte man ihn für einen Hamburger Hafenarbeiter halten. „Wenn heute jedes alte Gebäude aus Kostengründen plattgemacht wird, verschwindet die Seele der Stadt.“

 

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„Heute“ spricht Akin „heude“ aus. Er kreuzt die Beine, die klobigen Turnschuhe schauen unter dem locker sitzenden Anzug hervor. In seinem aktuellen Film Soul Kitchen geht es um einen Restaurantbesitzer, der im Stadtteil Wilhelmsburg versucht, sein schlecht laufendes Lokal zu retten. „Es geht um Heimat als Zustand, nicht als Ort“, sagt Akin ein wenig heftig. „Ich will nicht, dass Hamburg an Orten festgemacht wird, die jeder mit Hamburg verbindet – diese Stadt ist mehr als das.“
Dann wird seine Stimme langsam weicher. „Ich werde Hamburg immer lieben“, sagt er. „Trotz aller Kritik wird diese Stadt immer mein Zuhause sein.“ Wilhelmsburg ist so ein Ort,
wie ihn Akin meint, wenn er vom „alten Hamburg“ spricht: Hier leben viele Arbeitslose, die Mieten sind niedrig, Industriegebiete grenzen an Gründerzeitarchitektur und Hochhausghettos. „Altona, wo ich aufgewachsen bin, war mal so rau wie Wilhelmsburg“, sagt er. „Bevor die Gemüsehändler den Bioläden weichen mussten.“
Als Akin 1973 in Altona geboren wurde, nannte man das Viertel noch Klein Istanbul. Heute leben hier nur noch halb so viele Türken wie in Wilhelmsburg.
3995 zählt das Statistische Landesamt.

Bülent Ciftlik / Enver Hirsch SPD-Abgeordneter Bülent Ciftlik

(Enver Hirsch)

Bülent Ciftlik
Mitten im Zentrum des Stadtteils Altona liegt Bülent Ciftliks Bürgerbüro. Durch die Schaufenster sieht man ihn am Schreibtisch. „Es ist wichtig, dass ich immer ansprechbar bin“, sagt der 37-Jährige, der 2008 für die SPD in die Hamburgische Bürgerschaft gewählt wurde, und zupft sich einen unsichtbaren Fussel von der maßgeschneiderten Anzughose. „Am Freitag nach der Moschee kommen die älteren Türken, setzen sich und fragen mich um Rat, wenn sie Probleme mit dem Sohn haben oder mit Formularen nicht zurechtkommen“, sagt er. Ciftlik hat in Hamburg studiert und an der Universität Manhattan im US-Bundesstaat Kansas seinen Abschluss in Politikwissenschaft gemacht. Seine Eltern kommen aus dem anatolischen Hochland, sein Vater spricht bis heute kaum Deutsch, die Mutter kann weder lesen noch schreiben.

 

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Vor fast fünfzig Jahren, 1961, als die Türkei mit der Bundesrepublik ein Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeiter schloss, war an Integration nicht zu denken. Bildung stand nicht auf dem Plan, die Türken würden nach getaner Arbeit nach Hause zurückkehren, dachte man. „Die harte Arbeit unserer Eltern macht hier kaum noch jemand“, sagt Ciftlik. „Viele Türken in Hamburg haben sich durch das Bildungsangebot gut etabliert – jenseits von Döner- und Hi-Fi-Läden.“ Er dreht sich auf dem roten Stuhl und gibt seinen Worten noch mehr Schwung. „Jeder Türke kann es in Hamburg schaffen“, sagt er. „Kinder mit Deutschdefiziten können Lesestunden besuchen, für Mütter gibtes Sprachkurse, für Jugendliche mit Migrationshintergrund Sportunterricht – meine Aufgabe ist es, ihnen klarzumachen, dass sie es schaffen
können, ein eigenständiges Leben zu führen.“ Für Ciftliks Eltern war es damals wichtig, dass die Söhne es zu etwas bringen. Mit dem Vater fuhr er jeden Freitag zu Aldi, einkaufen für die sechsköpfige Familie. Das Budget: 150 Mark. Das kam ihm damals viel vor. Er hatte eine schöne Kindheit, sagt er. Er habe sich nicht ausgegrenzt gefühlt. „Menschen wie Fatih Akin werden heute nicht mehr als Türken, sondern als Hamburger wahrgenommen“, sagt Ciftlik. „Er oder auch Ali Güngörmüs, der Sternekoch, sind Vorbilder für die Türken, die es noch nicht so weit gebracht haben.“Ciftlik nippt an seinem Kaffee. „Man muss den Jugendlichen klarmachen, dass sie es weit bringen können – wenn sie nicht beim ersten Rückschlag aufgeben, sondern Stehvermögen beweisen.“

Volkan Baydar / Enver Hirsch Volkan Baydar von Orange Blue

(Enver Hirsch)

Volkan Baydar
Auch Volkan Baydar, Sänger und Komponist, gehört zur zweiten Generation von Türken. Der 38-Jährige hat mit seiner Band Orange Blue über eine Million Platten verkauft: soulige Balladen, auf Englisch und mit weichem Timbre gesungen. Baydars Eltern kamen vor vierzig Jahren nach Hamburg – mit Koffern und dem festen Willen, ein besseres Leben zu führen. Die Familie lebte in Hamburg-Hamm. Der Vater war Taxifahrer, die Mutter Schneiderin. „Meine Eltern haben uns dazu erzogen, immer hart an uns zu arbeiten, darum sind wir heute erfolgreich.“ Volkan Baydar kennt das Gefühl, die wirkliche Heimat nur in sich selbst zu tragen, aber er betrachtet es als Bereicherung. „Ich bin pünktlich, ehrlich, melancholisch – wie ein Hamburger“, sagt er. „Aber ich habe auch eine lebhafte, chaotische Seite an mir, als käme ich aus Istanbul.“

 
 
 
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