Afghanistan: ein Glitzern wie am Meer
von Andin Tegen
350 Kilo Teppiche hievt Wase Rasul auf die Laderampe. Mit einem dumpfen Knall fallen sie auf den Holzboden. Staub dampft aus der Ware, die fast vier Monate gebraucht hat von Kabul nach Hamburg. Die geknüpfte Seide glänzt im Gegenlicht, rautenförmige Muster und mäandernde Borten – alles reine Handarbeit. Wase Rasul weiß, was das bedeutet, er hat früher selbst in einer Fabrik am Rande von Kabul Teppiche geknüpft. Seit seinem neunzehnten Lebensjahr geht er langsam und bedächtig wie ein alter Mann. Seine Rückenschmerzen sind ein Relikt aus der Zeit, als er sich stundenlang darauf konzentrierte, bloß keinen Millimeter Blumenblattspitze auf einem Motiv zu vergessen.
Wase Rasuls Ladenräume liegen am Rande der Speicherstadt, im zweiten Stock eines historischen Backsteingebäudes am Brooktorkai. Teppiche aus Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien. Gleich gegenüber das neue Leben, die HafenCity. Wase Rasuls Leben spielt sich im alten Hamburg ab, obwohl er mit 37 Jahren zur jungen Generation der Händler gehört. Er trägt ein marineblaues Nadelstreifen-Jackett zu Jeans und polierten Lederschuhen. Vor 15 Jahren ist er mit einer Schlepperbande aus seiner Heimatstadt Kabul geflüchtet und nach Hamburg gekommen.
Um die 48.500 Afghanen leben mittlerweile in Deutschland, laut Statistischem Landesamt 12.287 allein in Hamburg, so viele wie in keiner anderen europäischen Stadt. Die meisten von ihnen sind, wie Wase Rasul auch, vor dem Krieg geflüchtet. Es war sein Bruder, der bereits in Hamburg mit Teppichen handelte und ihn auf die Idee brachte, ebenfalls hierherzukommen. Der Bruder sagte, in Hamburg sei die Luft klar, die Kunden kämen scharenweise und die Elbe glitzere in der Sonne wie das Meer. „Die Freiheit, alles tun zu können, was man will“, sagt Wase Rasul, „das gefällt mir hier. Jetzt kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie es ohne diese Freiheit wäre.“
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