England: Verliebt in eine Insel
von Raimund Witkop
Wer durch westliche Hamburger Stadtteile wie Klein Flottbek, Nienstedten oder Othmarschen schlendert, kann sich leicht ein paar hundert Kilometer weiter wegträumen – in ein Städtchen der Grafschaft Kent, zum Beispiel, nicht zu weit von London entfernt. Es gibt hübsche Villen, gepflegte Gärten, undurchdringliche Hecken, und an manchen Ecken riecht es leicht nach Pferd. Die Chancen stehen außerdem gut, dass der nächste Passant eine Barbour-Jacke trägt und einen Jack-Russell-Terrier zu erziehen versucht.
Die Beziehungen begannen im 13. Jahrhundert, zu Zeiten der Hanse. Man teilte die Vorliebe für die Seefahrt, den Handel und für Gespräche übers Wetter. Ein zugezogener Hamburger Senatssekretär, Julius von Eckardt, beschwerte sich dann im 19. Jahrhundert über „Kaufleute, die zwanzig Mal in London, aber noch nie in Berlin waren“. Was sollten sie auch in Berlin? In London waren ihre Geschäftspartner, ihr bevorzugter Schuster, ihr Teehändler und womöglich ihr Sohn – zum Lernen in einem Kontorhaus.
„Lauter britische Klischees“, sagt John Holway, zwanzig Jahre lang Handelsattaché am Generalkonsulat, „ganz wundervoll“. Holway, der heute als Englischlehrer und Handelsberater arbeitet, hat ein „Paddington Bear“-Kostüm, in das er einen befreundeten deutschen Rechtsanwalt steckt, während er selbst als Mr. Brown Kinder unterhält.
3738 Briten leben offiziell dauerhaft in Hamburg; tatsächlich sind es einige mehr, weil in der Statistik doppelte Staatsbürgerschaften und das Umland fehlen. Geht es um die Zielgruppe für zahlreiche Institutionen und Geschäfte, muss man eine unbekannte, aber sicher stolze Zahl von Herzensbriten hinzuzählen: Es gibt eine anglikanische Kirche, mit dem „English Theatre“ eine bekannte Bühne, diverse Clubs und Pubs und Geschäfte, die ihre Existenz auf den Direktimport britischer Lebensmittel bauen. Regale mit Plumpuddings und essiggetränken Chips zu füllen wäre in anderen deutschen Großstädten eine verwegene Idee.
Nicht so in Hamburg, wo natürlich nicht nur das großbürgerlich-aristokratische, sondern auch das proletarische England zum kulturellen Vorbild werden kann, gern eine Sekunde früher als im Rest der Welt. Wie 1962, als John Lennon mit einer Klobrille um den Hals auf der Reeperbahn sang; 1978, als Hamburger Punks sich die ersten Sicherheitsnadeln ins Gesicht steckten; und in den Neunzigern, als Raves über den Kanal schwappten.
Auf einen englischen Popstar können sich alle einigen. Er lebte von 1977 bis 1980 in Hamburg: Kevin Keegan, „Mighty Mouse“, 90 Spiele und 32 Tore für den HSV. Sein Hit von 1979, Rang 31 in den UK-Charts, 10 in Deutschland, Nummer 1 in Hamburg – die Hymne für Hamburger und Briten: Head Over Heels in Love.
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