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England: Verliebt in eine Insel

von Raimund Witkop

Wenn es um England geht, dreht auch der zurückhaltendste Hamburger durch, schmeißt mit Gummistiefeln und hisst den Union Jack. Eine Erklärung...

 

Anglo-German Club
Ganz schön britisch: der „Anglo-German Club“ an der Außenalster (Bild: www.anglo-german-club.de)

Wer durch westliche Hamburger Stadtteile wie Klein Flottbek, Nienstedten oder Othmarschen schlendert, kann sich leicht ein paar hundert Kilometer weiter wegträumen – in ein Städtchen der Grafschaft Kent, zum Beispiel, nicht zu weit von London entfernt. Es gibt hübsche Villen, gepflegte Gärten, undurchdringliche Hecken, und an manchen Ecken riecht es leicht nach Pferd. Die Chancen stehen außerdem gut, dass der nächste Passant eine Barbour-Jacke trägt und einen Jack-Russell-Terrier zu erziehen versucht.

 

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 In den großbürgerlichen Vierteln, wo seit Jahrhunderten die wohlhabendsten Kaufmannsfamilien residieren, wird seit ebenso vielen Jahrhunderten ein britischer Lebensstil gepflegt. In den Elbvor-orten, aber auch in Alsternähe: „Die weißen Stuckfassaden am Alsterlauf in Winterhude“, sagt der Architekt Stephen Williams, „das ist reines West-London.“ Williams lebt seit Mitte der Neunzigerjahre in Hamburg, gerade hat sein Büro den Wettbewerb um den Bau des „25hours Hotels“ in der HafenCity gewonnen. Parallelen will Williams auch in der Denkweise entdeckt haben: „Man ist etwas umständlicher und höflicher – lieber ein bisschen drum herum als zu direkt.“

Die Beziehungen begannen im 13. Jahrhundert, zu Zeiten der Hanse. Man teilte die Vorliebe für die Seefahrt, den Handel und für Gespräche übers Wetter. Ein zugezogener Hamburger Senatssekretär, Julius von Eckardt, beschwerte sich dann im 19. Jahrhundert über „Kaufleute, die zwanzig Mal in London, aber noch nie in Berlin waren“. Was sollten sie auch in Berlin? In London waren ihre Geschäftspartner, ihr bevorzugter Schuster, ihr Teehändler und womöglich ihr Sohn – zum Lernen in einem Kontorhaus.

 

Hamburg bei Regen

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Die Söhne nennt man an der Elbe heute noch gern Henry, John oder William, schickt sie zum Polo, Hockey oder Tennis und verteidigt mit Leichtigkeit den Ruf, die „britischste Stadt des Kontinents“ zu sein. Weshalb Briten auch unter den ausländischen Hamburg-Besuchern an erster Stelle stehen: „Sie fühlen sich gleich zu Hause“, sagt Gwen Cochrane, die britische Vizekonsulin in Hamburg, während sie durch die Regenschlieren nach draußen blickt. „Es ist nicht nur der viele Regen, sondern auch der Umstand, dass die Menschen mit Regenschirmen auf die Straße gehen.“ Es sind solche Details, an denen sich kultivierte Menschen erkennen: dauerhafte Schirme, die Tweed-Auswahl bei Ladage & Oelke am Neuen Wall, das dunkelledrige Ambiente im „Anglo- German Club“ an der Alster. Und nicht zu vergessen: das von Frau Vizekonsulin organisierte Gummistiefel-Weitwerfen, einmal im Jahr beim British Day.

 

Dinner for One

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Dieser Tag, nicht zufällig auf dem Gelände des „Hamburger Polo Clubs“ in Klein Flottbek, entwickelt sich seit den Anfängen 1991 zur leicht bizarren Leistungsschau ländlicher Lebensart, bedingungsloser Anglophilie und eines Humors an der Grenze zur Selbstparodie. 14.000 Besucher sahen an zwei Tagen im September Cricket und Krocket, Dudelsack und Dinner for One. Die Krönung war das abendliche „Open Air Proms Concert“ mit Mitgliedern des NDR Sinfonieorchesters, bei dem man distinguierte Hamburger „O Jerusalem“ und auch die britische Nationalhymne mitsingen hörte. Die Besucher schleppen – gehobener Glyndebourne-Stil – Picknickkörbe und silberne Kerzenhalter herbei.

„Lauter britische Klischees“, sagt John Holway, zwanzig Jahre lang Handelsattaché am Generalkonsulat, „ganz wundervoll“. Holway, der heute als Englischlehrer und Handelsberater arbeitet, hat ein „Paddington Bear“-Kostüm, in das er einen befreundeten deutschen Rechtsanwalt steckt, während er selbst als Mr. Brown Kinder unterhält.

3738 Briten leben offiziell dauerhaft in Hamburg; tatsächlich sind es einige mehr, weil in der Statistik doppelte Staatsbürgerschaften und das Umland fehlen. Geht es um die Zielgruppe für zahlreiche Institutionen und Geschäfte, muss man eine unbekannte, aber sicher stolze Zahl von Herzensbriten hinzuzählen: Es gibt eine anglikanische Kirche, mit dem „English Theatre“ eine bekannte Bühne, diverse Clubs und Pubs und Geschäfte, die ihre Existenz auf den Direktimport britischer Lebensmittel bauen. Regale mit Plumpuddings und essiggetränken Chips zu füllen wäre in anderen deutschen Großstädten eine verwegene Idee.

Nicht so in Hamburg, wo natürlich nicht nur das großbürgerlich-aristokratische, sondern auch das proletarische England zum kulturellen Vorbild werden kann, gern eine Sekunde früher als im Rest der Welt. Wie 1962, als John Lennon mit einer Klobrille um den Hals auf der Reeperbahn sang; 1978, als Hamburger Punks sich die ersten Sicherheitsnadeln ins Gesicht steckten; und in den Neunzigern, als Raves über den Kanal schwappten.

Auf einen englischen Popstar können sich alle einigen. Er lebte von 1977 bis 1980 in Hamburg: Kevin Keegan, „Mighty Mouse“, 90 Spiele und 32 Tore für den HSV. Sein Hit von 1979, Rang 31 in den UK-Charts, 10 in Deutschland, Nummer 1 in Hamburg – die Hymne für Hamburger und Briten: Head Over Heels in Love.

 
 
 
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