Iss doch Käse
Die fabelhafte Welt der Madame André: Gastronom Thomas Pincon zu Besuch bei der Käsemacherin im Cuxhavener Landkreis
von Uta Bangert
Eine Dorfstraße, sechs Bauernhöfe, fertig. Was verschlägt eine Französin nach Neubachenbruch – ein Nest, das kaum ein Mensch auf der Landkarte finden würde?
Catherine André: Ich stamme aus den Weinbergen des Jura, nah der Schweizer Grenze. Nach Stationen in Paris, Berlin und Kanada wusste ich, dass mich die Natur anzieht. Mein Freund hatte im Landkreis Cuxhaven Bekannte, die sagten, die Häuser seien hier nicht teuer. Und dann: Alles war so niedlich und kleinteilig, mit den Weiden, den Büschen, vielen Vögeln – das hat mich sehr fasziniert. 1987 bin ich in diesen ehemaligen Gasthof gezogen, um hier Ziegenkäse herzustellen.
Thomas Pincon: Niemals! Das wäre mir zu einsam. Ich brauche die Stadt, das Gewühl. Aber es ist toll, was Catherine macht. Ihr Käse hat den typischen Geschmack eines Sainte-Maure de Touraine, eines Chevrotin aus den Alpen, obwohl die Landschaft hier eher der moorigen Gegend südwestlich von Paris ähnelt.
Eine Französin, die in Norddeutschland Ziegenkäse herstellt, das klingt nach einer Aussteigergeschichte …
Catherine André: Mein Leben hier hat eher etwas mit „voll einsteigen“ zu tun. Wir arbeiten 16 Stunden am Tag. Wenn im Februar die Zicklein geboren werden, sind 300 Ziegen im Stall, wir melken täglich 200 Liter Milch, machen Käse, bewirtschaften 18 Hektar Land, betreiben den Hofladen. Für meinen Exfreund war das nichts, aber ich komme aus dem Jura, da sagt man „tête de bois“ – „Holzkopf“. Wenn ich etwas beschlossen habe, ziehe ich es durch. Mein neuer Partner und ich, wir sind hier sehr glücklich.
Herr Pincon, seit wann leben Sie in Hamburg?
Thomas Pincon: Mein Vater war in den 60er-Jahren Küchenchef des ersten französischen Restaurants in Hamburg. Später, als er eine Kochschule in Le Mans leitete, hat er über viele Jahre viele seiner Schüler – unter anderem mich – nach Hamburg geschickt, damit sie hier lernten. Viele haben dann hier Restaurants eröffnet. Schließlich habe ich hier auf einer Hochzeit meine Frau kennengelernt und bin endgültig geblieben.
Gibt es eine französische Szene in der Stadt?
Thomas Pincon: In der Gastronomie kennt man sich natürlich untereinander – viele meiner Freunde sind damals fast zeitgleich hergekommen, und einige haben später ebenfalls hier geheiratet und auch eigene Restaurants eröffnet. Es gibt zwar keine besonderen Treffen, aber wir Franzosen spielen im Sommer gern Boule im Stadtpark oder in Altona, oder wir gucken gemeinsam Fußball, wenn die Équipe Tricolore spielt.
Catherine André: Was alle Franzosen in Hamburg verbindet, ist, dass sie ins „Café Paris“ gehen. Da wird hinterm Tresen Französisch gesprochen, und da triffst du einfach immer jemanden. Wir kommen alle aus ganz verschiedenen Ecken Frankreichs: der Bretagne, Paris, Südfrankreich. Und aus Toulouse sind besonders viele gekommen, weil sie an der Elbe für Airbus arbeiten. In Frankreich würde ich niemals so geballt auf so viele verschiedene französische Dialekte treffen wie an einem Abend im „Café Paris“.
Thomas Pincon: Am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, kommen besonders viele Franzosen. Da feiern wir bis drei, vier Uhr morgens. Wenn Sie Menschen sehen wollen, die tatsächlich auf den Tischen tanzen, dann ist das der richtige Ort.
Wohin gehen Sie bei Heimweh?
Thomas Pincon: Heimweh habe ich nicht. Ich mache Urlaub in Frankreich, aber ich bin immer wieder froh, in Hamburg zu sein. Ich mag die Stadt, weil sie nicht so hoch bebaut ist, und ich mag das viele Grün. Ich mag das Wasser. Den Hafen. Ich mag die Mentalität der Norddeutschen. Vielleicht weil ich selber vom Atlantik komme. Ich habe gerade mit jemandem ein Geschäft gemacht, per Handschlag, ohne Vertrag. Das ist gradlinig und geradeaus.
Wo ähnelt Hamburg Frankreich?
Und wie ist es bei Ihnen, Catherine?
Catherine André: Ich habe ja schon mehr Zeit in Deutschland verbracht als in Frankreich. Aber ich liebe es immer noch, fran-zösische Kinofilme in der Originalversion im „Abaton Kino“ am Allende-Platz anzusehen.
Catherine, in Hamburg beliefern Sie die Spitzengastronomen. Konnten Sie auch Ihre Nachbarn von Ihrem Käse überzeugen?
Catherine André: Leute auf dem Land können schon stur sein. Anfangs haben sie mich auf dem Markt gefragt, was ich da für weiße Gurken zum Verkauf anbiete. Aber mittlerweile läuft das Geschäft sehr gut.
Thomas Pincon: Bei uns war es da einfacher. Die Leute kannten und mochten die französische Küche schon. Wir versuchten, mit dem „Café Paris“, mit den Speisen und den Antiquitäten, eine typische Brasserie und so ein Stück Frankreich nach Hamburg zu bringen. Wir wollten einfache französische Küche, wo es für jeden etwas gibt – vom kleinen Wein für einen Euro bis zum Wein für 300 Euro.
Haben Sie ein deutsches Lieblingsgericht?
Thomas Pincon: Ich esse gern ein gutes Labskaus.
Kein Witz?
Thomas Pincon: Kein Witz.
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Catherine André: Ziegenhof Bachenbruch, Bachenbrucher Straße 14, 21772 Neubachenbruch, Tel. 047 56/81 25
Thomas Pincon, 43, stammt aus der Bretagne. Zusammen mit Geschäftspartner Rainer Wendt hat er eine ehemalige Schlachterei in das schönste Stück Frankreich in Hamburg verwandelt: Café Paris, Rathausstraße 4, 20095 Hamburg, www.cafeparis.net,
Tel. 040/32 52 77 77
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