United Nations Of Dance
von Anja Haegele
Ich fühle mich hier nicht, als wäre ich in Hamburg oder in Deutschland. Ich fühle mich hier, als wäre ich in Italien, in Argentinien und den USA gleichzeitig. Es ist wie ein eigener Kosmos.“ Marcelino Libao (im Bild vorne links) kommt aus Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Er ist gerade 18 Jahre alt geworden und einer der begabtesten Nachwuchstänzer der Welt.
Sein Kosmos, das ist seine Schule, die sich im Ballettzentrum Hamburg – John Neumeier im Stadtteil Hamm befindet, in der ehemaligen „Oberrealschule für Mädchen“: 1929 erbaut vom legendären Oberbaudirektor Fritz Schumacher, der auch Hamburger Wahrzeichen wie die Davidwache und das Planetarium im Stadtpark entworfen hat. Vor 31 Jahren gründete der Choreograf John Neumeier, der Hamburg als Ballettstadt weltberühmt machte, seine Schule. Vor zwanzig Jahren zog sie, mit Neumeiers Compagnie, in das neu eröffnete Ballettzentrum an der Caspar-Voght-Straße. Heute gilt die Schule, in der zurzeit 130 Schüler aus 21 Nationen zu Bühnentänzern ausgebildet werden, als eine der besten der Welt. Durchs Treppenhaus wabert ein Klangteppich aus Klaviermusik, die aus neun Ballettsälen dringt. Sie mischt sich mit dem Trippeln von Ballettschläppchen, dem Schlurfen der dick gepolsterten Wärmestiefel und ab und zu einem Mädchenkichern.
In kleinen Grüppchen stehen die Schülerinnen auf den Fluren und Treppen. Ihre Beine, die in weißen Strumpfhosen stecken, gewärmt von bunten Wollstulpen, dehnen sie an den Geländern oder strecken sie zum Aufwärmen die Wände hoch. Dort hängen in schlichten schwarzen Rahmen Plakate alter Neumeier-Inszenierungen und Fotos seiner Tänzer. Fast siebzig Prozent der Compagnie haben zumindest den abschließenden Teil der Ausbildung in Hamm absolviert.
Für die Jungsklasse hat das Training schon vor einer Weile begonnen. Der Ballettmeister steht vorn im Saal, direkt vor dem wandfüllenden Spiegel. Entlang der weiß getünchten Wände sind Ballettstangen in zwei Höhen montiert. Der Boden – ein spezieller Schwingboden aus Holz – ist mit Linien und Markierungen beklebt, entlang derer die Schüler ihre Choreografien einüben. Doch im Moment trainieren die Schüler an der Stange. Geübt werden immer und immer wieder dieselben Bewegungen, Positionen, Schritte, Drehungen und Sprünge. Man hört die immer gleichen Melodien, die der Pianist auf dem Flügel spielt, die leisen Anweisungen des Ballettmeisters, das synchrone Aufsetzen der Füße – und sonst nichts. Die Arbeit ist diszipliniert und konzentriert – eine beinahe meditative Ruhe ist zu spüren.
Isadora Meza
Diese absolute Besinnung auf den Tanz ist es, was Isadora Meza liebt. Die 18-Jährige hatte sich wegen des hervorragenden Rufs von John Neumeiers Schule für ein Stipendium beworben – und wurde genommen. Sie stammt aus Caracas, Venezuela. Schon als sie acht Jahre alt war, wollte sie Tänzerin werden, aber sie hat in Venezuela Abitur gemacht, bevor sie nach Hamburg kam. „So kann ich auf die Universität gehen, falls ich mich verletze oder kein Engagement bekomme“, erklärt sie. Isadora ist kaum 1,60 Meter groß, extrem zierlich, aber mindestens genauso willensstark: „Ich vermisse meine Heimat, die Sonne, die Fröhlichkeit der Menschen – aber dort kann ich meinen Traum nicht leben. In Venezuela kann man vom Ballett nicht leben, das musste ich sehr jung akzeptieren.“ Deshalb hadert sie nicht mit dem Heimweh, sondern trainiert, trainiert, trainiert – acht bis zehn Stunden am Tag.Von Hamburg und Deutschland hat sie in dem Jahr, seit sie hier lebt, nur wenig mitbekommen. Ihre Freunde sind Tänzer wie sie selbst, aus der ganzen Welt. „Wir haben alle denselben Traum, und wir lieben das, was wir machen! Nicht jeder Mensch hat das Glück, den ganzen Tag das zu tun, was er am meisten liebt, und davon auch noch leben zu können. Im Vergleich dazu ist es bloß ein kleines Opfer, von zu Hause wegzugehen.“
„Unsere Klassen könnten voller sein. Aber wir wollen keine falschen Träume wecken“, sagt Ursula Ziegler. Vor zwanzig Jahren noch hat sie sich gewünscht, mehr deutsche Kinder auszubilden. Inzwischen hat sie aber akzeptiert, dass es dazu nicht kommen wird. Deutschland ist keine Tanznation: Autorität und Disziplin – unabdingbar im Ballett –würden nur noch schlecht akzeptiert, meint Frau Ziegler. „Wir könnten dagegen jederzeit eine Zweigstelle in Japan eröffnen. Denn dort ist Ballett unglaublich wichtig, die Schüler sind gedrillt – und sie haben einen eisernen Willen.“
Für all diejenigen, die von weit her kommen und noch zu jung sind, um allein zu wohnen, wurde im zweiten Stock des Ballettzentrums ein Internat eingerichtet. Im Moment leben dort vier deutsche Kinder und 28 aus Italien, China, Japan, Frankreich, Spanien, der Ukraine, Chile, der Türkei, Brasilien, Finnland und Korea. Die schulpflichtigen unter ihnen gehen auf normale deutsche Schulen in der Gegend. Doch auch wenn sie dort Deutsch lernen, setzt sich unter den Tänzern oft Englisch als Verkehrssprache durch.
Auf dem Internatsflur hängen riesige Tücher, von den Schülern eines jeden Jahrgangs bemalt mit ihren Namen und den Flaggen ihrer Heimat. In diesem Jahr ist besonders viel Grün-Weiß-Rot zu sehen: Italien. In anderen Jahren überwog Weiß-Rot, Japan. „Da war es viel ruhiger, aber schwierig, weil asiatische Kinder nicht gewöhnt sind, ihre Bedürfnisse zu formulieren. Sie weinen heimlich. Da muss man sehr sensibel sein“, erklärt Ulrike Oergel, die Leiterin des Internats. Aus Japan stammt das Nesthäkchen: Erst zehn Jahre war Haruka alt, als sie nach Hamburg kam, um Tausende Kilometer fern der Heimat Tänzerin zu werden. „Wir haben den großen Vorteil, dass jedes Kind, das hier ist, auch hier sein will. Keines wird von seinen Eltern hergeschickt“, so Frau Oergel. Und trotzdem ist das Heimweh oft riesig. So war es viele Wochen lang die erste Aufgabe des Frühdiensts, für die kleine Haruka Reis zu kochen, denn Brötchen und Käse hätte sie einfach nicht frühstücken können. Inzwischen geht das, sehr gut sogar. Trotzdem ist Essen ein wichtiges Thema für die Schüler: „Was ist lecker, was eklig? Sie glauben gar nicht, was für Pakete wir jede Woche vom Zoll abholen müssen, weil die Eltern ihren Kleinen Proviant geschickt haben.“
Marcelino Libao
Marcelino Libao, geboren auf den Philippinen, hat ebenfalls ein Stipendium erhalten.
(Armin Smailovic)
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