Senatskanzlei

21. September 2015 Eröffnung der 10. Deutschen Klimatagung

Grußwort des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Eröffnung der 10. Deutschen Klimatagung

Sehr geehrter Herr Dr. Pelka,
sehr geehrte Frau Rosenhagen,
sehr geehrter Herr Professor Claußen,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

Anfang 2012 habe ich den KlimaCampus Hamburg zum ersten Mal als Bürgermeister dieser Stadt besucht, einer Stadt, die sich schon sehr lange und intensiv mit dem heutigen Themenkomplex befasst. Das erste 24-Punkte-Programm mit dem Titel „Hamburgs Beitrag zur Verminderung der Klimagefahren“ lag 1990 vor. Ein Jahrzehnt später übrigens hieß es im „Umwelt-Kursbuch 2000“ etwas doppeldeutig: „Bei unserem fossilen Umgang mit Energie darf es nicht bleiben.“

Ich wollte aber eigentlich noch ein wenig weiter zurück schweifen. „Der Nordpol wird wärmer“, so erfuhren es die Leser einer norddeutschen Regionalzeitung 1949, und sehr poetisch ging es weiter: „Die Sonne wendet ihm wieder die Gunst zu, die sie ihm um das Jahr 1400 entzogen hat. Damals setzte die so genannte kleine Eiszeit ein, die Grönland, Nordskandinavien und Nordsibirien unwirtlicher machte, als es diese Landstriche Jahrtausende hindurch gewesen waren.“

Auswirkungen auf Viehwirtschaft und Fischerei seien jetzt, also 1949, zu beobachten: Der Dorsch ziehe inzwischen weiter nördlich seine Bahn, der Hering auch. Am Beginn der kleinen Eiszeit war ihm selbst die Ostsee zu kalt gewesen. Zitat: „Er verzog sich damals aus ihr in die vom Golfstrom erwärmten Gewässer des nördlichen Atlantik. Das war übrigens einer der Gründe des Niederganges der Hanse.“ Zitatende.

Da hatten die Leser, wahrscheinlich waren es nicht viele, etwas zum Nachdenken. In den zurückliegenden Nachkriegsjahren hatte Deutschland unter bitter kalten Wintern gelitten. Aber der Hering, das wusste man an der Ost- und Nordsee, der war längst zurück.

Es sind große Zeiträume, mit denen sich die Klimaforschung zu befassen hat, und auch die Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger müssen langfristig denken, sogar voraus denken und planen, soweit und so gut das denn geht. Voraussetzung – darüber habe ich voriges Jahr beim Tag der Klimawissenschaften hier in Hamburg gesprochen und ich bekräftige es gern – Voraussetzung ist ein ernsthafter, kontinuierlicher, alle einbeziehender Dialog über diese hoch interessante, für viele aber auch sehr emotional besetzte Thema.

Wir haben uns hier in Hamburg gemeinsam das Privileg erarbeitet, zu den deutschen Hauptstädten der Klimaforschung zu gehören – um es einmal so wertneutral und ohne genaue Rangfolge zu sagen – denn wir haben rund um den KlimaCampus eine bestens vernetzte Community von Wissenschaftlern und Großrechnern, auf deren belastbare Forschungsergebnisse wir bauen. Wir haben darüber hinaus eine im Großen und Ganzen erfreulich unaufgeregte Atmosphäre der Klimadiskussion, und das ist gut, denn Flügel verleiht nur der mutige Blick in die Zukunft.

Den hatten etliche von Ihnen, meine Damen und Herren, vor einem Vierteljahrhundert, als Sie die Idee einer deutschen Klimatagung in die Tat umsetzten. Die Idee geht auf das Jahr 1989 zurück, als Hans von Storch, Hamburg, und Hans Graf aus Berlin, jenem Teil, der Hauptstadt der DDR war, den Austausch zwischen Klimaforschern aus Ost und West fördern wollten.

Die erste Tagung, damals noch als Deutsch-Deutsche Klimatagung bezeichnet, fand dann ein Jahr später 1990 in Gosen bei Berlin statt… aber das erinnern Sie besser als ich. Im Laufe der Jahre hat die Deutsche Klimatagung immer wieder neue Akzente in der Forschung gesetzt und ich freue mich, Sie alle heute in Hamburg zu begrüßen. Zuletzt waren Sie ja im Jahre 2000 hier zu Gast.

Meine Damen und Herren,

in wenig mehr als zwei Monaten will die Klimakonferenz in Paris – nicht die erste ihrer Art – versuchen, Schritte auf dem Weg zu einem neuen oder sagen wir: runderneuerten weltweiten Klimaschutzabkommen zu tun. Derweil haben die Europäische Union, die deutsche Bundesregierung, auch Hamburg ihre jeweiligen CO2 -Minderungsziele formuliert und fortgeschrieben. In unserer Stadt wird intensiv an einem neuen „Hamburger Klimaplan“ gearbeitet, der die strategische Grundlage für eine künftige Ausrichtung der Hamburger Klimapolitik beschreiben soll.

Wobei ich nicht verschweigen will, dass die Stadt – einerseits – schon zwischen 2008 und 2012 mit den Maßnahmen des seinerzeitigen Hamburger Klimaschutzkonzeptes zwei Millionen Tonnen CO2 eingespart hat. Aber auch nicht, dass – andererseits – sich just in den Jahren der Rückgang der Emissionen unterm Strich nicht fortgesetzt hat, der vorher ab 1990 durchaus zu verzeichnen war. Der Blick auf das Säulendiagramm „CO2 -Emissionen in Hamburg nach der Verursacherbilanz“ veranschaulicht das.

Muss uns das entmutigen, wo wir doch gerade in Hamburg und im gesamten norddeutschen Raum große Hoffnungen mit der Energiewende verbinden, an der wir uns energisch beteiligen? Hoffnungen, die auf Wachstumsschritte, auf Innovation, aber natürlich langfristig auch auf einen positiven Klimaeffekt für die eigene Region gerichtet sind?

Es muss uns nicht entmutigen, wenn wir uns ein weiteres Mal klar machen, dass eine große Industriestadt mit hoher wirtschaftlicher Dynamik und wachsender Bevölkerung auf sehr komplexe Weise in das Geflecht von Energienachfrage, -erzeugung und -verteilung eingebunden ist. Die großen Städte, so wird es gern gesagt, verbrauchten einen unangemessen hohen Anteil der Ressourcen und belasteten die Atmosphäre, während sie doch nur einen kleinen Teil der Fläche einnähmen. Doch gar so einfach ist es nicht.

Wir fördern die regenerative Energienutzung letztendlich auch mit dem Ziel, international wirksame „best practice“-Zeichen zu setzen. Vor einigen Monaten habe ich einen Hinweis von Professor Graßl zitiert, der mir als wissenschaftlich interessiertem Laien mit politischer Verantwortung eingeleuchtet hatte: dass „die Schwellenländer und vor allem die Entwicklungsländer Nachholbedarf beim materiellen Wohlstand (…) haben und deshalb der weltweite Energiebedarf weiter zunehmen wird. Bei fehlender Energiewende ist dann mit stark steigenden Emissionen zu rechnen. Nur wenn viele Länder eine Energiewende einleiten, kann trotz Energiehunger und steigender Weltbevölkerung noch Klimapolitik betrieben werden.“

Hans von Storch und andere haben sich wiederholt im ähnlichen Sinne geäußert und ich will meinerseits die Überzeugung bekräftigen, dass es die Aufgabe der Industrieländer ist – auch unsere Aufgabe hier in Hamburg –, Wachstum nicht etwa herunterzufahren, sondern es auf eine richtige Weise zu organisieren. Nämlich so, dass wir Techniken entwickeln, die so sind, dass andere sie adaptieren können und wollen, so dass ihre Wachstumsmöglichkeiten gewahrt sind. So, dass wir bestimmte Fortschritte hier organisieren, die möglicherweise in Indien und Marokko, in Albanien und Afghanistan gute Wachstumsperspektiven mit geringem Umweltverbrauch und verträglichem Klimaeffekt ermöglichen. Perspektivisch hoffentlich auch wieder in Syrien und anderen dramatisch Not leidenden Regionen, in die wir keine „German Angst“ exportieren sollten, keinen Katastrophendiskurs, wohl aber nützliche innovative Produkte und Verfahren.

Jetzt bin ich nur scheinbar weit weg von Hamburg, meine Damen und Herren. Ich komme aber zurück auf den neuen Hamburger Klimaplan, dessen Entwurf ich gespannt entgegen sehe. Er will ausdrücklich Klimaschutzmaßnahmen mit notwendigen Maßnahmen zur Klimaanpassung verbinden, und in der Tat besteht ja darin eine Herausforderung: beide Komplexe, die so komplex aufeinander bezogen sind, gleichzeitig im Sinn zu haben und daraus praktische Politik zu machen.

Hamburger Wissenschaftler rund um den KlimaCampus tragen dazu bei, denn außerhalb der Grundlagen- und Ursachenforschung sind sie auch intensiv der Frage nachgegangen, wie sich die Stadt auf die Folgen eines regionalen Klimawandels in Kombination mit dem spezifischen Stadtklimaeffekt vorbereiten kann. Das Forschungsprojekt „KLIMZUG-Nord“ hat hier sehr viel geleistet, dabei auch sehr viele praktische Anpassungsvorschläge erarbeitet. Die betreffen so unterschiedliche Bereiche wie die Landwirtschaft, den Naturschutz, die Wasserwirtschaft und die jetzige und künftige Stadtplanung. Nur eines von vielen, aber gerade in Hamburg wichtigen Themen ist der Hochwasserschutz.

Meine Damen und Herren,

wenn ich eben gesagt habe, ich sehe dem Entwurf gespannt entgegen, dann gilt das natürlich nicht minder für die Fortschreibung des Norddeutschen Klimareports aus dem Jahr 2009, die sich in der Schlussredaktion befindet.

Wetter- und Klimaforschung schöpfen in Hamburg aus einer langen Tradition, kein Wunder in einer Hafenstadt mit schon immer enger Verbindung zur Seefahrt und den Meereswissenschaften. Bereits 1868, also vor fast 150 Jahren wurde hier die Norddeutsche Seewarte gegründet, als deren wichtigste Bestimmung genannt war: „die ozeanischen Reisen zu sichern und abzukürzen“. Vor der Aufgabe stehen wir ja immer wieder. Aber ich verweile noch kurz in der Historie: 1875 wurde die „Norddeutsche“ in die „Deutsche Seewarte“ überführt, die zum Ressort der Kaiserlichen Admiralität gehörte. Ein eigenes Gebäude oberhalb der Landungsbrücken am Standort der heutigen Jugendherberge wurde gebaut. Die Deutsche Seewarte erlangte hohes internationales Ansehen und brachte namhafte Wissenschaftler hervor. Heute werden Beratung und Forschung beim Seewetteramt des Deutschen Wetterdienstes sowie beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie fortgesetzt, in enger Zusammenarbeit mit den Hamburger Behörden und Forschungsinstituten.

Zu dieser Historie gehört schon längst die Deutsche Meteorologische Gesellschaft, die heute diese 10. Deutsche Klimatagung zusammen mit dem KlimaCampus Hamburg veranstaltet. 1883, also vor mehr als 130 Jahren ist sie in Hamburg gegründet worden.

Doch auch für solch renommierte Institutionen mit langer Geschichte gilt dieselbe Wahrheit, die wir aus Fußballer-Interviews kennen: „Wir müssen nach vorn schauen“. Ich freue mich, dass Hamburg Austragungsort dieser 10. Deutschen Klimatagung ist und dass sehr wichtige aktuelle Themenfelder ihr Programm ausfüllen, von „Klimaanpassung und Mitigation“ bis hin zu „Klimakommunikation – Mediale Diskurse und Öffentlichkeit“, ein Punkt, auf den ich schon angespielt habe. Ich wünsche Ihnen eine inhaltsreiche Tagung.

Vielen Dank!