Senatskanzlei

14. Februar 2016 Jubiläumstreffen der Hamburger Zonta-Clubs

Grußwort des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz. Es gilt das gesprochene Wort.

Jubiläumstreffen der Hamburger Zonta-Clubs

Sehr geehrte Frau Helf,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung zum Jubiläumstreffen der Hamburger Zonta-Clubs. Ich freue mich sehr, heute noch einmal ganz deutlich machen zu können, wie wichtig das Engagement für die Gleichberechtigung ist. 

Zonta-International unterstützt die Kampagne HeForShe von UN Women. Weltweit sind alle Männer aufgerufen, sich als ‚Agents of Change‘ für die Gleichstellung der Geschlechter, das Ende von Gewalt und gegen die Diskriminierung von Mädchen und Frauen einzusetzen. Es ist sehr wichtig, dass Männer sich für die Gleichberechtigung engagieren. Das Eintreten für Geschlechtergerechtigkeit ist rechtlich und moralisch geboten und wem das noch nicht reicht, der sollte wissen: Gleichberechtigung hat auch ökonomische Vorteile für eine Gesellschaft.

Überall in der Welt leisten Frauen unverzichtbare Beiträge für die Familien, für den Wohlstand und für den kulturellen Reichtum. Dennoch wird diese Leistung sehr häufig ignoriert, entwertet oder viel zu schlecht bezahlt. Man kann HeForShe deshalb auch als eine Form von Wiedergutmachung betrachten. Es ist eine Aufforderung an Männer, etwas gerade zu rücken.

Eine klassische Form der Anerkennung von Frauenarbeit sind Widmungen in Büchern. Historiker, Romanautoren und Naturwissenschaftler beginnen ihr Werk mit einem Dank an die Unterstützerin im Hintergrund. Diese Widmungen sind interessante Fundstücke. Sie dokumentieren, meist unabsichtlich die Bedingungen geistiger Produktivität. Manche zeigen die schier unglaubliche Produktivität einer gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern. Andere dokumentieren im Stil einer Kurznachricht den unterschiedlichen Zugang zu Ressourcen und wie ungleich in aller Regel die Aufteilung der öffentlichen Anerkennung ist. Viele Widmungen in Büchern sind gute Formulierungen für ein sehr schlechtes Gewissen.

Zwei, die sich gemeinsam für soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Selbstbestimmung engagierten, waren Harriet Taylor und John Stuart Mill. Man sieht das auf der ersten Seite des berühmten Werks „Über die Freiheit“. Es beginnt mit einer Widmung des Philosophen Mill an Harriet Taylor. Ihr „wacher Sinn für Wahrheit und Recht“ sei sein stärkster Aufruf, schreibt er über die Ökonomin und Vordenkerin für Frauenrechte.

Für die damalige Zeit vollkommen ungewöhnlich, macht er unmissverständlich klar „alles, was ich seit vielen Jahren geschrieben habe, ist ebenso ihr geistige Eigentum wie das meine.“ Es ist eine intellektuelle Liebeserklärung an das geistige Potential der Frauen. Der Text stammt von 1859, also noch gut 50 Jahre vor dem Kampf der Suffragetten, den der aktuelle Film mit Meryl Streep zeigt. Vor dem Hintergrund der damaligen Verhältnisse ist die Widmung für die Vordenkerin der Suffragetten auch eine klare HeForShe-Erklärung.

Die Suffragetten von heute sind die Feministinnen. Und es gibt immer mehr einflussreiche und berühmte Männer, die wohlwollend, unterstützend und sehr deutlich über Feminismus sprechen. Ein paar Beispiele dazu: Der kanadische Premierminister Justin Trudeau betonte beim Weltwirtschaftsforum in Davos in diesem Winter: “Wir sollten keine Angst haben, die Wörter “Feministin“ oder „Feminist” zu benutzen. Männer und Frauen sollten sie verwenden, um sich selbst zu beschreiben, wann immer sie das möchten.”

Das Weltwirtschaftsforum weiß, die Gleichstellung der Geschlechter ist eine treibende Kraft des ökonomischen Fortschritts. Ein Gleichstellungsprogramm gehört deshalb zur Agenda. Jedes Jahr gibt das Forum einen Global Gender Gap Report heraus. 2015 landete Deutschland auf Platz 11 von gut 150 untersuchten Nationen, eine leichte Verbesserung zum Vorjahr.

In Schweden gilt der Einsatz für Geschlechtergerechtigkeit sogar als Teil männlicher Identität. Mit den Adjektiven „groß, stark und feministisch“ beschreibt die schwedische Regierung auf ihrem Portal „Visit Sweden“ das schwedische Männlichkeitsideal. Stolz betont der schwedische Regierungschef Stefan Löfven seine Regierung sei die „erste feministische Regierung der Welt“.

Der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie wurde gefragt, ob er ein Feminist sei. „Was sonst?“ antwortete er. Und er macht auch klar, woher er das weiß: Seine drei Schwestern haben ihm das sehr früh und deutlich gezeigt. Auch der Schauspieler Daniel Craig kennt das Problem: Frauen sind für zwei Drittel der geleisteten Arbeit verantwortlich, trotzdem verdienen sie nur 10 Prozent des Gesamteinkommens und besitzen nur ein Prozent vom gesamten Eigentum. Sind wir also gleich? Bis die Antwort Ja heißt, dürfen wir nicht aufhören zu fragen.“ Wäre nicht demnach HeForShe auch ein angemessener Spezialauftrag für James Bond?

Es gibt eine Reihe von Studien, die die Unterschiede zwischen Frauen und Männern sehr genau dokumentieren. Im europäischen Kontext ist das zum Beispiel der EU-Gleichstellungsindex. Er erfasst Unterschiede in den Bereichen Arbeit, Geld, Wissen, Zeit, Macht und Gesundheit. Der Index-Wert für Deutschland hat sich seit 2005 kontinuierlich verbessert. Aber wir dürfen nicht nachlassen, weiter an der Gleichstellung zu arbeiten. Mit nur gut der Hälfte von 100 möglichen Punkten sind wir noch in der Gruppe der, ich möchte sagen, lernfähigen Staaten. Spitzenreiter sind die skandinavischen EU-Mitgliedstaaten, Schweden, Finnland und Dänemark.

Hoch im Norden gelegen und als Nachbarin der Skandinavier ist die Hansestadt traditionell ein Ort der starken Frauen und der Geschlechtergerechtigkeit. Das zeigt sich ja übrigens auch daran, dass der erste deutsche Zonta-Club in Hamburg gegründet wurde. Zudem gehören zur Liste der berühmten deutschsprachigen Zontians mehrere Hamburgerinnen: etwa Marion Gräfin Dönhoff und Lore Maria Peschel-Gutzeit. Das dürften bald noch viel mehr werden, denn wir feiern heute immerhin das Jubiläum mit fünf Hamburgischen Clubs.

Für unsere Stadt ist die Gleichberechtigung der Geschlechter ein Prinzip des Handelns. Das betrifft die Sichtbarkeit von Frauen, es betrifft Gleichstellungspolitik als Querschnittsaufgabe und es betrifft auch die Bereitschaft von Frauen und Männern, immer wieder deutlich zu machen, dass eine geschlechtergerechte Welt eine bessere Welt ist.

Ganz wichtig sind Frauen in Führungspositionen. Eine moderne Stadt hat Frauen als Repräsentantinnen, Gestalterinnen und Vorbilder. Die Hamburger Verwaltung weiß das. Das Gleichstellungsgesetz hat die Chancen für Frauen auf mehr Führungsverantwortung noch einmal verbessert. Unsere Stadt wird davon profitieren.

2013 haben wir das Hamburgische Gremienbesetzungsgesetz auf den Weg gebracht. Es hat in kürzester Zeit Wirkung entfaltet. Bei den Plätzen, die der Hamburger Senat besetzen kann, ist die Mindestquote von 40 Prozent erreicht. Auch im Senat sind fünf Senatorinnen und sechs Senatoren.

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen nimmt stetig zu. Ökonomische Selbstständigkeit ist eine wichtige Grundlage für die Selbstbestimmung. Der Hamburger Senat unterstützt Frauenerwerbstätigkeit durch eine Reihe von Maßnahmen. Hamburg ist das einzige westdeutsche Bundesland mit einem flächendeckenden Angebot an kostenfreien Kitas. Bei uns muss keine Familie lange nachrechnen, ob es sich lohnt, dass beide Eltern erwerbstätig sind. Wir bieten die Kita-Betreuung gebührenfrei auch für Normalverdiener. Die Betreuung der Kinder ist gesichert: Wir haben Ganztagsgrundschulen und weiterführende Ganztagsschulen, auf jeder Ganztagsschule kann man Abitur machen.

Aber der Staat kann nur die Rahmenbedingungen setzen. Viele Veränderungen, auf die wir heute so stolz blicken, sind der Zivilgesellschaft zu verdanken. Auch deshalb bin ich sehr gerne zu Ihnen gekommen: Das Engagement der Zonta-Clubs ist einfach toll. Ich bin sehr froh, dass wir in Hamburg eine solch starke Vertretung mit so viel Kompetenz haben. Durch Ihre internationale Verknüpfung leisten Sie einen sehr wichtigen Beitrag. Tausende Frauen profitieren von Zonta. Überall finden sich Zontians, die ein Auge darauf haben, dass sich die Lebenssituation von Mädchen verbessert und Führungspositionen mit Frauen besetzt werden. Vernetzung ist manchmal einfach alles.

Ich danke den Zonta-Clubs ganz herzlich für Ihr großartiges Engagement und möchte noch anmerken: Natürlich bin auch ich ein HeForShe. An der Seite von Frauen zu stehen, die für Geschlechtergerechtigkeit kämpfen, das ist ein sehr guter Platz für Männer. In Hamburg und überall in der Welt.

Vielen Dank