Senatskanzlei

10. November 2017 60 Jahre Jugendhilfe e.V. Fachtagung „Stärkung der Resilienz im Erwachsenenalter“

Rede des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

60 Jahre Jugendhilfe e.V. Fachtagung „Stärkung der Resilienz im Erwachsenenalter“

Sehr geehrte Frau Tügel,
sehr geehrter Herr Gehrckens,
sehr geehrter Herr Bergmann,
sehr geehrte Damen und Herren.

Dr. House hat das Problem. Auch Dr. Richard Webber, der Chefarzt in der Kultserie „Grey’s Anatomy“ und Don Draper aus der Serie „Mad Men“ über das New York der 1960er Jahre. Und in den Geschichten von „West Wing“ betrifft es sogar den Stabschef des Weißen Hauses: Sie sind abhängig und kämpfen mit der Sucht.

Millionen Zuschauer in den USA und Europa verfolgen wie die Teamkollegen und Lebenspartner damit umgehen, ob die Betroffenen professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und vor allem: wer es schafft, clean zu bleiben. 

Nicht weniger dramatisch sind die Lebensverläufe und Suchtschicksale realer Personen. Manche davon sind durch Bücher und Filme bekannt geworden. "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gehört inzwischen zur Standardlektüre in der Schule.  Oder nehmen Sie "Der Pirat" von Stefan Aust: Die Geschichte eines begabten Gymnasiasten aus Hamburg, der erst Hasch, dann harte Drogen verkauft, ins Gefängnis kommt und zuletzt ausgezehrt im Methadonprogramm landet.

Jede Geschichte stellt die Fragen nach dem Warum: Warum nehmen einige Drogen und Tabletten oder trinken übermäßig Alkohol? Sind es Gewalterfahrungen, Schicksalsschläge oder unglückliche Umstände? Und warum gelingt es einigen davon wegzukommen und anderen immer wieder auch nicht?

Es ist klar: Sucht ist ständig durch eine Ambivalenz gekennzeichnet: der Wunsch nach dem Suchtmittel steht neben dem Wunsch, davon wegzukommen. Sich zu verändern ist enorm schwer, gute Vorsätze scheitern an den gefühlt riesigen Anforderungen. Ohne professionelle Hilfe geht es kaum.

Aber die professionellen Helferinnen und Helfer wissen, ein ebenso wichtiger Faktor ist die Person selber, ihre innere Stärke und die Willenskraft, die sie aufbringen kann. Und in diesem Zusammenhang geht es immer wieder um das Stichwort Resilienz. 

Resilienz ist die Fähigkeit, außergewöhnliche Anforderungen gut zu bewältigen. Oder anders gesagt: Resilienz ist ein kleines Wunder. In Hamburg kennen wir dafür ein gutes Beispiel: Den Lehrer Philip Oprong Spenner, der Kinder mit Hip Hop-Kursen Selbstbewusstsein beibringt oder Englisch unterrichtet, als wäre es Alltagsphilosophie. Ein Mann, der Kinder und Erwachsene begeistert, weil ihm scheinbar Unmögliches gelingt und das obwohl – oder vielleicht auch weil – er als Straßenkind in Nairobi gelebt hat und weiß, wie es ist, in schweren Zeiten, das Zutrauen zu sich nicht zu verlieren.

Resilienz wird bislang meist in Bezug auf Kinder und Jugendliche diskutiert. Vor allem in der Entwicklungspsychologie stellt sich die Frage, was dafür getan werden kann, damit Kinder- und Jugendliche ein großes Maß an Resilienz entwickeln können. Aber was ist mit den Erwachsenen? Was ist mit denen, die zwar erwachsen geworden sind, aber deren Resilienz nicht besonders ausgeprägt ist? Das Leben bietet immer wieder Chancen. Nur wer eine gewisse Kraft aufbringt, wird auch die tatsächliche Möglichkeit haben, den eigenen Weg wieder zum Besseren zu wenden.

Weit über 15.000 Personen suchen jährlich Hilfe und Unterstützung alleine in den durch die Stadt finanzierten Suchthilfeeinrichtungen. Jedes Jahr kommen Frauen und Männer, die ihr Leben verändern und von der Sucht wegkommen wollen. Etwa 1,8 Millionen Menschen in Deutschland sind alkoholabhängig, schätzungsweise 2,3 Millionen von Tabletten abhängig und über eine halbe Millionen konsumieren regelmäßig illegale Drogen. Die Beratungsstellen und Hilfsangebote arbeiten häufig suchtmittelübergreifend, zumal viele Betroffene legale und illegale Drogen kombinieren.

In Hamburg arbeiten 13 Träger eng zusammen. Zu den größten und wichtigsten Trägern der Drogenhilfe und Suchtprävention gehört der Verein Jugendhilfe, der in diesem Jahr sechzig wird.

Jugendhilfe ist der Träger, der das Konzept für den niedrigschwelligen Bereich der Drogenhilfe entwickelt, durchgesetzt und sich darauf spezialisiert hat. Sie waren die ersten, haben sehr früh angefangen, schon als die Sucht- und Drogenberatung kaum üblich war. In den 1970er und 1980er Jahren gab es eine unkontrollierte offene Drogenszene. Der Verein Jugendhilfe war mutig genug durch unkonventionelle, niedrigschwellige Angebote, die Problemlage zu verändern. Sie haben die öffentliche Diskussion nicht gescheut. Das damalige Drob Inn war eine der ersten niedrigschwelligen Suchthilfeeinrichtungen in der Bundesrepublik.

Es ist gar nicht zu ermessen wie viele Leben der Träger Jugendhilfe in den 60 Jahren schon gerettet hat! Man kann nur an der Anzahl der Drogennotfälle, die jedes Jahr auftreten, eine Idee davon bekommen, was hier geleistet wird, jährlich sind es 250. In der Obhut des Trägers zu sein, ist lebensrettend für die Betroffenen. Ganz zu schweigen von dem wichtigen Beitrag zur HIV/Aids-Prävention und zur Eindämmung anderer hochansteckender Krankheiten.

Auch wenn alle wissen, wie wichtig Prävention und Drogenarbeit sind, eine andere Sache ist es, Drogenanlaufstellen im eigenen Stadtteil zu haben. Jugendhilfe e.V. ist ein Träger, der für sein Engagement in den Stadtteilen bekannt ist. Hier duckt sich niemand weg, wenn es Diskussionen und Interessenskonflikte gibt. Gemeinwesenarbeit gehört zu ihrem Professionalitätsstandard dazu. Kuratorium, Vorstand und Mitarbeitende suchen aktiv den Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort. Sie machen deutlich, dass es auch im Interesse des Trägers ist, dass im Umfeld der Einrichtungen Ordnung und Sauberkeit gewahrt bleiben. Häufig ist das Ergebnis der Dialoge vor Ort sehr positiv. So mancher findet es gar nicht so schlimm, wie befürchtet, ja sie fühlen sich sogar sicherer mit der Einrichtung und unterstützen diese mit Spenden.

Fürsorge und hochprofessionelle Hilfe ist nicht nur lebensrettend, sondern für viele auch der einzige Weg irgendwann der Elendsspirale zu entkommen. Jugendhilfe ist ein Träger, der die Verhaltensänderung nicht aufgibt. Es bleibt das Ziel der Angebote, den Betroffenen die Chance zu bieten, aus dieser Situation herauszuwachsen. Es ist Hilfe und Unterstützung, kein Laissez-faire.

Jugendhilfe e.V. ist ein verlässlicher Partner der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz. Der Pionier der Drogen- und Suchtkrankenhilfe, hat sich kontinuierlich weiter entwickelt. Der Verein hat im Bereich der Suchtkrankenhilfe ein ausdifferenziertes, bedarfsgerechtes und gut vernetztes Angebot. Auch in der Wohnungslosenhilfe leistet der Verein hervorragende Arbeit und genießt bei Fachleuten eine hohe Anerkennung für seine Professionalität. Die Daten der Hamburger Basisdatendokumentation (kurz BADO) zeigen die seit Jahren hohe Inanspruchnahme der Angebote, die besonderen Herausforderungen, die die Klientel mit sich bringen und das sich laufend verändernde Konsumverhalten. Die Stadt Hamburg schätzt die enge und gute Zusammenarbeit und die fachlich versierte Diskussion über die Einschätzung zu den Problemlagen im Suchtbereich.

Die Angebote sind hochprofessionell und engagiert. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leisten unter sehr anspruchsvollen Bedingungen kontinuierlich hervorragende Arbeit. Drogenarbeit ist ein raues Pflaster, der Job ist hart. Wer das macht, braucht neben der Professionalität auch große innere Stärke und viel Rückhalt.

Deshalb passt auch das Thema der Fachtagung „Resilienz im Erwachsenenalter“ sehr gut – sowohl in Bezug auf die Hilfe für die Klientel als auch für den Umgang mit den hohen Belastungen in der Sozialen Arbeit.

Wie kann man als Erwachsener Krisen bewältigen? Das ist nicht nur zur Drogenprävention und für die Bewältigung von Abhängigkeit eine wichtige Frage. Jeder Mensch braucht die Fähigkeit, sich von Erschütterungen nicht umwerfen zu lassen. Zu wissen, wie die Resilienz gestärkt werden kann, hilft den Einzelnen, der Familie und dem Kollegium, es trägt zum Gelingen des Lebens bei.

Denn Resilienz ist nicht nur die Fähigkeit, in schwierigen Zeiten weiter zu machen, sondern eben auch die, anschließend wieder in der Lage zu sein, das soziale und gesellschaftliche Leben zu genießen und Freude zu empfinden. Es ist, ich möchte es mal so sagen, die sich immer wieder erneuernde Glücksfähigkeit des Menschen.

Wir alle brauchen das. Mehr über Resilienz zu wissen, kann die soziale Arbeit und Bildungsarbeit an vielen Stellen bereichern. 

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Tagung!