Behörde für Schule und Berufsbildung

Frauenbios

Elsa Wolff-Essberger

( Elsa Wolff-Essberger, verw. Wolff, geb Schirmer )
(17.8.1898 – 29.3.1977)
Kunstsammlerin und Mäzenin
Gärtnerstraße 84 (Wohnort in der Kindheit)
Bismarckstraße 137 (Wohnort während der Jugendzeit)
Badestraße 28 (Wohnadresse mit Jacob Wolff)
Elbchaussee 547 (Wohnadresse mit J. T. Essberger in Blankenese im „Weißen Haus“)
vergrößernElsa und Jacob Wolff, Copyright: Hans-Jürgen SchirmerElsa Schirmer wuchs in der Handels- und Hofgärtnerei ihres Vaters Carl Hermann Schirmer (Belieferung des Zarenhofes in St. Petersburg u. a. mit Lilien ebenso war Kunde der bayerische Königshof von Ludwig II) in Hoheluft-West auf (damals noch Eppendorf) zusammen mit den beiden wesentlich älteren Brüdern Hermann (1903 Rekrut als „Langer Kerl“ in der 2. Compagnie 1. Garderegiment zu Fuß als Leibregiment des Kronprinzen Wilhelm von Preußen) und Otto sowie der jüngeren Schwester Mariechen.
Elsas Vater war erfolgreich und errang u. a. für seine Maiglöckchenzucht auf der Weltausstellung 1900 in Paris eine Silbermedaille als Auszeichnung. Auch verfasste er damals einen mehrseitigen Bericht im Auftrag des Museumsdirektors Prof. Dr. Brinckmann (Museum für Kunst und Gewerbe) über die Verwendung von Blumenschmuck in der französischen Hauptstadt.
Elsa Schirmer besuchte die Helene-Lange-Schule und nachfolgend das Lyzeum Hansastraße bis zum Jahre 1914. Als anmutiges Gärtnerstöchterlein fiel sie dem 30 Jahre älteren jüdischen Hamburger Cigarren-Fabrikanten (HACIFA) Johannes Jacob Wolff (1868-1926) auf. Als galanter ehemaliger Leutnant der königlich preußischen Fliegertruppe und Jagdflieger (mit privat finanziertem Flugzeug Albatros D. II im 1. Weltkrieg u. a. in der Jagdstaffel 17 von Ernst Udet) hielt der Freidenker Jacob Wolff am 12.9.1917 um die Hand an (Verlobung), um sie danach ins Internat in die Schweiz zu „einem Benimmkursus“ zu schicken. So erzählte es Elsa Wolff-Essberger ihren Nachkommen. Nach der Hochzeit zog das Paar in die Badestraße 28, in ein Herrenhaus mit Blick auf die Außenalster. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Anneliese (Lisa) Elsa Bepperling, geb. Wolff (1919-1990). Sie war leidenschaftliche Vertreterin für den Behindertenreitsport sowie für die Weltsprache Esperanto in der UEA. Sie wurde auf dem Ohlsdorfer Friedhof neben dem Grab ihres Vaters Jacob Wolff beerdigt. Eberhard Hans Heinrich Wolff wurde 1920 geboren und starb 1942. Er wurde im Zweiten Weltkrieg als Flieger in der Bretagne 1942 abgeschossen und verstarb dort – sein Ehrengrab befindet sich auf dem Nienstedtener Friedhof neben dem Grab seiner Mutter Elsa.
Das dritte Kind war Inga Melita Elisabeth Bragard, geb. Wolff. Sie liegt auf dem Friedhof in Lüchow. Inga erfüllte das gemeinsame Testament mit ihrer Schwester nur zum Teil: ihre gemeinsamen wertvollen Kunstobjekte sollten der Hamburger Kunsthalle vermacht werden, jedoch das Ölbild „Der Mann in Leder“, 1918 gemalt von Max Liebermann und das ihren Vater als Flieger darstellt, sollte das Marinemuseum bekommen. Doch da sie dieses und andere Bilder vorzeitig verkauft hatte, schenkte sie 2004 der Hamburger Kunsthalle das Bild „Die Birkenallee im Wannseegarten nach Westen“ für die nachfolgende Liebermannausstellung.
Nach dem Tod von Jacob Wolff am 4.12.1926 infolge eines häuslichen Schwächeanfalls ging Elsa Wolff, geb. Schirmer am 20.7.1929 eine zweiter Ehe ein mit dem Reeder und Marineoffizier John Theodor Essberger (1886-1959), der eine Tankschiffreederei in Hamburg besaß. Gemeinsam erwarben sie von Peter Godeffroy 1933 das von dem Architekten Christian Frederick Hansen 1796 erbaute „Weiße Haus“ in Dockenhuden/Blankenese. Mit ihnen zogen ins Haus ein die drei Kinder von Elsa sowie die beiden Töchter aus erster Ehe von John T. Essberger: Anneliese (1920-2003) / verheiratete Justus-Essberger) und Liselotte (1918-1993 /gesch. von Rantzau).
vergrößernAugust Gaul und Elsa Wolff, Copyright: Hans-Jürgen SchirmerBis auf den leider verschollenen wunderbaren und von dem Tierbildhauer August Gaul geschaffenen Entenküken-Brunnen, der im Hintergarten in der Badestraße gestanden hatte, fanden viele von Elsa Wolff angekaufte Kunstobjekte ab 1934 einen neuen Standort und wurden von Elsa Wolff-Essberger durch weitere Ankäufe großartig erweitert. So gibt es noch heute von ihr im „Weißen Haus“ ein Portraitbild, 1968 erstellt von dem Stifter und Mäzen Alfred Töpfer.
Insbesondere ihrem Großneffen Hans-Jürgen Schirmer (geb. 1949 /ehemaliger Deputierter der Kulturbehörde Hamburg, Kuratoriumsmitglied der Stiftung Hamburger Kunstsammlung und Mitglied der Kunstkommission) faszinierte in jüngeren Jahren bei privaten Besuchen vorerst mehr Elsas Spieluhrensammlung. Doch im heranwachsenden Alter machte auf ihn neben ihren Erwerbungen von Handwerkskunst aus dem Umfeld ihrer Farm in Südafrika insbesondere die bedeutenden Kunstsammlungen Eindruck. Ihm erzählte seine Tante Elsa mit großer Begeisterung von ihren Treffen in der Badestraße u. a. mit den Künstlern Max Liebermann, mit dem Tierbildhauer August Gaul oder dem Maler Emil Orlik, ein enger Freund der Familie Wolff. Später ergänzte sie ihre Erinnerungen mit ihren Aktivitäten als Kuratoriumsmitglied der Stiftung zur Förderung der Hamburger Kunstsammlungen.
Voller Stolz zeigte sie ihrem Großneffen Hans-Jürgen Schirmer auch ihre Kunstwerke, u. a. Barlach, Munch, Anita Rée sowie Cézanne, Degas, Monet, Renoir, Toulouse-Lautrec und Van Meeren, mit denen sie bereits ihr Haus in der Badestraße ausgestattet hatte. Ihre Leidenschaft galt ihrer Porzellansammlung aus Meißen-Porzellan u. a. von Johann Friedrich Böttger aus 1710 sowie den Nymphenburger Rokokofiguren vom Bildhauer Franz Anton Bustelli aus 1754. Ebenso spannend für den Großstadtjungen Hans-Jürgen – wohnhaft damals in ihrem Elternhaus in der Bismarckstraße – waren ihre Einladungen nach Albi bei Toulouse oder zum Auberghof bei Trittau.
Auch mit dem Einsatz von Elsas Vermögen konnte John seine Tankschiffreederei J. T. Essberger und die 1942 übernommene Woermann-Linie (von 1885 mit Route Südwestafrika; heute Namibia) plus Deutsche Ost-Afrika-Linie (von 1890) in Hamburg nach den Kriegseinwirkungen des Zweiten Weltkriegs finanzieren und „auf erfolgreichen Kurs“ bringen. Firmensitz war ein weiterer Hansen-Bau in der Palmaille. Hauptstandort für den Schiffsumschlag war u. a. der Afrika-Terminal am Südende vom Baakenhafen, aktuell HafenbCity.
In der NS-Zeit trat Elsa Wolff-Essberger im Mai 1933 der NSDAP bei. Die Mitgliedschaft wurde durch „Gnadenerlass des Führers“ am 19.12.1939 aufgehoben, heißt es auf der NSDAP-Mitgliedskarteikarte. (Bundesarchiv BArchR 9361-IX KARTEI 8110419). Zu ihrer Mitgliedschaft in der NSDAP erklärte sie im Mai 1948 im Rahmen ihres Entnazifizierungsverfahren: „Im Mai 1933 wurde ich vor die Tatsache gestellt, dass ich in die Partei eingetreten sei. Herr Eger, ein Vertrauensmann der Partei, war zu meinem Mann ins Büro gekommen und hatte ihm mitgeteilt, dass wir in die Partei eintreten müssten, unter besonderem Hinweis auf meine 3 Kinder aus erster Ehe, die als halbarisch galten, und angeblich besseren Schutz durch uns hätten, wenn wir der Partei angehörten. Ich selbst habe nicht mit Herrn Eger gesprochen, habe auch weder die Parteinadel erhalten, noch je eine solche getragen. Die Beitragszahlungen wurden automatisch im Sekretariat vorgenommen. Keiner meiner Freunde wusste, dass ich in der Partei war. Ich hätte mich dieser Tatsache meinem Freundeskreis gegenüber zu sehr geschämt.
Was in meinen schwachen Kräften stand, besonders den Juden angetanes Unrecht zu mildern, habe ich getan. Einige Beispiele dafür:
Ein Brief von Frau Liebermann
Frl. Dr. Levy
Zeugnis von der Wirtschafterin von Frau Medizinalrat Mermann. Letztere ist die Schwester von Frau Rudolf Mosse. Sie war erblindet und lebte in grosser Armut. Sie empfing monatlich regelmässig Unterstützung von mir (Zeugnis Frl. Henckel).
Meine umfangreiche, jüdische Korrespondenz musste ich verbrennen, da 1938 die Gestapo bei uns im Hause war und Nachforschungen androhte. Die von ihr geforderten, silbernen Erinnerungsstücke meines verstorbenen Mannes gab ich deshalb einem treuen Angestellten in Verwahrung. (Zeugnis darüber anliegend).
Mit Admiral Canaris waren mein Mann und ich befreundet. Er hatte Gelegenheit, das gegen uns vorliegende Aktenmaterial der Partei in München einzusehen und riet uns zu äussersten Vorsicht, da Eingaben über unsere Einstellung und über unseren jüdischen Verkehr dort vorlagen, und wir unter Beobachtung ständen. Ich wusste von seinen Tagebuchaufzeichnungen, die ich bereit war zu verwahren.
Bei den mir unterstellten Personen im Haushalt, im landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betrieb habe ich keine Parteimitgliedschaft zugelassen.
Eine kameradschaftliche Freundschaft, die mich mit Göring als Kamerad meines verstorbenen Mannes verband, brach ich ab, als dieser anfing, in der Partei eine Stellung zu bekommen.
Es wäre mir ein leichtes gewesen, durch ihn jede Bevorzugung zu erreichen.
Als mir im Jahre 1938 zu Ohren kam, dass das den Juden weggenommene Silber eingeschmolzen werden sollte, ging ich aus eigener Initiative zum Reichstatthalter Kaufmann und erreichte, dass wenigstens das antike Silber gerettet wurde. (siehe Anlage von Dr. Schellenberg).
Unser Freundeskreis bestand nur aus Leuten, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden (Dr. Riensberg und Frau, Landgerichtspräsident Dr. Meyer, Admiral Canaris und Frau, der Leiter der Kunsthalle in Bremen, Professor Waldmann und Frau; Geheimrat Justi, heute wieder Direktor der Nationalgalerie in Berlin, Herr und Frau Roosen, Herr und Frau Ludwig Brandt, die vor dem Kriege nach England gingen.)
In meinem Hause befanden sich weder Bilder von Hitler oder führender Persönlichkeiten der Partei, noch wurde der Hitler Gruss ausgeübt. Meine Angestellten im Hause, meine frühere Haustochter, jetzige Frau Ilse Dittmer, und mein früherer Fahrer, Herr Leimitz, werden über den Geist, der in unserem Hause herrschte, aussagen können. Ich möchte da auch auf die Aussagen verweisen, die die Angestellten meines Mannes in ihrer Eingabe vom 17. Oktober 1946 gemacht haben.
Die Tatsache, dass meine Kinder aus der ersten Ehe als Mischlinge galten, hat mir in den vergangenen Jahren viel Kummer und Sorgen bereitet. Ich habe es an nichts fehlen lassen, meinen Mann in seiner ablehnenden Haltung der Partei gegenüber zu bestärken. An irgendwelchen parteilichen Veranstaltungen habe ich zu keiner Zeit teilgenommen. Ich bitte daher um meine Entlastung.“ Mai 1948. (Staatsarchiv Hamburg 221-11, TN 14481).
In der von Elsa Wolff-Essberger erwähnten Eingabe der Angestellten der Reederei Essberger heißt es: „Die unterzeichneten Kapitäne, Mitarbeiter und Angestellten der Rhederei Essberger, die nicht Parteigenossen waren, und stets eine antifaschistische Einstellung hatten, möchten über Herrn John Essberger, seine Einstellung zur Partei und seine Haltung gegenüber seinen Angestellten und Besatzungen einige Ausführungen machen, da sie gehört haben, dass Herr Essberger jetzt von dem Denazifizierungsausschuss vernommen werden soll. Wir wissen, dass Herr Essberger seit 1933 der Partei angehört hat, dass er Staatsrat war und Vorsitzender des Verbandes Deutscher Reeder, woraus sich später seine Stellung als Leiter der Reichsverkehrsgruppe entwickelte.
Wir wussten auch, dass aus der ersten Ehe seiner Frau drei halbjüdische Kinder vorhanden waren, und ein glückliches Familienleben bestand, und dass er in allem sehr vorsichtig auftreten musste. – Wir haben uns manchmal den Kopf zerbrochen, wie er sein Privatleben mit den Forderungen, die ihm aus seiner Stellung erwuchsen, fertig werden würde. Von uns aus sah die Sache so aus, dass er niemandem jemals nahegelegt hat, oder zugemutet hat, in die Partei oder DAF einzutreten. Es war allgemein bekannt, dass Herr Essberger sich nach Möglichkeit von allen Parteiveranstaltungen usw., an denen er hätte teilnehmen müssen, drückte. (…)
Dass im Privathaus von Essberger’s nichts vom Nationalsozialismus zu spüren war, war Ilse Lafrenz, die im Hause als Haustochter lebte – und später mehrere Jahre in der Rhederei tätig war – bekannt. (…) Frau Essberger war naturgemäß vollkommen ablehnend der Partei gegenüber. (…).“ (Staatsarchiv Hamburg 221-11, TN 14481).
In seiner Rezension des 1999 erschienenen Buches „John T. Essberger. Eine deutsche Geschichte der Tankerschifffahrt“ von Svante Domizlaf schreibt der Journalist Matthias Schmoock: „‘von den aufstrebenden Nationalsozialisten wurde der Reeder (…) ‚ebenso gefördert wie bekämpft‘. Zwei Menschen haben dazu beigetragen, dass die kritische Distanz zu den braunen Machthabern schließlich überwog: Essbergers zweite Frau Elsa und sein langjähriger Freund, der Hitler-Gegner Admiral Wilhelm Canaris. (…) Zwar wurde die Reederei als ‚NS-Musterbetrieb‘ ausgezeichnet, parteiintern laut Autor Domizlaff aber auch immer wieder als ‚Judenbude‘ beschimpft. John T. Essberger taktierte, ohne sich anzupassen - vor allem im Interesse seiner Angestellten. Er war hamburgischer Staatsrat und Reederverbandsvorsitzender bis 1941, doch am Ende stand auch für die Reederei die Katastrophe. Die gesamte Flotte mit dem blauen ‚E‘ auf weißem Grund ging verloren, John T. Essberger, nach Kriegsende bereits im Pensionärsalter, musste sich an den Wiederaufbau machen. Er schickte einen von den Besatzungsmächten verschmähten Seelenverkäufer über den Atlantik und kam so langsam wieder ins Geschäft. (…) In den 50er-Jahren schien - wie Domizlaff schreibt – ‚keines der Familienmitglieder in der Lage oder ernsthaft gewillt, die Rolle eines Großreeders zu übernehmen‘. Die Kräfte des genialen Visionärs, John T. Essberger, ließen in diesem Jahrzehnt stark nach, der kunstsinnige Genießer wurde von Depressionen und Todesahnungen gequält. 1959 starb John T. Essberger in einem Hamburger Krankenhaus.“ (Matthias Schmoock: So Gott will – das Leben John T. Essberger. Zum 75. Firmen- Jubiläum erschien ein Buch über den legendären Reederei-Gründer. Morgen wird in der Börse gefeiert, in: Hamburger Abendblatt vom 3.11.1999.)
Zurück zu Elsa Wolff-Essberger: Ihrer Entnazifizierungsakte liegt auch ein Auszug aus einem Brief von Frau Angelika Levy, datiert Paris, 30.12.33, bei. Hierin heißt es: „Liebe Frau Essberger! Nehmen Sie vielen Dank für Ihren lieben Brief. Er hat mich seltsam berührt. Manchmal weiss man nicht, wo man Freunde hat. Und Sie wissen sicher nicht, dass solche guten Worte das einzige ist, was dem plötzlich so armgewordenen Leben etwas Inhalt und Farbe gibt. Insofern haben Sie vielmehr gegeben, als Sie ahnten.“
Über das von Elsa Wolff-Essberger erwähnte Silber, das den Menschen jüdischer Herkunft weggenommen wurde, um es einzuschmelzen, hat der Historiker Jürgen Lillteicher für seine Dissertation, die 2003 erschien, recherchiert. Er schreibt: „Stücke von besonderem Seltenheitswert waren allerdings von diesem Verwertungsprocedere ausgenommen worden, weil die Hamburger Museen in Zusammenarbeit mit Elsa Eßberger, einer bekannten Hamburger Kunstsammlerin, ihr Interesse an diesen Silberstücken bekundet hatten. Dr. Carl Schellenberg vom Museum für Hamburgische Geschichte und Professor Hüseler vom Museum für Kunst und Gewerbe hatten sich an die Erfassung von Gegenständen mit besonderem künstlerischen Wert gemacht und diese dem Reich abgekauft. Ihre Erwerbungen waren recht beträchtlich gewesen. Das Museum für Hamburgische Geschichte hatte Silbergegenstände mit einem Gesamtgewicht von 1.600 kg, die Rathausverwaltung 160 kg, das Museum für Kunst und Gewerbe und das Altonaer Museum lediglich neun kg erworben.
Circa zehn Prozent des in Hamburg angekauften Silbers war auf diese Weise in den Tresoren und Sammlungen der Museen der Stadt verschwunden. Die Stadt hatte hierfür 63.000 RM an das Reich abgeführt.
Um ihre Beteiligung an der nationalsozialistischen Enteignungspolitik zu verbergen, hatte das Rathaus kurz vor der Besetzung Hamburgs angeordnet, sämtliche Registraturen und die gesamte Buchführung der betreffenden Pfandleihanstalten zu verbrennen.
Den Krieg überstand der Hamburger Silberschatz im Bunker auf dem Heiliggeistfeld, und er wäre vermutlich zurück in Sammlungen der städtischen Museen gelangt, wenn nicht Edmund Elias Wiener und die JTC hier entsprechend vehement mit ihren Rückerstattungsforderungen aufgetreten wären. Der Schatz umfasste 30.000 Einzelstücke und wurde nun katalogisiert und im Tresorraum der Landeshauptkasse ausgestellt.
Mit der Katalogisierung der Gegenstände und der weiteren Betreuung dieser außergewöhnlichen Rückerstattungsmaßnahme wurde Dr. Schellenberg beauftragt, der auch nach dem Krieg noch beim Museum für Hamburgische Geschichte beschäftigt war. In strafrechtlicher Hinsicht wurde er wegen der Entwendung der Silbergegenstände nie belangt. Das Rückerstattungsverfahren funktionierte folgendermaßen: Die Rückerstattungsberechtigten stellten einen ordentlichen Rückerstattungsantrag direkt an das Hamburger Wiedergutmachungsamt. Ihrem Antrag hatten sie die Quittung der Leihhäuser beizufügen, die sie damals beim Ankauf erhalten hatten, ebenso eine genaue und detaillierte Beschreibung der Stücke und, wegen der Stempelprägung auf den Silbergegenständen, den Namen des Geschäfts anzugeben, in welchem sie die Stücke gekauft hatten. Die Enteigneten gaben sich alle Mühe, die ihnen entwendeten Gegenstände genau zu beschreiben. Viele reichten Zeichnungen oder Fotografien ein, die das Familiensilber in entsprechenden Wohnzimmern zeigten. Mit einer Quittung der städtischen Pfandleihanstalten oder der Angabe eines Geschäftes, in dem die Gegenstände vor Jahrzehnten gekauft worden waren, konnten jedoch die wenigsten dienen. Hatte Dr. Schellenberg nach genauester Prüfung der Belege die Übereinstimmung mit Gegenständen in seinem Gewahrsam festgestellt, beschieden die Wiedergutmachungskammern den Antrag positiv. (…)
Dr. Schellenberg erkannte schon damals, dass es den ehemaligen Hamburger Juden nicht nur um den reinen materiellen Wert der Gegenstände ging, dieser wäre vermutlich allein durch die Kosten der Reise wieder aufgebraucht worden, sondern um den ideellen Wert der Gegenstände, die in jeder Familie eine besondere identitätsstiftende Rolle spielten. (…) Zum einen war ihm klar, warum die Verfolgten viel investierten, um auch nur ein kleines Silberstück zurückzuerlangen, zum anderen
verklärte er jedoch seine eigene Rolle in der Vergangenheit, wo er selbst aus der Konfiskationsmasse Gegenstände für sein Museum ausgesucht hatte und in der Gegenwart, wo ihm die Rückerstattung des Beutegutes aufgetragen wurde. In der Gegenwart wollte er sich als Helfer und großzügiger Spender und in der Vergangenheit als Retter kultureller Werte verstanden wissen. Einerseits wollte er nicht von sich behaupten, das Silber ausgesondert zu haben, um es den Juden eines Tages wiederzugeben, denn, so Schellenberg, ‚der Gedanke, das Silber eines fernen Tages seinen Eigentümern wiederzugeben, konnte höchstens dem Blute vertraut sein wie beim Erwählten die Wahrheit‘, andererseits betrachtete er sich dann doch als Retter von Kulturgut, denn ‚wir haben den Auftrag, Kulturgut vor der Vernichtung zu bewahren, im weitesten Sinne verstanden‘. Dabei schien Schellenberg einige Risiken eingegangen zu sein: ‚Heute bedauern wir, daß wir nicht mehr als zehn Prozent des Gewichts, also 2000 kg dem Feuer vorenthalten haben, so müssen wir uns die Zeit vor zwölf Jahren in die Erinnerung zurückrufen. Jedes Kilo mehr würde die ganze Aktion gefährdet haben für die doppelte Menge wäre in Hamburg kaum das Geld zu beschaffen gewesen und wahrscheinlich hätte auch die Metallspende Einspruch erhoben, die ja das Silber der Kriegswirtschaft zuführen wollte.‘
Nach 1945 blickte er daher mit einer gewissen Befriedigung auf die NS-Zeit zurück, während der er nach eigener Darstellung viel Wagemut bewiesen hatte. Er brachte zum Ausdruck, dass er nun Emigranten und KZ-Überlebende – nach seinen eigenen
Worten – mit kostbaren Silbergegenständen ‚beschenken‘ konnte. Diese Interpretation der Rückerstattung als freiwillige Leistung der Stadt Hamburg stand im gewissen Gegensatz zum Grundgedanken der Rückerstattung, sollten doch den Verfolgten Gegenstände zurückgegeben werden, die ihnen vormals gehört und auf die sie somit einen Rechtsanspruch hatten. (…).“ (Jürgen Lillteicher: Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Studie über Verfolgungserfahrung, Rechtsstaatlichkeit und Vergangenheitspolitik 1945–1971. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg i. Br. Wintersemester 2002/2003, S.223ff.)
Schellenberg selbst stellte in einem Brief vom 28.5.1947 an Elsa Wolff-Essberger, den er verfasst hatte, weil sie ihn im Rahmen ihres Entnazifizierungsverfahrens gebeten hatte, über ihre Mitwirkung zur Rettung des beschlagnahmten Silbers Auskunft zu geben, die Angelegenheit folgendermaßen dar: „Selbstverständlich bin ich gern bereit, Ihnen und ihrem Herrn Gemahl Ihre Mitwirkung zur Rettung des aus jüdischem Besitz beschlagnahmten Silbers zu bestätigen. Ich meine, die Angelegenheit hatte sich, wie folgt entwickelt: Sie haben mich eines Tages angerufen und mich gefragt, ob ich bereit sei; mich um die Rettung des aus jüdischem Besitz beschlagnahmten Silbers zu kümmern; von anderer Seite sei nach flüchtiger Durchsicht eine Aktion abgelehnt, da sie nicht ‚lohne‘. (…) Wir haben mehrfach zusammen mit Ihrem Gatten und, wenn er verhindert war, ohne ihn, das Material besichtigt. Als unser Versuch zunächst gescheitert war, haben Sie und ich uns vor einem Teil des aufgehäuften Silberschatzes getroffen, um zu beraten, was noch unternommen werden könnte. Dabei erneuerte sich unsere Überzeugung, dass wir die Sache nicht einfach so laufen lassen wollten. Sie entschlossen sich kurzer Hand den Reichsstatthalter selbst anzurufen, und um einen Vortrag für mich zu bitten. Ich wurde dann zusammen mit Ihnen beim Reichsstatthalter vorgelassen, so dass ich Gelegenheit hatte, die Sachlage darzustellen. Kaufmann traf die nötigen Anordnungen, die es schließlich ermöglichten, dass ich auch einen grossen Teil des einfachen Gebrauchsgeräts retten konnte. Gegenwärtig ordne ich den Silberschatz, so dass die ehemaligen Besitzer oder ihre Erben, wenn sie ihre Ansprüche stellen, befriedigt werden können, sofern sich ihr Eigentum unter dem geretteten Bestand befindet. Schätzungsweise dürfte es sich um 30.000 Einzelstücke handeln (…).“ (Staatsarchiv Hamburg 221-11, TN 14481).
Elsa Wolff-Essbergers Entnazifizierungsverfahren endete mit der Einstufung in Kategorie V- entlastet.
Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus sammelte sie weiterhin Kunst und engagierte sich auf diesem Gebiet. So wurde sie z. B. Kuratoriumsmitglied der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen.
Nach dem Tod ihres Mannes John Essberger im Jahre 1959 und der Weiterführung der Schifffahrtslinien durch Elsas Stieftochter Liselotte von Rantzau übernahm Elsa Wolff-Essberger die sozialen Belange als „Mutter“ der Reederei. Unvergessen sind die Weihnachtsfeiern im „Weißen Haus“ für die Firmen- und Hausangestellten.
Vier Schiffe der Reederei wurden im Laufe der Jahre auf den Namen von Elsa Wolff-Essberger getauft; das erste wurde 1930 gebaut auf der Deutschen Werft im Werk am Reiherstieg. Auch wenn Elsa Wolff-Essberger nicht auf die Leitung der Reederei eingewirkt hatte, bestanden Vorlieben für maritime Vorhaben. Eine Herzensangelegenheit war ihr und John der Erwerb 1938 der Holzbark Seute Deern (Baujahr 1919), erkennbar durch die entsprechenden Galionsfigur. Seit 1972 liegt sie als Museumsschiff im Alten Hafen in Bremerhaven. Das Schiff auf dem Grabstein der Eheleute Essberger auf dem Friedhof in Hamburg Nienstedten stellt eine Abbildung des ehemaligen Frachtseglers Seute Deern dar.
Weitere Schiffe, die nach Elsa Wolff-Essberger benannt wurden, sind das 1952 vom Stapel gelaufene Motortankschiff Elsa Essberger der Reederei John T. Essberger und der 2013 gebaute Tanker Typ Hazard B.
Elsa Wolff-Essberger unterstützte auch die DGzRS und förderte 1975 über die Reederei die Finanzierung für den Bau des kentersicheren und selbstaufrichtenden Seenotkreuzers J. T. Essberger, dessen Beiboot ELSA heißt. Diese Schiffe sind im Technik Museum Speyer ausgestellt.
Text: Rita Bake und Hans-Jürgen Schirmer
 

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