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Gunda Werner

(8.7.1951 Hamburg - 22.1.2000 Hamburg)
Streiterin für Frauenrechte und Frauenbildung
Lutterothstraße 81 (Wohnadresse)
Garten der Frauen, Ohlsdorfer Friedhof, Fuhlsbüttler Straße 756 (Erinnerungsstein)
Gunda Werners Grab befindet sich auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Dennoch wurde ihr 2007, im europäischen Jahr der Chancengleichheit für alle, im Garten der Frauen ein Erinnerungsstein gesetzt. Gunda Werner steht für die Antidiskriminierung frauenliebender Frauen.
Senatsamt für die Gleichstellung (Wirkungsstätte)
„Veilchen
Zwischen den Resten meines abgebrannten Häuschens lugen blühende Veilchen hervor.“
Dieser Haiku steht auf Gunda Werners Grabstein in der Nähe von Kapelle 1. Wie jeder Lebensweg ist auch der von Gunda Werner von Leiden und von Freuden begleitet.
Am Sonntag, dem 8. Juli 1951, kommt Gunda zur Welt. Sie ist das erste und bleibt das einzige Kind ihrer Eltern Inge und Willy Werner.
Die kleine Familie lebt in einer Gartenlaube am Rande Hamburgs. Gunda ist ein lebhaftes, ja ein wildes Kind, das die Freiheit ihrer Kindheit quasi auf dem Land in vollen Zügen genießt.
Über ihre Schulzeit sagte Gunda immer, dass sie dort die Angst vor Gruppen und die Empörung über Anpassungsdruck und Regelsysteme, die der Aufrechterhaltung von Macht- bzw. Ohnmachtspositionen dienen, gelernt hat. Sie ist Rebellin und oft „Klassenclown“, gerät mit den Lehrern häufig aneinander und wird viel vor die Tür geschickt.
Gunda Werner, Foto: privat
Nach dem Realschulabschluss will Gunda Grafikerin werden - der Berufsberater empfiehlt ihr als Einstieg in die Branche eine Ausbildung zur Werbekauffrau. Mit ihrem Lehrherrn führt Gunda einen erbitterten Kampf darum, dass sie in Hosen ins Büro kommen darf.
Anfang der 70er Jahre entschließt Gunda sich, das Abitur nachzumachen und bewirbt sich erfolgreich beim Hansa-Kolleg. Die Welt des Wissens und des Denkens zieht sie mächtig in ihren Bann.
Nach dem Abitur beginnt Gunda zu studieren: Philosophie und Theologie. Nach dem Magister arbeitet sie zwei Jahre lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei ihrem Doktorvater Prof. Schnädelbach. „Intuition und Rationalität“ - so sollte ihre Dissertation heißen.
In dieser Zeit entdeckt Gunda Werner in vielerlei Hinsicht die Frauen für sich: Sie beteiligt sich gemeinsam mit ihrer Partnerin Helga Braun maßgeblich an der Gründung und dem Aufbau des Frauenbildungszentrums Denkträume und organisiert mehrere Hamburger Frauenwochen mit.
In die von mir mit-gegründete Kabarettgruppe „Frauen lachen gemeinsam e.V.“ steigt sie 1988 ein, wir lernen uns bei den Proben und dem Entwickeln von Szenen näher kennen und verlieben uns ineinander, werden ein Paar.
Ende der 80er Jahre beendet Gunda die für sie teilweise auch sehr aufreibende Arbeit im Frauenprojekt und geht als Referentin zum Hamburger Senatsamt für die Gleichstellung.
Gunda bemüht sich früh um einen Weg, der radikale Kritik mit konstruktivem Pioniergeist verbindet. Denkverbote aller Art – auch die feministischen – sind ihr ein Gräuel. Doch kehrt sie bald wieder in die Projekteszene zurück: Mit einigen anderen Aktivistinnen erkämpft sie, dass eine der drei politischen Stiftungen, die der grünen Partei nahe stehen, ausschließlich für Frauen da ist: Die Frauen-Anstiftung wird aus der Taufe gehoben.
Nach einigen Jahren der wiederum sehr leidenschaftlichen Arbeit in diesem Zwitter aus alternativem Frauenprojekt und international agierendem Bildungsinstitut wirft sich Gunda mit voller Kraft in einen von den Grünen ultimativ geforderten Reform- und Fusionsprozess, aus dem die neue Heinrich-Böll-Stiftung mit Sitz in den Hackeschen Höfen in Berlin hervorgeht.
Bei der Konzeptionierung und der Umsetzung der Gemeinschaftsaufgabe Geschlechterdemokratie als konstituierendem Element dieser Stiftung spielt sie bis zu ihrem Tod eine tragende Rolle.
Orientierungshilfe in diesen zum Teil extrem chaotischen Arbeitszusammenhängen findet Gunda in diesen Jahren in der Zusatzausbildung in systemischer Organisationsberatung und Supervision an der Universität Oldenburg.
Zusammen mit zwei weiteren Frauen bringt sie die Gender-Thematik in die Ausbildung ein.
Dass sie seit 1993 immer wieder für kürzer oder länger Zeit in Krankenhäusern, Arztpraxen und Sanatorien verbringen muss, erfahren viele Menschen aus Gundas beruflichen Zusammenhängen nur ungenau oder sogar erst im Nachhinein. Nicht über ihre Krebserkrankung definiert zu werden, ist ihr enorm wichtig.
Ihre sexuelle Orientierung, ihr Lesbisch-Sein, ist natürlich ein prägender Aspekt ihres Lebens, den sie auch stets offen lebt. Doch andererseits ist es ihre Sache nicht, ihr privates Beziehungsleben in die Öffentlichkeit zu tragen. Um die politischen Implikationen ging es ihr, um die Risiken von Ablehnung und Diskriminierung homosexueller Menschen, um den leidenschaftlichen Kampf: gleiche Rechte für gleiche Liebe!
Hätte es den Garten der Frauen im Jahre 2000 schon gegeben, Gunda Werner wäre wahrscheinlich hier bestattet. Stattdessen hat sie sozusagen als letzte Gründung ihres Lebens ein großes Patenschaftsgrab im ältesten Teil des Friedhofs bei der Kapelle 1 gekauft, auf dem sie selbst und ihre Lieben bestattet werden sollten – eine Mischung aus Familien- und Freundschaftsgrabstätte.
In den letzten Jahren ihres Lebens praktizierte Gunda buddhistische Meditation; die japanische Kunst und Ästhetik hatten es ihr schon lange angetan; den Haiku, den ihre Lebensgefährtin Anette Hecker auf den Grabstein setzen ließ, hatte sie als ganz junge Frau in einem Gedichtbändchen markiert. Nun in den 90er Jahren entdeckte sie den Zen-Weg für sich. Zen-Meister schreiben vor ihrem Tod oft noch ein kurzes Gedicht.
Nach Gundas Tod fand Anette Hecker neben ihrem Bett ein kleines Büchlein und darin ein Gedicht, das sie wenige Tage zuvor geschrieben hatte:
„Am Rand der Zeit
wird die aufgebrochene Erde
zur Unendlichkeit
und Ewiges kündet,
wo Bäume achtungsvoll stehen.
Mein grünes Grab beziehe ich schweigend -
wer wäre jetzt beredt?
Verharrt eine Weile
und dann geht
vom Rand der Zeit ins Leben.“
Text: Annette Hecker
 

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