Finanzbehörde

Ehrenhalle Leo-Lippmann-Saal (Finanzbehörde)

Leo-Lippmann-Saal (Finanzbehörde)

Leo Lippmann wurde am 26. Mai 1881 als Sohn einer angesehenen und wohlhabenden jüdischen Familie in Hamburg geboren. Er besuchte die Gelehrtenschule, das Johanneum in Hamburg. Am 10. Oktober 1906 trat er als Referatsleiter in den Dienst der Finanzdeputation ein. Seine dreijährige Ausbildungszeit als Referendar hatte der in Jena promovierte Jurist in der hamburgischen Verwaltung absolviert. In seiner ersten verantwortlichen Rolle war der Fünfundzwanzigjährige zuständig für den Bereich der Liegenschaften. Lippmann hatte u.a. die umfangreichen Enteignungen zu betreuen, die im Zusammenhang mit den großen Verkehrsprojekten wie der Untergrundbahn erforderlich waren.

1915, wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde Lippmann Referent der Kommission für Kriegsversorgung in Hamburg. Er baute das Kriegsversorgungsamt auf und organisierte ein ausgedehntes Versorgungssystem in Hamburg. Ihm verdanken viele Hamburger Familien während der Kriegsjahre eine Lebenssituation, die erheblich besser war als in anderen Großstädten.

Nach der Wahl zur verfassungsgebenden Bürgerschaft am 16. März 1919 dauerte es ein halbes Jahr, bis Lippmann mit seiner Wahl zum Senatssekretär am 12. März 1920 jene Stellung erreichte, die er bis 1933 innehalten sollte. Mit Inkrafttreten der neuen Verfassung am 7. Januar 1921 wurde er dann der erste Staatsrat der Finanzdeputation.

Die staatliche Finanzgeschichte Hamburgs während der Weimarer Republik trägt unübersehbar die Handschrift von Dr. Leo Lippmann. Er hat Hamburgs Finanzen sicher durch das Chaos der Inflation in den zwanziger Jahren und in der großen Rezession in den frühen dreißiger Jahren geführt. Lippmann hatte in dieser Zeit Krisen zu meistern, deren Ausmaß heute nur noch schwer vorstellbar ist.

Der von den Nazis bestellte Bürgermeister Carl Vincent Krogmann veranlasste am sechsten Tag seiner Amtszeit zum 14. März 1933 die Beurlaubung von Staatsrat Dr. Leo Lippmann. Drei Wochen später trat das Gesetz zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in Kraft (7. April 1933), mit dem die Nazis Juden und Demokraten aus dem öffentlichen Dienst vertrieben. Lippmanns endgültige Entlassung am 23. Juni 1933 stützte sich auf den § 4 dieses Gesetzes, weil er "nicht die Gewähr böte ... jeder Zeit rückhaltlos für den nationalen Staat" einzutreten. Leo Lippmann musste sein Amt als Staatsrat der Finanzbehörde ohne ein Wort der Anerkennung für seine herausragenden Leistungen für die Stadt und auch ohne Bedauern seiner Vorgesetzten verlassen.

Nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst begann Leo Lippmann mit der Niederschrift seiner Familiengeschichte und seiner Lebenserinnerungen. 1935 wurde er in den Vorstand der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Hamburg (später Jüdische Gemeinde) gewählt und wurde kurze Zeit später ihr zweiter Vorsitzender.

In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1943, kurz bevor ihre eigene Deportation nach Theresienstadt bevorstand, schieden Anna Josephine und Leo Lippmann freiwillig aus dem Leben.

An das Leben und Wirken von Leo Lippmann wird in einem Saal in der Finanzbehörde am Gänsemarkt erinnert, der ihm zu Ehren seinen Namen trägt. Lippmann hat diesen Saal als Kassenhalle noch gekannt. Im Jahre 1926 hat er am Erstbezug des Gebäudes als Staatsrat der Finanzdeputation teilgenommen. An der Planung und Finanzierung des Gebäudes hat er verantwortlich mitgewirkt.

Leo Lippmann gehört mit seiner außerordentlichen und ungewöhnlichen Karriere zu den bedeutendsten hamburgischen Beamten. Ungewöhnlich war auch der Beginn, denn ohne persönliche Ermutigung durch Bürgermeister Mönckeberg wäre der junge Mann, der sich möglicher Diskriminierungen wegen seiner jüdischen Herkunft wohl bewusst war, nicht in den hamburgischen Staatsdienst getreten.

Die Jahre der Kaiserzeit waren prägender geistiger Bezugspunkt im Leben von Leo Lippmann. Er war ein Beamter des kaiserlichen Deutschlands und blieb es innerlich auch noch, als der Kaiser längst abgedankt hatte. Trotzdem diente er der Weimar Republik loyal und mit unendlich großem Einsatz. Sein Selbstverständnis zum Berufsbeamtentum kommt in seinen Lebenserinnerungen deutlich zum Ausdruck: "Ich habe stets die Auffassung vertreten, dass ein Verwaltungsbeamter sein Amt nicht nur unparteiisch, sondern auch unpolitisch führen soll".

Für Leo Lippmann waren die Jahre der ersten deutschen Republik die produktivsten seines Berufslebens. Mit der Umsetzung der Erzbergerschen Finanzreform war die Bildung einer einheitlichen, modernen Steuerverwaltung in Hamburg einer seiner bleibenden Leistungen. Unendlich breit ist die Palette der Themen und Probleme, der sich Lippmann in diesen Jahren anzunehmen hatte. Liebevoll seine Hinwendung zum Theater und zur bildenden Kunst. Oper, Theater und Orchester verteidigte er tapfer gegen Streichvorschläge aus der Bürgerschaft, obwohl er in den Aufsichtsgremien ein strenges Regiment gegenüber den maßlos überhöhten Gagenvorstellungen einzelner, besonders prominenter Künstler führte.

Leo Lippmann liebte Hamburg und wollte nur hier leben, er war ein patriotischer Deutscher, der das Land, in dem er geboren war, schützte und unterstützte. Deutsche Kultur war seine Kultur, auf die er so stolz war wie auf seine jüdischen Vorfahren. Wie die meisten Juden dieser Stadt - und nicht nur hier - die glaubten, unangefochten als Deutsche jüdischen Glaubens leben zu können, musste auch Leo Lippmann nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten die bittere Erfahrung machen, nicht mehr als Teil des deutschen Volkes angesehen zu werden. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er im Dezember 1934:

So kam mir bis zum Jahre 1933 auch niemals der Gedanke: "Mein Empfinden: Ich bin Deutscher, ich bin ein vollberechtigtes und vollverpflichtetes Mitglied der Deutschen Volksgemeinschaft, ich bin Sohn meiner innig geliebten deutschen Heimat, meines deutschen Vaterlandes` könnte von irgend jemand als falsch bestritten werden. Insbesondere fühlte ich mich stets als Hamburger. Für Hamburg und Hamburgs Bevölkerung im Frieden und Krieg mit allen Kräften wirken zu dürfen und zu können, galt mir stets als höchste Pflicht und Ehre."

Die Entlassung aus dem Dienst war aus der Sicht Lippmanns, dem Träger des eisernen Kreuzes am schwarz-weißen Band, ein skandalöser, rechtswidriger Vorgang mit einer absurden Begründung. Ein Treuebruch seines Dienstherren und ein Akt der Willkür. Dies war nach über 26-jähriger Dienstzeit ein demonstrativer Ausschluss aus der Gesellschaft der ehrbaren Mitbürger. Lippmann schrieb:

"Nach langen Jahren rastloser Arbeit und des Bemühens, das Beste für meine geliebte Vaterstadt und mein geliebtes Vaterland zu leisten und zu erreichen, habe ich eine bittere schwere Enttäuschung erlebt."

Auf diese unerhörte Demütigung reagierte Lippmann mit der Niederschrift seiner Familiengeschichte und seiner Lebenserinnerungen. Er wollte, dass sich die Nachwelt ein eigenes Urteil bildet. Über seine Herkunft als Hamburger und als Jude. Über seine Arbeit und seine Leistungen für die Stadt. "Der Lippmann" ist heute ein Standardwerk für die Hamburger Stadtgeschichte. 1964 hat Werner Jochmann, der langjährige Leiter der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, dieses Buch aus dem Nachlass Lippmanns herausgegeben.

1935 wurde Leo Lippmann in den Vorstand der Deutsch-Israelitischen Gemeinde gewählt; kurze Zeit später ihr zweiter Vorsitzender. Mit aufopferungsvollem Engagement, mit der ihm eigenen absoluten Gradlinigkeit, leitete er die Geschicke der Gemeinde und lebte selbst in der Verantwortung für die Gemeinde neu auf. Leo Lippmann, der miterlebte, wie täglich Juden deportiert wurden, versuchte zu helfen, wo es möglich war. Zahlreichen Verfolgten ebnete er den Weg zur Emigration. Er selbst und seine Frau Anna Josephine aber wollten ihre Heimatstadt nicht verlassen. Am 10. Juni 1943 besetze die Gestapo das Büro der Jüdischen Gemeinde. Von den ehemals 20.000 jüdischen Bürgern Hamburgs sollten die restlichen jüdischen Bewohner der Stadt in wenigen Tagen nach Theresienstadt deportiert werden.

Leo Lippmann und seine Frau Anna Josephine wollten dem entgehen. In der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 1943 setzten sie ihrem Leben ein Ende. In dem Abschiedsbrief stand: "Wir haben uns entschlossen, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Dem Elend draußen wären wir nicht mehr gewachsen gewesen." Leo Lippmann starb im Alter von 62 Jahren.

Bei Werner Jochmann, dem Herausgeber der Lebenserinnerungen von Leo Lippmann, heißt es: "Aufrecht und mit Würde, wie er gelebt hatte, so ist er gestorben. Niemals hat dieser Mann etwas in seinem Leben improvisiert, er tat es auch im Tode nicht."

Am 11. Juni 1993 gedachte der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde in Hamburg des fünfzigsten Todestages von Dr. Leo Lippmann und seiner Frau Anna Josephine. In seiner Ansprache würdigte der damalige Präses der Finanzbehörde, Senator Wolfgang Curilla, Lippmann mit den Worten: "Staatsrat a.D. Dr. Leo Lippmann hat hier in dieser Stadt ein Leben gelebt und beendet, das bis heute fasziniert und in seinem Ende erschüttert. Wir erinnern uns heute an ihn mit Respekt und bleibender Trauer, angesichts einer Schuld, die nicht zu tilgen ist."