Flugschau der Container

Willkommen in der Freiluftbühne Waltershof! An den Kaimauern tanzen die Superkräne Tag und Nacht das Containerbrückenballett.

Wer Hamburg erkunden und dabei eine erhöhte Adrenalinausschüttung erleben will, der sollte den Containerhafen ansteuern. Etwa auf einer Tour ab St. Pauli-Landungsbrücken mit der Fähre zum Anleger Waltershof. Nach nur wenigen Schritten geht es durch einen Durchlass in der stacheldrahtbewehrten Zollabsperrung. Prompt steht der Besucher zwischen Containerlagern und läuft unter der Überführung der Autobahn A7 hindurch über Schnellstraßen und Zubringer um sein Leben.

Es sind nur wenige hundert Meter Luftlinie Richtung Westen zu überstehen. Es gilt, weder vom allgegenwärtigen LKW-Verkehr überrollt zu werden, noch den Verstand zu verlieren. Dann aber folgt ein reicher Lohn für all die Angst. Beiderseits des Hafenbeckens bietet sich linker Hand am Predöhlkai und rechter Hand am Burchardkai ein unvergessliches Spektakel dar: das Containerbrückenballett. Eine Nonstop-Aufführung an gut 360 Tagen im Jahr. Der Spielplan kennt nur wenige Feiertage.

Bester Überblick in luftiger Höhe
Es ist eine Open-Air-Arena mit Stehplätzen. Die Logenbesucher sind auf der Fußgängerbrücke aus Spannbeton zwischen Altenwerder Damm und Waltershofer Damm untergebracht. In luftiger Höhe behält der Betrachter den besten Überblick. Die Rasierplätze befinden sich weiter unten am Brückengeländer des Waltershofer Damm mit dem Fahrtwind des Schwerlastverkehrs im Rücken. Aus welcher Perspektive auch immer – sofort wird klar: Dieser Ort ist von Menschen gemacht und doch ist das menschliche Maß hier außer Kraft gesetzt.
Am südelbischen Hafenufer regieren die Maschinen.

Stählerne Kolosse mit vollelektronischer Innenausstattung scheinen ein überdimensionales Eigenleben zu entfalten. Die gigantischen Frachtschiffe und haushohen Lastkräne wirken wie beseelt. Eine Sinfonie aus Grollen und Quietschen durchzittert die Luft, als würde sich hier ein gigantischer metallischer Organismus regen. Eine unsichtbare Intelligenz scheint die tonnenschweren Containerladungen in sanftem Rhythmus durch die Luft tanzen zu lassen.

Containerfelder und Kräne, soweit das Auge reicht
Jawohl, sie tanzen! Die Kaimauern werden zu Bühnenrampen, wenn dieser Maschinenpark am Wasser seinen gleichmütigen und nicht enden wollenden Ausdruckstanz vollführt. Links die Choreografie des Containerterminals von Eurogate. Rechts das Ballett der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA).

Mit schlafwandlerischer Präzision greifen die Kräne auf dem Schiff die Container. Sie fliegen die Kisten durch die Luft und setzen sie dann punktgenau auf dem markierten Asphalt ab, wo 14 Meter hohe Hubwagen sie aufnehmen und schließlich irgendwo auf den Quadratkilometern des Geländes zwischen die anderen zehntausenden Container sortieren. Abtransportiert werden die Stahlkästen anschließend per LKW oder mit der Bahn über die Gleise der firmeneigenen Bahnhöfe.

Komplex wie ein Ameisenstaat
Rund 1700 Menschen arbeiten allein bei Eurogate, doch sie springen in dieser Landschaft aus Metall ungefähr so sehr ins Auge wie Ameisen im Walde. Womöglich sind die Terminal-Mitarbeiter auch fast so gut organisiert. Mag sein, dass ein Ameisenstaat einen modernen Container-Umschlagplatz an Komplexität übertrifft. Doch wenn es um Planung, Kommunikation und Feinabstimmung geht, drängen sich durchaus Parallelen auf.

Tagsüber ist dieses Spektakel atemberaubend. Sobald die Dämmerung sich über die Szenerie legt, gewinnt dieser Ort etwas Weihevolles. Je dunkler der Himmel, desto gleißender ist diese Welt aus Stahl in gelbes Flutlicht getaucht.

Burchardkai begann das Containerzeitalter
Dieses Glitzer-Paradies für Technikfans ist geschichtsträchtiges Gelände. Am Burchardkai begann 1968 das Containerzeitalter im Hamburger Hafen. Bis dahin transportierten die Schiffe Stückgut und Sauggut (Getreide, Öl). Der 20-Fuß-Standardcontainer, englisch und kurz TEU, revolutionierte die Frachtschifffahrt und machte den Transport effektiver und billiger. Im Herbst 1968 kamen pro Woche vier bis fünf Vollcontainerschiffe zum Burchardkai. Der Burchard-Terminal ist heute die größte Umschlaganlage Hamburgs, im gesamten Hafen wurden 2007 an die zehn Millionen Container abgefertigt. Doch was bedeuten schon Zahlen, wenn tonnenschwere Boxen das Fliegen lernen?

Man muss nicht rechnen können, um in dieser Atmosphäre voll schmutzig-sachlicher Nüchternheit von so viel technischer Anmut ergriffen zu sein.

Schlummertrunk mit Gottes Hilfe
Und wer will, kann seinen Ausflug in Hamburgs Maschinenraum sogar seelsorgerlich ausklingen lassen. Wenige hundert Meter entfernt können die Container-Schwärmer noch einen Absacker am Tresen im Clubraum der Seemannsmission Duckdalben nehmen. Dort verbringen Seeleute aus aller Welt ihre kurzen Landgänge. Draußen findet das lärmende Weihespiel auf dem Altar der Technik statt. Im Obergeschoss der Seemannsmission kann der Besucher im multireligiösen Gebets-„Raum der Stille" auch noch allen anderen Göttern dieser Welt huldigen.

Wie komme ich hin?
Mit der Fährlinie 61 ab St. Pauli-Landungsbrücken zum Anleger Waltershof. Durch die Zollmauer auf den Altenwerder Damm unter der Autobahn A 7 hindurch über die Fußgängerbrücke zum Waltershofer Damm. Gegenüber ist das Brückengeländer der Straße vor dem Hafenbecken. Nach rechts geht es zur Wasserschutzpolizei.

Die Seemannsmission Duckdalben ist über den Waltershofer Damm erreichbar, dann in die Kurt-Eckelmann-Straße, vorbei an Eurogate. Nach etwa 100 Metern geht die Kurt-Eckelmann-Straße in die Zellmannstraße über. Nach einer langen Rechtskurve nach links über den unbeschrankten Bahnübergang zum Duckdalben. Zellmannstr. 16, 21129 Hamburg, Telefon (040) 7401661. Täglich geöffnet von 10 bis 22.30 Uhr.

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1753880
Flugschau der Container
Willkommen in der Freiluftbühne Waltershof! An den Kaimauern tanzen die Superkräne Tag und Nacht das Containerbrückenballett.
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