„Mit fürchterlicher Kraft und Gewalt“ – die große Hamburger Sturmflut vom 17. Februar 1962
von Christian Lorenz
Die offizielle Seite zum 50. Jahrestag der Sturmflut von 1962 ...
Selbst die zuständigen Deichbaubehörden ließen verlauten: „Zu einer Katastrophe kann es nach menschlichem Ermessen nicht kommen.“ Weil der Pegel Cuxhaven als wichtigster Beobachtungsposten für den Verlauf der Flut ausfiel, arbeitete man in Hamburg nur den gewohnten Maßnahmeplan ab. Es blieb zu lange unbemerkt, dass der Sturm aus Nordwest auf die rückflutende Tide drückte und einen mächtigen Windstau erzeugte. Das neu einlaufende Hochwasser, gestärkt durch riesige Fernwellen aus dem Atlantik, erreichte dadurch eine ungeahnte Gewalt.
Fast ein Fünftel des Hamburger Stadtgebietes wurde überschwemmt.
Hubschrauber (hier von der US Army) wurden zu den wichtigsten Helfern bei der Versorgung abgeschnittener Stadtviertel.
Gerhard Graf, Elektriker aus Wilhelmsburg, war mit seiner Familie zwei Tage lang vom Rest der Welt abgeschnitten.
Der damals 27jährige HHLA-Hafenarbeiter Günther Acke erinnert sich.
Er läuft und läuft – Auf dem Burchardkai hat die Flut Autos, die zur Verladung vorbereitet waren, auf dem Terminal verteilt.
Der damalige HHLA-Vorstandsvorsitzender Ernst Plate (links im Bild) packt mit an.
Der Hafen blieb weitgehend verschont. Nur wenige Bahngleise und Kaianlagen standen unter Wasser – und wurden mit Hinterlassenschaften wie diesen Schuten versehen.
Um 0.11 Uhr brach die eisige Flut bei Neuenfelde den ersten Deich, später noch 59 weitere. Fast ein Fünftel des Hamburger Stadtgebietes wurde überschwemmt mit einer Wassermasse, die dem 60fachen von Binnen- und Außenalster entsprach. Die eingedeichte Insel Wilhelmsburg lief komplett mit Wasser voll, ebenso Waltershof, Altenwerder oder Moorburg. 20.000 Menschen wurden in den nächsten Tagen evakuiert, 2.000 aus unmittelbarer Lebensgefahr gerettet, für 315 Todesopfer kam jede Hilfe zu spät.
Viele Hamburger am höher gelegenen Nordufer hatten in der Nacht nichts von der Sturmflut mitbekommen. Am Samstagvormittag war noch nicht allgemein bekannt, dass ganze Stadtteile südlich der Elbe versunken waren. Unvorstellbar für unsere Zeit, in der Fernsehen, Smartphones und Internet jederzeit über alles informieren.
Waltershof wurde zur tödlichen Falle
Eines der am schlimmsten betroffenen Gebiete war Waltershof. Durch ein unfertiges Ausbauprojekt wurde die Insel, die nur durch eine tiefliegende Straße mit dem Rest der Stadt verbunden war, für Dutzende Menschen zur tödlichen Falle.
Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges hatte man ein Becken für den geplanten Mühlenwerder Hafen geschaffen, das 10 Meter unter dem Wasserspiegel lag, geschützt durch verschiedene Kaimauern und provisorische Deiche. Nach dem Krieg gab es erstmal keinen Bedarf für weitere Hafenbecken, aber einen großen Mangel an Wohnraum und Lebensmitteln. Viele ausgebombte Hamburger zogen deshalb in ihren Kleingarten nach Waltershof.
Die „Laubenpieper“ machten aus der Gartensiedlung einen auch im Winter bewohnten Stadtteil, deren Bauwerke meist nur provisorisch aus Holz und Blech zusammengezimmert waren. Das wurde den schlafenden Bewohnern, die niemand alarmiert hatte, zum Verhängnis. Als der Deich zum Parkhafen am heutigen Liegeplatz 7 brach, wurden Behelfsheime, Menschen und ihre Kleintiere einfach hinweggespült.
„Das Wasser schoss mit einer fürchterlichen Kraft und Gewalt heran“, erinnert sich Johannes Tönnies, der auf der Waltershofer Insel wohnte. „Die Hilferufe und Schreie dieser Menschen, dazu den heulenden Sturm und das unheimlich Rauschen des Wassers wird keiner vergessen können.“
Im Hafen nur ein paar Bahngleise unter Wasser
Dagegen konnte sich Günther Acke am Samstagvormittag das Ausmaß der Katastrophe, von der er nur im Radio gehört hatte, noch nicht richtig vorstellen. „Ich fuhr einfach zum Schuppen 55, denn ich musste ja schließlich zu Arbeit“, erzählt der damals 27jährige HHLA-Hafenarbeiter. „Der Einteiler schickte uns gleich wieder nach Hause, wir sollten uns später telefonisch melden.“
Auf den Hafenflächen, die meist 5,65 Meter über Normalnull lagen, hatte die ungefähr 5,70 Meter hohe Flut nur große Pfützen, Schlick und Unrat hinterlassen. Trotzdem ging im Hafen nichts mehr, denn der Strom war überall ausgefallen. Im Bericht des Hamburger Senats zur Flutkatastrophe hieß es unter dem Punkt Seeschifffahrt: „die Hafenanlagen waren fast völlig intakt“. Lediglich einige Bahngleise und der Hafenbahnhof Süd lagen länger unter Wasser, konnten aber zum Wochenbeginn wieder genutzt werden.
Kleingärten wurden nicht wieder aufgebaut
Richtung Süden waren alle Straßen gesperrt. Zu den Elbinseln kam man nur auf einem großen Umweg über Lauenburg. Am Montag, als die HHLA ihre Angestellten zum Aufräumen wieder in den Hafen bestellte, fehlte mancher Kollege aus den südlichen Stadteilen. Zum Beispiel Gerhard Graf, Elektriker aus Wilhelmsburg. Er hatte am Samstag früh aus dem Fenster geschaut und entdeckt, was die Flut angerichtet hatte. Überall nur Wasser, Wasser, Wasser. Familie Graf war zwei Tage abgeschnitten, andere Flutopfer bis zu zehn Tagen. Die Grafs nahmen Nachbarn aus dem unteren Stockwerk auf, in deren Schlafzimmer schon Wasser stand, ohne dass sie etwas davon gemerkt hatten.
Zum Glück musste die HHLA unter ihren Mitarbeitern keine Todesopfer beklagen. Von ihren Anlagen waren vor allem die älteren 50er Schuppen betroffen. Die unteren Regalmeter waren nass geworden, verschiedenste Waren verdorben. In den Lagerhäusern am Melniker Ufer versuchte man, große Mengen wertvoller Kugellager zu retten, indem man sie neu einölte. In Waltershof waren die Schäden so verheerend ausgefallen, dass die Stadt das gesamte Gebiet neu plante. Die tiefliegenden Flächen wurden aufgefüllt, die Kleingärten mussten Schritt um Schritt den Hafenbetrieben weichen.
Sturmflut 1976 verwüstete den Hafen stärker
Während man die Deiche um die bewohnten Gebiete nach der Katastrophe mehrmals verstärkte und damit ausreichend schützte, blieben die Anlagen im Hafen verwundbar. 1976 erreicht eine Sturmflut den Pegelstand von 6,45 Meter über NN und überstieg damit die 1962 erreichte Maximalhöhe von 5,78 Meter bei Weitem. Sie richtete Schäden von damals 750 Millionen DM an.
Die Sturmflut von 1976 richtete im Hafen weit größere Schäden an.
Sie beliefen sich auf die damals gewaltige Summe von 750 Mio. DM.
Seitdem wurden das Alarm- und das Poldersystem für den Hochwasserschutz erheblich verändert und verbessert. Als das Hochwasser 1994 und 1995 über die 6-Meter-Marke stieg, hatte sich die HHLA schon erfolgreich gewappnet.
Die offiziellen Bemessungswasserstände, an denen man die Höhe der Flutschutzeinrichtung ausrichtet, wurden auf mittlerweile 7,30 Meter über NN angepasst. In diese Berechnung floss sogar das Steigen des Meereswasserspiegels bis 2085 mit ein. Bei der HHLA hat man schon vor längerem damit begonnen, alle Anlagen mit einem hohen Risiko auf eine solche, möglicherweise kommende Jahrhundertflut vorzubereiten.


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