Einmal in den Himmel bitte
von Nicole Serocka
Rundherum kann der Blick schweifen, wenn man im Korb eines Fesselballons steht. Und aus dieser Perspektive ist Hamburg noch grüner als erwartet. Die Metropole, die sich ja trotz aller Oasen sehr großstädtisch anfühlt, wenn man sich mittendrin befindet, sieht von oben aus wie ein riesiges Erholungsgebiet. Als würden die Parks und Alleen der innerstädtischen Viertel rund um die Alster fließend in die Auenwälder und hochsommerlich abgemähten Felder südlich der Elbe übergehen.
Thomas Voss, 47, kommt oft in den Elbpark Entenwerder in Rothenburgsort, um sich und seinen Gästen den Traum vom Fliegen zu erfüllen. „Wenn ich die Welt von oben sehe, fühle ich mich frei", sagt er. Früher flog der Hamburger leidenschaftlich gern mit Motorflugzeugen. Doch mit seiner ersten Ballonfahrt im Sommer 1997 veränderte sich sein Leben schlagartig. „Es ist tausendmal schöner, in einem offenen Korb zu stehen, als in einer engen, lauten Kapsel zu sitzen." Die unmittelbare Nähe zur Natur hatte ihn so tief beeindruckt, dass er sich gleich am nächsten Tag in einer Ballonschule anmeldete.
18.35 Uhr, noch knapp eine Stunde bis zum Start. Elf Fahrgäste wollen das Abenteuer wagen, das sie bisher nur aus Jules Vernes Romanen kennen. Gemeinsam hieven sie den über hundert Kilo schweren Weidenkorb vom Anhänger auf die Wiese und kippen ihn auf die Seite. Die gelbe Ballonhülle, die noch am Boden liegt, sieht aus wie das Dach eines Zirkuszelts. Voss bückt sich und sortiert die Leinen. Er wartet darauf, dass der Wind ruhiger wird. „Wenn es zu windig ist, bleibe ich am Boden", sagt er.
19.20 Uhr, das Rotieren der Propeller dröhnt über die Wiese. Auf dem Boden stehen zwei Ventilatoren und füllen die Hülle mit 7800 Kubikmetern Luft. Voss schaltet den Gasbrenner ein. Flammen schießen wie aus einem fauchenden Drachenmaul in den Ballon. Die Gäste klettern in die wabenähnlichen Abteile, um einen der begehrten Logenplätze am Himmel zu ergattern, bevor sich der Korb ächzend aufrichtet.
20.05 Uhr, die Sonne nähert sich dem Horizont. Niemand, auch Voss nicht, weiß genau, wohin die Reise geht. Denn der Pilot kann den Ballon zwar um die eigene Achse drehen und die Höhe bestimmen, aber nicht lenken. Es wird kühler, einer der Gäste nimmt seine Frau in den Arm. Im Südwesten thronen die Pfeiler der Köhlbrandbrücke über der Elbe. Die untergehende Sonne tupft zarte Aquarelltöne auf den Stahl. Im Süden recken die knubbeligen Hügel der Harburger Berge ihre Nasen in den Himmel. 300 Meter unter dem Ballon liegt die Elbinsel Wilhelmsburg. Die Bäume der Auenwälder scheinen zum Greifen nah. Die Windmühle „Johanna", der ehemalige Flakbunker und ein ausrangierter Lokschuppen sind gut zu erkennen.
20.27 Uhr, die Sonne stößt an den Horizont. Zeit, einen Landeplatz zu suchen. Der Ballon sinkt auf 150 Meter, ein Meer aus Baumkronen öffnet sich. Doch weit und breit keine Wiese in Sicht. Der Korb gleitet über Rapsfelder und Büsche hinweg. Hunde bellen den fauchenden Brenner an. „Die nächste Wiese gehört uns, bereit machen zur Landung!", ruft Voss plötzlich. Mit einem Ruck setzt der Korb auf dem Boden auf, hopst zweimal nach vorn und bleibt auf der Seite liegen. Die Gäste krabbeln aus den Waben und entdecken, dass sie auf einem Getreidefeld mit grünen Setzlingen gelandet sind, irgendwo in der Nähe von Neu Wulmstorf.
Schade, dass die Fahrt so schnell zu Ende ist! Am liebsten möchte man gleich wieder aufsteigen, um auch noch die funkelnden Lichter der Hansestadt von oben zu sehen. Und man begreift, warum eine Ballonfahrt ein Leben verändern kann.
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