Hafenkapitän Jörg Pollmann „Der Hafen ist wie ein Lebewesen“

Er hat das Sagen in Deutschlands größtem Seeschiffshafen: der Hamburger Hafenkapitän. Jörg Pollmann über seinen Arbeitsalltag, immer größere Pötte und Entscheidungsfreude in brenzligen Situationen.

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Jörg Pollmann ist der Hamburger Hafenkapitän

Chef des Oberhafenamtes

Bei Hafenkapitän Jörg Pollmann klingelt auch mal nachts um vier Uhr das Telefon. Am Apparat ist dann die Nautische Zentrale, die den kompletten Schiffsverkehr im Hamburger Hafengebiet koordiniert. Entweder informieren ihn die Kollegen über ein besonderes Ereignis, zum Beispiel ein schwieriges Schiffsmanöver. Oder sie holen bei einer Gefährdungssituation seinen Rat ein und Pollmann muss eine Entscheidung treffen – denn als Hafenkapitän hat er das letzte Wort.

Jeder Hafen hat einen Hafenkapitän, der für die Sicherheit und die Leichtigkeit im Hafen, also den flüssigen Schiffsverkehr, zuständig ist. In der Hansestadt hat diesen Posten seit mehr als zwanzig Jahren Jörg Pollmann inne. Der 57-Jährige kommt aus Ostfriesland, was man immer noch hört, wenn er das „r“ rollt und „unterwegs“ wie „unterwechs“ ausspricht. Sein Arbeitgeber ist die Hamburg Port Authority AöR (HPA), die für den Hafenbetrieb und alle Belange rund um den Hafen verantwortlich ist. Eine der Abteilungen ist das Oberhafenamt, dessen Chef Jörg Pollmann als Hafenkapitän ist. Was seine Dienststelle macht, fasst er in einem kurzen Satz zusammen: „Was die Straßenverkehrsbehörde für die Straßen macht, machen wir auf dem Wasser.“

Koordination des Schiffsverkehrs

Ob ein Schiff in den Hafen einlaufen darf oder nicht, entscheiden Pollmann und seine Kollegen. Erfüllen die Barkassen an den Landungsbrücken alle Bauvorschriften und ist die Besatzung fähig, das Schiff zu steuern? Auch das legt das Oberhafenamt fest. Und wenn die Vertiefung der Elbe mal wieder diskutiert wird, wer analysiert und bestimmt, wie tief gegraben werden müsste? Ebenfalls der Hafenkapitän und seine Leute. 50 Kapitäne unterstehen Pollmann direkt, etwa weitere 25 Personen arbeiten noch für ihn. Das Hamburger Oberhafenamt ist in verschiedene Abteilungen gegliedert. Es gibt eine Grundsatzabteilung, die sich zum Beispiel um die Vergabe von Liegeplätzen und das Ausstellen von Schiffs-Führerscheinen kümmert. Außerdem drei Hafenämter, die insbesondere für die Kontrolle und Sicherheit in der Binnenschifffahrt zuständig sind. Dann die Aufsichtsbehörde der Lotsen und die sogenannte „Designated Authority“, eine Dienststelle, die gemeinsam mit der Wasserschutzpolizei betrieben wird und der die Terrorabwehr im Hafen unterliegt. Und es gibt die Nautische Zentrale. 

Diese hat ihren Sitz am Bubendey-Ufer am südlichen Elbufer und regelt mit modernster Technik die gesamte Verkehrsablaufsteuerung im Hamburger Hafengebiet an 365 Tagen im Jahr. Mit Videokameras, 13 Radarstationen und zahlreichen weiteren Messgeräten, werden dort die exakten Positionen der Schiffe, die Pegelstände der Elbe oder Baustellen überwacht. „Wir wissen zu jedem Zeitpunkt exakt, wann wo welches Schiff ist“, erklärt der Hafenkapitän. Wollen zwei der ganz großen Pötte gleichzeitig in den Hafen ein- oder auslaufen, wird es zu eng, mehr als 90 Meter Breite dürfen zwei Schiffe nebeneinander nicht haben. Dann stimmt einer der fünf Nautiker in der Zentrale es so ab, dass ein Schiff zum Beispiel später ausläuft oder das andere früher.

Rund 30.000 Schiffsbewegungen kommen so pro Jahr zusammen. Wenn ein Schiff in den Hamburger Hafen einfahren will, muss es sich bei der Nautischen Zentrale 24 Stunden vorher anmelden. Dort wird überprüft: Passt es mit seinem Tiefgang zum gewünschten Zeitpunkt durch die Elbe? Welcher Liegeplatz ist vorgesehen? Falls die Parameter nicht stimmen, darf das Schiff nicht nach Hamburg einlaufen. Die Nautiker arbeiten dabei eng mit der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes sowie mit der Polizei und dem Zoll zusammen. Soll ein Schiff von den Zollbeamten durchsucht werden, gehen diese an Bord, sobald ein Schiff am Kai festmacht. Ihre Informationen, wann das Schiff anlegt, erhalten die Zöllner von der Nautischen Zentrale, an deren System sie angeschlossen sind.

Kein Acht-Stunden-Tag

Wenn ein größeres Problem auftritt, wird Pollmann von seinem Team angerufen. Manchmal in der Nacht, manchmal tagsüber und am Wochenende. Auch an Weihnachten oder Silvester kann das passieren. Ein überladenes Schiff oder eine Sturmflut nimmt keine Rücksicht auf Feiertage. Der 57-jährige Kapitän kann damit gut leben: „Das ist Teil des Jobs. Zu sagen, ich mach hier acht Stunden und danach leg ich das zur Seite und dann komm ich morgen wieder, das funktioniert nicht. Der Hafen ist wie ein Lebewesen und das lebt 24 Stunden am Tag.“ 

Wer denkt, als Kapitän verbringe Pollmann die meiste Zeit auf einem Schiff, der irrt. Denn den Großteil der Arbeitszeit sitzt er in Besprechungsräumen oder in seinem Büro in der Speicherstadt. Hinter seinem Schreibtisch hängt eine große Karte des Hafens. Direkt daneben ein Lebkuchenherz, „Welcome to Hamburg“. Pollmanns Alltag besteht aus viel Organisation und Projektarbeit. Ein Termin mit einem Kaibetrieb, direkt danach mit der Behörde. Soll ein großes Kreuzfahrtschiff wie die Queen Mary 2 bei ihrem Auslaufen mit einem Feuerwerk verabschiedet werden, sitzt Pollmann mehrere Wochen vorher mit Vertretern der Reederei und dem Schiffskapitän zusammen, um das Event genau zu planen. Bei Großereignissen wie dem Hafengeburtstag ist er als Leiter des Arbeitskreises Wasser direkt involviert.

Wichtig als Hafenkapitän sei es aber auch, Aufgaben sinnvoll verteilen zu können: „Sie müssen auf der einen Seite wissen, was sie selber machen müssen, aber auch delegieren können und gleichzeitig auch so steuernd dabei sein, dass sie wissen, was machen die da. Sie dürfen den Überblick nicht verlieren.“

Verantwortungsvolle Position

Acht Jahre hat es gedauert, bis Pollmann Kapitän wurde. Zunächst kam die Ausbildung, dann fuhr er als Offiziersassistent, absolvierte ein Nautikstudium und heuerte zwei Jahre als Schiffsoffizier an. Erst danach erhielt er offiziell sein Kapitänszeugnis, das ihn dazu befähigt, Schiffe jeglicher Größe zu steuern. Zwölf Jahre ist er zur See gefahren, dann ist er in den Hafenbetrieb gewechselt – der Familie wegen. Er arbeitete in einer Stauerei und in Kaibetrieben, später bewarb er sich als Hafenkapitän, als die Stelle neu zu besetzen war. Sein erster Gedanke, als die Zusage kam: „Oh Gott, ich soll Beamter werden!“ Doch er nahm den Posten an, denn für einen Nautiker gibt es seiner Meinung nach keinen verantwortungsvolleren Job, als Hafenkapitän in Hamburg zu sein.

Pollmann ist sich der Verantwortung wohl bewusst: „Über mir ist keiner, den ich fragen kann“. Zumindest nicht in fachlichen Dingen. Vor einigen Jahren hatte ein Schiff im Hamburger Hafen beim Anlegen einen Motorausfall und rammte ein anderes Schiff. Dieses bekam ein Leck und drohte zu sinken. In solchen Situationen hat der Hafenkapitän die Leitung. Sicherheit hat bei allen Entscheidungen oberste Priorität. Pollmann: „Dafür brauchen Sie eine Menge Erfahrung, dafür müssen Sie auch entscheidungsfreudig sein“. So entspannt, wie dieser groß gewachsene Mann das sagt, kann man sich gut vorstellen, dass er in stressigen Situationen ganz ruhig und besonnen agiert.

Größere Schiffe und mehr Technik

Seit Pollmann 1994 Hafenkapitän wurde, hat sich seine Arbeit stark verändert. Damals waren die Schiffe noch maximal 300 Meter lang, jetzt sind es bis zu 400 Meter. Heute liegt der Containerumschlag im Hamburger Hafen bei etwa 26.000 Containern – pro Tag. Durch die größeren Schiffe hätten sich auch die Anforderungen an den Menschen, an die Umwelt, an die Technik geändert. Vor allem seien auch die Abläufe komplexer geworden: „Das bedeutet auch, dass man, um diese zu beherrschen, einen sehr hohen Technikeinsatz hat.“ Wenn in einer chinesischen Hafenstadt Nebel herrscht, fährt dort kein Schiff mehr. In Hamburg ist das anders. Selbst bei geringen Sichtweiten können die Schiffe in den Hafen einlaufen, der Technik sei Dank. Die ist auch das, was Pollmann fasziniert. Dennoch ist er vorsichtig, was den Einsatz von allzu viel Technik betrifft: „Wenn etwas manuell viel einfacher ist, ist es unsinnig, das nur der Technik willen umzusetzen.“

Privat geht Pollmann gern fernab von Schiffen und Technik mit seinem Hund in den Plantagen im Alten Land spazieren. Dort lebt er mit seiner Familie und das ist auch sein liebstes Fleckchen in Hamburg. Ein eigenes Boot im Hafen hat er nicht. In seiner Zeit als Hafenkapitän sind Pollmann bisher viele andere Jobs angeboten worden. Doch er hat jedes Angebot abgelehnt. Denn „das, was du hier hast, das kriegst du nie wieder. Das ist viel Arbeit, viel Verantwortung, aber auch viel Spaß“. 

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„Der Hafen ist wie ein Lebewesen“
Er hat das Sagen in Deutschlands größtem Seeschiffshafen: der Hamburger Hafenkapitän. Jörg Pollmann über seinen Arbeitsalltag, immer größere Pötte und Entscheidungsfreude in brenzligen Situationen.
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