Künstler Miroslav Menschenkind Der Hamburger Künstler und Kuscheltier-Schlachter im Interview

Ein Mann, ein Beil: der Hamburger Künstler Miroslav Menschenkind stellt sich für seine aktuelle Ausstellung "Kuscheltier-Schlachterei" hinter die Schlachtbank. Noch bis zum 23. März können Besucher in der xpon-art Galerie Plüschwurst und Kuscheltier-Schinken für 16,99 Euro pro 100 g kaufen - alles aus kontrolliert regionaler Stofftierhaltung.

1 / 1

Die Kuscheltier-Schlachterei in Hamburg

Die Kuscheltier-Schlachterei erhitzt die Gemüter

Wer dieser Tage am Schaufenster der xpon-art Galerie in der Repsoldstraße vorbeikommt, muss starke Nerven haben: der Anblick von plüschigen Teddybären an stählernen Fleischerhaken ist schwere Kost, selbst für eingefleischte Kunstfreunde. Wem dabei nicht der Appetit vergangen ist, der kann die Ausstellung noch bis zum 23. März besuchen und den Verkaufshit Kuscheltier-Schinken, vakuumverpackt und für nur 16,99 Euro pro 100 g, erwerben.

Die Installation "Kuscheltier-Schlachterei" von Miroslav Menschenkind schockiert und provoziert - und das ist natürlich beabsichtigt. Im ersten Moment mag der Anblick der ausgeweideten Stofftiere entsetzen. Doch dann stellt sich die Frage, warum abgepackte Kuscheltier-Wurst stärkere Emotionen hervorruft als die Salami aus dem Kühlregal. Dabei ist es nicht die vordergründige Absicht des Künstlers, eine Kampagne für fleischlose Ernährung zu starten. Vielmehr geht es um ein bewussteres Konsumverhalten.

Wurst Marke Menschenkind: wer ist der Künstler hinter der Schlachtbank?

Miroslav Menschenkind ist dieser Tage in aller Munde, doch wer ist der Künstler hinter der Schlachtbank? Das wichtigste vorweg: echte Tiere haben von ihm nichts zu befürchten - Menschenkind ernährt sich seit Jahren rein vegetarisch. Vor seiner viel beachteten Ausstellung hat er sich vor allem als Fotograf einen Namen gemacht.

Zahlreiche Bilderserien und Fotoprojekte hat er bereits verwirklicht, wie z. B. den Bildband "Hamburg Away", für den er den HSV eine Saison lang zu seinen Auswärtsspielen begleitete. Aber auch Konzertfotos gehören zu seinem Repertoire. In seiner Fotoserie "Backstage Stories" zeigt er die Musiker nicht nur auf, sondern auch ganz privat hinter der Bühne.

Wir haben den vielseitigen Hamburger Künstler, leidenschaftlichen Fotografen, Kuscheltier-Schlachter, Tierfreund und treuen HSV-Fan Miroslav Menschenkind interviewt.

Interview mit Miroslav Menschenkind

hamburg.de: Deine Kuscheltier-Schlachterei erfährt derzeit ein breites Medienecho. Hat dich die große öffentliche Aufmerksamkeit überrascht?

M. Menschenkind: Das ist eine Überraschung. Ich habe mir darüber im Vorfeld überhaupt keine Gedanken gemacht, damit gerechnet oder gar darauf abgezielt. Klar erhofft man sich als Künstler immer eine gewisse Aufmerksamkeit, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Aber dass die Kuscheltier-Schlachterei so einschlägt, kam wirklich überraschend.

Die Reaktionen der Besucher der Ausstellung reichen von Verwunderung bis Entsetzen. Was willst du mit deiner Installation bewirken?

Ich würde eher sagen: von Bewunderung bis Entsetzen. Wobei das Entsetzen meist im ersten Moment geschieht und die Bewunderung oder eher Begeisterung dann später kommt. Positives Feedback gab es wirklich von allen Seiten. Die Nörgler sind meist nur die, die sich mit der Installation nicht auseinander setzen wollen. Gern werden dann auch die Kinder vorgeschoben mit Sprüchen wie: Mein Kind würde heulen. Dabei sind es gerade Kinder, die vollkommen offen damit umgehen und das Gesehene noch nicht im Kopf verkomplizieren. Ziel war es, in den Menschen einen Denkprozess anzustoßen. Sie sollen selbst hinterfragen, warum sie so entsetzt reagieren. Was löst der Anblick eines geköpften Teddys in ihnen aus und warum tut der Künstler das. Viele Menschen gehen in eine Schlachterei und sehen dort Rinder- und Schweinehälften herumhängen. Löst dieser Anblick die gleiche Reaktion bei ihnen aus? Nein. Fleisch ist eine Ware, die in den meisten Köpfen nicht mehr mit Leben gleichgesetzt wird. Ein geköpfter Teddy, also ein Stück Stoff mit Füllung, löst aber diese Reaktionen aus. Schon komisch, oder?

Du selbst bist seit 18 Jahren Vegetarier. Der Fleischwolf und das Hackebeil in deiner Installation stammen von deinem Großvater, der von Beruf Schlachter war. Wie hat deine eigene Biographie das Thema der Ausstellung beeinflusst?

Ich bin mit dem täglichem Verzehr von Fleisch groß geworden. Ein Großvater war Schlachtermeister, der andere Landwirt. Da gehörte es dazu, dass die Hühner und Enten im Keller selbst geschlachtet wurden. Ich habe in meiner Kindheit auch ausblutende Schweine und Kühe gesehen und mein Vater hat die Kaninchen, die ich heranwachsen sah, dann auch eines Tages geschlachtet. Auch wenn ich es selbst nicht tun würde, so war diese Art der Fleischbeschaffung wenigstens noch ehrlich. Die Menschen wussten, dass sie etwas auf dem Teller haben, was einmal gelebt hat. Heute ist dieses Bewusstsein aus den Köpfen Vieler verschwunden. Das abgepackte Fleisch aus dem Kühlregal wird nicht anders betrachtet als die Kartoffeln, welche als Beilage gereicht werden. Der Mensch ist gut im Verdrängen und Wegschauen und wenn ein geköpfter Teddy mehr Reaktionen auslöst als Bilder von Massentierhaltung, dann sagt das doch eigentlich schon alles.

Die Kuscheltier-Schlachterei ist noch bis zum 23. März in der xpon-art Galerie zu sehen. Sind weitere Installationen in Planung?

Eigentlich war die Ausstellung etwas, was ich abseits der Fotografie ausprobieren wollte und weitere Installationen waren ursprünglich nicht in Planung. Das aktuelle Geschehen zeigt mir aber, dass ich damit eine Menge Menschen erreichen kann und da mein Kopf selten ruht, habe ich schon einige weitere Ideen, die ich in Zukunft umsetzen möchte.

Du bist bereits seit vielen Jahren in der Hamburger Kunstszene aktiv, arbeitest auch als Fotograf und machst Kurzfilme. Wie hat alles angefangen?

Angefangen hat alles mit der Fotografie und darin liegt auch heute noch mein Schwerpunkt. Diese habe ich anfänglich aber gar nicht als Kunst verstanden oder darauf abgezielt, Künstler zu werden. Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, probiere ich solange herum, bis es funktioniert. Dabei lasse ich mich gerne treiben und probiere neue Dinge aus. Oft folgt eins aus dem anderen. Wenn ich auf Konzerten fotografiere und mit den Bands in Kontakt komme, dann liegt es nicht fern, sich auch an bewegten Bilder in Form von Musikvideos zu versuchen. Gerade in diesem Bereich gibt es jedoch viele Menschen, die technisch deutlich versierter sind als ich. Daher fungiere ich hier lieber als Ideengeber und freue mich, gemeinsam mit anderen Kreativen etwas umzusetzen. Die Sache mit der Kunst ist eher von außen an mich herangetragen worden. Menschen denken gerne in Kategorien und Schubladen. Ich bin da eher wie ein offenes Regal, in das man immer wieder etwas Neues hineinstellen kann, aber aus dem auch mal Uninteressantes wieder herausfällt.

Deine Fotoserie „Backstage Stories“ zeigt Bands auch hinter der Bühne. Wie gelingt es dir, die Musiker von einer authentischen und persönlichen Seite her zu zeigen?

Ich verstehe mich als Beobachter. Ein Grund, weshalb ich auch ungern bei Fotoshootings inszeniere. Menschen verhalten sich anders, wenn ihnen bewusst ist, dass sie fotografiert werden. Ich bevorzuge es dagegen, wenn sich Menschen natürlich verhalten. Der Trick ist also, gefühlt gar nicht da zu sein. Eher abseits zu wandeln und zu beobachten, um dann den richtigen Moment einzufangen.

Du hast eine Leidenschaft, die du mit vielen Hamburgern teilst: den HSV. Den treuen Fans hast du sogar einen eigenen Bildband - „Hamburg Away“ - gewidmet. Welche Faszination geht für dich als Fotograf vom Fußball aus?

Die Unbekümmertheit. Die freie Entfaltung der Emotionen. Diese mit der Kamera einzufangen, ist eine große Freude. Die Fans nehmen Abschied vom Alltag und lassen sich ganz auf das Spiel ein. Freude und Leid liegen hier oft nah beeinander und dieses durchleben sie in den 90 Minuten. Innerhalb von Sekunden verwandelt sich absolute Anspannung in grenzenlose Freude. Dies alles kann man in den Gesichtern ablesen und diese Gesichter sagen so unglaublich viel aus.

Auch in einem deiner Fotoprojekte richtest du den Fokus auf Tiere. Die Serie „Streetanimals“ soll schockieren und die Augen öffnen. Bist du ein Idealist?

Das ganz bestimmt nicht. Ich selbst habe auch schon ein Tier überfahren, was mich sehr bekümmert hat. Gerade wenn man so viel Zeit im Auto zubringt wie ich, ist dies leider nicht immer zu vermeiden. Doch auch hier geht es darum, nicht wegzusehen, sondern bewusst durch das Leben zu gehen. Für unser Handeln Verantwortung zu übernehmen und nicht alles einfach abzutun. Es ist erschreckend festzustellen, wie viele Tiere am Straßenrand liegen, wenn man einmal seinen Blick darauf eingestellt hat. Etwas mehr Achtsamkeit beim Autofahren und im Leben - das ist es, was ich mir wünsche und auch mir selbst immer wieder auferlege.

Als Fotograf blickst du bereits auf langjährige Erfahrung und viele verwirklichte Projekte zurück. Deine Installation in der xpon-art Galerie hat dich nun einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Welche Richtung willst du als Künstler künftig einschlagen und welche Themen bewegen dich zur Zeit ?

Ich plane gerade einige Projekte, die auch zukünftig meine beiden großen Leidenschaften - die Musik und die Fotografie - verbinden werden. Da ist zum Beispiel eine Tourbegleitung in die USA im Gespräch und noch einige weitere spannende Dinge. Meine Fotoserie "Sofa Stories" werde ich fortsetzen und mein Sofa noch an vielen interessanten Orten platzieren. Aber auch sonst ist mein Kopf voller Ideen, die nach und nach ans Licht kommen werden. Kuscheltiere werden dabei nach wie vor eine Rolle spielen, weshalb ich mich auch weiterhin über Stofftier-Spenden freue. Ahoi!

Das Interview führte Mirja Strbac

Autor:

Der Hamburger Künstler und Kuscheltier-Schlachter im Interview
Ein Mann, ein Beil: der Hamburger Künstler Miroslav Menschenkind stellt sich für seine aktuelle Ausstellung "Kuscheltier-Schlachterei" hinter die Schlachtbank. Noch bis zum 23. März können Besucher in der xpon-art Galerie Plüschwurst und Kuscheltier-Schinken für 16,99 Euro pro 100 g kaufen - alles aus kontrolliert regionaler Stofftierhaltung.
20171024 11:43:00