Ateliergemeinschaft getting-up Die drei Graffiti-Künstler von getting-up im Interview

Die drei Graffiti-Künstler Mirko Reisser (DAIM), Heiko Zahlmann und Gerrit Peters (TASEK) haben mit Ihren Arbeiten weltweit Beachtung gefunden und zur Etablierung von Graffiti als Kunstform beigetragen. Das große Interview über die Wurzeln des Graffiti als Street-Art und sein Einzug in die Museen und Galerien.

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getting-up Interview

Graffiti: Kunst oder Vandalismus?

Die Frage, wo beim Graffiti die Grenze zwischen Kunst und Vandalismus verläuft, spaltet die Geister. Wie kontrovers das Thema Street-Art in der Öffentlichkeit diskutiert wird, zeigte das Ende des legendären New Yorker Graffiti-Zentrums "5Pointz", welches einem Bauprojekt mit Luxuswohnungen weichen musste. 

Tatsache ist: Graffiti nimmt heute vielfältige Ausprägungen an, von maskierten Sprühkommandos an Bahngleisen bis hin zu großflächigen Wandbildern, die so manchen städtischen Bausünden die graue Tristesse nehmen.

Ob gesprühte Selbstdarstellung und Zerstörungswut oder kreativer Urtrieb aus einer Zeit, in der Botschaften noch mit Kreide an Höhlenwänden verewigt wurden - Graffiti sind heute aus dem urbanen Raum nicht mehr wegzudenken. Und sie entstehen auch längst nicht nur in illegalen Nacht- und Nebelaktionen, sondern sind auch als legale Auftragsarbeiten sowie in Kunstausstellungen zu sehen und erzielen auf dem Kunstmarkt mitunter hohe Preise.

Eine solche legale Auftragsarbeit kann man bei der Einfahrt in den Hamburger Hauptbahnhof bestaunen: die sieben großen Wandbilder am Hühnerposten, ausgeführt von der Hamburger Ateliergemeinschaft getting-up.

Die Ateliergemeinschaft getting-up

Die Ateliergemeinschaft getting-up hat sich mit Projekten wie "Dock-Art", einem 2.000 m² großem Graffiti-Transparent im Hamburger Hafen, oder der internationalen Ausstellungsserie "Urban Discipline" weit über Hamburg hinaus einen Namen gemacht.

Hinter getting-up stehen die drei Graffiti-Künstler Mirko Reisser (DAIM), Heiko Zahlmann und Gerrit Peters (TASEK), die sich 1999 zur Ateliergemeinschaft zusammengeschlossen haben, um ihre kreativen Kräfte zu bündeln. Das Ergebnis sind zahlreiche Ausstellungen und Wandgestaltungen, wie die 700 m² große Sockelgestaltung des neu gebauten Umspannwerkes in der HafenCity.

Im Interview mit hamburg.de sprechen die drei Künstler über Graffiti zwischen Kunst und Vandalismus, Tradition und Weiterentwicklung, Street-Art und Auftragsmalerei.

Interview mit getting-up:

hamburg.de: Sie arbeiten bereits seit 1999 als Ateliergemeinschaft getting-up zusammen. Wie kamen Sie als Künstler zusammen und was drückt der Name „getting-up“ aus?

Da wir bereits seit Ende der 1980er Jahre Graffiti sprühen, hatte jeder von uns bereits langjährige Erfahrung gesammelt, bevor wir uns als Ateliergemeinschaft zusammenschlossen. Wir wollten Kräfte und Erfahrungen bündeln. Unsere Vision war es, Projekte in größerem Ausmaß zu realisieren, die in dieser Größenordnung für einen einzelnen Künstler möglicherweise nur schwer umsetzbar gewesen wären. Wir standen zu dieser Zeit alle an einem ähnlichen Punkt in unserer Karriere: bis dahin hatten wir nur im öffentlichen Raum gesprüht. Die Idee eines Künstlerateliers bot eine neue Perspektive für uns und das finanzielle Risiko, welches daraus resultiert, wollten wir auch gemeinsam tragen.

Der Name „getting-up“ ist ein alter Szenebegriff, der für den „Aufstieg“ in dieser steht. Er drückt eine Motivation aus, an die selbstgesteckten Ziele zu glauben und dafür zu „kämpfen“.

Zu Ihren vielen gemeinsamen Projekten zählt u.a. die Wandarbeit am Hühnerposten. Gibt es bei drei individuellen Künstlern eigentlich auch manchmal Reibungen oder haben Sie bei gemeinsamen Arbeiten meist ähnliche Konzeptionen?

Da wir viel Wert auf unsere individuelle künstlerische Identität legen, ergänzen wir uns hervorragend in gemeinsamen Projekten. Dadurch werden große komplexe Wandbilder im Team vielfältig, Reibungen – im positiven Sinne – sind hierbei nützlich und wertvoll. Jeder kann sich so mit seinen individuellen Erfahrungen und Interessensschwerpunkten optimal einbringen. Es gilt ja nicht nur eine kreative Bildidee umzusetzen, sondern ein Projekt mit allen Bereichen der Planung, Organisation und Realisierung durchzuführen.

Wie erklären Sie sich die starke Verbreitung von Graffiti seit den 80er Jahren und welche Bedeutung haben sie für den urbanen Raum?

Graffiti ist Teil der gesamten Hip-Hop-Kultur und ist in seinem Facettenreichtum erst einmal potenziell interessant für jeden Heranwachsenden. Die positiven, energiegeladenen Momente, durch die man Grenzen ausloten, aber auch Perspektiven für die eigene Person entwickeln kann, sind sicherlich ein Hauptgrund dafür, dass sich die Graffiti-Szene in kürzester Zeit auf dem gesamten Globus ausbreiten konnte.

Die Bedeutung von Graffiti wird hierbei besonders sichtbar durch den Fakt, dass sich mittlerweile eine große Anzahl von Graffiti-Sprühern zu etablierten Künstlern entwickelt und Graffiti und die daraus resultierenden Entwicklungen die gesamte kreative Szene durchdringen konnten. Kann man sich noch eine Stadt ohne Graffiti und Street-Art in allen ihren Facetten vorstellen?

Sie haben mit zahlreichen Projekten und Ausstellungen weltweit Beachtung gefunden und zur Etablierung von Graffiti als Kunstform beigetragen. In Ihren eigenen Worten: was macht Graffiti zu Kunst – und wo hört Graffiti auf, Kunst zu sein?

Die Diskussion, ob Graffiti Kunst ist, haben wir ganz extrem spätestens 2002 im Rahmen der "Urban Discipline"-Ausstellung geführt. Das war auch einer der Hauptgründe dafür, diese Ausstellungen zu organisieren. Wir wollten ein Forum schaffen und darüber diskutieren, wie sich Graffiti etwa verändert, wenn es auf einer Leinwand realisiert oder in geschlossen Räumen ausgestellt wird.

Letztlich kann man diese Frage nicht allgemeingültig beantworten. Aber es wurde relativ deutlich, dass Graffiti nicht automatisch Kunst sein kann. Kunst wird letztlich durch etwas anderes definiert, als nur durch die Technik.

Als Sprayer haben Sie sich bereits früh von der Illegalität gelöst und setzen heute ausschließlich legale Projekte um. Sehen Sie sich als Vorbilder für junge Sprayer?

Natürlich benötigt man eine Vision und Perspektiven um seine Fähigkeiten im späteren Leben auszuleben. Wir haben diese Chance bekommen und möchten sie gerne auch jüngeren Generationen weitergeben. Wir sehen uns aber nicht notwendigerweise als Vorbilder – ein Leben als Künstler birgt schließlich auch gewisse Risiken.

Ist der Reiz des Verbotenen untrennbar mit dem Sprayen verbunden oder können legale Graffiti-Flächen wie die „Hall of Fame“ in Harburg den kreativen Drang kanalisieren?

Wenn wir damals nicht legale Möglichkeiten für unsere Entwicklung gehabt hätten, würden wir möglicherweise nun nicht an diesem Punkt im Leben stehen. Natürlich sind Möglichkeiten, sich auch durch Graffiti legal auszudrücken, extrem wichtig um Jugendlichen eine Perspektive aufzuzeigen. Ob aber das legale Sprühen jeden illegalen Sprüher auf einen anderen Weg führen kann, darf bezweifelt werden. Dafür gibt es wohl auch zu viele unterschiedliche Bereiche im Graffiti, nicht jeder kann und will alle davon abdecken.

Sie kooperieren auch mit anderen Künstlern aus der Graffiti-Szene, z. B. beim Projekt „Dock-Art“ am Hamburger Hafen. Wie wichtig ist der kreative Austausch der Künstler untereinander in der Street-Art- und Graffiti-Szene?

Oft fängt man als Team an zu sprühen. Das gemeinsame erleben und die Auseinandersetzung mit anderen Sprühern und Freunden gehört untrennbar zu der Graffiti-Szene. Dies war uns immer wichtig und daher haben wir unsere Ateliergemeinschaft immer auch als Anziehungspunkt und kreativen Ort für Künstler-Freunde verstanden. Von hier aus konnten wir in unterschiedlichen Teams Ausstellungen und Projekte realisieren. Wir haben zu verschiedenen Projekten Künstler aus aller Welt nach Hamburg eingeladen, dadurch hatten wir aber auch die Möglichkeit, an Projekten im Ausland teilzuhaben. Der Netzwerkgedanke wird in der Graffiti-Szene groß geschrieben, das funktioniert natürlich mit einigen besser als mit anderen.

In den Jahren 2000 bis 2002 organisierten Sie drei „Urban Discipline“-Ausstellungen zum Thema Graffiti und Street-Art in Hamburg. Planen Sie in Zukunft eine Fortsetzung der Ausstellungsreihe?

Wir sind sehr glücklich, dass wir damals im Rahmen der Maximum Hip-Hop Tage diese Ausstellungen realisieren konnten. Heute zählen sie zu den wichtigsten Ausstellungen zu diesem Thema weltweit. Zu jeder Ausstellung haben wir einen Katalog herausgegeben; mittlerweile sind diese zu begehrten Sammlerstücken geworden.

In erster Linie sehen wir uns selbst aber als Künstler und nicht als Ausstellungsorganisatoren. Wir kamen, vor allem was die Größe der Ausstellung betraf, an die Grenzen unserer Ressourcen und mussten uns dann zu einem gewissen Teil auch entscheiden... Und diese Entscheidung fiel schließlich zu Gunsten unseres persönlichen künstlerischen Werdegangs.

Zu Ihren sozialen Projekten gehört ein großes Wandbild im Besucherraum der JVA Hamburg-Fuhlsbüttel, das Sie für die Initiative „Gefangene helfen Jugendlichen“ gestaltet haben. Welchen gesellschaftlichen Beitrag kann Kunst im öffentlichen Raum leisten und wo setzen Sie den Schwerpunkt Ihres sozialen Engagements?

Wie oben bereits beschrieben ist das Aufzeigen von möglichen Perspektiven ganz entscheidend für die gesunde Entwicklung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Wir können hier mit unseren Erfahrungen vielfältigen Vereinen und Projekten helfen, denn es geht beim Graffiti nicht nur um eine künstlerische Auseinandersetzung und Entwicklung, auch Begriffe wie Eigenständigkeit, Rücksichtnahme und Respekt sind wichtige Eckpfeiler der Szene.

Ein Beispiel für unser soziales Engagement ist unter anderem die "Jamliner"-Initiative, deren „rollende Musikschule“ wir gestaltet haben. Diese umgebauten Linienbusse fahren in Stadtteile, in denen sie Jugendlichen umsonst eine Anlaufstelle zur kreativen Freizeitgestaltung auf hohem Niveau bieten. Aber auch unser Projekt "Stylekickz" ist ein kostenloses Angebot an Jugendliche und junge Erwachsene, denen in einem „Work-Camp“ die Geschichte von Graffiti und Street-Art nähergebracht und ihnen unter professioneller Anleitung geholfen wird, eigene künstlerische Ideen mit Sprühdose und anderen Techniken zu verwirklichen.

Welche bisher noch nicht realisierten Projekte schweben Ihnen als Ateliergemeinschaft noch vor?

Graffiti hat sich aus der Urbanität heraus entwickelt. Natürlich bietet auch gerade Hamburg an vielen Punkten und Ecken noch große spannende Herausforderungen für uns!

Das Interview führte Mirja Strbac

Autor:

Die drei Graffiti-Künstler von getting-up im Interview
Die drei Graffiti-Künstler Mirko Reisser (DAIM), Heiko Zahlmann und Gerrit Peters (TASEK) haben mit Ihren Arbeiten weltweit Beachtung gefunden und zur Etablierung von Graffiti als Kunstform beigetragen. Das große Interview über die Wurzeln des Graffiti als Street-Art und sein Einzug in die Museen und Galerien.
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