Graffiti-Künstler Gerrit Peters (TASEK) TASEK: "Die Ausdrucksweisen der urbanen Kunst scheinen heute freier"

Gerrit Peters, besser bekannt unter seinem Writer-Namen TASEK, ist seit über 20 Jahren als Graffiti-Künstler aktiv und Teil der Hamburger Ateliergemeinschaft getting-up. Im Interview spricht er über die Bedeutung von Graffiti als Teil der Urbankultur und den Wandel der öffentlichen Wahrnehmung von Street-Art.

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TASEK Gerrit Peters Interview

Graffiti-Künstler Gerrit Peters

Sein Writer-Name "Tasek" erinnert an seine Wurzeln als Graffiti-Sprayer. Mit 14 begann Gerrit Peters zu sprayen, 10 Jahre später nahm er sein Studium des Kommunikationsdesigns und Illustration in Hamburg auf. Heute lebt und arbeitet er als freischaffender Künstler in der Hansestadt.

Ob an Fassaden oder auf Leinwand - die Spraydose kommt bei Gerrit Peters nach wie vor zum Einsatz, jedoch in Kombination mit anderen gestalterischen Mitteln wie Siebdrucktechnik. Seine Arbeiten kreisen um Themen wie Reizüberflutung, Massenkonsum und Nachhaltigkeit. Dabei sucht er die Interaktion mit dem Betrachter, wie z. B. bei seiner Installation "suffizienz", die mit sich türmenden PET-Flaschen entlang einer öffentlichen Treppe die Wegwerfgesellschaft anprangert.

Seit 1999 ist Peters Teil der Hamburger Ateliergemeinschaft getting-up, mit der er u.a. die großformatigen Wandbilder am Hühnerposten gestaltet hat. Zusammen mit seinem Atelierkollegen Mirko Reisser (DAIM) beteiligte er sich außerdem an einem 300 m² großen Graffiti in São Paulo im Rahmen des weltweiten UNESCO-Projekts "Mural Global" zur Agenda 21. Hamburg.de bat den Urban-Art-Künstler zum Interview.

Interview mit Gerrit Peters

hamburg.de: Herr Peters, seit Ihren Anfängen als Sprayer Mitte der 80er Jahre hat sich in der Szene viel getan und auch Sie haben sich als Künstler weiterentwickelt. Hat die Graffiti-Kunst, wie wir sie heute in Ausstellungen und Auftragsarbeiten sehen, überhaupt noch einen Bezug zu ihren urbanen Wurzeln?

Peters: Selbstverständlich ist diese Verbindung vorhanden. Im Grunde hat sich nicht die Kunst gewandelt, sondern eher das Verständnis, die öffentliche Wahrnehmung zum Thema Graffiti und Street-Art. Zwar liegt ihr Ursprung in der Jugend- und Subkultur, jedoch ist diese Kunstform nun ein Teil unserer Urbankultur geworden, welche maßgeblich Einfluss auf unser heutiges Kulturverständnis im Ganzen nimmt. In meinen Augen ist Graffiti, Street-Art oder eben Urban-Art die eine, natürliche Kunstform im Herzen der urbanen Gesellschaft.

Die Ausdrucksweisen in der Urbanen Kunst scheinen heute jedoch freier, weiter gefasst als in den 80er Jahren. Mehr Stile, vielfältigste Einflüsse und künstlerische Konzepte finden nun Eingang in die Kunst der Straße. Das hat das Spektrum definitiv vergrößert, aber in seiner eigentlichen Form nicht zwingend verändert. „Tags“ in der Straße gibt es ja nach wie vor. Und Graffiti gab es in den 80ern in den Galerien auch, wenn auch auf eine eigene Weise.

Im Jahr 2001 beteiligten Sie sich an einem 300 m² großen Graffiti in São Paulo im Rahmen von Mural Global, einem weltweiten Wandmalprojekt zur Agenda 21 unter Schirmherrschaft der UNESCO. Wie erklären Sie sich den Aufstieg von Graffiti zur globalen Jugendsprache? Kann Graffiti die jüngere Generation besser erreichen als andere Kunstformen?

In meinen Augen ist, wie gesagt, die urbane Gesellschaft und ihr Kulturverständnis entscheidend. Graffiti konnte nur hier entstehen, in einem von Anonymität und Massenoptimierung geprägten Lebensumfeld.
Städteplanung, Architektur, Kultur und Soziales sind ausgerichtet nach diesen Vorgaben. Diese Regeln lassen sich überall auf der Welt ablesen, finden auf dieselbe Weise statt in Großstädten Deutschlands und anderswo.
Ich konnte diese sich stark gleichenden Milieus auf den Stationen meiner Projektreisen in alle Welt vorfinden, ob Sydney, Bangkok, Delhi, New York oder eben São Paulo. In dieser Umgebung hat sich ein global vergleichbares, und auch vernetztes, natürliches Phänomen entwickeln können.
Die Kunst wächst mit, lässt aber jederzeit den ursprünglichen Eingang für Neulinge offen. Es ist, sozusagen, erst einmal Graffiti, wird dann im Laufe der Zeit gegebenenfalls zur Kunst.

Als Graffiti-Künstler beschränken Sie sich nicht auf die Sprühflasche, sondern kombinieren diese mit anderen methodischen Mitteln wie Siebdrucktechnik. Aus welchen Quellen schöpfen Sie die Inspiration für Ihre Kunst?

Interaktion mit Alternativen war schon immer sehr spannend für mich, in allen erdenklichen Formen. Andere Künstler, andere Kulturen und Lebensräume, andere Genres, Techniken und Methoden. Ich lasse mich da gern aus dem klassischen Graffiti-Bezug entführen. Nur der Grenzgang zeigt mir das Zentrale auf, nur so kann ich es spüren. Genau so muss ich aber auch immer wieder zurückkehren und schöpfe wieder aus den Basics, die meinen Ausgang bilden. Das sieht in meiner Arbeit dann oft recht sprunghaft aus, muss aber unbedingt sein für meinen persönlichen, künstlerischen Diskurs.

Viele Ihrer Graffiti transportieren politische und gesellschaftskritische Botschaften. Sehen Sie sich als Künstler in einer gesellschaftlichen Verantwortung?

Definitiv sehe ich mich als Künstler in einer Verantwortungshaltung gegenüber der Gesellschaft. Diese Ambivalenz, auf der einen Seite dieser natürlichen urbanen Kultur künstlerisch entsprungen zu sein und gleichzeitig den unheimlich komplexen Problemen der Massengesellschaft unserer Zeit gewahr zu sein, ist oftmals schwer zu vereinbaren mit den eigenen Ansprüchen und Vorstellungen als Mensch. Das muss ich verarbeiten, vornehmlich in meinen künstlerischen Arbeiten, durch die ich natürlich etwas mitzuteilen habe. Ich will mir, und damit auch anderen, diese Diskrepanzen bewusst machen, bzw. bewusst halten. Wir als Generation dürfen nicht vergessen, dass es eine Menge zu tun gibt. Hier direkt vor der Tür und jetzt.

Ihre Installation „suffizienz“ zeigt scheinbar achtlos hingeworfene PET-Flaschen. Welche Rolle spielen die in Ihrer Kunst aufgegriffenen Themen Massenkonsum und Nachhaltigkeit in Ihrem Leben?

Diese Themen sind allgegenwärtig. Alles ist so sehr verwoben miteinander: Chance und Verderben, Fortschritt und Rückschritt, Erkenntnis und Ignoranz. Die PET-Flasche ist ein sehr passendes Synonym für mich, wenn ich als Künstler auf dieses Dilemma schaue. Optimal und effizient für ihren Zweck, als Abfall jedoch kaum zu fassen oder zu vertreten. Ein wirklich sehr spannender Werkstoff und Symbolträger. Vor allem aber interessiert mich immer dabei, mit welchem Bewusstsein wir diese Dinge im Alltag verwenden. Da gibt es künstlerisch unendlich viel Inspiration für mich, erst einmal weitgehend wertungsfrei. Den mahnenden Moralfinger muss letztendlich jeder gegen sich selbst erheben.

Graffiti wird als Ausdruck der Jugendkultur längst auch für Werbezwecke genutzt. Wie stehen Sie zum Thema Kommerzialisierung von Street-Art?

Das halte ich für normal und nicht zu verhindern. Jede Jugend- oder Subkultur wird benutzt für kommerzielle Zwecke, so bald sie verspricht, eine breite Masse erreichen zu können. Das unterstreicht in meinen Augen nur die Relevanz von Street-Art in unserem Kulturleben. Der Code ist erlernt und gehört nun in seiner Gänze dazu.

Welche Projekte und Themen beschäftigen Sie zurzeit?

Ich versuche mich so viel es geht in Projekten im Bereich Nachwuchsförderung und Vermittlung zu engagieren. Das halte ich für eine wichtige Sache und liegt mir sehr am Herzen. Neben eigenen Projekten wie dem „Stylekickz“ Graffiti Workshop-Programm bin ich auch als Trainer an der HipHop Academy tätig. Ich versuche regelmäßig mit Schulen, Universitäten und andere Häusern zu arbeiten.
Ich bin aber gerade hauptsächlich mit meiner Tochter beschäftigt und in Elternzeit. Eine neue Zeit und neue Gedanken. Welche neuen Ideen und Arbeiten dabei und danach entstehen, werde ich sehen. Erst einmal überwiegt die einfache Freude.

Das Interview führte Mirja Strbac

Autor:

TASEK: "Die Ausdrucksweisen der urbanen Kunst scheinen heute freier"
Gerrit Peters, besser bekannt unter seinem Writer-Namen TASEK, ist seit über 20 Jahren als Graffiti-Künstler aktiv und Teil der Hamburger Ateliergemeinschaft getting-up. Im Interview spricht er über die Bedeutung von Graffiti als Teil der Urbankultur und den Wandel der öffentlichen Wahrnehmung von Street-Art.
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