Urban-Art-Künstler Heiko Zahlmann Von der Wand in den Raum in den Himmel: Heiko Zahlmann im Interview

Seine kreative Laufbahn begann Heiko Zahlmann als Sprayer. Heute hat er mit seinen Wandreliefs und Skulpturen den Raum für sich erobert. Bekannt ist der Künstler u. a. für seine begehbare Betonskulptur auf dem Karolinenplatz in St. Pauli. Im Interview gewährt er uns einen Einblick in seinen künstlerischen Werdegang und die Hintergründe seiner Arbeiten.

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Heiko Zahlmann Interview

Heiko Zahlmann: Weiterentwicklung des Graffiti

Seit der Einweihung des Karolinenplatzes auf St. Pauli im Jahr 2008 ist Hamburg um ein öffentliches Kunstobjekt reicher: Die begehbare Betonskulptur "20357" lädt die Passanten zum Verweilen, Staunen und Streiten über Kunstgeschmack ein. Auch junge Skater und Sprayer haben die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten der Betonebenen bereits für sich entdeckt. Kunst zum Anfassen eben - ganz im Sinne ihres Schöpfers Heiko Zahlmann.

Dass Zahlmanns künstlerische Wurzeln im Graffiti liegen, offenbart sich erst aus der Vogelperspektive: Die Betonebenen fügen sich zu einem abstrakten mehrstufigen Gebilde zusammen - die Postleitzahl des Viertels. Als Sprayer erzeugte er räumliche Tiefe noch mittels gemalter Effekte. Heute gehen seine grafischen 3D-Graffiti durch ihre Übertragung auf formbare Materialien wie Holz oder Beton von der Wand in den Raum über.

Zahlmanns plastische Wandreliefs sind nicht nur in der Hamburger Galerie Borchardt zu sehen, sondern zieren auch das Hotel Atlantic in Hamburg und diverse Bürokomplexe von Hannover bis Frankfurt am Main. Und auch die Spraydose hat noch einen Platz in seinem Leben: Als Teil der Hamburger Ateliergemeinschaft getting-up war er u.a. an den sieben großen Wandbildern am Hühnerposten beteiligt. Demnächst sind Zahlmanns Werke in der Gruppenausstellung "reKOLLEKT" in der Galerie Borchardt zu sehen (Eröffnung am 9. Mai 2014).

Welches Projekt ihn derzeit ins ferne Katar führt, verrät er uns im Interview.

Interview mit Heiko Zahlmann

hamburg.de: Herr Zahlmann, Ihr kreatives Schaffen begann mit der Spraydose, heute gestalten Sie auch Wandreliefs und Skulpturen. Trifft der Oberbegriff "Graffiti" überhaupt noch auf Ihre Kunst zu oder greift er zu kurz?

Zahlmann: Die Schwerpunkte meiner Arbeit haben sich im Laufe der Jahre verändert. Da ich mittlerweile seit über 20 Jahren davon lebe, wäre es auch langweilig, wenn dies nicht so wäre. Früher hat es mir gereicht, klassisches Graffiti zu sprühen, idealerweise wurde ich häufig auch noch dafür bezahlt.

Als Künstler wollte ich mich weiterentwickeln und so entstanden durch unendlich viele Experimente Bilder, die immer mehr Graffiti-typische Elemente wegließen, z. B. Farbübergänge, sog. "Fadings", oder geschwungene Elemente. Dadurch hatte ich jedes mal das Gefühl, einen Schritt weiter zu kommen, ohne meine Herkunft zu verleugnen. Schließlich ließ ich sogar komplett die Farbe weg, so dass vollkommen monochrome Bilder in Schwarz oder Weiß entstanden.

Meine aus Betonteilen "gebauten" Reliefarbeiten sind die Weiterentwicklung des gesprühten 3D-Graffiti, die gespachtelten Arbeiten die Weiterentwicklung aus den Graffiti-typischen "Tags", also den Signaturen der Sprüher. Ich versuche ständig in Bewegung zu bleiben und auch mit neuen Materialien zu experimentieren. Viele Kollegen können mir da nicht folgen, aber es geht mir ja nicht darum, irgendjemandem zu gefallen.

Meine Arbeiten verstehe ich nicht mehr als typische Graffiti, sondern als Weiterentwicklung von Graffiti. Selbst wenn man dies nicht auf Anhieb erkennen kann, ist es doch darin enthalten. 

Der Begriff Graffiti leitet sich aus dem italienischen "Sgraffito" ab und bezeichnet ursprünglich die Gestaltung von Fassaden mittels einer Kratzputztechnik. Sind Ihre Objekte aus Beton und Holz eine Rückbesinnung auf den Ursprung oder eine moderne, abstrakte Ausprägung des Graffiti?

Tatsächlich habe ich Arbeiten geschaffen, die sich auf die genannte Herkunft des Wortes Graffiti beziehen. Hier habe ich untere Farbschichten freigelegt durch das Einritzen von Graffiti-typischen Elementen in frische Spachtelmasse. Daraus ist eine ganze Werkgruppe entstanden.

Die Wandreliefs allerdings, die ich heute aus einem speziellen Beton baue, sind eine Weiterentwicklung des gesprühten 3D-Graffiti, das schon Sprüher vor 40 Jahren in New York erstaunlich plastisch umsetzen konnten. Vor ca. 10 Jahren hatte ich die Idee, die stark abstrahierten Schriften, die ich damals mit viel Aufwand gesprüht habe, nicht als Wandbild umzusetzen, sondern als Wandrelief zu bauen. Licht und Schatten habe ich also nicht mehr mit verschiedenen Farben aus der Sprühdose imitiert, sondern eher durch die Beleuchtung meiner Reliefs erschaffen.

Sogar den Einsatz von Farbe kann ich mir heute häufig sparen, indem ich meine Motive in Beton fräse. Das Ergebnis ist dann quasi ein Bild ohne Farbe, bei dem das Motiv nur durch Licht und Schatten sichtbar ist.
Dass ich immer reduzierter arbeiten kann, Akzente anders setzen kann, sehe ich als Gewinn und Chance für meinen ganz persönlichen Fortschritt.

"Von der Wand in den Raum in den Himmel" lautete der Titel Ihrer Ausstellung im Jahr 2010 in der Galerie Borchardt und beschreibt in gewisser Hinsicht auch Ihre künstlerische Entwicklung. Können Sie sich denn noch für das klassische Sprayen begeistern?

Ja, auf jeden Fall, vielleicht sogar noch mehr als früher, als ich noch von mehr oder weniger klassischen Graffiti gelebt habe.

Es haben in meinen Augen nur sehr wenige Künstler geschafft, authentische Graffiti, z. B. auf Leinwand, in die Galerien oder Museen zu transportieren. Zu häufig sehe ich da einen Kompromiss. Einem gut gemachten, spontan entstandenen " Tag" kann ich viel mehr abgewinnen als einer Graffiti-Leinwand, für die der Künstler vielleicht tagelang gebraucht hat und vor der manche Leute stehen bleiben und denken, "Oh, die würde gut zu der Farbe meines neuen Sofas passen". Der typische Graffiti-Schriftzug existiert nur seiner selbst wegen, das gefällt mir. Die Graffiti-Leinwand wirkt häufig doch zu gefällig. Eine Leinwand ist und bleibt ja die einfachste Art und Weise ein Kunstwerk transportabel und verkäuflich zu machen und zwar schon seit vielen hundert Jahren. Gerade Graffiti-Künstler sollten sich da schon etwas eigenes einfallen lassen. Daher kam ich auf die Idee, Betontafeln als Bildträger zu verwenden. Später habe ich angefangen, meine Buchstaben oder Buchstabenfragmente selber aus Beton zu bauen.

Warum nimmt die Postleitzahl "20357", die auf Ihren Wand-Graffiti und Skulpturen zu sehen ist und sogar einer limitierten Auflage von Ihnen designter NIKE-Sneaker den Namen gab, eine so wichtige Stellung in Ihrer Kunst ein?

Weil sie ein wichtiger Schritt in meiner künstlerischen Laufbahn war. Hier habe ich auch mal wieder gespürt, was es bedeutet, zu polarisieren. Künstler sein heißt doch auch, mal etwas zu machen, ohne dass gleich jeder "Hurra" schreit. Manchmal braucht es seine Zeit, um die Öffentlichkeit zu sensibilisieren. Bei manchen Dingen wird dies auch nie passieren.

Als ich vor 20 Jahren damit anfing, im Karoviertel eine große Open-Air-Galerie mit vielen Wandbildern zu schaffen - wohlgemerkt legal - tauchte in vielen dieser Bilder die Postleitzahl des Viertels auf. Die Idee war also nicht neu. Damals ging ab und zu das Fenster auf und Leute schrien Sätze wie: "Dir sollte man die Hände abschneiden". Heute kommen Eltern mit ihren Kindern zu mir und sagen: "Das finde ich aber toll, was sie da machen! Schauen sie mal, das hier hat mein Sohn gemalt, ist er nicht talentiert ?"

Graffiti und Urban Art ist heute auf der ganzen Welt Mainstream, und wir sind selber auch ein Teil davon. Es ist äußerst leicht mit gefälligen Arbeiten die dem Zeitgeist entsprechen, Applaus zu bekommen. Das kann aber nicht Ziel eines Künstlers sein.

Die begehbare Skulptur "20357" auf dem Karolinenplatz war eine wichtige Chance für mich und ich bin froh, dass ich sie nicht verschwendet habe mit bunter anschmiegsamer oder kitschiger Effekthascherei, selbst wenn das nicht jeder auf Anhieb nachvollziehen kann.

Ihre begehbare Betonskulptur prägt seit 2008 das Straßenbild des Karolinenplatzes, die inzwischen darauf verewigten Graffiti ebenfalls. Wo liegt beim Graffiti die Grenze zwischen Kunst und Vandalismus?

Graffiti ist nicht notwendigerweise Kunst, allerdings auch nicht automatisch eine Schmiererei, nur weil es mit der Sprühdose gemacht ist. Glücklicherweise muss ich nicht darüber entscheiden. Was mir persönlich sehr gefällt, kann für den Nächsten eine Schmiererei sein. Vielleicht auch, weil er oder sie es einfach nicht versteht oder verstehen will.

Die begehbare Postleitzahl ist eine Skulptur für die Öffentlichkeit. Sie bietet über ihr Dasein als Kunstobjekt im öffentlichen Raum hinaus auch die Möglichkeit, sie zu nutzen. Ob es ein Skater ist oder Kinder, die auf ihr spielen, oder sogar als Plattform für ein Nachbarschaftsfest (schon mehrfach geschehen). Dafür muss man kein Kunstexperte sein. Vielleicht nutzen sie manche auch als Plattform, um eine Botschaft zu verbreiten oder als Untergrund für ein Graffiti. Ob mir das im Einzelfall nun passt oder nicht, spielt keine Rolle. Ich kann ja auch nicht sagen: du darfst da jetzt sitzen und du aber nicht. Entweder öffentlich oder nicht. Gerade Randgruppen, die sonst keine Lobby haben, oder keine Öffentlichkeit sollten diese Möglichkeit bekommen.

Die Frage Kunst oder Vandalismus stellt sich für mich nicht. Ein Graffiti kann im Extremfall beides sein oder auch gar nichts von beidem.

Welche Rolle spielt der urbane Raum für Sie als Künstler?

Meiner Meinung nach sollte es mehr Kunst im öffentlichen Raum geben, das könnte unserer Stadt sogar etwas mehr Identität verleihen. Leider werden viele Chancen auf eine Aufwertung des Stadtbildes im Sinne der Kunst vergeben und es entsteht großer Kitsch oder gar nichts.

Für mich hat es immer Vor- und Nachteile, im Atelier, für oder in einem Ausstellungsraum zu arbeiten. Das heißt z. B. mehr Ruhe bei der Arbeit zu haben, allerdings sehen die Ergebnisse in den meisten Fällen nur genau die Leute, die sich auch für genau diese Art von Kunst interessieren.

Wenn man allerdings über Wochen ein Wandbild im öffentlichen Raum malt, vielleicht sogar an einer prominenten Stelle, ist man ständig im Gespräch mit Anwohnern oder Passanten, die teilweise sehr genau beobachten, was man da macht. Manchmal versuchen sie auch Einfluss auf das Ergebnis zu nehmen. Auf jeden Fall bin ich dann ständig am Quatschen mit Bekannten oder Unbekannten, die mehr oder weniger zufällig vorbeikommen. Das verlängert die Entstehungszeit, macht das Ganze aber auch viel interessanter. Kommunikation ist das Stichwort. Sprüher suchen schon traditionell nach einer öffentlichen Wahrnehmung. Sie haben das Arbeiten im öffentlichen Raum zwar nicht erfunden, aber in gewisser Weise perfektioniert. Alleine schon wenn es auf die Sichtbarkeit, d. h. die Auswahl der Position der Arbeit im öffentlichen Raum ankommt, hat ein Sprüher schon ein sehr geschultes Auge.

Eines Ihrer Projekte führt Sie derzeit nach Katar. Können Sie uns mehr darüber verraten?

Die Graffiti-Szene lebt vom weltweiten Austausch, daher war ich schon immer viel auf Reisen. Das ist eine der angenehmen Seiten an meinem "Beruf". Früher war es vielleicht ein Festival in Griechenland oder ein gesprühtes Bild in den USA. Heute gibt es auch interessante Auftragsarbeiten, bei denen man mir künstlerisch freie Hand lässt, die aber viel mehr Planung verlangen.

In den letzten Jahren habe ich mich viel mit Kunst am Bau beschäftigt. Nach Katar bin ich durch eine Anfrage eines bekannten Architekten aus Rotterdam gekommen, der in Doha ein sehr prominentes Gebäude entworfen hat. Er hatte vorher wohl Reliefs und Skulpturen von mir gesehen. Meine Arbeit ist mit dem Gebäude verschmolzen, ist also ein Teil von ihm. Ich habe mit meinem Hamburger Galeristen Peter Borchardt vier Jahre an der Planung gearbeitet. Ohne ihn und die handwerkliche Arbeit unseres Teams hätte ich das Ganze auch niemals realisieren können. Im Januar und Februar 2014 sind wir mit einem Team von fünf Leuten nach Doha geflogen und haben dort meine bisher größte Betonarbeit umgesetzt. Das Format ist ca. 3 m mal 18 m und besteht aus 450 vor Ort angefertigten Einzelteilen. Bilder wird es leider erst nach der Einweihung des Gebäudes geben, in ca. einem Jahr.

Das Interview führte Mirja Strbac

Autor:

Von der Wand in den Raum in den Himmel: Heiko Zahlmann im Interview
Seine kreative Laufbahn begann Heiko Zahlmann als Sprayer. Heute hat er mit seinen Wandreliefs und Skulpturen den Raum für sich erobert. Bekannt ist der Künstler u. a. für seine begehbare Betonskulptur auf dem Karolinenplatz in St. Pauli. Im Interview gewährt er uns einen Einblick in seinen künstlerischen Werdegang und die Hintergründe seiner Arbeiten.
20171024 11:38:31