Graffiti-Künstler Mirko Reisser (DAIM) Das Interview zu seinem 25-jährigen Künstlerjubiläum

Mirko Reisser zählt zu den Besten seiner Zunft: Mit seinen Bildern im 3D-Stil hat er nicht nur die Graffiti-Szene revolutioniert, sondern sich auch darüber hinaus als Künstler einen Namen gemacht. Im Interview spricht er über sein neues Buch zum 25-jährigen Künstlerjubiläum und das Geheimnis seines Erfolgs.

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Mirko Reisser DAIM Interview

Mirko Reisser (DAIM): Der Meister des 3D-Style

Mit 17 Jahren sprühte er die ersten, anfänglich noch illegalen, Graffiti. Heute, 25 Jahre später, ist er einer der bekanntesten Graffiti-Künstler der Welt. Mirko Reisser alias DAIM hat mit seinem 3D-Style neue Maßstäbe gesetzt und zur Etablierung von Graffiti als Kunstform beigetragen.

Man muss nicht viel über Graffiti wissen, um auf Mirko Reisser aufmerksam zu werden. Als Teil der Hamburger Ateliergemeinschaft getting-up hat er die sieben großen Wandbilder am Hühnerposten mitgestaltet, die bei der Einfahrt in den Hamburger Hauptbahnhof nicht zu übersehen sind.

Anlässlich seines 25-jährigen Künstlerjubiläums erscheint im Juni 2014 sein Buch, in dem er ein Vierteljahrhundert kreatives Schaffen Revue passieren lässt. Im Interview verrät der Hamburger Künstler, was ihn nach all den Jahren noch immer am Graffiti fasziniert, wie er seinen 3D-Stil perfektionierte und welche Projekte ihn momentan beschäftigen.

Interview mit Mirko Reisser

hamburg.de: Herr Reisser, Sie begehen in diesem Jahr Ihr 25-jähriges Künstlerjubiläum und veröffentlichen aus diesem Anlass im Juni dieses Jahres ein Buch über Ihre kreative Laufbahn. Worin bestand für Sie der anfängliche Reiz am Graffiti und was fesselt Sie bis heute daran?

Reisser: Als ich 1989 anfing zu sprühen, war ich bereits 17 Jahre alt. Rückblickend glaube ich, es war von Vorteil, mit einem etwas erweiterten Horizont in die Welt des Graffiti eintauchen zu können, so hatte ich die Chance meine Arbeit offener und auch freier zu entwickeln.

Ich habe von Beginn an auf Leinwand gearbeitet. Doch obwohl ich das tat und ebenso schnell an Ausstellungen teilnahm, habe auch ich, wie es damals gar nicht anders möglich war, illegal auf der Straße angefangen zu sprühen.
1991 schrieb ich das erste Mal meinen Schriftzug DAIM.

Ich sehe meine Schriftzüge auch heute immer noch als Selbstportraits: Durch das Konzentrieren auf eine bestimmte Idee, eine Technik oder einen Style, durch das Arbeiten an einer bestimmten Sache über einen langen Zeitraum, durch das Einlassen auf diesen Prozess, erfährt man am Ende eine Menge über sich selbst und seine eigene Persönlichkeit. Und das drückt sich dann ja auch wieder in den Styles aus, die man entwickelt. Es ist diese ständige Fortentwicklung deiner Arbeit und deines Charakters, die mich auch nach 25 Jahren an Graffiti immer noch reizt.

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie das Hobby zum Beruf machen wollten?

Es gab von Beginn an nie eine Alternative...  Als ich das erste Mal eine Sprühdose in der Hand hielt, war mir klar: Das ist genau das, wonach ich schon immer gesucht habe.

Sie haben sich bereits früh mit Fotorealismus beschäftigt und in der Schweiz Freie Kunst studiert. Welche Künstler und Kunstrichtungen haben Sie maßgeblich beeinflusst?

Natürlich waren mir die amerikanischen Dokumentationen „Spraycan Art“ und „Subway Art“ bekannt, aber mein erstes Graffiti-Buch war „Graffiti Live – Die Züge gehören uns“. Dadurch war mein Stil eher von den europäischen, deutschen Sprühern beeinflusst.

Ich habe bereits vor dem Sprühen schon lange fotorealistisch gezeichnet, habe in der Schule den Kunstleistungskurs belegt. Van Gogh und Dali – das fand ich alles sehr beeindruckend. In diesen Arbeiten war nirgendwo eine Outline zu sehen. So sah ich für mich auch beim Sprühen keinen Sinn mehr darin, den Buchstaben eine Outline zu geben. So fing ich in der Konsequenz an, zu schattieren, also Formen nicht mit einer Outline zu schaffen, sondern durch das setzen von Licht und Schatten.

Mit der Verwendung von Schattierungen statt der typischen Outlines haben Sie einen neuen Stil im Graffiti eingeführt. Wie wichtig ist Ihnen der Bezug zum klassischen Graffiti und inwieweit haben Sie sich als Künstler davon gelöst?

In den letzten Jahren ist ein sehr großer Markt rund um das Thema Street-Art bzw. Urban-Art entstanden. Ich hingegen sehe mich immer noch ganz klar als klassischer Graffiti-Sprüher. Das klassische Graffiti wird nicht so leicht von den Leuten angenommen, weil es eben nicht so klein, schablonenartig, witzig daher kommt, sondern sperriger, bunter, wilder, unleserlicher, verschlossener und aggressiver erscheint. Aber die Sprühdose und die Auseinandersetzung mit Formen und meinen Buchstaben, gerade auch in dieser Reduktion, ist genau das, was mich reizt. Durch die Technik, aber auch durch die Eingebundenheit in eine Szene muss man kompromissfähig sein. Das Wesentliche ist, auch die Kompromisslosigkeit zu erlernen und sich irgendwann ein Stück weit von der Szene zu emanzipieren. Bei mir kam das verschärft ab 2005 zum Tragen, als die Zusammenarbeit mit Rik Reinking ihren Anfang nahm und ich an immer größeren Ausstellungsprojekten teilnehmen konnte.

Graffiti ist natürlich auch in der Hinsicht eine Herausforderung, als dass ich den Stil, den ich geprägt habe, nicht als eine Grenze betrachten will. Einen Stil entwickelt zu haben bietet einem in erster Linie die Möglichkeit, konstant darauf aufzubauen, ohne immer wieder „von vorne anfangen“ zu müssen. Ausbrechen und experimentieren kann ja auch bedeuten, dass man mit Techniken spielt oder den Ort der Präsentationen wechselt. Ein 3D-Style auf einer Wand ist schließlich nicht das gleiche wie auf einer Leinwand in einem Museum, als Skulptur oder als Taping.

Ihr dekonstruierter Writer-Name „DAIM“ im 3D-Stil ist Ihr Markenzeichen. Worin besteht für Sie die Faszination von Namen und Typografie?

Es geht in meiner Arbeit aber vor allem auch um die Konstruktion und Dekonstruktion von Typographie. Darum, diesen Moment zwischen Aufbau und Auflösung einzufangen, Buchstaben zu konstruieren, Formen zu entwerfen, aber auch gleichzeitig anzuzweifeln.

Und dann haben die Arbeiten natürlich noch eine sehr persönliche Komponente... Der Inhalt ist sehr klar mit der Form verbunden. Das sind meine Buchstaben. Das ist mein Name. Das ist meine Arbeit. Natürlich muss ich mir nicht bei jedem Bild neue Gedanken darüber machen, was ich schreiben will. Ich bin sehr froh, dass ich diese Basis habe und mich auf den räumlichen Kontext, in dem die Arbeit präsentiert werden soll, oder den Style konzentrieren kann, der ja nach einem Gefühl funktioniert, das einfach stimmen muss.

Die Benutzung des Namens DAIM wird immer komplexer. Ich sehe das wie eine Art Selbstportrait – der ganze Charakter fließt in die Bilder ein.

Die Bausteine Ihrer Graffiti-Gebilde scheinen sich in einer gewaltigen Farbenexplosion im ganzen Raum auszubreiten und dem Betrachter förmlich um die Ohren zu fliegen. Wie viele Jahre haben Sie investiert, um Ihren Stil zu perfektionieren und worin liegt Ihr Geheimnis?

Meine Entwicklung als Mensch korrespondiert stark mit meiner Entwicklung als Künstler. Das ist ein Prozess, der etwas mit persönlicher Reifung, dem generellen Älterwerden zu tun hat. Auf der einen Seite gehen einem viele Vorgänge routinierter von der Hand, auf der anderen Seite wächst das Verlangen, verstehen zu wollen, was man da gerade gemacht hat. So kann man etwas über sich als Mensch und Persönlichkeit lernen. Dadurch, dass man sich so viel mit sich selbst beschäftigen kann, ist man ja in gewisser Weise auch privilegiert. Das ist eine Chance. Eigentlich sollte jeder diese Chance bekommen.

An welchen Projekten arbeiten Sie momentan?

Ich arbeite momentan an einer großen Wandarbeit für die Ausstellung „Beyond melancholia. Sammlung Reinking | Museum für Völkerkunde Hamburg | 1“, die Mitte Juni eröffnet wird. Die Ausstellung ist der erste Teil dieser Kooperation und zeigt in einer innovativen Ausstellungsreihe zeitgenössische Arbeiten der Sammlung Reinking gemeinsam mit Arbeiten aus dem Museum für Völkerkunde Hamburg.

Mein Buch „Mirko Reisser (DAIM) 1989 – 2014“ , das im Juli im Drago Verlag Italien erscheint, ist natürlich gerade mein wichtigstes Projekt: Das Buch zeigt einen umfassenden Einblick in mein Werk, von den Anfängen meiner Karriere bis in die Gegenwart. Zahlreiche Abbildungen zeigen die Entwicklung meiner Arbeiten über 25 Jahre hinweg und dabei alle wichtigen Schaffensperioden meines Werkes. Zu sehen sind Wandarbeiten, Leinwände, Skulpturen, Editionen, Grafiken und die späteren Tapings.

Das Interview führte Mirja Strbac

Das Buch zum Künstler

Mirko Reisser (DAIM) 1989-2014

Eim umfassender Einblick in das Werk des in Hamburg lebenden Künstlers Mirko Reisser von den Anfängen seiner Karriere, die noch mit illegalen Arbeiten auf der Straße begann, über die Zeit des Studiums der Freien Kunst in der Schweiz, bis in die Gegenwart, in der die Arbeiten vor allem in groß angelegten Museumspräsentationen zu sehen sind.

320 Seiten
ca. 350 Farbabbildungen
Drago Verlag
erschienen am 15. Dezember 2014

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Autor:

Das Interview zu seinem 25-jährigen Künstlerjubiläum
Mirko Reisser zählt zu den Besten seiner Zunft: Mit seinen Bildern im 3D-Stil hat er nicht nur die Graffiti-Szene revolutioniert, sondern sich auch darüber hinaus als Künstler einen Namen gemacht. Im Interview spricht er über sein neues Buch zum 25-jährigen Künstlerjubiläum und das Geheimnis seines Erfolgs.
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