Justizbehörde

In 60 Sprachen Als säße der Babelfisch im Ohr: Justizvollzug führt Video-Dolmetschen ein

In der Justizvollzugsanstalt Billwerder und der Untersuchungshaftanstalt gibt es Video-Dolmetschen, um Gefangenen besser helfen zu können

Große Gesten, rollende Augen oder rudimentäre Zeichnungen damit man sich versteht, gehören in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Billwerder und der Untersuchungshaftanstalt (UHA) der Vergangenheit an. Beide Anstalten nutzen Video-Dolmetschen, um mit nicht deutschsprechenden Gefangenen, für die kein Dolmetscher vor Ort eingesetzt werden kann, schnell ins Gespräch zu kommen.

Video-Dolmetschen im Justizvollzug Hamburg - FHH

Video-Dolmetschen ermöglicht eine sofortige Hinzuziehung qualifizierter Dolmetscherinnen und Dolmetscher bei Verständigungsproblemen unter anderem im Rahmen der Aufnahme, bei medizinischen Untersuchungen, in Krisensituationen oder bei sonstigen Sachverhalten, die eine zuverlässige und schnell zur Verfügung stehende Kommunikation zwischen Bediensteten und Gefangenen erfordern. 

Justizsenator Dr. Till Steffen sagt dazu: „Sprachlosigkeit erzeugt ein Gefühl von Ohnmacht und Ohnmacht kann zu Resignation oder Aggression führen.  Beiden Extremen wollen wir im Justizvollzug entgegenwirken und der Einsatz von Video-Dolmetschen ist eine Maßnahme dafür. Denn Verstanden werden ist der erste Schritt in die Resozialisierung.

Die Vorbereitung der Gefangenen in ein straffreies Leben nach der Haftzeit ist die Hauptaufgabe im Justizvollzug. Dazu gehört, dass man die Gefangenen versteht und weiß, welche Probleme und Sorgen sie beschäftigen. In der Vergangenheit mussten Gefangene ohne Deutschkenntnisse auch mal länger auf eine Übersetzung warten oder Hand und Fuß reichen. Jetzt können wir mit der neuen Technik innerhalb von wenigen Minuten ein Gespräch auf Augenhöhe herstellen.

So können wir fremdsprachige Gefangene richtig einordnen und klären, ob Vorerkrankungen bestehen, ob Verwandte benachrichtigt werden müssen und auch welche Schul- oder Berufsbildung vorhanden ist. Das bedeutet, dass wir Gefangenen innerhalb des Vollzugsplans zügig passende Angebote machen können. Aber das Video-Dolmetschen hilft uns auch, Gefahrensituationen zu erkennen und zu lösen. Insbesondere beim Suizidscreening, der Untersuchung, ob Gefangene selbstmordgefährdet sind und in Krisensituationen wird das Video-Dolmetschen ein wichtiger Begleiter werden.“

Die Justizbehörde testet den Service tagsüber von 7:00 bis 19:00 Uhr zunächst bis zum 30. Juni 2018 im Rahmen eines Pilotprojekts. In Billwerder stehen dafür 13 Rechnerplätze zur Verfügung, hier sind circa 700 Gefangene untergebracht. Der Ausländeranteil beträgt rund 64 Prozent. Die UHA verfügt über einen Rechnerplatz, hier sind etwa 320 Gefangene inhaftiert. Der Ausländeranteil liegt hier bei ca. 67 Prozent. (Quelle: Vollzugsstatistik 1. Mai 2017)

Der Vertragspartner SAVD hat rund 750 Dolmetscherinnen und Dolmetscher unter Vertrag. Es werden mehr als 60 Sprachen abgedeckt, zum Beispiel alle europäischen Sprachen, aber auch Arabisch, Farsi, Hindi, Urdu…

Die Kosten sind unterteilt in

  • einmalige Kosten für Hardware, Einrichtung und Schulungen in Höhe von rund 4.100 Euro
  • jährliche Kosten für Bereitstellung des Services in Höhe von 6.300 Euro
  • anfallende Kosten für die eigentlichen Videosessions.

Ein Videoanruf kostet für die ersten 15 Minuten 35,70 Euro. Ab der 16. Minute kostet jede zusätzliche Minute 1,19 Euro.

Über eine gesicherte Software werden Videobilder und Ton an einen Videodolmetscher via Internetverbindung übermittelt. Die Justizbehörde hat die Firma Dataport beauftragt, das Projekt umzusetzen. Die Firma SAVD stellt den Video-Dolmetsch-Service bereit. Die Nutzer wählen sich mit Hilfe von Video-Endpunkten( PCs) ein und SAVD garantiert, dass sie innerhalb weniger Minuten nach Einwahl in das System mit einem passenden Dolmetscher verbunden werden. Die Zuschaltung erfolgt in der Regel innerhalb weniger Minuten. Die Sitzungen werden nicht aufgezeichnet oder gespeichert.