Helmut Schmidt tot Der Lotse geht für immer von Bord

Obwohl er nicht der am längsten regierende Bundeskanzler war, ist er in den Augen der Deutschen der bedeutendste gewesen. Nun ist der am 23. Dezember 1918 in Hamburg geborene Helmut Schmidt in seiner Heimatstadt verstorben. Kondolieren Sie online unterhalb dieses Artikels. 

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Zum Tode Helmut Schmidts

Helmut Schmidt starb nach Angaben seines langjährigen Freundes und Arztes, Heiner Greten, am Dienstag gegen 14.30 Uhr im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Hamburg-Langenhorn. Laut Greten ist Helmut Schmidt friedlich eingeschlafen.

Der Gesundheitszustand vom Alt-Bundeskanzler hatte sich laut Medienberichten in den vergangenen Tagen dramatisch verschlechtert. 

Der Anfang seiner Karriere

Helmut Heinrich Waldemar Schmidt wird am 23. Dezember 1918 als Sohn des Lehrers Gustav Schmidt und seiner Frau Ludovica geboren. Helmut Schmidt schlug nach dem Abitur an der Lichtwarkschule in Hamburg-Winterhude die Offizierslaufbahn ein. Schmidt war schon in jungen Jahren für markige Sprüche bekannt und flog als 17-Jähriger wegen zu flottem Mundwerk aus der Marine-Hitlerjugend, in die er zwei Jahre zuvor mit seiner Schülerrudermannschaft eingegliedert worden war. Nach dem Krieg studierte Schmidt Volkswirtschaftslehre und Staatswissenschaft und erlangte seinen Abschluss als Diplomvolkswirt mit der Arbeit "Die Währungsreformen in Japan und Deutschland im Vergleich". 

Der Altkanzler war zunächst Referent und später Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung der Stadt Hamburg, bevor er als Verkehrsdezernent die Verantwortung für das Amt für Wirtschaft und Verkehr übernahm. 1961 amtierte Schmidt als Senator der Polizeibehörde (später: Innensenator) und legte dafür sein Bundestagsmandat nieder, das er seit 1953 inne hatte. 

Bei der Hamburger Sturmflut von 1962 war Schmidt die zentrale Figur in der Schaltzentrale. Als Innensenator zog Schmidt alle Entscheidungsvollmachten an sich und koordinierte die Hilfsmaßnahmen. Helmut Schmidt bat europaweit um Spenden und forderte Teile der Bundeswehr zur Hilfe an. Damit beging Schmidt einen Verfassungsbruch, da ein Einsatz der Bundeswehr bei zivilen Maßnahmen zu diesem Zeitpunkt nicht im Grundgesetz verankert war. Wenn es um die Sache ging, scherte sich Schmidt nur selten um Formalitäten. Seine klare und mutige Entscheidung rettete schließlich vielen Menschen das Leben.

Schmidt blieb noch bis 1965 Innensenator in Hamburg und zog danach erneut in den Bundestag ein. Bereits ein Jahr zuvor wurde Schmidt in das zehnköpfige Schattenkabinett von Willy Brandt, das dieser für die Bundestagswahl 1965 aufgestellt hatte, berufen.

Die Zeit im Bundestag

In der ersten Großen Koalition der Bundesrepublik führte Helmut Schmidt von 1967 bis 1969 den Fraktionsvorsitz der SPD. Zusammen mit Rainer Barzel, seinem Pendant aufseiten der CDU/CSU-Fraktion, hielt Schmidt den "Laden zusammen", wie er es selbst formulierte, als sich das Verhältnis zwischen Kanzler Kurt Georg Kiesinger und Vizekanzler Willy Brandt immer weiter abkühlte. 

Nachdem die Große Koalition nach dem Regierungswechsel 1969 beendet war, übernahm Helmut Schmidt zunächst das Amt des Bundesministers für Verteidigung. Im Jahr 1972 wurde Schmidt als Nachfolger von Karl Schiller zum Superminister für Wirtschaft und Finanzen ernannt und agierte nach den Neuwahlen im November 1972, in deren Zuge das Amt wieder aufgeteilt wurde, als Bundesfinanzminister in der sozio-liberalen Koalition unter Willy Brandt.

Nachdem Kanzler Willy Brandt im Jahre 1974 aufgrund der Guillaume-Affäre zurückgetreten war, übernahm Helmut Schmidt das Amt und wurde der fünfte Bundeskanzler der Bundesrepublik, die sich in einer schwierigen Dekade befand. In Schmidts Regierungszeit bis 1982 fielen politische Entwicklungen wie die Weltwirtschaftskrise und die Rezession sowie die Ölkrise, die Deutschland unter Schmidts Führung besser überstand als manch anderes der Industrieländer.

Schon in seiner Regierungserklärung setzte der Altkanzler auf Stabilität und Vollbeschäftigung als Ziele und ließ schließlich Taten folgen. Die britische Zeitung Financial Times ernannte Schmidt daraufhin zum "Mann des Jahres 1975" – logisch, effizient und irgendwie kurz angebunden charakterisierte die Zeitung den Altkanzler. Zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing, mit dem Schmidt eine enge Freundschaft verband, rief der Altkanzler im gleichen Jahr den Weltwirtschaftsgipfel ins Leben.

Zwei Jahre später folgte der „Deutsche Herbst“ der Roten Armee Fraktion, die die Bundesrepublik mit terroristischen Anschlägen in Atem hielt. Schmidt agierte mit harter Hand und blieb in der Auseinandersetzung mit der RAF unnachgiebig. Für sein Krisenmanagement in dieser Zeit erhielt Schmidt den Theodor-Heuss-Preis.

Im gleichen Jahr war der Altkanzler der erste westliche Staatsmann, der auf die Gefahren für das Rüstungsgleichgewicht zwischen Westeuropa und der Sowjetunion hinwies und befürchtete eine Entkopplung der Sicherheitsinteressen Westeuropas und der USA. Schmidt warnte im Zuge dessen aber auch vor einer unkontrollierten Aufrüstung der Supermächte, die vor allem die westeuropäischen Staaten bedrohte. Daraufhin plädierte Schmidt für den umstrittenen NATO-Doppelbeschluss, der sich am Ende durchsetzte. 

Als die sozio-liberale Koalition 1982 zerbrach und vier FDP-Minister zurücktraten, übernahm Schmidt zusätzlich zum Amt des Bundeskanzlers die Position des Außenministers und führte die Regierungsgeschäfte zunächst ohne Bundestagsmehrheit weiter. Dies führte im Oktober 1982 zum Misstrauensvotum der Opposition gegen Schmidt, dessen Amtszeit daraufhin ihr Ende nahm. Als Nachfolger wurde Helmut Kohl zum Kanzler gewählt. Bis 1986 blieb Helmut Schmidt noch Mitglied des Bundestages.

Während seiner politischen Karriere kam dem Altkanzler sein markantes und launiges Redetalent zugute, das ihm den Spitznamen "Schmidt Schnauze" einbrachte. Helmut Schmidt glänzte in der Politik insbesondere mit seinem ökonomischen Sachverstand und als Experte für Fragen der Strategie. 

Gesellschaftlich aktiv

Nach dem Ende seiner Kanzlerschaft wurde Helmut Schmidt als Publizist aktiv. Seit 1983 gab er die linksliberale Wochenzeitung „Die Zeit“ mit heraus und war von 1985 bis 1989 zudem als Geschäftsführer des Blattes tätig. Schmidt veröffentlichte zudem mehrere Bücher. Seit 1996 wird ein nach ihm benannter Journalistenpreis verliehen, der für besondere Leistungen auf dem Gebiet der verbraucherfreundlichen Berichterstattung über Wirtschafts- und Finanzthemen verliehen wird.

Schmidt rief 1993 auch die Deutsche Nationalstiftung ins Leben mit dem Ziel, das Zusammenwachsen Deutschlands zu fördern. Seit 1997 vergibt die Stiftung den Deutschen Nationalpreis. Für sein gesellschaftliches und politisches Engagement wurde Schmidt selbst mit diversen Preisen geehrt wie dem Weltwirtschaftlichen Preis, dem Westfälischen Friedenspreis oder dem Henri-Nannen-Preis für sein publizistisches Lebenswerk.

Die Beharrlichkeit, die Schmidt Zeit seines Lebens an den Tag legte, zeigte sich auch bei seiner Liebe zum Tabak. Selbst im Fernsehen, wo normalerweise nicht mehr geraucht wird, durfte er sich seine Menthol-Zigarette anzünden. Extra für Helmut Schmidt wurde bei einer Theateraufführung in München das strenge bayerische Rauchverbot gelockert, so dass Schmidt auch während der Aufführung ungeniert qualmen durfte. 

Helmut Schmidt privat

Seit Jahrzehnten lebt Helmut Schmidt in seiner Geburtsstadt im Stadtteil Langenhorn. Mit seiner Heimatstadt blieb der Altkanzler sein gesamtes Leben eng verbunden, auch wenn berufliche Verpflichtungen den Altkanzler oft aus der Hansestadt entführten. In Langenhorn lebte Helmut Schmidt mit seiner Ehefrau Loki, die er schon während seines Abiturs kennenlernte.

Die beiden verband eine innige und enge Beziehung, 2007 konnten sie Eiserne Hochzeit feiern. Wie auch Helmut Schmidt, war seine Loki gesellschaftlich engagiert. Die gelernte Pädagogin wurde 2009 Ehrenbürgerin der Hansestadt Hamburg. Loki Schmidt verstarb 2010. Die gemeinsame Tochter Susanne lebt in London und arbeitet dort bei dem Fernsehsender Bloomberg. Zuletzt war Helmut Schmidt mit Ruth Loah liiert, die bereits seit Jahrzehnten zu seinen Vertrauten zählte. 

Auch ein Mann der Künste

Neben Politik und Wirtschaft interessierte sich der Mensch Helmut Schmidt sehr für die Kunst. Er malte selbst und ließ während seiner Amtszeit im Bundeskanzleramt mehrere Kunstwerke aufstellen wie die Skulptur "Large Two Forms", die vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn steht und die Zusammengehörigkeit von Ost- und Westdeutschland symbolisiert.

Schmidt war auch immer großer Freund der Musik. Die Gründung der Big Band der Bundeswehr geht auf sein Bestreben zurück und er nahm sogar Schallplatten mit klassischer Musik auf – unter anderem mit dem Pianisten Justus Frantz. Helmut Schmidt beherrschte die Orgel und das Klavier und schätzte besonders die Musik von Johann Sebastian Bach. Auch das Interesse an Philosophie und gesellschaftlichem Meinungsaustausch waren wichtige Teile seines Lebens.

Ehrentitel

Neben dem Titel des Ehrenbürgers seiner Heimatstadt, ist Helmut Schmidt auch Ehrenbürger der Städte Berlin, Bonn und Bremerhaven, der Barlachstadt Güstrow sowie des Landes Schleswig-Holsteins, Ehrensenator der Universität Hamburg und Ehrendoktor in 30 Universitäten, unter anderem in Oxford und Cambridge, der Sorbonne, Harvard und der Keio-Universität in Japan. Zu Ehren Helmut Schmidts wurde auch die Universität der Bundeswehr in Helmut-Schmidt-Universität umbenannt, an der er auch die Ehrendoktorwürde erhielt.

Neben dem knallharten und unnachgiebigen Politiker sparte Helmut Schmidt auch nicht an kluger Selbstironie. So philosophierte Schmidt mit dem Satz "Politiker und Journalisten teilen sich das traurige Schicksal, dass sie oft heute schon über Dinge reden, die sie erst morgen ganz verstehen" gleich über beide beruflichen Zweige seines Lebens.

Schmidt vertrat immer klare Meinungen und scheute sich nie, diese auch laut auszusprechen. Dabei blieb er seiner Philosophie zum Pragmatismus immer treu. "Keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft", wird Schmidt zitiert. Der Altkanzler mahnte zudem zum Mut zur Zukunft – auch wenn diese nun ohne die Instanz Helmut Schmidt stattfinden muss.