Linksextremistischer Terrorismus - Historisches
Schon immer gab es Linksextremisten, die die Anwendung von Gewalt als legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung bejaht haben. Russische Anarchisten waren die ersten, die in ihrem Kampf gegen das Zarenregime Brand- und Sprengstoffanschläge verübten.
Seit Beginn der siebziger Jahre waren mehrere terroristische Gruppierungen in der Bundesrepublik aktiv.
Rote Armee Fraktion (RAF)
Die RAF war die bekannteste und gefährlichste Terrororganisation in Deutschland. Ihr "offizielles" Gründungsdatum ist der 17.05.70. An diesem Tag wurde Andreas BAADER, eines der Gründungsmitglieder der RAF, bei einem Haftausgang gewaltsam durch Gesinnungsgenossen befreit. Die Gründungsgeneration hielt sich nach der Befreiung für einige Monate im Nahen Osten auf und durchlief dort eine kurze militärische Ausbildung.
(Publikation Internet)
Emblem der Rote Armee Fraktion (RAF)
Ihr Hauptaugenmerk richteten die in Freiheit befindlichen RAF-Mitglieder vornehmlich auf die Freipressung ihrer inhaftierten Gesinnungsgenossen. 1975 gelang der terroristischen "Bewegung 2. Juni" (benannt nach dem am 02.06.67 erschossenen Demonstranten Benno Ohnesorg) ein Freipressungsversuch. Die hauptsächlich in Berlin agierende Gruppierung entführte im Februar 1975 den Berliner CDU-Bürgermeisterkandidaten Peter LORENZ. Nach der Freilassung von inhaftierten Terroristen wurde auch LORENZ freigesetzt. Noch im selben Jahr versuchte ein RAF-Kommando eine weitere Aktion dieser Art und überfiel im April 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm. Da die Bundesregierung der Erpressung nicht nachgab, erschossen die Terroristen den deutschen Militärattache, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Bei der Erstürmung der Botschaft durch schwedische Sicherheitskräfte kamen weitere Menschen ums Leben. 1976 erhängte sich Ulrike MEINHOF in ihrer Zelle.
1977 wurde die Bundesrepublik ihrer schwersten Belastungsprobe durch deutsche Terroristen ausgesetzt; diese Zeit ging als "Deutscher Herbst" in die Geschichte ein. Im April erschoss ein RAF-Kommando den Generalbundesanwalt Siegfried BUBACK, der für die Haftbedingungen einsitzender Terroristen verantwortlich gemacht wurde. Ende Juli wurde der Vorstandssprecher der Dresdner Bank Jürgen PONTO bei einer fehlgeschlagenen Entführung ermordet. Am 05.09.77 entführte die RAF den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin SCHLEYER, um die in Haft verbliebenen Führungskader freizupressen. Die Bundesregierung gab dem Druck aber nicht nach - auch nicht, als ein palästinensisches Terrorkommando die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Heimflug von Mallorca nach Deutschland entführte. Am 17.10. konnten Passagiere und Besatzung der "Landshut" durch eine Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes, die GSG 9, in Mogadishu/Somalia befreit werden. Noch in derselben Nacht nahmen sich die Terroristen Andreas BAADER, Gudrun ENSSLIN und Jan Karl RASPE in ihren Zellen das Leben. Der entführte SCHLEYER wurde am 19.10. erschossen im Kofferraum eines Fahrzeuges gefunden.
Nach einer Zeit der Krise verübte die RAF auch in den Folgejahren zahlreiche Anschläge und Morde, den letzten 1991 an dem Vorsitzenden der Treuhand-Gesellschaft Detlev Carsten ROHWEDDER in Düsseldorf. 1993 führte die RAF ihren letzten Anschlag aus. Sie sprengte die kurz vor der Eröffnung stehende Justizvollzugsanstalt Weiterstadt in die Luft. 1998 erklärte die RAF „offiziell“ das Scheitern ihres Kampfes und ihre Auflösung. Ein Jahr später verübten ehemalige RAF-Mitglieder einen Raubüberfall auf einen Geldtransporter in Duisburg. Da sie ihren militanten Kampf danach nicht wieder aufnahmen, hatte diese Tat offensichtlich der materiellen Sicherung des Überlebens im Untergrund gedient.
Die RAF war mit ihrem Projekt "Guerilla in Deutschland" gescheitert. Dieses hatte mehrere Gründe. Zum einen war der logistische Aufwand des Lebens im Untergrund riesengroß. Zum anderen hatte sich die RAF ideologisch mehr und mehr von der übrigen linksextremistischen Szene gelöst und war mit ihren Morden und Anschlägen zunehmend auf Unverständnis gestoßen. Diese Kluft zwischen RAF und der sonstigen Szene ist der entscheidende Grund für ihr Scheitern. Heute ist in der Gewaltdiskussion in Teilen der linksextremistischen Szene eine gewisse "Wehmut" darüber zu verspüren, dass vergleichbare Gruppierungen nicht mehr existieren. Trotzdem ist nicht einmal in Ansätzen erkennbar, dass es in absehbarer Zeit wieder eine mit der RAF vergleichbare Organisation geben könnte. Das Kapitel einer aus dem Untergrund agierenden Terrorstruktur dürfte abgeschlossen sein.
Revolutionäre Zellen (RZ) und Rote Zora
Revolutionäre Zellen (RZ)
Die Gründung erfolgte zu Beginn der 70er Jahre. Die einzelnen Zellen (ca. drei bis fünf Personen) standen zwar sporadisch miteinander in Verbindung. Sie kannten sich aber häufig nur unter Decknamen, um den Sicherheitsbehörden ein Einbrechen in ihre Strukturen zu erschweren. Im Gegensatz zu RAF-Angehörigen lebten die RZ-Mitglieder weiterhin in der Legalität und gingen ihren politischen und beruflichen Tätigkeiten nach. Ihre Anschläge führten sie nachts aus, um danach wieder zu ihrem „normalen“ Leben zurückzukehren. So entstand der nicht ganz treffende Begriff des "Feierabendterroristen". Ein weiterer gravierender Unterschied zur RAF bestand in der Tatausführung. Auch die RZ setzten Sprengstoff ein, sie vermieden es aber, Menschen zu schädigen oder gar zu töten. Eine seltene Ausnahme bildeten sogenannte Knieschussaktionen. Bei einer solchen Aktion verstarb 1981 der hessische Wirtschaftsminister Karl-Heinz KARRY.
In den 80er Jahren schien das Konzept der RZ aufzugehen. In ganz Deutschland entstanden Nachahmergruppen, sogenannte "Resonanz-RZ", die für Dutzende von Brand- und Sprengstoffanschlägen verantwortlich zeichneten. Anfang der 90er Jahre gerieten aber auch die RZ in eine ideologische Krise, in deren Verlauf viele Zellen ihre Auflösung erklärten.
Im Rahmen der RZ-Entwicklung traten zwei Sonderströmungen in Erscheinung. Zum einen spaltete sich in den 70er Jahren eine Frauengruppe von den RZ ab und trat fortan als "Rote Zora" in Erscheinung. Ihren letzten Anschlag verübte sie 1993. Die "Rote Zora" hat bis heute nicht ihre Auflösung erklärt. Ebenfalls Mitte der 70er Jahre spaltete sich eine "internationale" Fraktion von der RZ ab und schloss sich der Terrortruppe um den international agierenden Terroristen CARLOS an. Deutsche wirkten z.B. beim Überfall der CARLOS-Truppe auf die OPEC-Versammlung in Wien 1975 mit. Weitere Angehörige der "internationalen RZ" beteiligten sich 1976 an einer Entführung eines israelischen Flugzeuges durch ein palästinensisches Kommando.
Antiimperialistische Zelle (AIZ)
Kurz nachdem die RAF 1992 erklärt hatte, bis auf Weiteres auf das gezielte Töten von Menschen verzichten zu wollen, gründete sich die AIZ als selbsternannte Nachfolgeorganisation. Die zunächst nur aus wenigen, später nur noch aus zwei Personen bestehende Gruppierung verübte mehrere Sprengstoffanschläge, Menschen kamen dabei allerdings - häufig aufgrund glücklicher Umstände - nicht zu Schaden. Die zuletzt tätigen AIZ Mitglieder drifteten ideologisch in den Islamismus ab und wurden von der linksextremistischen Szene vehement abgelehnt. Die AIZ konnte Anfang 1996 zerschlagen werden.
Militante linksextremistische Gruppierungen in Hamburg
Autonome Zelle (AZ)
Die AZ war eine militante Kleingruppe, die seit Beginn der 90er Jahre Sachbeschädigungen, aber auch menschengefährdende Brandanschläge in Hamburg und im Umland verübte. Während sie sich in den ersten Jahren eher kontinuierlich "Autonome Zelle" nannte, wechselte sie später ihre Bezeichnung in den Selbstbezichtigungen oder verzichtete ganz auf eine Namensgebung. Sie folgte damit einer Szenediskussion, die "no name-Aktionen" empfahl. So sollte verhindert werden, dass den Tätern bei einem polizeilichen Zugriff auch ältere Anschläge und Aktionen zugerechnet werden können. Die Zuordnung der Anschläge zur AZ war aber durch die übereinstimmende Diktion und den jeweils vergleichbaren Aufbau der Bekennerschreiben trotzdem möglich. Weit überwiegend beschäftigten sich die Selbstbezichtigungen mit dem Themenkomplex Antirassismus und Asylproblematik. Zwischen den einzelnen Aktionen lagen oftmals mehrere Monate bis zu eineinhalb Jahren. Die Aktionen und Anschläge der AZ bewegten sich im Vergleich zu terroristischen Vereinigungen früherer Jahre (wie z.B. der RAF) auf einem niedrigeren Niveau, gleichwohl erfüllen die verübten Brandanschläge die Voraussetzungen des § 129a StGB (Bildung und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung). Der letzte Anschlag der AZ fand im Jahre 2000 statt.
Autonome Zelle in Gedenken an Ulrike Meinhof (AZUM)
Die AZUM agierte als militante Kleingruppe und verübte seit Juni 1999 22 Sachbeschädigungen und Brandanschläge überwiegend im Nordwesten des Großraums Hamburg. Zumindest zwei ihrer Aktionen überschritten die Schwelle zum Terrorismus. Als Anschlagsbegründungen wurden oftmals aktuelle Ereignisse wie die EXPO 2000 oder der Weltwirtschaftsgipfel in Genua herangezogen. Andere Anschläge bettete die AZUM in eine eigene „Kampagne gegen das Europa der Bullen, Banken und Konzerne“ ein.
Sowohl die mitunter dilettantischen Tatausführungen als auch die Diktion der Selbstbezichtigungsschreiben vermittelten den Eindruck, dass es sich bei den Gruppenmitgliedern um jüngere
AZUM-Anschlag im Juli 2001 HH-Harvestehude
(Polizei HH)
In ihren Selbstbezichtigungen offenbarte die AZUM ein ausgeprägtes „antiimperialistisches“ Weltbild und wies somit nicht nur in ihrer Gruppenbezeichnung eine Nähe zu der 1998 aufgelösten „Rote Armee Fraktion“ (RAF) auf. Die AZUM forderte in ihren Schreiben auch die Freilassung inhaftierter Terroristen und übernahm - auf einem niedrigeren Niveau - die Argumentation der RAF.
Die AZUM ist seit ihrem letzten Anschlag im August 2003 nicht mehr aktiv und hat sich aufgelöst.

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