Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration

Demographischer Wandel

Fachkräftestrategie für ein starkes Hamburg

Breites Bündnis präsentiert Lösungen für den Arbeitsmarkt von Morgen

28. Mai 2013

Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes wird in Hamburg der Umfang der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen 20 und 65 Jahren von 2020 an zurückgehen. Dem auf lange Sicht schrumpfendem Angebot an Arbeitskräften steht ein steigender Bedarf an Fachkräften bei den Hamburger Unternehmen gegenüber.

Der Senat reagiert auf diese Herausforderung mit einer Fachkräftestrategie, die unter der Federführung der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) mit der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (BWVI) und allen anderen Fachbehörden im intensiven Dialog mit der Agentur für Arbeit Hamburg, dem Jobcenter team.arbeit.hamburg, der Handelskammer Hamburg, der Handwerkskammer Hamburg, dem Deutschen Gewerkschaftsbund Hamburg sowie dem Unternehmensverband Nord entwickelt wurde.

Schon heute stehen Unternehmen und Betriebe in einigen Branchen – insbesondere etwa im Gesundheits-, Pflege- und Erziehungsbereich oder bei den elektrotechnischen und metallverarbeitenden Berufen – vor der Herausforderung, ihre freien Stellen zu besetzen.

Eigentlich sind noch genügend Arbeitskräfte vorhanden – ein Indikator hierfür ist die Rekordzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten, die dem Hamburger Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und die sich gegebenenfalls auch beruflich verändern und entwickeln wollen.

„Die wirklichen Herausforderungen durch den demografischen Wandel liegen noch vor uns, wenn in den 2020er Jahren das Erwerbspersonenpotenzial auch in Hamburg zurückgeht“, sagt Arbeitssenator Detlef Scheele. „Hier setzt die Fachkräftestrategie an. Wir wollen schon heute die Strukturen schaffen, die wir in der Zukunft dringend brauchen, um alle vorhandenen Erwerbspersonenpotenziale zu nutzen: Jeder Jugendliche soll die Schule mit einem Anschlussperspektive verlassen. Wir müssen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern, um insbesondere Frauen bessere Chancen auf gleiche Löhne und Karrierechancen zu ermöglichen. Wir müssen Arbeitsbedingungen alternsgerecht gestalten, damit alle die Möglichkeit erhalten, bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter berufstätig zu sein. Und wir müssen die Willkommenskultur in Hamburg steigern, damit Hamburg attraktiv für Fachkräfte auch aus dem Ausland bleibt.“

Wirtschaftssenator Frank Horch sagt: „Hamburgs Stärke sind qualifizierte Köpfe. Sie bilden das Fundament für unseren Erfolg als Wirtschaftsstandort. Unternehmen können nur dann hervorragend arbeiten und sich weiterentwickeln, wenn kompetente Köpfe ihr Know-how nutzen und ausbauen. Angesichts des demografischen Wandels und des Wirtschaftswachstums werden Investitionen in Talente und Potenziale immer bedeutender. Unter dem Dach der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation sind seit dem Jahr 2001 zahlreiche clusterspezifische Qualifizierungsinitiativen und clusterübergreifende Aktivitäten entstanden. Sie haben mit ihren Qualifizierungsmaßnahmen dazu beigetragen, dass Hamburg heute weltweit der drittgrößte Standort der zivilen Luftfahrtindustrie, Nordeuropas Logistikdrehscheibe und Medienmetropole ist.“

Die Fachkräftestrategie für Hamburg (PDF, 1,7 MB) legt vier Handlungsfelder fest. In allen wollen die Partner zukünftig gemeinsam auf die demografische Entwicklung reagieren und Lösungen entwickeln:

  1. Fachkräfte qualifizieren: Der Senat wird seine Anstrengungen in der Ausbildungs-, Weiterbildungs-, Hochschul- sowie der Arbeitsmarkt- und Clusterpolitik weiter optimieren und auf die zukünftigen Bedarfe ausrichten.
  2. Inländische Erwerbspersonenpotenziale stärker nutzen und die Erwerbsbeteiligung erhöhen: Der Fokus liegt dabei auf fünf Zielgruppen, in denen das Potenzial noch nicht voll ausgeschöpft worden ist. Dies betrifft Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, ältere Erwerbspersonen, jüngere Menschen am Übergang von der Schule bzw. vom Studium in den Beruf sowie Menschen mit Behinderung.
  3. Fachkräfte aus dem In- und Ausland gewinnen und Willkommenskultur verbessern: Die einschlägigen demografischen Projektionen zur Bevölkerungsentwicklung weisen darauf hin, dass auf lange Sicht der Rückgang der Erwerbsbevölkerung nicht allein durch die Einbindung vorhandener Erwerbspotenziale in den Arbeitsmarkt kompensiert werden kann.
  4. Arbeitsbedingungen attraktiv gestalten: Es sind letztlich gerade attraktive, familienfreundliche Arbeitsbedingungen, über welche die Anreize zur Fachkräftegewinnung gesetzt werden.

„Mit der Fachkräftestrategie rüstet sich Hamburg rechtzeitig für die Zukunft und hat nicht nur die Global Player, sondern auch die kleinen und mittelständischen Local Heroes im Fokus, dem Rückgrat von Ausbildung und Beschäftigung“, sagt Michael Thomas Fröhlich, Hauptgeschäftsführer des Unternehmensverbandes Nord. „Der UVNord sieht seine Schwerpunkte in den Bereichen der Karriereförderung von Frauen und dem Wiedereinstieg in das Berufsleben, der Heranführung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den ersten Arbeitsmarkt und der verstärkten Teilhabe von Menschen mit Handicaps am Erwerbsleben. Die Fachkräftestrategie wird ein Erfolgsmodell sein, da sie auf den Bedarf der Arbeitgeber zugeschnitten ist und unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung stetig weiterentwickelt wird."

„Lasst uns in die Köpfe investieren!“ fordert Uwe Grund, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Hamburg. „Das ist für die Gewerkschaften der zentrale Punkt einer erfolgreichen Strategie zur Sicherung von Fachkräften für die Stadt. Arbeitsqualität, fachliche Kompetenz und herausragende Fertigkeiten fallen nicht vom Himmel. Deswegen appelliere ich an Wirtschaft und Politik: Hört auf damit, benachteiligte Jugendliche vorschnell als nicht „ausbildungsfähig“ abzuschreiben, baut Brücken für alleinerziehende Mütter, bietet Behinderten bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, gebt jungen Menschen aus anderen Ländern, z.B. aus Südeuropa, neue Perspektiven, steckt mehr Geld in Weiterbildung! Das ist es, was Hamburg stark macht.“

Professor Hans-Jörg Schmidt-Trenz, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Hamburg, sagt: „Aufgrund der engen sozioökonomischen Verflechtungen sollte besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, die Perspektive der Metropolregion bei der Umsetzung der Fachkräftestrategie stets zu berücksichtigen. Dabei bietet sich eine Zusammenarbeit mit dem vor der Gründung stehenden Verein `Initiative Pro Metropolregion Hamburg` an.“

„Ich bin zuversichtlich, dass wir nun gute Voraussetzungen haben, den demografischen Wandel zum Vorteil von Unternehmen und Beschäftigten zu gestalten“, sagt Frank Glücklich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hamburg. „Wir freuen uns, mit dem Projekt ‚Lüüd - Personalberatung für das Hamburger Handwerk‘ bereits einen eigenen Beitrag zur Fachkräftestrategie leisten zu können. ‚Lüüd‘ stellt sich in der kommenden Woche der Öffentlichkeit vor."

„Gemeinsam agieren heißt gemeinsam profitieren“, sagt Michaela Bagger, stellvertretende Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Hamburg. „Die Fachkräftestrategie stärkt den Wirtschaftsraum Hamburg und wird mit ihren ganz speziellen Instrumenten Betriebe und Arbeit-nehmer gleichermaßen stärken und für sichere und neue Arbeitsplätze sorgen. Gleichzeitig werden die Agentur für Arbeit und das Jobcenter durch bedarfsgerechte Qualifizierungen für nachhaltige Beschäftigung sorgen, um individuelle Arbeitslosigkeit zu beenden. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf. Ein hier geleistetes Investment verspricht höchste persönliche und gesellschaftliche Rendite für alle Beteiligten. Arbeitsagentur und Jobcenter werden sich weiterhin aktiv und verlässlich einbringen.“

Um die enge und gute Zusammenarbeit aller Beteiligten fortzusetzen, wird im Rahmen eines Festaktes am 12. Juni 2013 das bereits seit Jahren erfolgreiche „Aktionsbündnis Bildung und Beschäftigung“ zu einem Hamburger Fachkräftenetzwerk weiterentwickelt, in dem alle Beteiligten Lösungen zur Sicherung der Fachkräftebasis entwickeln und die vorliegende Strategie umsetzen.

In einem Fachkräftemonitoring wird zukünftig zweijährig die Entwicklung und Situation des Fachkräftebedarfes in Hamburg mit unterschiedlichen zeitlichen Perspektiven analysiert: Kurzfristig (1-2 Jahre) in Hinblick auf aktuelle Stellenbesetzungsengpässe in einzelnen Berufsgruppen; mittelfristig (3-10 Jahre) als Analyse von erwartetem Ersatzbedarfen und Beschäftigungstrends in verschiedenen Branchen, Clustern und Berufsgruppen; langfristig (über 10 Jahre) zur demographischen Entwicklung.

Hintergrundinformationen

Die Bundesagentur für Arbeit hatte im letzten Jahr darauf hingewiesen, dass das Arbeitskräftepotenzial sich in Deutschland bis zum Jahr 2025 um rund 6,5 Millionen Personen reduzieren wird. Auch in Hamburg ist mit einem sinkenden Angebot an Erwerbspersonen zu rechnen.

vergrößern Abbildung: Bevölkerung zwischen 20 und 65 in Hamburg 2010 bis 2030 Entwicklung der erwerbsfähigen Bevölkerung (Bild: FHH) Nach der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts (Basis 31.12.2008) wird demnach in Hamburg der Umfang der erwerbsfähigen Bevölkerung (20-65 Jahre) zunächst von derzeit 1.146.000 Einwohnern auf 1.178.000 bzw. 1.191.000 Menschen im Jahr 2020 ansteigen – je nachdem, ob die deutschlandweite Nettozuwanderung 100.000 oder 200.000 Menschen pro Jahr umfasst. (Im Durchschnitt lag die Nettozuwanderung in den Jahren 2000-2010 in Deutschland bei jährlich 90.000 Personen.) Von 2020 an nimmt die Zahl in Hamburg aber wieder ab.

Es muss daher langfristig versucht werden, die Erwerbsquote zu steigern. Diese Quote gibt den Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter an, der entweder erwerbstätig ist oder eine Erwerbstätigkeit sucht.

In Hamburg liegt die Erwerbsquote bei 77,1 Prozent und damit leicht über dem Bundesschnitt von 76,6 Prozent (Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2010). Dies zeigt, dass immerhin 22,9 Prozent der Erwerbsfähigen in Hamburg keiner Erwerbstätigkeit nachgehen bzw. eine solche suchen – das entspricht fast 180.000 Personen.

Hamburg verfügt daher über ein erhebliches Potenzial an zusätzlichen Erwerbspersonen.

28. Mai 2013

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