Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration

Tod des kleinen Tayler Ergebnisbericht der Jugendhilfeinspektion liegt vor

Stellungnahmen von Senatorin Melanie Leonhard und Liane Melzer, Leiterin des Bezirksamtes Altona

Am 19. Dezember 2015 starb Tayler. Das Bezirksamt Altona hatte um die Überprüfung des jugendamtlichen Handelns gebeten. Die Jugendhilfeinspektion hat in ihrer anlassbezogenen Prüfung Mängel in der Fallbearbeitung festgestellt und Empfehlungen für zukünftiges Handeln abgegeben.

Ergebnisbericht der Jugendhilfeinspektion liegt vor

vergrößern Durchblättern eines Stapels Papier  (Bild: colourbox.de) Die Jugendhilfeinspektion stellt fest, dass ausreichend Regelungen vorhanden sind. Aber: ihre konsequente Anwendung hätte möglicherweise zu anderen Entscheidungen geführt. Die Jugendhilfeinspektion kommt zu dem Schluss, dass die Entscheidung zur Rückführung nicht unter Beachtung der dafür geltenden Regeln zustande kam.

In der kollegialen Beratung im August 2015 bestand Einvernehmen darüber, dass Tayler nicht sofort zu seiner Mutter zurückgegeben werden kann. Dennoch stand danach einzig die Rückführung im Fokus. Dies erfolgte ohne erneute Risikoeinschätzung und ohne erneute kollegiale Beratung.

Der Fokus des ASD lag auf der Stabilisierung der Mutter. Die schnelle Festlegung auf eine Rückführung hat verhindert, dass neue Ereignisse aufmerksam geprüft wurden. Einmal getroffene Annahmen wurden nicht wieder in Frage gestellt.

Darüber hinaus war der Auftrag an den Freien Träger, die Ursachen der Verletzungen zu finden und den Rückführungsprozess zu begleiten, nicht klar genug definiert, die Absprachen waren nicht verbindlich genug und es gab zu wenig Kontakt zwischen ASD und Träger. Dennoch ist nicht nachvollziehbar, warum der Träger seinerseits  die beobachteten Verletzungen nicht gemeldet hat. Zudem war die Dokumentation des Handelns nicht ausreichend.

Hierzu erklärt Senatorin Melanie Leonhard: „Die Verletzungen von Tayler, die er im August letzten Jahres erlitt, sind bis zu seinem tragischen Tod ungeklärt geblieben. Trotzdem wurde er wieder in die Obhut seiner Mutter gegeben. Daher ist die Entscheidung zur Rückführung für mich aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar.

Wir haben in Hamburg ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt. Die definierten Prozesse und Standards geben den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Jugendämtern Handlungssicherheit. Sie sorgen auch dafür, das eigene Handeln und die eigene Einschätzung immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Aber: Die Anwendung dieser Regeln muss sichergestellt werden. Das ist eine Aufgabe der Leitungskräfte in den Jugendämtern.

Die Jugendhilfeinspektion empfiehlt uns, das Regelwerk übersichtlicher zu gestalten. Das werden wir tun. Die Fachaufsicht und die Bezirke arbeiten bereits eng zusammen bei der Überarbeitung der bestehenden Regelwerke für den ASD. Wir befinden uns gegenwärtig in diesem Prozess. Der Anlagenband, das Qualitätsmanagementsystem und die Fachanwendung JUS-IT werden zusammengeführt. Das Ziel unseres QMS-Prozesses ist es, das Handeln des ASD – aber auch das zugrunde liegende Regelwerk – laufend zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Dazu gibt es regelmäßig interne und externe Überprüfungen. Zusätzlich finden auch zukünftig Regelprüfungen der Jugendhilfeinspektion statt.

Darüber hinaus werden wir erneut in allen Leitungsrunden auf bezirklicher Ebene die Implementierung der QMS-Prozesse zum Gegenstand machen. Mit den Bezirksamtsleitern werde ich weiterhin darüber sprechen, wie sie sicherstellen, dass diese Prozesse auch wirklich an jedem Schreibtisch ankommen.“

Liane Melzer, Leiterin des Bezirksamtes Altona: „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes – und ich – sind erschüttert über den Tod von Tayler. Wir werden alles tun, um aus diesem Fall zu lernen. Deshalb hatte ich umgehend die Jugendhilfeinspektion um eine Prüfung gebeten. Der Bericht enthält wichtige Hinweise für unsere Arbeit.

Ich habe angeordnet, dass zukünftig in allen Fällen von Kindeswohlgefährdung eine kollegiale Beratung erfolgen soll. Außerdem ist die Dokumentation und die Berichtslegung für das Fallverstehen so wichtig, dass wir hierauf noch stärker achten müssen. Wir überprüfen zudem, wie wir freie Träger dichter führen und enger kontrollieren können. Aus meiner Sicht zeigt der Bericht der Jugendhilfeinspektion, dass die Zielvereinbarungen mit freien Trägern konkreter gefasst werden müssen.

Darüber hinaus habe ich das Institut für Rechtsmedizin gebeten, jährlich eine Fortbildung zum Thema Kindeswohlgefährdung durchzuführen. Sie ist verbindlich für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes. Außerdem werden die Sozialdezernentin und ich daran teilnehmen.“


Hintergrundinformationen

Seit Januar 2013 gibt es in der Freien und Hansestadt Hamburg die Jugendhilfeinspektion als Instrument der Fachaufsicht in der Jugendhilfe. Die Jugendhilfeinspektion arbeitet unabhängig und kann die getroffenen Entscheidungen auch inhaltlich werten. Die Jugendhilfeinspektion setzt sich aus drei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und ihrer Leiterin, Gisela Schulze, zusammen. Es gibt Regelprüfungen und anlassbezogene Prüfungen.

Die Jugendhilfeinspektion soll bei Regelprüfungen strukturelle Risiken und Fehlerquellen in der täglichen Arbeit zusammen mit den beteiligten Fachkräften und Leitungen analysieren und beheben, sowie Störungen in der Organisation sichtbar zu machen. Dadurch soll das fachliche Know-how der Allgemeinen Sozialen Dienste laufend weiter qualifiziert werden.

Bei einer anlassbezogenen Prüfung wird ein konkreter Einzelfall geprüft. Nachdem eine Fallchronik aus den Akten erstellt wurde, werden die konkret getroffenen Entscheidungen vor dem Hintergrund des geltenden Regelwerks geprüft. Anschließend haben die mit dem Einzelfall befassten Fach- und Führungskräfte Gelegenheit zur Stellungnahme. Zum Abschluss wird ein Bericht erstellt, der Aufschluss über das Fallgeschehen und das Handeln der Beteiligten gibt.

Im September 2015 wurde das Personalbemessungssystem für die Allgemeinen Sozialen Dienste in den Bezirksämtern eingeführt. Dauerhaft wurden 75 neue Stellen eingerichtet. Am 31.Dezember 2015 waren von 446,20 Vollzeitstellen des ASD 423,10 Vollzeitstellen (94,82 Prozent) besetzt.

Eine weitere Stärkung erfuhr der ASD durch die Aufstockung der Geschäftsstellen um 18,53 Verwaltungsstellen, so dass 55,53 Stellen zur Verfügung stehen. 36,50 neu geschaffene Stellen für stellvertretende ASD Leitungen werden auch zukünftig die ASD Fachkräfte entlasten und unter anderem die Einarbeitung neuer Fachkräfte verstärken.


Rückfragen der Medien:

Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration

Marcel Schweitzer, Pressesprecher

(040) 428 63 28 89 / (0160) 88 12 567

marcel.schweitzer@basfi.hamburg.de / Twitter: @hh_basfi

Bezirksamt Altona

Martin Roehl, Pressesprecher

(040) 428 11 15 12 / pressestelle@altona.hamburg.de