Senatskanzlei

Koalitionsvertrag Schule und berufliche Bildung

Schule und berufliche Bildung

Bildung ist entscheidend. Die Teilhabe aller an Bildung ist daher ein wichtiges Ziel unserer gemeinsamen Politik, denn alle Kinder und Jugendlichen sollen unabhängig von Herkunft und Einkommen der Eltern gute Startchancen haben. Wir wollen Aufstieg durch Bildung ermöglichen. Deshalb wollen die Koalitionspartner ein gerechtes und leistungsstarkes Schulsystem, das die Individualität und Begabung jedes Kindes fördert. Hamburgs Schulen brauchen in den nächsten Jahren vor allem Zeit und Ruhe, um bereits beschlossene Reformen umzusetzen, die Qualität zu sichern und Freude am Lernen zu fördern. Deshalb gilt der Schulfriede, wie vereinbart, weiter. Er gibt den Schulen schulpolitische Klarheit, ermöglicht ihnen aber auch individuelle Gestaltung und Profilbildung im Einvernehmen zwischen Kollegien, Eltern und Lernenden.

Unterrichtsqualität verbessern

Inklusion

Die Koalitionspartner erklären die Inklusion zu ihrer gemeinsamen Priorität. Wir werden mit einem umfassenden Konzept die Förderung von Kindern mit Behinderungen oder sonderpädagogischem Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache oder soziale und emotionale Entwicklung verbessern. Dazu werden wir die Ressourcen deutlich verstärken. Beginnend mit dem Schuljahr 2015/16 werden wir aufwachsend bis einschließlich zum Schuljahr 2019/20 insgesamt 120 zusätzliche Vollzeitstellen für die Inklusion zur Verfügung stellen.

Das bisher pauschal zugewiesene Personal für förderbedürftige Kinder an den Stadtteilschulen soll künftig auf der Grundlage einer verbesserten Diagnostik passgenauer, also bezogen auf die tatsächliche Zahl der sonderpädagogisch förderbedürftigen Kinder, zugewiesen werden.

Gymnasien können auf eigenen Wunsch inklusiv arbeiten. Sie werden von der Schulbehörde in geeigneter Form unterstützt.

Um sowohl die Institution Schule als auch die Lehrkräfte noch besser auf die gesellschaftliche Herausforderung der Inklusion einzustellen, vereinbaren die Vertragspartner:

  • Die Koalitionspartner weisen den Schulen künftig eine große Zahl von Schulbegleitern direkt zu. Die bedarfsgerechte Zuweisung des Personals an die ehemaligen Förder- und Sprachheilschulen und die allgemeinbildenden Schulen wird beibehalten.
  • Wir werden die Inklusion zu einem zentralen Thema der Schulentwicklung und Fortbildung machen. Dazu werden wir unter Federführung des Landesinstituts für Lehrerbildung ein umfassendes, modularisiertes Fortbildungskonzept entwickeln, das sowohl individualisierte, unterrichtspraktische Fortbildungs- und Coachingangebote für Lehrkräfte als auch integrierte Fortbildungsangebote für Kollegien und Schulgemeinschaften vor Ort in ihrer jeweiligen Schule umfasst. Die bestehenden Angebote des Landesinstituts sollen mit diesem Ziel überprüft und auf diese wichtige Aufgabe fokussiert werden. 
  • Zur Unterstützung der Inklusion in den Schulen soll künftig ein Expertenteam alle Schulen besuchen und Schulleitungen sowie Kollegien bei der Umsetzung der Inklusion beraten und die Schulen bei der Entwicklung eigener Konzepte passgenau unterstützen. An Schwerpunktschulen, die Kinder mit dem Förderschwerpunkt „Hören“ betreuen, kann auf Antrag der Schulen das Wahlpflichtfach „Deutsche Gebärdensprache“ für alle eingeführt werden. Hierfür wird der notwendige Rahmenplan entwickelt.
  • In der Lehramtsausbildung soll Inklusion ein Schwerpunkt werden.

Ganztag

An jeder Schule soll ein schuleigenes Qualitätsmanagement zur Verbesserung des Ganztagsangebots eingerichtet werden. Ziel ist, es Vor- und Nachmittagsangebote besser zu verbinden, Hausaufgabenhilfe und nachmittägliche Bildungs- und Förderangebote zu verbessern, die Aufenthaltsqualität der Schulräume zu verbessern sowie Ruhezonen und Möglichkeiten zum freien Spiel auszubauen.

Die Schulen werden die Möglichkeit erhalten, mehr außerschulische Lernorte in das Ganztagsangebot einzubeziehen. Hierzu wird die Koordination und Kommunikation von Schulen, Trägern und anderen Einrichtungen vor Ort institutionalisiert. Eine wichtige Rolle spielen hierbei die regionalen Bildungskonferenzen.

Gymnasien können auf Wunsch und eigenen Antrag schrittweise zu rhythmisierten Ganztagsschulen werden.

Viele schwerstbehinderte Schüler versäumen aufgrund ungünstiger Schulbuslinien täglich Schulzeit. Die Vertragspartner werden entsprechende Verbesserungen auf den Weg bringen.

Bis 2019 sollen alle Ganztagsschulen mit insgesamt 170 Kantinen ausgestattet sein. Auf Antrag der Schulen können im Rahmen der jeweils vorhandenen Mittel in dieser Legislaturperiode 20 Produktionsküchen eingerichtet bzw. Aufwärmküchen zu Produktionsküchen umgebaut werden. In diesem Zusammenhang ist zu begrüßen, wenn die Schulen ein überzeugendes Konzept zu den Themen Ernährung und regionale Produkte aus regionaler Landwirtschaft vorlegen und die Produktionsküchen in der Nähe gelegene weitere Schulen mit Speisen beliefern.

Stadtteilschulen

Wir wollen Stadtteilschulen stärken. Zur Stärkung der Stadtteilschule wird die Multiprofessionalität des Schulpersonals (Lehrkräfte, Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Erzieherinnen und Erzieher, Therapeutinnen und Therapeuten) erhöht. Dazu gehört es, den Anteil der Gymnasiallehrkräfte an den Fachlehrkräften auf 50 Prozent zu erhöhen.

Die Berufs- und Studienorientierung ist fester Bestandteil des Unterrichts.

Der Senat wird den Fachunterricht in den einzelnen naturwissenschaftlichen Fächern und in Mathematik verbessern. 

Im Rahmen des Bauprogramms wird der Senat nicht nur Schulen sanieren, sondern rund ein Viertel aller Stadtteilschulen komplett erneuern.

Die Kooperationen von Stadtteilschulen und Gymnasien werden gefördert und unterstützt.

Gymnasien

Klare Regelungen zu Klausuren, Stundenplan und Hausaufgaben sollen ein gleichmäßiges, konzentriertes Lernen ermöglichen.

Auf Wunsch der Lehrkräfte, Eltern und Schülervertreterinnen und -vertreter der Schule wird der Senat das Ganztagsangebot qualitativ Schritt für Schritt verbessern.

Jugendberufsagentur

Die begonnene Reform des Übergangssystems Schule und Beruf wird von den Koalitionspartnern fortgeführt. Die Jugendberufsagenturen sind eingerichtet und werden konzeptionell weiter entwickelt, um den rechtskreisübergreifenden Hilfeansatz zu stärken. Dem Grundsatz der „Hilfe unter einem Dach“ entsprechend arbeitet die Jugendberufsagentur auch mit den Akteuren der Jugendsozialarbeit zusammen.

Für diejenigen, die nicht direkt nach dem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz finden, bieten wir eine dualisierte Ausbildungsvorbereitung (AV dual) an. Für besondere Zielgruppen ist die Ausbildungsvorbereitung an der Produktionsschule, die auf dem bisherigen Niveau weitergeführt werden, der richtige Weg. Die Wirksamkeit und die Erfolgskriterien des Hamburger Ausbildungsplatzprogrammes (HAP) werden überprüft.

Die Agentur für Arbeit setzt zusätzlich in den jeweiligen Agenturen vor Ort dauerhaft zusätzliche Vermittler ein, die sich nur um die Vermittlung der Jugendlichen kümmern.

Mit Handelskammer, Handwerkskammer und Arbeitsverwaltung optimieren wir das Vermittlungsverfahren. Arbeitgeber erhalten entsprechend ihrer Anforderungen konkrete Ausbildungssuchende vorgeschlagen. Damit erhöhen wir die Chance, dass ausbildungssuchende Jugendliche und Unternehmen schneller und unkomplizierter zusammen gebracht werden. Dazu gehört auch konzertierte Nachvermittlung von ausbildungssuchenden Jugendlichen.

Hamburg schafft neue Wohnungsmöglichkeiten für Auszubildende. Die Freie und Hansestadt Hamburg und die Handelskammer Hamburg finanzieren gemeinsam einen Azubi-Fonds, aus dem die pädagogische Begleitung der Auszubildenden finanziert werden soll.

Unterrichtsqualität

Es werden überprüfbare Qualitätsziele für Schulen eingeführt. Dazu zählen auch aussagekräftige und verständliche Lehrpläne mit klaren Kompetenzzielen und Unterrichtsinhalten.

In den Bereichen, in denen die Entscheidungskompetenz in die Schulen verlagert wurde, ist mit einem verbesserten Controlling die Ergebnisverantwortung zu stärken. 

Den Unterrichtsausfall wird der Senat verringern und mithilfe eines Computerprogramms genau dokumentieren.

Das Schulschwänzen will der Senat energisch bekämpfen. Auf hohe Fehlzeiten soll konsequent reagiert werden; das schließt Gerichtsverfahren ein.

Die Schulleitungen sind für das Schulmanagement besser zu qualifizieren.

Leistungen aller Schülerinnen und Schüler werden weiterhin in landesweiten Tests überprüft.

Die Vertragspartner wollen zentrale Abschlussprüfungen auf Bundesniveau.

Hamburgs Schulverwaltungssoftware muss erneuert werden, da sie technisch überholt ist. Die Koalition wird das umfangreiche Projekt an allen Schulen umsetzen.

Es wird eine Offensive für bessere Rechtschreibung (Basiswortschatz, Rechtsschreibtests, Lehrerfortbildung) gestartet.

Der Unterricht in den Kernfächern Deutsch und Mathematik wird verbessert. Der Unterricht wird auf mindestens 4 Wochenstunden angehoben, in Mathematik soll der Unterricht in erster Linie durch Fachlehrkräfte erteilt werden. Zur Vorbereitung der Berufsausbildung werden mathematische Grundkenntnisse sorgfältiger eingeübt.

Wir starten eine Qualitätsinitiative mit besonderem Blick auf das obere Drittel der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler. Auch diese haben das Recht an ihre Leistungsgrenze geführt zu werden.
Den Rahmenplan für das Schulfach Informatik will der Senat so gestalten, dass alle Schülerinnen und Schüler in Zukunft verlässliche Informatikkenntnisse erlernen. Informatik kann als Unterrichtsfach an Schulen auf eigenen Wunsch im Rahmen ihrer Profilierung angeboten werden.

Die vielfältigen Lernmöglichkeiten digitaler Medien wollen wir stärker im Schulalltag nutzen. In einer sicheren und datenschutzkonformen Infrastruktur will der Senat Computer, Laptops oder Tablets im Unterricht einsetzen.

Gestaltung schuleigener Programme

Hamburgs Schulen stehen vor neuen Aufgaben auf dem Gebiet der Inklusion, der Berufs- und Studienorientierung, der Verbesserung der Schul- und Unterrichtsqualität, der Verbesserung von Leistung und Lernständen, der Implementierung neuer Lernkulturen und Leistungsrückmeldungen, der Verzahnung und Rhythmisierung von Vor- und Nachmittagsangeboten sowie der Individualisierung und Modularisierung von Lernzeiten und Bildungswegen. Die Koalitionspartner unterstützen Hamburgs Schulen darin, sich diesen Aufgaben zu stellen und die zahlreichen Spielräume für die Gestaltung schuleigener Schulprogramme, Curricula, Ganztagsangebote, Stundentafeln, Methoden, Rückmeldeformate und Organisationsformen zu nutzen. Wir werden diese Spielräume sichern und dazu den Schulversuch „alleskönner“ verlängern.

Durchsetzung der Schulpflicht

Für schwere Fälle von Absentismus soll die Kooperation mit der Polizei Hamburg und der Jugendhilfe fortgesetzt werden.

Im Zusammenhang mit der Jugendberufsagentur wird geklärt, welche erweiterten Handlungsmöglichkeiten zur Durchsetzung der Schulpflicht genutzt werden können. Des Weiteren wird das Informationsverfahren zwischen Grund- und weiterführenden Schulen weiterentwickelt. Dabei soll eine möglichst frühzeitige Einbindung der GiK-Fachkräfte (Gewaltprävention im Kindesalter) erfolgen.

Beschulung von Flüchtlingskindern

Die steigende Zahl von Flüchtlingen ist auch für die Hamburger Schulen eine besondere Aufgabe. Sie leisten hier gute Arbeit, die auf Basis überarbeiteter Konzepte weitere Unterstützung erfahren soll.

Der Senat wird entsprechend dem Bedarf neue Vorbereitungsklassen für Flüchtlinge an Schulen einrichten, in denen Flüchtlingskinder ein Jahr lang unterrichtet werden, um danach in die Regelklassen zu wechseln. In den Zentralen Erstaufnahmen soll die Beschulung schon in der ersten Woche gesichert werden.

Wir wollen, dass auch Flüchtlinge und Asylsuchende trotz migrationsbedingter Unterbrechungen ihrer Bildungsverläufe ihre Potenziale entfalten und einen Schulabschluss erlangen können, damit sie die Chance auf Teilhabe an Bildung und schulischer und beruflicher Ausbildung haben. Die Koalitionspartner verständigen sich darauf, hierfür zügig entsprechende Rahmenbedingungen und Maßnahmen für die Umsetzung zu entwickeln. Dazu zählt auch eine Anpassung des Hamburger Schulgesetzes.

Lehrerausbildung

Die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer wird weiterentwickelt. Dazu sollen Studiengänge für die Lehrämter besser auf die neue Schulstruktur ausgerichtet und die Pädagogikausbildung gestärkt werden. Darüber hinaus soll die Ausbildung auf die neuen Herausforderungen, insbesondere auf Inklusion, Ganztag und die größere Bedeutung der Fachlichkeit und Fachdidaktik, zugeschnitten werden.

Schulbau

Für die Instandhaltung, Sanierung und Erweiterung der allgemeinbildenden Schulen wird der Senat auf der Grundlage der Drucksache Schulbau und des Landesrahmenplans Schulbau von 2011 bis 2020 rund 2 Milliarden einsetzen.

Bis 2027 werden mehr als 700 Mio. Euro in die Sanierung und den Neubau der beruflichen Schulen investiert.

Grenzübergreifender Schulbesuch

Die Koalitionspartner vereinbaren, das Gastschulabkommen zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein zum grenzübergreifenden Schulbesuch neu zu verhandeln und hierzu das Gespräch mit Schleswig-Holstein aufzunehmen.