Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration

Motivation Wie wir wurden, was wir sind.

Seit drei Jahren Pflegeeltern: Barbara Kornmaul und Alexander Faltusz.

Wie wir wurden, was wir sind.

Was treibt Menschen an, sich für das Thema Pflegekinder zu interessieren und Pflegeeltern zu werden? Barbara Kornmaul, seit fast drei Jahren Pflegemutter, hat in sich hineingehorcht. 

„Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden, wie viele Kinder wirst Du kriegen?“ Diesen Abzählreim singt unsere dreijährige Pflegetochter momentan gedankenverloren vor sich hin – er ist auf einer CD, die sie sehr liebt.

Als ich diesen Vers jetzt zum ersten Mal wieder hörte, wurden sofort Erinnerungen an meine Kindheit wach. Beim Seilspringen versuchten wir, eine möglichst große Kinderschar zu „erhüpfen“. Ein anderes beliebtes Spiel, die Anzahl unserer zukünftigen Kinder zu ermitteln, war das Pendeln mit einer Kette. Meinen Freundinnen und mir war dies eine Zeit lang ein wichtiges Thema.

Es war für mich immer selbstverständlich, dass ich, wenn ich „groß“ bin, mindestens vier Kinder haben werde. Damit war das Thema für viele Jahre erledigt, denn es war ja klar ...
Nach dem Abitur folgte ein Studium, die geplante Familiengründung rutschte weit weg in die Zukunft. Dem Studium folgte eine Ausbildung, dann endlich das Berufsleben.  Mit Mitte Dreißig kam mir das Thema „eigene Familie“ dann wieder in den Sinn.

Mittlerweile hatte ich in meinem Beruf mit vielen Kindern und Eltern unterschiedlichster Herkunft und sozialer Schichten gearbeitet. Manchmal war ich erschrocken und manchmal erfreut, wie sehr Kinder durch ihre Umgebung beeinflusst werden. Und bei einigen Kindern habe ich mir vorgestellt, was eine andere Umgebung aus ihnen gemacht hätte. Nachdrücklich in Erinnerung ist mir ein damals sechsjähriger Junge, der es nicht kannte, dass er ernst genommen wird und Erwachsene ihre Versprechen einhalten.

Irgendwann sah ich im S-Bahnhof ein Plakat von PFIFF, auf dem zwei Jungen zu sehen waren, und das Versprechen „Mit denen können Sie was erleben“. Ich war davon fasziniert und fing sofort an zu überlegen, wie es wäre, mit Pflegekindern zu leben.  Jahre später, um die sehr anstrengende Erfahrung reicher, dass sich der Natur nicht immer auf die Sprünge helfen lässt, fiel mir mein damaliges Erlebnis mit dem Plakat wieder ein.

Mein Partner und ich waren uns schnell einig, dass ein Leben mit Kindern wichtiger ist, als unbedingt eigene Kinder zu haben. Eine Adoption wäre für uns aus Altersgründen wohl nicht in Frage gekommen und eine Auslandsadoption war für uns nie eine Option. Zu wissen, dass Kinder in der nächsten Umgebung Hilfe brauchen, führt meiner Meinung nach die Idee einer Adoption aus fernen Ländern ad absurdum.

Nach den Infoabenden bei PFIFF war uns klar, dass wir uns als Pflegeeltern bewerben wollten.

Das Wissen der Pflegekinder um ihre Herkunftsfamilie, ebenso mögliche Umgangskontakte bei gleichzeitiger Sicherheit in der Pflegefamilie – diese Aspekte finden wir wichtig. Auch der Gedanke, dass wir unseren Pflegekindern eine neue Chance geben, weil sie bei uns aufwachsen können, ist sehr motivierend.  Wir sind uns sehr bewusst, dass wir selbst im Vergleich zu diesem Kindern sehr privilegiert aufgewachsen sind, weil wir Kind sein durften und uns nicht um suchtkranke oder psychisch kranke Eltern kümmern mussten. Davon möchten wir etwas zurückgeben und empfinden es als Geschenk, dass wir mit zwei Pflegetöchtern leben dürfen.

Der Dichter Khalil Gibran hat einen Text geschrieben, der mich schon viele Jahre begleitet und durch unser Leben mit Pflegekindern eine besondere Bedeutung  bekommen hat: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken. Denn sie haben ihre eigenen Gedanken. Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen. Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen ....“

Es war die beste Entscheidung in unserem gemeinsamen Leben, Pflegeeltern zu werden. 

Die Autorin.
Barbara Kornmaul und ihr Mann Alexander Faltusz leben in Hamburg-Marienthal und haben zwei Pflegetöchter im Alter von neun Monaten und drei Jahren.