Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration

Bilanz Warum Pflegemutter? Ich bin es einfach!

Seit 15 Jahren ist Patricia Hagelstein allein erziehende Pflegemutter.

Warum Pflegemutter? Ich bin es einfach!

„Und plötzlich stand das Leben Kopf.“ Unter diesem Titel hat Patricia Hagelstein aus Hamburg-Volksdorf vor 10 Jahren für den BLICKPUNKT PFLEGEKINDER aufgeschrieben, warum sie Pflegemutter geworden ist. Hat sich bei ihr in diesem Zeitraum etwas verändert? Und wenn ja – was? Hier ist ihre Antwort.

Mein Telefon klingelt: „Würden Sie mal wieder etwas für uns schreiben? Eine Retrospektive auf Ihren Text von vor zehn Jahren zum Thema ‚Warum bin ich Pflegemutter geworden?‘“. – „Ja, das mache ich sehr gern, aber ist das wirklich schon so lange her?“ Ich lese den Text von damals, er liest sich noch genauso flüssig, die Worte gehen mir immer noch nahe, aber erstaunt stelle ich fest, dass ich mir die Frage, warum ich Pflegemutter geworden bin, inzwischen nicht mehr stelle. Ich bin es einfach!

Die vergangenen zehn Jahre füllen sich plötzlich mit Erinnerungen. Was gerade noch nach einer unglaublich langen Zeitspanne klang, die einfach nicht wahr sein kann (Es kann doch nicht wirklich ein ganzes Jahrzehnt vergangen sein!), wird nach und nach real. Mir wird klar, dass ich schon sehr lange Pflegemutter bin. Es ist eine der Rollen, die mich ausmachen und die mich in meinem Leben voran gebracht haben. Es war gut, sich anfangs diese Frage nach dem Warum zu stellen, einfach um herauszufinden, ob ich der Aufgabe wohl gewachsen sein werde. Ganz zu Beginn glaubte ich bereit zu sein, zwischendurch glaubte ich, es nicht mehr zu sein. Der Anspruch an mich selbst war groß und erst die Erkenntnis, dass Pflegeelternsein eine Entwicklung bedeutet, etwas, das sich stetig wandelt und nicht statisch ist, hat mir geholfen, etwas gnädiger mit mir umzugehen. Ich wollte alles so gern richtig machen, aber in Beziehungen von einem richtig oder falsch zu sprechen, ist nahezu unmöglich. Natürlich, einige Dinge haben wir als Familie gut gemeistert, doch manches wäre ich im Nachhinein wohl anders angegangen, das hätte uns vielleicht manchen Kummer erspart. Aber die vermeintlichen Fehler sind eben Teil eines Lernprozesses und am Ende waren sie es, die uns einander näher gebracht haben. 

Was ich mir erhalten habe ist mein Mut, schwierige Situationen anzunehmen, und auch meine Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen, denn nur dann helfen sie einem weiter. Ich stelle immer noch gerne Fragen zum Thema Pflegekinder und finde es nach wie vor spannend, den Erfahrungen und Erzählungen anderer Pflegeeltern zuzuhören. Ich lerne aus jedem Gespräch. Pflegefamilie zu sein, ist aber nicht mehr so vordergründig wie in den ersten Jahren. Wir haben uns gefunden und sind als Familie zusammengewachsen. Ich kann an dieser Stelle feststellen: Meine Wünsche haben sich erfüllt, ich bin sehr zufrieden! 

Und wie geht es meinen Kindern? Inzwischen sind sie ja Jugendliche. Die Pubertät hat noch mal ganz neue Energien freigelegt. Eine Entwicklungsphase, die mich wie zu Beginn manches Mal an den Rand der Erschöpfung und Verzweiflung gebracht hat. Es brauchte Zeit, bis ich verstanden hatte, dass ich mich erst noch mal mit meiner eigenen Pubertät auseinandersetzen musste, um den Kindern gestärkt zur Seite stehen zu können. Wir mussten und müssen immer noch viel miteinander reden. Ich vertraue aber darauf, dass die Kinder genügend Sicherheit aus unserem Zusammenleben schöpfen, um mit den Schwierigkeiten auf dem Weg des Erwachsenwerdens fertig zu werden. Sie machen das toll! Es ist spannend mit ihnen zusammen zu leben. Sie sind beide sehr verschieden und mit jeweils völlig unterschiedlichen Grundvoraussetzungen in dieses Leben geboren worden. Sie sind gemeinsam aufgewachsen, konnten zwischenzeitlich gar nichts miteinander anfangen und trotzdem hat sich über die Jahre ein vertrautes Band entwickelt. Ich hoffe, dass es lange hält. Als meine Pflegetochter Anfang dieses Jahres ausziehen wollte, weil sie ein Loyalitätskonflikt zwischen ihrer leiblichen Familie und uns fast zu zerreißen drohte, war es mein Sohn, der Zugang zu ihr fand. Er sagte die entscheidenden Sätze: „Wieso willst du deine Familie verlassen? Seine Familie verlässt man nicht. Später kannst du ausziehen, aber jetzt doch noch nicht.“ Ich war gerührt, weil mein Sohn uns ganz selbstverständlich als Familie sah und meine Pflegetochter die Bestätigung erhielt, dazuzugehören. Das tat ihr so gut. Sie entschied sich zu bleiben. 

An dieser Stelle kommt bei mir eine neue Frage auf, wie in den vergangenen Jahren schon häufiger. Nicht warum bin ich Pflegemutter geworden, sondern warum werde ich nicht noch einmal Pflegemutter? Ich habe so viele Erfahrungen gesammelt, so viel gelernt, es ist schade, dass nicht noch mehr Kinder davon profitieren können. Ich war manches Mal nahe dran, noch ein Pflegekind aufzunehmen, aber am Ende war ich immer ehrlich zu mir – wir hätten als Familie kein weiteres Kind getragen. Für ein drittes Kind war in unserem Leben kein Raum mehr. Vorbereitung, Erfahrung, Bereitschaft, das kann alles im Überfluss vorhanden sein, aber was Pflegeeltern wirklich befähigt, Pflegeeltern zu sein, ist das Leben selbst. Die kritischen Fragen einiger Freunde und Angehöriger vor der Aufnahme meiner Pflegetochter waren durchaus berechtigt. Ja, ich habe mir viel zugemutet. Alleinerziehend und berufstätig zu sein hat mich alle meine Kraft gekostet, manches Mal bin ich über meine Kräfte hinausgegangen. Ohne Unterstützung von Freunden, Familie oder Pflegekinderdienst wäre es nicht möglich gewesen, allem gerecht zu werden. Für eine Partnerschaft habe ich in den vergangenen Jahren tatsächlich keine Energie mehr gehabt, obwohl ich mich manchmal danach gesehnt habe. Die Kinder haben sich sehr aneinander gerieben, ich war oft in Sorge, ob wir einander gut tun, ob am Ende auch jeder von uns etwas Positives aus dem Zusammenleben zieht. Die Gespräche mit anderen Menschen haben mir immer geholfen, meine Situation gut einzuschätzen, doch meine Entscheidungen habe ich meist intuitiv getroffen und damit gute Erfahrungen gemacht.

Hatte ich es mir so vorgestellt? Habe ich mit so viel Mühen und Sorgen gerechnet? Ja und nein, mir war schon klar, dass es keine leichte Aufgabe sein wird, ein fremdes Kind aufzuziehen; dass es im besten Fall bis zur Volljährigkeit dauert, also viele Jahre. Aber was das im Alltag an Auseinandersetzungen bedeutet und wie viel Leben man im Verlauf dieser Jahre wirklich lebt, war mir nicht bewusst. Jetzt werden die Kinder langsam flügge. In nur wenigen Jahren bin ich offiziell keine Pflegemutter mehr. Das stimmt mich irgendwie traurig, andererseits auch wieder nicht,  denn ich werde mein Leben lang Mutter von zwei Kindern sein. Ich freue mich darauf, die Beiden ins Leben ziehen zu lassen, und ich freue mich auch darauf, mich selbst wieder neu zu entdecken.

Die Autorin.
Patricia Hagelstein ist allein erziehende Mutter eines 17jährigen Sohnes und einer 15jährigen Pflegetochter.