Der Hamburger im Interview mit Christoph Lieben-Seutter "Leider geil"

Leider geil. Dieses Deichkind-Zitat entfährt dem Generalintendanten kurz nach der ersten Akustikprobe mit einem Orchester in der Elbphilharmonie. 

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Mit Christoph Lieben-Seutter auf dem Dach der Elbphilharmonie

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Dies ist ein gekürztes Interview mit Christoph Lieben-Seutter. Die Fragen stellte David Pohle, Chefredakteur von Der Hamburger. Das vollständige Interview finden Sie in der Winterausgabe 2016 von Der Hamburger. 

Wie war Ihre Gefühlslage vor der ersten Orchesterprobe?
Angespannt. Das war ein entscheidender Moment, wichtiger noch als die Eröffnung. Dass wir es baulich schaffen werden, ist schon seit Monaten klar. Der erste Akustiktest mit Orchester und damit die Frage, ob der Große Saal wirklich so gut sein wird, wie bestellt, war das einzige, was noch gefehlt hat.

Und?
Sensationell. Wir wissen jetzt, dass der Saal ganz vorne mitspielt. Damit haben wir die erhoffte Gewissheit, dass die Elbphilharmonie Hamburg ihr Geld wert ist und das Musikleben verändern wird.
(....) 

Generalintendant. Ein sagenhaftes Wort. Ihre Aufgabe konkret?
Der General ist mir gar nicht so recht, Intendant würde mir als Titel reichen. General kam hinzu, weil ich ja für zwei Häuser (Laeiszhalle und Elbphilharmonie) zuständig bin. (Nimmt eine weitere Olive, dann eine Mandel, überlegt kurz) Landläufig wird man engagiert wegen des künstlerischen Programms. De facto ist man die Schnittstelle zwischen Publikum und Bühne. Es ist genauso wichtig, etwas vom Publikum zu verstehen wie vom Repertoire und den Künstlern. Intendant sein ist, nachdem sich die meisten Theater und Konzerthäuser durch den immer mehr steigenden Kostendruck zu höchst professionellen Wirtschaftsbetrieben entwickelt haben, ein beinharter Management-Job, wie in einem Unternehmen: Marketing, Vertrieb, PR, Technik, Administration, Personal, Controlling, Sponsoring und Fundraising gehören – neben dem künstlerischen Programm – ebenso dazu wie gute Beziehungen zur Politik, weil öffentliche Mittel meist eine große Rolle spielen. Diese komplexen Aufgaben teile ich mir mit meinem Ko-Geschäftsführer Jack Kurfess und einem phantastischen Team.
(...) 

Sie sind Anfang 50, seit zehn Jahren in Hamburg, sehen aber noch recht frisch aus. 
Als ich das Wiener Konzerthaus übernahm, war ich mit Anfang 30 tatsächlich sehr jung, nach Hamburg kam ich als erfahrener Mann mit 42. Und wo Sie es so sagen, das Projekt hält wohl jung (da muss selbst Lieben-Seutter lachen).

Wieviel Zeit widmen Sie denn dem Jungbrunnen?
7 Tage die Woche, 16 Stunden pro Tag. Vor Ort bin ich jetzt schon fast täglich, Ende Oktober ziehen wir ein.
(...)

Mussten Sie viel Prügel einstecken für die Verzögerungen bei der Elbphilharmonie?
Geht so. Anfangs wurde ich ja als toller Intendant aus Wien gefeiert. Bei der Elbphilharmonie wollte jeder mit dabei sein und mit dem Intendanten gut stehen. Als das Projekt in Schieflage geriet, wurde ich zwar nicht für die Bauprobleme angegriffen, aber es wurde so mancher Konflikt virulent, insbesondere was den Auftrag der Elbphilharmonie als städtischer Konzertveranstalter betraf. Das war ja für Hamburg eine neue Entwicklung. Bis dahin wurde das Musikleben von den Hamburger Klangkörpern und den privaten Veranstaltern dominiert. Letztere sahen ihr Geschäftsmodell bedroht und haben alle Register gezogen, um uns das Leben schwer zu machen. 

Und wie lautet der Auftrag der Elbphilharmonie?
Unser Auftrag ist es, ein sehr vielseitiges Programm anzubieten und hochklassige Musik zu einem fairen Preis einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wir nehmen eben viele Aufgaben wahr, die private Veranstalter nicht wahrnehmen.
(...)

Wertschätzen es die Hamburger, wenn Geld für kulturelle Bildung ausgegeben wird und damit kein Gewinn gemacht wird?
Die Elbphilharmonie wird ein Riesenerfolg. Die Akustik ist sagenhaft, die Architektur einzigartig und der Kartenverkauf läuft gut. Die Kosten werden da keine große Rolle spielen, die Begeisterung wird überwiegen. Aber dass man sehenden Auges Konzerte veranstaltet, die auch bei vollem Haus defizitär sind, leuchtet manchen Leuten nicht ein. Sogar wohlmeinende Menschen sagen mir so was wie War ja jetzt doof teuer, aber wenn es erstmal läuft, kommt das Geld ja wieder rein.

Was antworten Sie denen?
Dass dem leider nicht so ist, sondern dass es auch weiterhin viel Geld kosten wird. Es steht einer Stadt sehr gut zu Gesicht, wenn sie in Kultur investiert, einer Leistung, die wie Erziehung, Bildung und Gesundheitswesen zu einer Gesellschaft einfach dazugehört.

Die Argumentation wird jedoch schwieriger, die Bereitschaft, öffentliches Geld für Kultur auszugeben, sinkt. Aber die 6 Millionen Förderung für das Konzertprogramm sind gut investiert. Die Elbphilharmonie ist ja nicht nur ein Konzerthaus, sondern ein Wahrzeichen mit weltweiter Ausstrahlung. Hamburg wird neu aufgeladen, als echte Metropole, als kulturinteressierte, lebenswerte, unternehmerische Stadt.

Das kann man mit keiner Werbekampagne erreichen, geschweige denn bezahlen, was für einen Imagegewinn die Elbphilharmonie für Hamburg bringen wird.

Beispiel Australien. Es gibt wohl keine Publikation, keinen Katalog, kaum eine Postkarte, wo nicht die Oper von Sydney drauf ist. Abgesehen vom Ayers Rock ist die Sydney Opera unser erstes Bild von Australien. 
(...)

Was passiert, wenn Herr Hengelbrock am Abend vor dem Eröffnungskonzert ausfallen würde? Haben Sie heute schon Ersatz?
Nein. Das Risiko haben wir ja jeden Abend, das gehört zum Geschäft. Mit geprobtem Orchester ist der Dirigent leichter zu ersetzen als beispielsweise ein Solist, der eine schwierige Partie bei einem selten aufgeführten Werk einstudiert hat. Dirigenten haben zudem häufig Assistenten, die einspringen könnten. Generell sind das natürlich sehr spannende Momente. Absagen, Krankheitsfälle kommen relativ häufig vor und können eine riesige Chance für den sein, der einspringt. Viele Karrieren großer Künstler haben so begonnen.
(...)

Und sind auch Stars aus dem Pop-Business denkbar?
Durchaus, wir haben ja einige laute Konzerte angesetzt, begonnen mit den Einstürzenden Neubauten. Für wirkliche Superstars ist der Saal zu klein, aber wenn beispielsweise Beyoncé im Großen Saal ein Clubkonzert geben würde, wär ich begeistert. Es gibt auch Gespräche, dass so große Namen mal vorbeischauen. Das ist auch ein Terminproblem, weil es kaum Tage im Jahr gibt, wo der Saal einen ganzen Tag für Aufbau, Soundcheck etc. frei ist.
(...)

Was möchten Sie am Tag nach der Eröffnung in der Zeitung lesen?
Gewonnen. Nicht ich, sondern die Elbphilharmonie, die Stadt.
(...)

Christoph Lieben-Seutter, am 3. Juni 1964 in Wien geboren, trägt seit 2007 den Titel des Generalintendanten. Er ist verantwortlich für die altehrwürdige Laeiszhalle und die Elbphilharmonie. (...) Hamburgs neues Wahrzeichen wird am 11. Januar 2017 vom NDR Elbphilharmonie Orchester unter der Leitung des Hamburger Stardirigenten Thomas Hengelbrock eröffnet. Mehr als 200 Konzerte sind in der Folge angesetzt.(...)


"Leider geil"
Leider geil. Dieses Deichkind-Zitat entfährt dem Generalintendanten kurz nach der ersten Akustikprobe mit einem Orchester in der Elbphilharmonie. 
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20161215 15:06:07