Der Altonaer Fischmarkt Finest Fish

Wer Fischmarkt sagt, denkt an Aale-Dieter und Kiezbummel, die erst Sonntagvormittag enden. Ehrlich, hart und rau geht es ein paar Hundert Meter hinter der Haifischbar zu. Jede Nacht. Das ist der echte Hamburger Fischmarkt. 

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Finest Fish vom Altonaer Fischmarkt

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Zwischen Seehecht, Karpfen und Krabben

Alles ist erleuchtet, die kalt-nassen Hallen des Altonaer Fischmarktes brennen! Styroporkisten werden geschäftig im Gang aufgetürmt, Fisch aufbereitet und filetiert. Man könnte glauben, es sei neun Uhr morgens. Blick auf die Uhr: 23 Uhr nachts. Wir stehen mittendrin, in einer Parallelwelt aus Neonröhren, Fischgeruch und frieren. Zumindest dann, wenn wir rumstehen. Man ist kurz angebunden: Es ist Dienstag, Kampftag. Das Geschäft geht vor Gespräch! „Tut mir leid“, sagt Michael, während er vor den Bestellzetteln die nächsten Aufgaben durchgeht. 

„Mein Vorarbeiter ist heute nicht da, sonst hätte ich mehr Zeit für euch.“ Michael ist einer der Hauptverantwortlichen bei Heidi Fisk, managt Team und Bestellungen wie ein 
Dirigent: Kiste A an Platz B, Fisch C in Kiste A. Laien verlieren binnen Sekunden den Überblick. Vor dem Markt wird ein großer Lieferwagen mit niederländischem Kenn
zeichen ausgeladen, während der nächste auf der Straße ungeduldig auf Einlass wartet. Ruckzuck muss das gehen, Kisten raus und erst mal an die Seite. Möwen kreisen, aber die Deckel sind gut verschlossen. Zwei Uhr ist es schon und nun im wahrsten Sinne Tempo angesagt: Wer nicht aufpasst, dem flitzt Michael mit dem Gabelstapler über die Füße. Vorwärts raus, rückwärts mit einem Stapel weißer Styroporkisten wieder rein, abladen.

Nachtschichten für frischen Fisch

Riesige Zuckerwürfel mit fischigem Inhalt, überall auf dem Gang. Auch für die Konkurrenz werden Kisten an ihren Platz gebracht. Sind schließlich alles Familienbetriebe, man kennt sich und weiß: Kundschaft kommt! 
Um etwa drei Uhr startet der Verkauf, Bestellungen werden abgeholt, in Kisten geguckt, notiert. 

„Es kommen hauptsächlich Marktverkäufer oder kleinere Einzelhändler, die zum Beispiel Fischfeinkost anbieten. Wobei letztere immer weniger werden“, sagt Susanne Matthäi von Niehusen. Ihr Büro ist die kleine Parzelle zwischen lauter Kühlschränken mit köstlichen Fischsalaten. Ein Treffpunkt, denn unter rotem Sonnenschirm an kleiner Bierbank gibt’s Kaffee gratis! Ein bisschen Wärme muss sein, auch zwischenmenschlich. Da kommt zum Beispiel Ferdinand, der Lieferant aus 
Lübeck, und gönnt sich ein Heißgetränk, während er auf die Bestellung wartet. Eigentlich ist er schon in Rente, aber das sei ihm zu langweilig, erzählt er. Da fährt er lieber Fisch aus. Jede Nacht. Ein entspannter Job, weil die Straßen so schön leer seien, sagt er. Nacheinander kommen sie alle, die Einzelhändler, Lieferfahrer und Einkäufer. „Es sind immer die gleichen Kunden, immer um die gleiche Zeit“, sagt Frau Matthäi und schenkt den beiden Damen von Fischköhler aus Winsen/Luhe ein, ebenfalls ein Familienbetrieb seit, tja, seit wann eigentlich? „Schwer zu sagen! Mein Großvater hat damals angefangen, wie man eben anfängt. Hat Fisch aus dem Bauchladen an die Nachbarn verkauft.“ 
So ungefähr muss es gewesen sein, als der Fischmarkt seinen Anfang nahm, Ende des 19. Jahrhunderts.

Käufer und Verkäufer - echte Fischkenner

Erst zwischen 1934 bis 1937 wurden die beiden Märkte der damaligen Städte Altona und Hamburg zusammengeführt. An dem Platz, der heute Hamburgern wie Touristen als Fischmarkt bekannt ist – wenngleich es dort kaum mehr den „richtigen“ Fisch für Einzelhändler zu kaufen gibt. „Wir wurden irgendwann hierher umgesiedelt“, erzählt Frau Matthäi. In die Hallen der HHLA, in der Touristen und Gelegenheitskäufer nicht viel zu lachen hätten: „Die erkennen einen Laien hier sofort“, sagt Sebastian Baier, „da wirst du gnadenlos über den Tisch gezogen, wenn du nicht aufpasst!“, sagt er und grinst. Es ist kurz vor vier, als der Hüne am Kaffeetisch aufkreuzt. Groß, feinstgelegte Frisur, gestutzter Bart, filigrane Holzbrille. Heute etwas verspätet: „Meine Tochter hat mich wachgehalten, im Prinzip habe ich gar nicht geschlafen.“ Sechs Tage kommt er jede Nacht hierher, sucht Fisch für seinen Marktstand in Bergedorf aus. Man kennt ihn, denn er mag es lieber ungewöhnlich. Ihm zeigen die Händler auch mal Kisten, in denen nicht 
die alltägliche Fischware wartet. „Ich kenne Verkäufer, die Angst bekommen, wenn neben ihnen ein Nordsee-Store aufmacht. Wenn ich vor so etwas Angst habe, sollte ich mein Sortiment in Frage stellen“, meint er und hält eine Bernsteinmakrele in die Höhe. Fein gezeichnet und unfassbar lecker, wie Sebastian betont – und gibt noch gleich ein paar Brat- und Beilagentipps dazu. 

Einheimisches und Außergewöhnliches

Nicht viele denken so wie er, vielleicht auch deshalb schrumpfen Fischhandel und Markt zusehends: Früher seien es hier mal um die 
40 Lieferanten gewesen, sagt Baier, heute sind es vielleicht noch die Hälfte. Der Einkauf geht mehr und mehr über Massenware, zum Beispiel die der Metro. Sebastian hingegen kommt kein Fisch in Schonzeit auf den Marktstand. „Rotbarsch zum Beispiel wird trotzdem gefangen, der ganze Laich läuft dann an den Fischen runter. Wenn du so einen brätst, stinkt der nach Pisse!“, sagt er. „Viele wollten mir das erst nicht glauben und kauften den Fisch woanders. Ich habe so anfangs Kunden verloren, die aber nach etwa zwei Jahren alle wieder da waren.“ Sogar aus Altona kommen die Fischliebhaber mittlerweile zu ihm, weil sie wissen: Bei ihm gibt es das richtig gute Zeug! Von kleinen Fischern aus dem Senegal zum Beispiel, deren Ware über Frankfurt hier angeliefert wird. Er macht das, was in Sachen Fleisch 
gerade eine Renaissance erfährt und verkauft als versierter Einzelhändler, der noch weiß, wo sein Fisch herkommt. Mit Erfolg: „Wir sind einer der ersten Betriebe, die nach 20 Jahren wieder ein richtiges Geschäft bauen.“

Frisch geräucherte Aale

Doch nun ist der Gedanke erstmal wieder beim täglichen Markteinkauf, nächste Bestellung, diesmal bei Krahl & Freudenthal. Im kleinen Kassenhäuschen sitzt Matthias, neben ihm der Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter. „Früher wurde da drin noch geraucht, bis Gabi, die Geschäftsführerin, aufgehört hat. Es lief Musik, wie in der Disko, mit LED und allem, was dazugehört. Eine Menschenräucherei!“ Sebastian lacht und läuft mit uns die paar Meter am Marktgebäude entlang, in die richtige Fischräucherei, wo Jörg Aal an Aal auf Metallstäbe zieht und in den Ofen hängt. Neun Reihen zu je zwölf 
Fischen, alle in eineinhalb Stunden fertig. Die Produktion gehe nicht nach Bestellung, sondern mehr auf 
Verdacht. „Das haut auch meistens hin!“, sagt Jörg. 
Bei ihm hängt der Fisch noch über echtem Buchenholz. „Den Unterschied zu gasgeräuchertem Fisch schmeckt man!“, sagt Sebastian. Mittlerweile wird es hell draußen, er muss los, sein Markt ruft. Wir verabschieden uns und suchen noch einmal nach Wärme am Coffeehotspot. Die Kisten schwinden, das Eis schmilzt, die Schritte werden langsamer. Es ist sieben Uhr morgens, als wir den Markt verlassen. In der Stadt geht der Berufsverkehr gerade los. Fischduft hängt in unserer Kleidung. Was bleibt, ist die Müdigkeit – und Bock auf Fisch.

Kulinarische Tipps 

Rive
Modernes Seafood und Hamburger Spezialitäten in Perfektion. Ein BiB-Gourmand-prämiertes Konzept, das durch die Übernahme der österreichischhamburgischen Tschebulls noch gastfreundlicher wird, als ohnehin schon.
Van-der-Smissen-Str. 1, rive.de

Fischereihafen
Seit über 35 Jahren sind die Kowalkes sagenhafte Gastgeber. Ihre Fischküche, samt winziger Oyster Bar, ist der Klassiker unter den Fischrestaurants am Hafen. Hansesatischer, eher hamburgischer, geht es nicht.
Große Elbstraße 143, fischereihafenrestaurant.de

Atlantik Fisch
Klaus Pasche gehört zum Fischmarkt, beliefert und macht auch Mittagstisch! Bis 16 Uhr gibt es alles fangfrisch und lecker zu anständigen Preisen. Und den Fischeinkauf für Zuhause auch. Täglich ab 6 Uhr.
Große Elbstraße 139, atlfisch.squarespace.com

Must Sees rund um den Fischmarkt

Dockland
Dockland Hamburg​​​​​​​Wie ein gewaltiger Schiffsbug thront Hadi Teheranis begehbarer Parallelogrammbau am alten Fischereihafen. Abgesehen von den Büros, befindet sich auf 500 qm Dachterrasse einer der schönsten Fotospots. Die HADAG-Fähre 62 fährt gen Fischmarkt und Finkenwerder.
Van-der-Smissen-Straße 9

Fish on sunday
Na klar, auch der sonntägliche Fischmarkt muss sein! Von 5 bis 9:30 Uhr zu Aale Dieter, Hollands Blumenkönig, Fischauktionshalle und auf einen letzten (oder ersten) Absacker in die Kultkneipe Eier Carl. Haifischbar hat natürlich auch offen.
Große Elbstraße 9 und 128 Hamburger

stilwerk
stilwerk HamburgNeben spezialisierten Stores für Lampen, Küche und Wohnen, überrascht das Designcenter seine anspruchsvollen Besucher auch gern mit wechselnden Pop-up-Stores. Möbel- und Wohnkunst schön anders!
Große Elbstraße 68, stilwerk.de

Geschichtliches

1703 richtet die Stadt Altona ihren ersten Fischmarkt ein, 1896 wird die alte Fischauktionshalle gebaut, im Zweiten Weltkrieg zerstört, vor dem Totalabriss gerettet und als Solitär für Events und den sonntäglichen Fischmarkt wieder hübsch gemacht. Im Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 wird Altona Hamburg zugeordnet und 1938 die Fischmarkt Hamburg-Altona GmbH gegründet. An der Großen Elbstraße entstehen Kühlhallen, 1989 siedeln die traditionellen Großhändler um. Nach wie vor ist dies einer der wichtigsten Umschlagsorte für Frischfisch in Deutschland. Damit das so bleibt: Beim Fischhändler des Vertrauens kaufen!
fischmarkt-hamburg.de

Von Fischen und Menschen

Lerch, Hummer + Co.
Edle Fische ordert der Hamburger hier! Nach Anruf gibt es Schellfisch, Loup de mer und gewaltige Steinbutt-Exemplare aus der Hand von Thomas (s. Foto) und Team. Kein Wunder, dass Henssler und Henssler ebenfalls bei Jürgen Lerch bestellt.
Große Elbstraße 178, lerch-hummer.de

Küchenpraxis
Zwischen Fisch und Hafen passt seit Jahren die Kochschule von Jörg Nöcker und Thorsten Behnk. Kurse, Catering und knallige Rezepte auf höchstem Niveau – im Ambiente, bei dem uns warm ums Herz wird!
Große Elbstraße 133, kuechenpraxis.com

Café Schmidt
Franzbrötchen als Liebeserklärung an Hamburg, leichte süße Mädchen, legendär lecker. Umwerfend gutes Sortiment. Tipp: Kapitänsfrühstück für zwei auf der Riesenetagere!
Große Elbstraße 212, schmidt-und-schmidtchen.de

Urban Challenge
Nicht nur Schiffe, auch knallharte Jungs und Deerns laufen am Cruise Center Altona auf. Bei der Urban Challenge am 26. August geht es über 1000 Treppenstufen und 20 Hindernisse entlang der Elbmeile und des Fischmarktes.
urban-challenge-hamburg.de

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