Meine Erfahrungen als Nationale Expertin

Brigitte Brockmoeller arbeitet seit  Februar 2010 als Nationale Expertin bei der Europäischen Kommission

Plathalter

Meine Erfahrungen als Nationale Expertin

Europakompetenzen zu erwerben, ist nicht nur für jeden Einzelnen ein persönlicher Gewinn, diese werden auch immer wichtiger für die Arbeit der Bundes- und Landesbehörden.

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Entscheidung 

Vor meiner Abordnung in die EU war ich Referatsleiterin in der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz und verfügte über langjährige Erfahrungen auf dem Gebiet der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Als die EU-Kommission im Sommer 2009 eine nationale Expertenstelle für das Vereinigte Königreich mit den Arbeitsschwerpunkten Beschäftigung und Soziales ausschrieb, bewarb ich mich. Diese Stelle interessierte mich.  Zum einen bot sie mir die Möglichkeit, mein Fachwissen bei der EU einzubringen und zu erweitern. Zum anderen interessierte mich besonders das Vereinigte Königreich, da ich im dortigen Arbeitsministerium bereits Mitte der neunziger Jahre im Wege eines Verwaltungsaustausches gearbeitet hatte und die Entwicklung dort weiterverfolgen wollte.

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Einsatzort

Nachdem meine Bewerbung Erfolg und Hamburg meiner Entsendung zugestimmt hatte, nahm ich schließlich am 1. Februar 2010 meine Arbeit bei der Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Integration der Europäischen Kommission auf. Dort arbeite ich in einer so genannten "country unit", die neben dem Vereinigten Königreich auch für Irland, Griechenland und Cypern zuständig ist.

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Arbeitsschwerpunkte

Zu meinem Arbeitsschwerpunkt zählt die neue Europäische Agenda 2020 und deren Umsetzung im Vereinigten Königreich.

Die Agenda 2020 wurde im Juni 2010 vom Europäischen Rat auf Vorschlag der Europäischen Kommission verabschiedet. Sie soll Europa ein intelligentes, nachhaltiges und integratives Wachstum ermöglichen.

Vorausgegangen war dieser Agenda eine Analyse zu den Auswirkungen der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise, die alarmierende strukturelle Schwächen Europas offenbart hatte. Im Jahr 2008 hatte die Finanzkrise die Arbeitslosenzahl europaweit auf 23 Millionen hochschnellen lassen, die Arbeitslosenquote lag 2008 bei zehn Prozent. Die durchschnittlichen Haushaltsdefizite lagen bei sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukt und die Staatsverschuldung insgesamt bei durchschnittlich 80 Prozent. Damit war das Wachstumspotential Europas durch die Krise um die Hälfte geschrumpft.

Weitere strukturelle Schwächen Europas zeigten sich im Bereich der Forschung und Entwicklung und der Bildung. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung lagen unter zwei Prozent, in den USA und Japan war der Anteil deutlich höher. Weniger als ein Drittel der Europäer zwischen 25 und 34 Jahren hatten einen Hochschulabschluss; in den beiden Vergleichsländern lagen die Quoten bei 40 und 50 Prozent. Von den weltweit 20 besten Hochschulen befanden sich nur zwei in Europa. Von dem Zwei-Billionen-Euro-Markt im IT-Bereich profitierten EU-Unternehmen nur zu einem Viertel.

Die Agenda hat fünf Ziele: bis 2020 soll die Beschäftigungsquote von 69 auf 75 Prozent steigen. Drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts sollen in Forschung und Entwicklung fließen. Teil der Agenda ist auch das 2007 verabschiedete Klimapaket, das vorsieht, die CO2- Emissionen bis 2020 um 20 Prozent zu senken und den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent zu erhöhen. Die Quote der Schulabbrecher soll von 15 auf unter zehn Prozent gedrückt werden, der Akademikeranteil soll auf 40 Prozent steigen. Das fünfte Ziel betrifft die Armut: Die Zahl der Menschen, die weniger als 60 Prozent des Durchschnitteinkommens ihres Landes zur Verfügung haben und damit armutsgefährdet sind, soll bis 2020 um 20 Millionen sinken.

Alle EU-Mitgliedstaaten sind aufgefordert, bis Frühjahr 2011 ein "Nationales Reformprogramm" vorzulegen, mit dem sie ihre nationalen Ziele abstecken und die einzelnen Maßnahmen beschreiben, wie, in welchen Schritten und in welcher zeitlichen Abfolge die von ihnen gesteckten Ziele erreicht werden sollen. 

Auf EU-Ebene wird die Umsetzung der Agenda 2020 und der Reformprogramme in den einzelnen Mitgliedstaaten intensiv verfolgt. Das Generalsekretariat der Europäischen Kommission hat hierzu eigens sogenannte country teams eingerichtet, in denen Vertreter aller beteiligten EU-Ressorts, z.B. Finanzen, Wirtschaft, Umwelt, Bildung, Beschäftigung, Soziales usw., vertreten sind.

Als Mitglied des "UK country teams" besteht meine Aufgabe vor allem darin, die Umsetzung des Nationalen Reformprogramms des Vereinigten Koenigreichs auf dem Gebiet der Beschäftigungs- und Sozialpolitik fortlaufend zu beobachten, zu analysieren und hierüber zu berichten.

Zu meinen Arbeitsschwerpunkten zählt außerdem die Weiterentwicklung des ESF-Programms. So war es eine meiner ersten Aufgaben, im Auftrag der Generaldirektion eine vergleichende Studie zu den Aus- und Weiterbildungssystemen Deutschlands und des Vereinigten Königreichs zu erstellen und deren Stärken und Schwächen zu analysieren. In dieser Studie habe ich auf Basis meiner Untersuchungsergebnisse Vorschläge unterbreitet, wie der ESF-Fonds dazu beitragen kann, die Aus- und Weiterbildung des Vereinigten Koenigreichs gezielt weiterzuentwickeln und zu modernisieren, um die Ziele der EU 2020 Agenda wirksamer zu erreichen.

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Persönliches Fazit

Zusammengefasst ist festzuhalten, dass die Tätigkeit als nationale Expertin in der Kommission  aufregend, spannend und zugleich sehr lohnenswert ist. Die Abordnung hat mir die Möglichkeit verschafft, einen Überblick über ganz Europa zu gewinnen und damit Situationen und Fragestellungen in meinem Fachgebiet und weit darüber hinaus besser einschätzen zu können. Ich habe Einblick in die Organisation und die Arbeitsweise der EU nehmen können. Außerdem bietet die Arbeit in einer internationalen Organisation und in einem international zusammengesetzten Team die Chance, auch die dafür notwendigen persönlichen Kompetenzen zu entwickeln, nämlich neue Sichtweisen kennenzulernen, die eigenen Denk- und Verhaltensmuster selbstkritisch zu überprüfen, sich auf Neues einzulassen, schnell zu lernen und flexibel und innovativ zu denken.

Kurzum: Wer die Chance hat, für eine begrenzte Zeit als nationale Expertin /nationaler Experte in der EU zu arbeiten, sollte sie ergreifen!

ZUM THEMA EUROPA INTERESSANT