Infoline Sozialhilfe Infoline-Archiv 2017: Allgemeine Informationen zu § 16a Nr. 4 SGB II

Suchtberatung - Einleitung - Grundsätzliches zum Thema Sucht (Gz.: G1241/135.23-5-3). Stand 10.01.2012 bis 31.12.2017.

Infoline-Archiv 2017: Allgemeine Informationen zu § 16a Nr. 4 SGB II

 

1. Inhalt

In Hamburg sind sehr viele Menschen von Suchtproblemen wie Alkoholismus, Medikamentenabhängigkeit, süchtigem Nikotingebrauch, Abhängigkeit von illegalen Suchtmitteln, problematischem Glückspiel oder gestörtem Essverhalten betroffen.

Laut dem Drogen- und Suchtbericht 2011 der Bundesdrogenbeauftragten sind bundesweit 1,3 Millionen Menschen alkoholabhängig, 1,4 Millionen medikamentenabhängig, etwa 800.000 Menschen konsumieren illegale Drogen und ca. 600.000 Menschen leiden unter dem pathologischem Glücksspiel.

Suchtprobleme sind sowohl eine Belastung für die Menschen selbst, als auch für ihre Angehörigen, Partnerinnen, Partner und Kinder. Doch nicht nur auf persönlicher und sozialer Ebene hat Sucht weitreichende Folgen.

Die gesamtgesellschaftlichen Kosten für Suchtberatung und -therapie sowie Kosten durch Krankheiten, Arbeitsunfälle, Gewalttaten und Verkehrsunfälle infolge von Suchtmittelkonsum oder Suchtproblemen sind immens. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen betragen sie für die Bundesrepublik Deutschland mindestens 15-40 Milliarden € jährlich.

Erfahrungen aus der Suchtforschung machen deutlich, dass nahezu alle Menschen Suchtpotenziale haben und die Grenzen zwischen “normalen” und süchtigen Verhaltensweisen fließend sind. Aus diesen Gründen ist die Suchtvorbeugung ein Thema für alle.

Wie entsteht Sucht?

Suchtprobleme entstehen meist schleichend und sind Ergebnis einer Entwicklung. Diese wird durch viele Aspekte der Lebensgeschichte beeinflusst.

Süchtiges Verhalten wird daher nicht aufgrund einzelner eindeutiger Ursachen entwickelt, sondern im Wechselspiel zahlreicher Faktoren, die sich zusammensetzen aus

  • der körperlichen und psychischen Verfassung eines Menschen
  • den Einflüssen des direkten sozialen Umfeldes
  • gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen und Anforderungen und
  • der Verfügbarkeit von Suchtmitteln und ihren Suchtpotentialen.

1.   Anfangsphase

In der ersten Phase der Suchtentwicklung hat die Person einen ersten Kontakt mit Suchtmitteln. Der anfängliche Konsum wird positiv erlebt, da angenehme Gefühle herbeigeführt oder unangenehme Gefühle ausgeschaltet werden. Die konsumierende Person scheint mit ihrem Leben privat als auch beruflich besser zurecht zu kommen, es entsteht eine Pseudoharmonie.

Durch die vielen positiven Erfahrungen kommt es zum vermehrten und regelmäßigen Konsum des Suchtmittels. Diese Entwicklung wird zusätzlich verstärkt, wenn die Person das Suchtmittel schnell, einfach und günstig bekommen kann.

2. Gewöhnungsphase

Durch die körperliche und psychische Gewöhnung lässt die Wirkung des Suchtmittels langsam nach. Aus diesem Grund wird in dieser Phase der Konsum erneut verstärkt und meistens mit weiteren Suchtmitteln kombiniert.

Die zuvor positiven harmonischen Erlebnisse schwinden, die negative Wirkung der Drogen wird stärker. Die Leistungsfähigkeit nimmt immer mehr ab, was vor allem berufliche Probleme zur Folge hat. Da die Selbst- und Fremdwahrnehmung der konsumierenden Person bereits eingeschränkt ist, werden die beschriebenen Veränderungen zunächst nur vom sozialen Umfeld wahrgenommen.

Die Konsumentin, der Konsument scheut Konflikte, verleugnet die Realität und flüchtet sich zunehmend in die scheinbar harmonische Welt der Drogen. Erst in Phasen der Nüchternheit werden der Person ihre Schwächen bewusst. Dieser unerträgliche Zustand verleitet die Person erneut zum Drogenkonsum. Ein Kreislauf beginnt, der schließlich zur Abhängigkeit führt.

3. Abhängigkeitsphase

Der Körper hat sich bereits an die kontinuierliche Drogenzufuhr gewöhnt und reagiert mit psychischen und meist auch körperlichen Entzugserscheinungen. Durch die Gewöhnung ist es kaum noch möglich, die in der Anfangsphase erlebten angenehmen und harmonischen Gefühle zu empfinden. Die Drogeneinnahme bewirkt lediglich das Ausbleiben von Entzugserscheinungen.

Da das Auftreten von Entzugserscheinungen nun eine Drogeneinnahme erzwingt, wird das Leben der konsumierenden Person ausschließlich von Drogenbeschaffung und Drogen-konsum bestimmt. Die Entfremdung vom sozialen Umfeld nimmt weiter zu, die Sucht ist zu einer Krankheit geworden.

4. Abbauphase

Die zuvor beschriebenen körperlichen, psychischen und sozialen Probleme nehmen weiter zu. Durch den Wegfall sozialer Beziehungen vereinsamt und verarmt die Person zu-nehmend. Ein Ausstieg aus der Sucht muss spätestens jetzt in dieser Phase erfolgen. Dabei ist der Prozess aus der Drogenabhängigkeit ein langer Weg mehrere Jahre, der oft durch viele Rückschläge gekennzeichnet ist.

Sucht und Abhängigkeit – was ist das? Definitionen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Sucht 1957 folgendermaßen definiert: Sucht ist "ein Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge und gekennzeichnet durch 4 Kriterien:

  • Ein unbezwingbares Verlangen zur Einnahme und Beschaffung des Mittels,
  • eine Tendenz zur Dosissteigerung (Toleranzerhöhung),
  • die psychische und meist auch physische Abhängigkeit von der Wirkung der Droge,
  • die Schädlichkeit für den einzelnen und/oder die Gesellschaft."

Laut WHO gilt jede Substanz als Droge, die in einem lebenden Organismus Funktionen zu verändern vermag. Dieser erweiterte Drogenbegriff erfasst nicht nur Cannabisprodukte, Halluzinogene, Alkohol, Tabakerzeugnisse, Opiate, Kokain etc., sondern auch Alltagsdrogen wie z.B. Kaffee und Tee und grenzt somit Drogen und Genuss- bzw. Lebensmittel nicht mehr trennscharf voneinander ab (s. Landesinstitut für Schule und Weiterbildung (Hrsg.): Sucht- und Drogenvorbeugung in der Schule, Baustein 1: Konzeption zur Suchtvorbeugung in der Schule, Soest,. 1988, S. 14).

"Sucht äußert sich meist als Giftsucht (Toxikomanie). Diese ist immer von Intoxikation (Vergiftung) begleitet. Demnach ist bei stoffgebundenen Suchtformen immer nach drei Komponenten zu fragen:

  • Nach der individuellen Grundstörung, die eine Suchtentwicklung einleitete, hier denken wir z. B. an chronische Schmerzzustände oder an bestimmte Konfliktsituationen.
  • Nach den psychopathologischen Folgen der Suchtmitteleinnahme, hier denken wir insbesondere an toxisch bedingte Veränderungen der Kritikfähigkeit oder des Gedächtnisses;
  • Nach dem Grad der Suchthaltung dem Leben gegenüber, also der Süchtigkeit, die eine psychologische Eigengesetzlichkeit besitzt und stoffunabhängig ist.

Sucht ist in erster Linie ein psychisches Problem, mit häufig auftretenden sekundären, körperlichen und sozialen Folgen. Sie kennzeichnet sich dadurch, dass die Betroffenen unter fortschreitendem Verlust ihrer freien Handlungsmöglichkeiten leiden. Zudem kann sie zum Verlust der Kontrolle über das eigene Verhalten führen. Sie entwickelt sozusagen eine eigene Dynamik.

Sucht liegt dann vor, wenn eine prozesshafte Abfolge in sich gebundener Handlungen kritisch geprüfte, sorgfältige und folgerichtig gesteuerte Handlungsabläufe ersetzt. Sucht ist stets Krankheit." (Klaus Wanke und Karl Ludwig Täschner, Rauschmittel, Stuttgart 1985, S. 13)

"Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlangen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen des Individuums" (K. Wanke, in: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hrsg.). Süchtiges Verhalten, 1985, S. 20)

Quelle der Definitionen: Aus der Homepage der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen - Suchtdefinition.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Sie haben es an Ihrem Arbeitsplatz in der Regel mit Menschen zu tun, die als sozial benachteiligt gelten, da sie ein sehr geringes Einkommen haben und das oft über Jahre.

Ein geringes Einkommen schränkt die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft in vielen Lebensbereichen stark ein. Schlechtere Bildungschancen, schlechtere gesundheitliche Situation, mangelnde Erschließung sozialer und kultureller Angebote, beeinträchtigende Wohnverhältnisse im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung etc. sind die Folge.

Diese Lebensumstände begünstigen die Entwicklung von Suchterkrankung bzw. können Suchterkrankungen umgekehrt auch zu einer Situation sozialer Benachteiligung führen.

Bitte bedenken Sie im Interesse Ihrer Kundinnen und Kunden: Sucht ist eine psychische Erkrankung!

Der zweite Hamburger Gesundheitsbericht belegt, dass sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen um ein Vielfaches stärker gesundheitlich belastet sind als privilegierte Bevölkerungsgruppen. Dies betrifft insbesondere auch die Betroffenheit von psychischen Erkrankungen, zu denen auch die Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigkeit gezählt werden. So ist die vorzeitige Sterblichkeit durch Alkoholabhängigkeit bei sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen etwa viermal höher als bei sozial besser gestellten Bevölkerungsgruppen, bei Drogen- und Medikamentenabhängigkeit knapp dreimal so hoch.

Es ist also davon auszugehen, dass bei den von Ihnen betreuten Kundinnen und Kunden der Anteil an Suchtkranken höher liegt als in der Gesamtbevölkerung.

2. Ansprechpartnerin

Doris Dose, BGV, G1241
Tel. 42837-2077
E-Mail: Doris.Dose@bgv.hamburg.de 

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