Bezirk Bergedorf

Zeitreise Zur Geschichte Bergedorfs

Hier finden Sie einen Überblick über die Geschichte Bergedorfs.

Zur Geschichte Bergedorfs

Bereits in der Steinzeit lebten Menschen im Bergedorfer Raum. Zahlreiche Gegenstände, vor allem Grabbeigaben, aus den Boberger Dünen, Lohbrügge oder dem Villenviertel zeugen von einer beachtlichen Besiedlung seit etwa 10.000 v. Chr.

Das heutige Bergedorf entstand wahrscheinlich in der Mitte des 12. Jahrhunderts mit der endgültigen Christianisierung des Stormarner Raums (damals Sadelbande genannt). Entscheidend war die Gründung des Bistums Ratzeburg 1154 durch Heinrich den Löwen. Noch 100 Jahre zuvor war das erste Bistum Ratzeburg durch die heidnischen Wenden zerstört worden.

Die erste urkundliche Erwähnung Bergedorfs datiert höchstwahrscheinlich aus dem Jahr 1162. Aus diesem Dokument geht hervor, dass die Kirche Bergedorfs jetzt zum Bistum Ratzeburg gehöre. Kirche und Dorf hatten also bereits zuvor existiert und gehörten zum Erzbistum Hamburg-Bremen. Bergedorf blieb mit seiner Kirche, die den Heiligen Petrus und Paulus geweiht war, bis zum Einzug der Reformation in den Jahren 1542 bis 1544 beim Bistum Ratzeburg.

Aus dem mittelalterlichen Bergedorf sind nur wenige Nachrichten überliefert. Wichtig war das Jahr 1208, in dem erstmals eine Kornwassermühle für Bergedorf genannt wird. Der dafür angelegte Mühlenstau an der Bille veränderte die örtliche Landschaft nachhaltig – bis heute. 1275 erhielt Bergedorf das Möllner Stadtrecht durch den Landesherrn Johann I. von Sachsen.

Wichtig für die weitere Geschichte Bergedorfs war der Entschluss der Sachsenherzöge, hier in der Mitte des 14. Jahrhunderts direkt neben dem Städtchen eine Burg zu errichten, sie wurde 1360 nachweislich erstmals erwähnt und stand an der Stelle des heutigen Bergedorfer Schlosses. Die Burg diente zeitweise als fürstlicher Sitz einer Seitenlinie der sächsischen Herzöge (Sachsen-Lauenburg-Mölln-Bergedorf); sie lag strategisch günstig. Von hier aus waren die Kontrolle über Bergedorf und der Zugriff auf die Handelswege Lübecks und Hamburgs in der Gegend jederzeit möglich.

Mit den Sachsenherzögen kam es seither immer wieder zu Auseinandersetzungen. Lübeck und Hamburg verbündeten sich 1420 gegen den die Handelswege gefährdenden Herzog Erich V.; mit großem Aufwand eroberten sie dessen Burg Bergedorf. Zum Gebiet, das zudem nun an die beiden Städte fiel, gehörte neben Bergedorf auch der größte Teil der heutigen Vierlande samt dem wichtigen Elbübergang Eßlingen (Zollenspieker), der Dorfschaft Geesthacht und dem halben Sachsenwald mit seinen wertvollen Holzbeständen. Von nun an verwalteten Hamburg und Lübeck Bergedorf gemeinsam bis 1867.

Die stark beschädigte Burg Bergedorf wurde nach 1420 wieder aufgebaut und diente fortan als Verwaltungszentrum. Von hier aus regierte der Amtmann, welcher zunächst alle vier, dann alle sechs Jahre und ab 1620 als Amtsverwalter auf Lebenszeit abwechselnd von Lübeck und Hamburg ernannt wurde.

Eine der frühen Maßnahmen, die die beiderstädtische Verwaltung unternahm, war das Anlegen eines funktionstüchtigen Wasserverkehrssystems. So wurde 1437/38 die Dove Elbe von der Strom-Elbe abgedeicht und 1442 der Schleusengraben angelegt. Er verband nunmehr die Bille mit der Dove Elbe und garantierte eine schnelle Anbindung Bergedorfs über die Strom-Elbe nach Hamburg. Diese Entscheidung war bedeutsam, denn da Lübeck und Hamburg auch der halbe Sachsenwald nach dem Perleberger Friedensvertrag von 1420 zugesprochen war, spielte Holz nun in Bergedorf eine wesentlich größere Rolle als bisher. Über den Schleusengraben war es jetzt möglich, den kostbaren Rohstoff direkt vom Bergedorfer Hafen auf die Elbe zu flößen, ohne dabei an Zollgrenzen zu stoßen.

Die beiderstädtische Verwaltung in Bergedorf hielt sich auch deswegen beinahe 450 Jahre, weil, wie es in Kaufmannsstädten üblich war, so gut wie jedes Detail im Vorfeld geklärt oder für die Zukunft schriftlich fixiert wurde. So hielt man es auch bei wirtschaftlichen Fragen wie auch im Verwaltungsbereich. Alle Entscheidungen wurden mehr oder weniger einvernehmlich geregelt. Beide Städte profitierten hiervon.

Für Bergedorf hieß dies jedoch, dass eine „normale“ städtische Entwicklung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein schwierig war. Die großen und wichtigen Entscheidungen trafen die beiden mächtigen Hansestädte, und notwendige Investitionen in Bergedorf wurden oft nur schleppend angegangen. Den Bergedorfern blieb dabei nur eine bescheidene Selbstverwaltung ohne die eigentlich notwendigen Mittel. Denn der Hauptsteuereinnehmer war nicht die Stadt sondern die Amtsverwaltung. Dies änderte sich erst mit dem Ende der Doppelherrschaft, als Lübeck zum 1. Januar 1868 seinen Anteil am Amt Bergedorf für 200.000 Taler an Hamburg abtrat. 1872 wurde die neue Hamburger Landherrenschaft Bergedorf eingerichtet, im Prinzip ein Verwaltungsvorgänger des heutigen Stadtbezirks. An deren Spitze stand stets ein Hamburger Senator. Wie zuvor der Amtsverwalter war es nun der Landherr, der für die Landherrenschaft die strategisch wichtigen Entscheidungen, wie etwa den Deich- oder Eisenbahnbau, traf.

Und doch erhielt Bergedorf als Stadt im Hamburger Staat nun wesentlich mehr Kompetenzen, wie Kanalisation und Straßenbau oder im Versorgungsbereich, wie der Errichtung des Allgemeinen Krankenhauses, dem Bau von Schulen oder einer städtischen Müllabfuhr. Auch die Steuereinnahmen verblieben nun zu einem beachtlichen Teil vor Ort.

Bergedorf und Umgebung wurde nun auch ein beachtlicher Industriestandort mit zahlreichen wichtigen Unternehmen. Hatte bereits die 1842 eröffnete Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn dafür gesorgt, dass das Städtchen zu einem begehrten Ausflugsort wurde, so sorgte die Industrialisierung am Ende des 19. Jahrhunderts dafür, dass viele neue Arbeitskräfte dauerhaft hierher zogen. Wuchs die Einwohnerzahl Bergedorfs seit etwa 1600 bis 1800 von ca. 1.000 auf etwa 2.000, so änderte sich dies im 19. Jahrhundert geradezu dramatisch: 1862 waren es bereits etwa 3.000 Einwohner, 1885 über 5.000 und 1912 fast 16.000; innerhalb von gut 100 Jahren hatte sie sich verachtfacht.

Eine Folge dieser zeittypischen Entwicklung war, dass sich auch Bergedorfs äußeres Erscheinungsbild änderte. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts hielten Künstler den Ort als geradezu idyllisches Landstädtchen bildlich fest. Nur 50 Jahre später existierten auch hier die städtischen Kontraste von Fabriken und Arbeitersiedlungen im südlichen Bergedorf auf der einen sowie dem feinen Villenviertel am östlichen Stadtrand auf der anderen Seite.

Um 1900 war Bergedorf ein begehrter Wohnort sowohl für wohlhabende Kaufleute als auch das Bürgertum. Hier hatte, neben den alteingesessenen Familien, eine Reihe von herausragenden Persönlichkeiten ihren Wohnsitz. Friedrich Chrysander, der hochbedeutende Musikwissenschaftler und -kritiker, schuf hier seine monumentale Händel-Gesamtausgabe. Georg Hulbe, der führende deutsche Lederkünstler seiner Zeit, hatte sich auf dem Doktorberg eine prächtige Villa errichtet. Justus Brinckmann, einer der wichtigsten europäischen Museumsdirektoren, wohnte ebenso in Bergedorf. Und der durch den Vertrieb von Gummiüberschuhen zu Reichtum gelangte Kaufmann Hermann Friedrich Messtorff ließ sich an der Wentorfer Straße die mit Abstand größte Villa Bergedorfs errichten.

Auch die Wissenschaft wurde zu der Zeit auf Bergedorf aufmerksam. Nachdem die Luft im Hamburger Zentrum immer schmutziger wurde, entschied man sich, mit der Hamburger Sternwarte vom Hamburger Holstenwall auf den Gojenberg zu ziehen. Hier entstand bis zur Neueröffnung im Jahr 1912 ein einzigartiger Sternwarten-Komplex, damals der mit Abstand modernste und größte im Deutschen Reich.

Nach dem Ersten Weltkrieg wandelte sich auch in Bergedorf die Gesellschaft. Nicht nur, dass 1919 mit Wilhelm Wiesner der erste sozialdemokratische Bürgermeister sein Amt antrat; die Stadt erlebte in den 1920er und frühen 1930er Jahren einen Modernisierungsschub mit Durchbruch- und Vierlandenstraße sowie zahlreichen zeitgemäßen Wohnbauten. Und endlich erhielt Bergedorf sein erstes Rathaus: Nach Um- und Erweiterungsbauten der Messtorffschen Villa weihte Hamburgs Bürgermeister Petersen im März 1927 das neue Verwaltungszentrum ein.

Mit dem von den Nationalsozialisten betriebenen Groß-Hamburg-Gesetz von 1937 endete die eigenständig städtische Verwaltung Bergedorfs. Zum 1. April 1938 wurde es vollständig in die Hamburger Verwaltungseinheiten integriert. Hier fanden die Nationalsozialisten auch einen abseits gelegenen Ort, um in Neuengamme eines der Konzentrations-Stammlager (mit mindestens 86 Außenlagern in ganz Norddeutschland) zu errichten. Mindestens 50.000 der etwa 100.000 zwischen 1938/40 und 1945 gefangen gehaltenen Menschen starben dort unter furchtbaren Umständen.

Zu den wenigen Gebieten, die nicht den verheerenden Zerstörungen Hamburgs während des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt waren, gehörte Bergedorf. Hier fanden viele Menschen nach 1946 ein neues Zuhause. Dies waren vor allem Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches. Seit 1949 bildet Bergedorf einen der sieben Hamburger Stadtbezirke mit dem historischen Bergedorf als Zentrum. Hinzu kamen die Vier- und Marschlande sowie Lohbrügge, das bis 1937 noch zu Preußen gehörte. Seit den 1960er Jahren entstanden im Bezirk ganz neue Stadtteile, wie etwa Lohbrügge-Nord, quasi auf Feldern und Wiesen errichtet. Das jüngste, größte und mit hoher Wohnqualität ausgestattete Hamburger Neubaugebiet entsteht seit den 1980er Jahren in Neuallermöhe. Hier, zwischen Fleeten und sattem Grün, wohnen nunmehr Menschen aus der ganzen Welt.

Dr. Olaf Matthes