Ein Lehrer steht vor einer Tafel und nimmt eine Schülerin dran, die ihren Finger hebt. Drei weitere Schüler sitzen neben ihr.
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Wie war's? Erfahrungsberichte

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Schülerinnen und Schüler sowie juristische Expertinnen und Experten berichten über ihre Erfahrungen.

"Schule mit Recht" - Erfahrungsberichte

Kapitelübersicht

Berichte der Schülerinnen und Schüler

1. Bericht (Oberstufenschüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums, belegte den Wahlkurs "Recht")

Ich habe in meiner Schulzeit zwei Mal die Chance bekommen, ein Gericht zu besuchen und Verhandlungen "live" mitzuerleben. Besonders interessant fand ich dabei jene Fälle, die ich entweder auch spontan in ihren Grundzügen erfassen konnte und solche, bei denen es um Straftaten ging. Ich fand Verhandlungen von Straftaten aufgrund der meist nicht allzu komplizierten Fallkonstellationen sowie der Tatsache, dass man dem vermeintlichen Täter nur wenige Meter entfernt ist, beeindruckend. Glücklicherweise hatte ich die Möglichkeit, eine Vielzahl an strafrechtlichen Verhandlungen zu beobachten, von Körperverletzung über Mord bis hin zu einer russischen Bande, die verschiedene Straftaten begangen hatte. Die Vernehmung von Zeugen, die Plädoyers der Parteien und die Urteilsverkündungen waren dabei stets besonders spannend.

In einem zivilrechtlichen Rechtsstreit hatte der Richter nach der Verhandlung noch Zeit, einem Mitschüler und mir die Hintergründe und Probleme des Falles zu erläutern, wodurch wir dann zumindest verstanden, worum es eigentlich ging. Optimal wäre wohl eine kurze Erläuterung des Falles vor der Verhandlung, da vieles in der Verhandlung ja schon vorausgesetzt wird und daher für Außenstehende oft nur schwer zu verstehen ist, dies ist aber natürlich kaum realistisch. Dennoch ist es immer interessant, die beiden Parteien und den Richter zu beobachten und zu versuchen, die unterschiedlichen Argumente und Positionen nachzuvollziehen. Teilweise sind auch das Verhalten sowie die Ausdrucksweise einiger Personen vor Gericht bemerkenswert. So hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich einmal erleben würde, wie ein Angeklagter den Richter und das Gericht beschimpft und dessen Autorität infrage stellt. Da ich persönlich ein großes Interesse am Recht habe, fand ich jeden Gerichtsbesuch interessant. Dennoch denke ich, dass viele Schülerinnen und Schüler durch eine gewisse Vor- bzw. Nachbereitung der Fälle durch Involvierte oder den Lehrer sehr viel mehr mitnehmen und verstehen könnten.

2. Bericht (Oberstufenschülerin des Albert-Schweitzer-Gymnasiums, belegte den Wahlkurs "Recht")

Im Rahmen des Rechtskundeunterrichts hatten wir die Möglichkeit, uns von dem regulären Unterricht befreien zu lassen, um einen Einblick in eine Gerichtsverhandlung zu erhalten. Organisiert wurde dies von unserer Fachlehrerin, die uns vor dem Ziviljustizgebäude am Sievekingplatz kurz einwies. Im Anschluss suchten wir nach Verhandlungen in Zivilsachen, die der Öffentlichkeit zugänglich waren. Zunächst stellte es sich als schwierig heraus, Verhandlungen zu finden, die für unsere Kenntnisse verständlich und interessant waren. Zudem sollten in jede Verhandlung nur wenige Schüler gehen. Daher haben wir uns in Kleingruppen aufgeteilt und konnten uns dann selbständig in Gerichtsverhandlungen setzen, die unser Interesse weckten. Meine Gruppe hatte sich für eine Verhandlung über einen Autounfall entschieden. Die Anspruchsgrundlage des Falles war ein Schadensersatzanspruch. Zunächst fiel es uns ein wenig schwer, ein Bild von dem Sachverhalt zu erlangen, da es sich bereits um den dritten oder vierten Fortsetzungstermin handelte und der Tag des Unfalls bereits ca. 18 Monate zurücklag. Dementsprechend wurden wir quasi in das kalte Wasser geworfen. Mit der Zeit wurden jedoch immer mehr Beweise in Form von Fotos der Unfallstelle, Zeugen etc. erhoben, wodurch wir ein wenig mehr verstehen konnten. Interessant war für uns, dass der Richter die Ergebnisse der Beweisaufnahme mit einem Diktiergerät festhielt.

Außerdem war interessant, dass nur eine der beiden Parteien persönlich in die Verhandlung gekommen war und auch nur die eine Partei mehrere Zeugen als Beweismittel gestellt hatte. Alle Zeugen, die gekommen waren, hatten auch ausgesagt und so konnten wir direkt miterleben, wie eine Zeugenaussage abläuft.

In diesem Zusammenhang haben wir auch verstanden, aus welchem Grund sich die Verhandlung über einen in der Theorie eigentlich einfachen Schadensersatzanspruch so lange hinzog. Einer der Hauptzeugen befand sich auf Weltreise und würde erst in ein paar Monaten aussagen können. Zudem wurden neue Fotos von der Straßenkreuzung eingereicht, die in Augenschein genommen werden mussten. Es wurde also deutlich, dass vor allem die Vernehmung von Zeugen die Rechtsprechung enorm verzögern und so alles andere als zeitnah zum vorgefallenen Sachverhalt ein Urteil gefällt werden kann. Letztendlich wurde dementsprechend die Verhandlung erneut vertagt auf einen weiteren Termin. Leider haben wir so nie den Ausgang des Prozesses erfahren.

Mit unserem Besuch haben wir einen guten Einblick in die Arbeit eines Zivilgerichts bekommen, auch wenn der Fall nicht – wie häufig in Strafsachen - besonders brisant war. Weil dieser Sachverhalt aber etwas sehr Banales beinhaltete, war er für uns insofern interessant, als dass er gerade den häufig überwiegenden Teil der alltäglichen Arbeit von Richtern und Anwälten realistisch widerspiegelte.

Die Sprache innerhalb der Verhandlung war für uns nicht neu und bereitete uns somit keine Schwierigkeiten, da wir diese schon gut verinnerlicht hatten aus unserem Unterricht.  

Sicherlich wäre es für ein noch besseres Verständnis empfehlenswert, wenn Besuche von Gerichtsverhandlungen durch Richterinnen und Richter sowie Lehrerinnen und Lehrer für Schülerinnen und Schüler vor- und nachbereitet würden und wenn es die Möglichkeit zu einem Austausch im Gespräch gäbe.

3. Bericht (Oberstufenschülerin des Albert-Schweitzer-Gymnasiums, belegte den Wahlkurs "Recht"): Unsere Exkursion ins Haus der Gerichte am 25.11.2019

Am Montag, den 25.11.2019, machten wir mit zwei Kursen des Wahlfaches "Recht" aus dem dritten Semester der Oberstufe des Albert-Schweitzer-Gymnasiums eine Exkursion ins Haus der Gerichte. Wir alle haben Recht als Unterrichtsfach am Anfang der Oberstufe gewählt, also vor knapp 1,5 Jahren, im Laufe derer mittlerweile im Rahmen des Projektes "Schule mit Recht" bereits mehrere Richter zu uns in den Unterricht gekommen sind, um mit uns Fälle zu besprechen, uns Jura allgemein und besonders den Rechtsstaat näher zu bringen oder einfach um unsere Fragen zu beantworten. 

Unter diesem Motto stand auch unser Besuch an jenem Montag: Nachdem wir von Herrn Schoenfeld, dem Präsidenten des Finanzgerichts, empfangen worden waren, probten wir in einem echten Gerichtssaal eine fiktive Gerichtsverhandlung vor dem Verwaltungsgericht als Rollenspiel und dann kamen auch schon die Kamerateams verschiedener Regionalsender, die uns bei unserem Rollenspiel filmten. Der fiktive Rechtsstreit handelte von einer Grundrechtskollision: Eine Hamburger Oberstufenschülerin hatte an einem Freitagvormittag während der Schulzeit an der Demonstration "Fridays for Future" teilgenommen, ohne dass über ihren zuvor bei der Schulleitung gestellten Antrag auf Unterrichtsbefreiung gem. § 28 III S. 1 HmbSchulG entschieden worden war. Ihr Verhalten wurde deshalb von der Schule als "Fehlverhalten" im Sinne des § 49 I S. 3 HmbSchulG bezeichnet und ihr wurde von der Klassenkonferenz ein Verweis als Ordnungsmaßnahme gem. § 49 IV Nr. 1 HmbSchulG erteilt. Die Schülerin klagte daraufhin vor dem Verwaltungsgericht auf Aufhebung des Verweises. Die Schule als Beklagte beantragte die Klage abzuweisen. 

In diesem Fall ging es also darum, dass die aus fünf Richtern (3 Berufsrichter, 2 ehrenamtliche Richter) bestehende Kammer des Verwaltungsgerichts über die vorliegende Grundrechtskollision - Art. 7 GG (Schulwesen / Schulpflicht) einerseits und Art. 8 GG (Versammlungsfreiheit) andererseits – entscheiden musste. 

Das Rollenspiel und die rechtlichen Grundlagen wurden in mehreren Unterrichtsstunden von unserer Lehrerin, Frau Dahlbender, mit uns vorbereitet und wir erhielten nun die Möglichkeit, dieses in einem echten Gerichtssaal in Anwesenheit des Justizsenators, Herrn Dr. Till Steffen, und des Schulsenators, Herrn Ties Rabe, vorzuspielen. 

Im Anschluss daran gab es ein Gespräch mit den Senatoren, denen wir auch noch Fragen stellen durften. Das alles wurde gefilmt und von mehreren TV-Regionalsendern übertragen. Einige von uns wurden sogar interviewt. Anschließend erhielten wir dann von Herrn Schoenfeld noch die Möglichkeit, uns das ganze Gebäude einschließlich der Bibliothek, weiterer Gerichtssäle und der U-Haft-Zellen anzusehen. Insgesamt war der ganze Tag sehr interessant und informativ. Wir haben viele völlig neue Einblicke in den Arbeitsalltag von Juristen erhalten und hatten die Möglichkeit, eine Gerichtsverhandlung "am eigenen Leib" zu erleben und in die Rollen der verschiedenen Beteiligten zu schlüpfen, wodurch wir die Abläufe noch einmal auf eine ganze andere und viel intensivere Art erleben und verinnerlichen konnten, als das im Unterricht in der Schule möglich ist, was durch den hohen Praxisanteil auch mehr Spaß machte.

4. Bericht (Lehrer des Fachs Recht an der Staatlichen Abendschule Vor dem Holstentor): Ein Gerichtsprozess im Fach Recht in der Vorstufe des Abendgymnasiums am 29.11.2019

Seit dem Schuljahr 2019/20 wird das Fach Recht in der gymnasialen Vorstufe der ASH als Wahlfach angeboten, das sich einer großen Beliebtheit bei unseren Schülern erfreut.

Die Schüler sollen grundlegende Kenntnisse vom deutschen Rechtssystem und der juristischen Methodik erwerben und diese in juristischen Analysen konkreter Fälle aus verschiedenen Bereichen (z.B. Vertragsrecht oder Strafrecht) anwenden.

Auch die Vermittlung der Strafprozessordnung ist Inhalt des Unterrichts: Wie funktioniert eigentlich ein Strafprozess? Was für verschiedene Rollen gibt es in ihm? Wie hat man sich im Gerichtssaal zu verhalten? Wie läuft die juristische Wahrheitsfindung ab? Was für ein Strafmaß ist im konkreten Fall unter Berücksichtigung der besonderen Umstände und des Vorlebens des Angeklagten angemessen?

Ein realer Fall wurde als Grundlage für einen fiktiven Prozess gewählt: der Fall des "Donnerstagsbankräubers" Michael J., der im Zeitraum von 2011-19 drei Banken überfallen, einen Angestellten angeschossen und durch sein auffälliges Verhalten im Gerichtssaal für Aufsehen gesorgt hatte.

Nachdem sich der Kurs zunächst mit der Theorie des Strafprozesses vertraut gemacht hatte und nach der Verteilung der Rollen (Beschuldigter, Verteidiger, Richter, Staatsanwalt, Zeugen, Sachverständige und Ermittler), wurde der Fall am 29. November 2019 in einer Doppelstunde nachgespielt.

Die Schüler haben ihre Rollen und den Ablauf des Prozesses sehr ernst genommen und erfahren, wie schwierig es ist, Recht in einem Gerichtsprozess zu verwirklichen und ein Strafmaß zu finden, das sowohl dem Angeklagten als auch der Schwere seiner Schuld und dem Leid seiner Opfer gerecht wird – eine Sternstunde gelebten Rechtsstaates in der Schule, die damit ihrem Auftrag nachkommt, (auch) eine Stätte der Demokratie- und Rechtserziehung zu sein.

Kapitelübersicht

Berichte der juristischen Expertinnen und Experten

1. Bericht (Christoph Schoenfeld - Präsident des Finanzgerichtes)

In diesem Jahr waren mehrere Schulklassen der Jahrgangsstufe 11 für jeweils einen Vormittag zu Besuch im Haus der Gerichte. Ihre PGW-Lehrer folgten damit einer Einladung, die ich im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung für PGW-Lehrer ausgesprochen hatte. Im Mittelpunkt der Exkursion stand jeweils eine Strafverhandlung, die ich zusammen mit den Schülerinnen und Schülern besucht hatte und die von mir vor- und nachbereitet wurde.

Es war für mich sehr eindrucksvoll zu erleben, wie gebannt und aufmerksam die Schüler den Gerichtsverhandlungen folgten, wie sie sich von der Atmosphäre im Gerichtssaal in den unterschiedlichen Verhandlungsabschnitten (Vernehmung des Angeklagten, Vernehmung von Zeugen, Plädoyers der Staatsanwaltschaft und Verteidigung) berühren ließen und wie sie aufrichtig bemüht waren, sich in die Situation und Rolle der verschiedenen Akteure hineinzudenken.

Der intensive Austausch im Anschluss an die Verhandlungen hat bei den Schülerinnen und Schülern zu Erfahrungen und Erkenntnissen geführt, die für das Verständnis und die Akzeptanz unseres Rechtsstaates und der Unabhängigkeit der Richter ganz wesentlich sind. Zum Beispiel:

  • Grundlage von Urteilen ist die Interpretation des Gesetzes und nicht ein innerer Wertekompass des Richters.
  • Es ist eine echte Herausforderung nicht aus dem Bauch heraus zu entscheiden, sondern sich in die Fälle einzufühlen und dann objektiv zu urteilen.
  • Zwischen Hollywood-Filmen und der Realität gibt es gravierende Unterschiede, angefangen von den Räumlichkeiten und dem Ablauf einer Gerichtsverhandlung bis hin zur Neutralität und Objektivität nicht nur der Richter, sondern auch der Staatsanwälte.
  • Was Rechtsprechung bedeutet und wer die Menschen sind, die damit beruflich zu tun haben, wird einem erst bewusst, wenn man einmal vor Ort war und es mit eigenen Augen gesehen hat.
  • Wenn keiner von zwei Personen, die bei der Wohnungsdurchsuchung angetroffen wurden, die Drogen zugeordnet werden können, werden beide freigesprochen. Also nicht, einem müssen die Drogen ja gehört haben, sondern in dubio pro reo.

Schülerinnen und Schülern mit den Spielregeln unserer Gesellschaftsordnung vertraut zu machen, gelingt abstrakt und lediglich vom Lehrerpult aus ­– wenn überhaupt – kaum. Die Schülerinnen und Schüler verlangen geradezu nach konkreten Anschauungsbeispielen, wie unser Rechtsstaat und unsere Gerichte funktionieren und arbeiten; sie möchten die Personen authentisch erleben, die täglich auch in ihrem Namen Urteile fällen und Recht sprechen. Hierfür lohnt sich jeder zeitliche Einsatz.

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