Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Denkmalschutz im Dialog "Ein Wohngebäude ist auch ein Kulturgut"

Leichte Sprache
Gebärden­sprache
Ich wünsche eine Übersetzung in:

Denkmalpfleger Albert Schett spricht im BGFG-Interview über Wohnbausanierung am Dulsberg.

Modernisierung denkmalgeschützter Backsteinfassaden in Dulsberg

Nicht nur Kirchen, Rathäuser oder Schulen stehen unter Denkmalschutz – auch einige Wohngebäude, wie die Wohnanlage der Baugenossenschaft freier Gewerkschafter eG (BGFG) am Dulsberg. Albert Schett, Dipl.-Ing. Architekt vom Hamburger Denkmalschutzamt, erklärt, was bei der Modernisierung einer solchen Anlage zu beachten ist.

Was macht die alten Backsteinfassaden am Dulsberg so wertvoll?

Albert Schett: Sie sind das verbindende Element am Dulsberg. Verschwinden sie, verliert der Stadtteil sein Gesicht. Viele dortige Wohnbauten stehen unter Denkmalschutz, weil sie Kulturgüter sind, Zeitzeugnisse einer bestimmten Baukultur. In der Vergangenheit wurden manche der Fassaden gedämmt und dann mit Kunststoffmaterialien verkleidet, die Backstein nur imitieren. Die Ergebnisse waren gestalterisch äußerst  unbefriedigend. Inzwischen gibt es Riemchen aus Backstein für die Fassadenverkleidung. Aber sie sind sehr teuer und ergeben trotzdem eine andere Anmutung als der alte Backstein. Da ist es aus Denkmalsicht allemal besser, die alten Fassaden instand zu setzen und andere wirksame Maßnahmen zur energetischen Sanierung zu verfolgen.

Denkmalschutz ist das eine, aber es soll ja auch der Energieverbrauch der Wohngebäude sinken. Wie kann das gehen?

Albert Schett: Die Dämmung der Fassade ist nur eine der möglichen energetischen Maßnahmen. Man kann auch durch Dämmung von Dach und Kellerdecke und durch Optimierung der Heizungsanlage, also nicht fassadenverändernden Maßnahmen, eine Menge Heizenergie einsparen. Hier hat das Denkmalschutzamt im Rahmen der Initiative Co2olBricks zusammen mit anderen Partnern zahlreiche Vorschläge entwickelt.

Bei der Wohnanlage Weißenburger Straße betrifft der Denkmalschutz auch den Innenbereich. Warum eigentlich? Das ist ja kein öffentlicher Raum.

Albert Schett: Die Ausweisung Denkmal betrifft in der Regel das ganze Gebäude. Auch bei Treppenhäusern und Innenräumen kann ein öffentliches Interesse bestehen, sie als Teil des Baudenkmals zu erhalten. Dann gehören auch Details wie Türen oder Fenster  dazu und selbst die Wand- und  Bodenfarbigkeit im Treppenhaus. In der Weißenburger Straße wurden Spuren der ursprünglichen Wandfarbe gefunden. Daran sollte sich die neue Gestaltung orientieren.

Warum ist das wichtig?

Albert Schett: Stellen Sie sich vor, Sie besitzen einen Oldtimer, der ist sechzig Jahre alt; ein alter Mercedes mit ockerfarbenen Ledersitzen und einem Mahagoni-Armaturenbrett. Jetzt reißen Sie das alles heraus und ersetzen es mit Materialien und Farben von heute. Würden Sie das machen? Bei einem Oldtimer erwarten Sie doch, dass Sie einsteigen, und dann soll alles so aussehen, wie es einmal war. Genauso bei einer denkmalgeschützten Wohnanlage: Wenn ein Treppenhaus in den Originalfarben wiederhergestellt wird, sorgt das für einen stimmigen Gesamteindruck.

Und deshalb ist es auch so wichtig, die Türen zu erhalten – selbst die Wohnungseingänge, die gar nicht mehr existieren?

Albert Schett: Genau! Die Anordnung der Türen dokumentiert die historische Organisation des Gebäudes. Ich gebe Ihnen das Beispiel eines Dreispänners. Das heißt: ein Wohnungseingang links, einer rechts und ein dritter in der Mitte. Nach der Modernisierung durch eine Wohnungszusammenlegung entstand ein Zweispänner, eine Tür ist überflüssig. Da kann man sich vorstellen, innen die Türöffnung zuzumauern, aber im Treppenhaus die Tür noch als Spur zu erhalten, um zu dokumentieren, dass hier einmal drei Wohnungen waren. Das sagt einiges über unsere Vergangenheit aus und so wird Geschichte auch späteren Generationen überliefert.

Erhalten blieben auch die Briefkastenschlitze an den Wohnungstüren. Allerdings kann man sie, wie auch die dritte Tür, jetzt nicht mehr benutzen. Welche Geschichte erzählen sie?

Albert Schett: Es gab in den 50er Jahren noch keine zentrale Briefkastenanlage. Frau Meyer und Herr Müller wurden noch an der Wohnungstür vom Postboten begrüßt oder die Briefe wurden durch den Briefschlitz geworfen. Heute läuft kein Briefträger mehr für normale Briefe hoch bis ins vierte Obergeschoss. Die Briefkästen hängen längst alle im Eingangsflur. Dadurch, dass wir dennoch Details erhalten, die vielleicht auf den ersten Blick kurios erscheinen, machen wir auch den einen oder anderen neugierig, sich näher mit der Geschichte des Hauses zu befassen.

Themenübersicht auf hamburg.de

Anzeige
Branchenbuch