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Für junge Leute Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur

Beim Freiwilligen Sozialen Jahr im Bereich Kultur (FSJ) arbeiten junge Leute ein Jahr lang freiwillig in kulturellen Einrichtungen, Initiativen und Projekten.

Erfahrungsberichte vom FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) Kultur in Hamburg


Künstler ins richtige Licht setzen

Malte Bruns absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur beim Bundesjugendballett, im Bereich Veranstaltungstechnik

Text: Claas Greite

Porträt eines jungen Mannes Malte Bruns machte ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur

Nebel wabert über die dunkle Bühne. Dann scheint weißes, kühles Licht von oben auf eine Tänzerin und einen Tänzer. Zu einemStuck von Antonio Vivaldi, gespielt auf der Violine, beginnen die beiden ihr Duett. Die Musik wird langsam schneller, das Licht heller. „Finding Light" heißt diese Choreografie - sie ist Teil der Szenensammlung „Im Aufschwung X: Celebration“, mit der sich das Bundesjugendballett an diesem Abend im Ernst Deutsch Theater präsentiert. Hoch über den Köpfen der Zuschauer, im Technikraum. sitzt Malte Bruns hinter einem Lichtmischpult. Er fährt die Show", wie er sagt Zwar ist die genaue Ausleuchtung der Szenen programmiert, doch Malte Bruns muss dennoch im richtigen Moment bestimmte Knöpfe drücken, anderenfalls würden die Scheinwerfer zu spät aufleuchten. Den Bühnennebel löst er ebenfalls per Knopfdruck aus. Eine verantwortungsvolle Aufgabe für den 19·Jährigen. Sein Chef, der technische Leiter des Bundesjugendballetts Simon Zander, muss sich hinter der Bühne um andere Dinge kümmern

Malte Bruns absolviert seit September 2018 ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur (FSJK) beim Bundesjugendballett. Dabei handelt es sich um eine Compagnie junger Tänzerinnen und Tänzer, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben und unter professioneller Anleitung zwei Jahre lang ihre künstlerischen Möglichkeiten ausloten. Der Bund fördert das Ensemble, dessen Mitglieder nicht nur aus Deutschland, andern aus sieben Nationen kommen. Trainingsort ist das Ballettzentrum Hamburg im Stadtteil Hamm, aber eine eigene Bühne hat das Bundesjugendballett nicht. Es tritt an verschiedensten Spielorten im In- und Ausland auf, etwa in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Schulen und Gefängnissen. Wer ein FSJK bei der Compagnie absolviert, ist tätig im Bereich Veranstaltungstechnik. Ich habe mich schon in der Schule immer um Licht und Ton für Aufführungen gekümmert. Nach dem Abitur habe ich mich um das FSJK beworben , um herauszufinden, ob mir das auch als Beruf gefallen würde", sagt Malte Bruns, der in Neu Wulmstorf wohnt. Über seine bisherige Zeit an seiner Einsatzstelle sagt er: ..Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Manche Arbeitstage sind natürlich etwas länger, aber mir macht es sehr viel Spaß, am Lichtpult zu sitzen, das ist es wert." In seinem Berufswunsch haben ihn die bisherigen Erfahrungen im FSJK bestärkt.

Einen Teil seiner Arbeitszeit verbringt Malte Bruns in einem Büro im Ballettzentrum. Da geht es darum, vor Aufführungen Dinge mit Veranstaltungorten zu klären, Packlisten zu erstellen oder Equipment anzumieten, sagt er. An den Veranstaltungsorten ist Malte Bruns dann mit dafür zuständig, die Lichtregie zu planen, eine Kamera aufzubauen ­ jeder Auftritt der Compagnie wird gefilmt - und auch einen besonderen Bühnenboden zu verlegen. Denn den bringt das Bundes­ jugendballett in der Regel selbst mit. Nicht zuletzt reist Malte Bruns auch mit, wenn die Compagnie im Ausland auftritt. So verbrachte er kürzlich einige Zeit mit dem Bundesjugendballett am Bodensee, im schweizerischen Mümterlingen. Malte Bruns: ,.Es ist schon etwas Besonderes, mit so einer internationalen Gruppe unterwegs zu sein Die Stimmung war sehr familiär, und es hat mega viel Spaß gemacht!"

Von den Reisen ins Ausland schwärmt auch Anton Stender, der von 2016 bis 2017 sein FSJK beim Bundesjugendballett machte Er durfte die Gruppe unter anderem nach St. Petersburg begleiten. Die Erfahrung war super", sagt der 20-Jährige, der mittlerweile in Hamburg eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik macht Für seine jetzige Tätigkeit hat er im FSJK sehr viel gelernt,  unter anderem, in manchen Situationen zu improvisieren und um die Ecke zu denken", wie er sagt. Und nicht zuletzt hat ihm das FSJK die Welt des Balletts erschlossen. Ich hatt e damit vorher, ehrlich gesagt, gar nicht viel am Hut. Aber mittlerweile habe ich absolute Hochachtung vor den Künstlern und kann zum Teil auch nachvollziehen, was die Choreografen sagen wollen.

Ähnlich äußert Bruns: „lch bin erst durch das FSJK mit Ballett in Berührung gekommen. Man bekommt einen Sinn dafür." Für ihn stehen bis zum Ende des Freiwilligen Jahres im August noch weitere Reisen mit der Compagnie an. Hinzu kommen mehrtägige Workshops, denn zum FSJK gehören viermal fünf Seminartage, die unter anderem aufeinem Schloss in Sch leswig-Holstein stattfinden. Außerdem steht ein gro&es Projekt an: Mit „Bundesjugendballett trifft Shakespeare" will die Compagnie zwischen Mai und Juli abendfüllende Vorstellungen im Ernst Deutsch Theater gestalten. Im Publikum wird vielleicht an dem einenoderan deren Abend auch Anton Stender sitzen. Denn seit seinem FSJK besucht er regelmäßig Ballettvorstellungen - natürlich auch die des Bundesjugendballetts, zu deren Mitgliedern er persönliche Freundschaften geknüpft hat.

Der Artikel erschien ürsprünglich im Magazin KJU der LAG Kinder und Jugendkultur Hamburg e. V., dem Landesträger für das FSJ Kultur in Hamburg: https://www.kinderundjugendkultur.info/files/181217_kju_18_4_Lay.pdf


Paulina Güllü sieht mehr als ihre Kollegen. Viel mehr

Paulina Güllü ist die erste Gehörlose, die in Hamburg ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur absolviert

Text: Claas Greite

Susanne Tod und Paulina Güllü stehen lachend im Eingang zum Kulturzentrum Motte Susanne Tod und Paulina Güllü stehen lachend im Eingang zum Kulturzentrum Motte

So fällt es ihr auf, wenn in einem weit entfernten Haus auf der anderen Straßenseite eine Person ihr Bettzeug am Fenster ausschüttelt – „mich irritiert es, wenn ich das aus dem Augenwinkel sehe“, sagt sie. Sie registriert, wenn im Büro eine Fliege auf einem Schreibtisch landet. Und wird einige Etagen weiter oben gearbeitet, bemerkt sie das an den – für andere Menschen fast unsichtbaren – Bewegungen des Wassers in einem Glas.

Paulina Güllü, 21 Jahre alt, ist von Geburt an gehörlos. Ihre visuelle Wahrnehmung ist dafür besonders ausgeprägt. Kulturelle Projekte, in denen sie mitarbeitet, können davon profitieren. Derzeit absolviert die junge Berlinerin ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur (FSJK) im Altonaer Stadtteil- und Kulturzentrum MOTTE. Unter anderem betreut sie gemeinsam mit einer Praktikantin die „Bunten Eulen“, eine inklusive Gruppe, an der hörende, gehörlose und schwerhörige Mädchen teilnehmen. Für sie organisiert sie Angebote wie Airbrush- oder Graffitiworkshops. Zu Paulina Güllüs Auf- gaben gehört es auch, neue Theaterstücke des inklusiven Theaterjugendclubs am Ernst Deutsch Theater zu dokumentieren, mit Fotos und kleinen Filmen, die sie selbst am Computer schneidet.

„Die Arbeit hier ist einfach super. Die passt zu mir“, sagt Paulina Güllü, die sich in Deutscher Gebärdensprache (DGS) verständigt. Für das Treffen mit dem Reporter übersetzt eine Gebärdensprachdolmetscherin Paulina Güllüs Gebärden in gesprochene Worte – an anderen Tagen übernimmt das Susanne Tod. Die Theaterpädagogin unterstützt Paulina Güllü in ihrer täglichen Arbeit in dem Kulturzentrum und hilft bei der Verständigung mit Mitarbeitern, die keine Gebärdensprache können. Wenn Susanne Tod nicht da ist, nimmt Paulina Güllü ein Stück Papier zu Hilfe, manchen Kollegen hat sie auch schon ein bisschen Gebärdensprache beigebracht.

MOTTE öffnet sich insgesamt für Gehörlose

„Es ist das Ziel der MOTTE, die Angebote stärker für Gehörlose zu öffnen. Da hilft die Zusammenarbeit mit Paulina natürlich enorm“, sagt Susanne Tod. Mitarbeiter des Kulturzentrums würden sich bereits „für die Sprache öffnen“ und beginnen, sie zu lernen, sagt Paulina Güllü. Susanne Tod ergänzt: „Für Hörende ist die visuelle Kompetenz von einigen gehörlosen Menschen oft ungewohnt. Aber sie ist extrem spannend, zum Beispiel auch in der Theaterarbeit. Man bekommt eine Wahrnehmungswelt geschenkt.“ Die Zusammenarbeit mit Paulina Güllü macht Susanne Tod, die Theaterpädagogin ist und unter anderem mit der Elbschule zusammenarbeitet, sichtlich Spaß: „Ihr Blick ist einfach unglaublich bereichernd und inspirierend.“

Laut Susanne Tod ist Paulina Güllü die erste Gehörlose überhaupt, die in Hamburg ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Kultur macht. Sie arbeitet 35 Stunden in der Woche und erhält dafür ein Taschengeld. Zum FSJK gehören 25 Seminartage, bei denen ebenfalls gedolmetscht wird, so dass Paulina gemeinsam mit den anderen FSJKlern in Workshops zu Film, Foto, Pantomime oder Performance arbeiten kann.

„Ich wollte nach dem Fachabitur etwas Praktisches machen“, erzählt Paulina Güllü. Wichtig war ihr, dass es eine Arbeit im Bereich Kultur ist – sie liest sehr gerne und interessiert sich auch für Theater. Ihre besondere Leidenschaft gilt der Fotografie und Filmen, sie liebt zum Beispiel die Bilder des britischen Fotografen Jimmy Nelson und Filme des US-Regisseurs Tim Burton. „Ich habe dann ein bisschen im Internet recherchiert und Informationen über das FSJK gefunden. Da dachte ich, das ist richtig für mich.“ Zunächst sei sie in Berlin auf der Suche gewesen, wo auch ihre Eltern leben, aber letztlich fiel die Wahl auf Hamburg und das Kulturzentrum MOTTE. Den Kontakt vermittelte Rebekka Leibbrand, die bei der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur (LAG) arbeitet und Pädagogische Leiterin für das FSJK in Hamburg ist.

Paulina Güllü hat sich an der Elbe gut eingelebt, Kontakte zu anderen FSJKlern geknüpft. Einige regionale Redenwendungen und Ausdrücke hat sie auch schon gelernt. Die Gebärdensprache ist nämlich nicht international, wie viele Hörende denken. „Es gibt alle Sprachen und eben auch regionale Dialekte, wie Berliner Schnauze und Hamburger Slang", erklärt Paulina Güllü. Sie reist auch gerne in andere Länder und hat festgestellt, dass es für Gehörlose leichter ist als für Hörende, im Ausland Sprachbarrieren zu überwinden. „Es gibt eine bildliche Ebene, auf der man sich treffen und nach einer Weile kommunizieren kann“, erklärt sie. Schwieriger werde es allerdings im asiatischen Raum, „weil da das Bildverständnis ein anderes ist“.

Noch bis Ende August wird Paulina Güllü in dem Altonaer Kulturzentrum arbeiten. Danach möchte sie Medienwissenschaft studieren, wahrscheinlich in Potsdam. Bei der Auswahl hat auch das FSJK geholfen: „Je länger ich hier tätig bin, desto mehr merke ich, was ich später machen will“, sagt sie. Sie freut sich auf das Studium, bei dem sie auch ein Gebärdensprachdolmetscher unterstützen wird. Für die Zukunft hat sie einen Wunsch: „Ich würde mir wünschen, dass sich noch viel mehr Bereiche der Gesellschaft für Gehörlose öffnen. Es wird viel geredet über Barrierefreiheit, aber in der Praxis bleibt davon oft nichts übrig. Es wäre toll, wenn sich da noch mehr tut. Das wäre für alle ein großes Geschenk!“

Informationen zum Freiwilligen Sozialen Jahr Kultur gibt es auf der LAG-Website und bei Katrin Claussen, Telefon 040/524 78 97 97, E-Mail: claussen@kinderundjugendkultur.info, www.fsjk-hamburg.de

Informationen zu den Kultureinrichtungen finden Sie hier: www.bundesjugendballett.dewww.diemotte.de

Der Artikel erschien ürsprünglich im Magazin KJU der LAG Kinder und Jugendkultur Hamburg e. V., dem Landesträger für das FSJ Kultur in Hamburg:
https://www.kinderundjugendkultur.info/files/180605_kju_18_2_web.pdf