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Jurykommentar freie darstellende Künste Hamburg Spielzeit 2020/21

Für die Spielzeit 2020/21 haben sich die Jurys für die Förderung von 60 Projekten ausgesprochen, 13 mehr als im Vorjahr. 

Rund 1,8 Millionen Euro wurden für die Freien Darstellenden Künste im Juryverfahren vergeben. Insgesamt wurden 173 Anträge mit einem beantragten Fördervolumen von 5.382.725 Euro eingereicht, das entspricht sowohl in Anzahl als auch im Volumen dem Vorjahres-aufkommen. 

Die Anträge wurden in fünf Jurysitzungen mit insgesamt neun Juror*innen und zwei Beisitzerinnen diskutiert.

Die zu diesem Jahr neu eingeführte Rechercheförderung sowie die strukturgebende Basisförderung haben in der Künstler*innenschaft besonders großen Anklang gefunden. Dieses Jahr wurde im regulären 3-Jahres-Turnus auch wieder über die Festivalförderung entschieden. 


Fachjury Kinder- und Jugendtheater (KiJu)

Die deutliche Erhöhung der Projektmittel für Theaterproduktionen durch die Hamburger Kulturpolitik macht deutlich, dass Theaterproduktionen für ein junges Publikum endlich nicht mehr nur als nice to have betrachtet werden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil einer zukunftsfähigen Kulturlandschaft. 

Eine Förderentscheidung also, die auch einem sich verändernden Gesellschaftsbild folgt und dem gemeinschaftsbildenden Miteinander der Generationen neuere Bedeutung einräumt. Einige Produktionen freier Kinder- und Jugendtheater nehmen dieses Thema auf und beschreiben Vorgänge demokratischer Beteiligungen.

Als Folge der erweiterten Projektmittel konnte die Jury in diesem Förderzeitraum einem Konzeptionsantrag, 11 Projekt- und Produktionsanträgen sowie 5 Basis-, und Nachwuchsanträgen zustimmen. Es wurden darunter Projekte gefördert, die durch die ausdifferenzierten Förderstrukturen Arbeitsstrukturen stabilisieren und dadurch offensiveres Kunstschaffen ermöglichen.


Fachjury Tanz

Im Tanzbereich zeigte sich eine überraschend starke inhaltliche Kohärenz in den Anträgen, wohl auch als künstlerische Antwort auf die drängende gesellschaftliche Frage, wie Zusammenleben im Angesicht zahlreicher politischer Spaltungen heute gedacht werden kann. Entwürfe und Reflexionen von Gemeinschaft durch und im Tanz reagieren dabei nicht nur auf Individualisierungstendenzen der Spätmoderne, sondern fragen gleichzeitig auch danach, welche neuen Gemeinschaftsmodelle, welche neuen Bilder, Erzählungen und Formen wir im Angesicht der Diversität unserer Gesellschaft benötigen. Gleichwie als Kehrseite dessen erscheint die Konjunktur von „Nerven“, sowohl hinsichtlich einer Erforschung von Empathie und neuronalen Netzwerken, wie auch in der erneuten Untersuchung von pathologisierten Körpermodellen des vorletzten Jahrhunderts wie „Wahn" und „Hysterie“, und der Erprobung ihres widerständigen Potenzials.
Die Jury konnte einem Konzeptionsantrag, acht Projekt- und Produktionsanträgen, zwei Rechercheansätzen sowie zwei Basis- und fünf Nachwuchsanträgen zustimmen. 

Fachjury Sprechtheater, Musiktheater, Performance (SMP)

Die Teil-Jury für SMP nimmt zur Kenntnis, dass in Hamburg gegenwärtig eine enorme Bündelung künstlerischer Potentiale, kreativer Ausdrucksformen und innovativer Arbeitsweisen stattfindet. Dies schlägt sich in der großen Anzahl von Anträgen mit hoher inhaltlicher und formaler Qualität nieder, welche im Vergleich zu den letzten zwei Jahren noch einmal zugenommen hat.

Das größere finanzielle Volumen der einzelnen Anträge wird von der Jury SMP grundsätzlich positiv bewertet, da die Gruppen und Künstler*innen realistischer kalkulieren und sich vor allem konsequenter an die vom Dachverband empfohlene Honoraruntergrenze halten. 

Von 19 besonders förderungswürdigen Projekten mit herausragender künstlerischer Qualität konnten am Ende lediglich 10 Projekte bewilligt werden. Wir haben uns dazu entschieden, diese Projekte bis auf geringfügige Anpassungen mit der jeweils vollen beantragten Summe zu fördern. Dies hat zwar zur Folge, dass nur wenige Projekte gefördert werden können, deren Umsetzung aber nicht durch Unterfinanzierung in Gefahr gerät oder hinter den selbst gesetzten Qualitätsmaßstäben zurückfallen muss. Die Künstler*innen kalkulieren ihre Projekte von einem zur Durchführung notwendigen Minimum aus; Kürzungen hätten daher ein Unterschreiten der vom Dachverband empfohlenen Honoraruntergrenze zur Folge, womit die ohnehin massive Prekarität der Künstler*innen auch die Arbeitsbedingungen bei der Durchführung der Projekte verschlechtern würde. 

Wir möchten unterstreichen, dass angesichts der enormen Qualität der Anträge die finanzielle Ausstattung für die Förderung in den Sparten Sprechtheater, Musiktheater, Performance nicht ausreichend ist. Obwohl die Mittel geringfügig angewachsen sind, ist ein Ausbau der Förderinstrumente aus unserer Sicht notwendig. Zu prekär sind die Arbeitsbedingungen der freien Szene. Zu lang sind die Zeiten, in denen das enorme künstlerische Potential brachliegen muss, weil die Projektförderungen ausbleiben. Zu viel von dem großen künstlerischen und kreativen Reichtum, über den die Stadt Hamburg gegenwärtig verfügt, entgeht nicht zuletzt den Zuschauern und Zuschauerinnen. Bedenkt man, wie sehr die Künstler und Künstlerinnen der freien Szene zur zivilgesellschaftlichen Beantwortung der drängenden Fragen unserer Gegenwart beitragen, wie uns die diesjährigen Projektanträge zeigen, dann ist ein solcher Ausbau der Förderinstrumente tatsächlich ohne Alternative.

Daher begrüßen wir sehr, dass es seit diesem Jahr die Möglichkeit gibt, Gelder für künstlerische Recherche zu beantragen. Dies entbindet aber keinesfalls davon, auch die Weiterentwicklung der Förderinstrumente voranzutreiben, damit neuen Künstler*innen der Weg in die Szene offensteht und Gruppen und Künstler*innen, die schon länger kooperieren, ihre künstlerische Handschrift entwickeln können. Der Verantwortung, wem eine professionelle Arbeit auf einer soliden finanziellen Grundlage ermöglicht werden kann, und wem nicht, können wir als Mitglieder der Jury angesichts des Missverhältnisses zwischen der enormen künstlerischen Qualität und der geringen Anzahl der geförderten Projekten kaum gerecht werden.

Die Jury konnte einem Konzeptionsantrag, zehn Projekt- und Produktionsanträgen, acht Rechercheansätzen sowie vier Basis- und einem Nachwuchsantrag zustimmen. 


Zu den Jurorinnen und Juroren gehörten in diesem Jahr:

In der Sparte Kinder- und Jugendtheater: Thomas Lang (Vorstandsmitglied der ASSITEJ 1996-2016), Charlotte Baumgart (Kulturwissen-schaftlerin und künstlerische Leitung Kompanie Kopfstand), Eva Binkle (Musiktheaterpädagogin Staatsoper Hamburg).

In der Sparte Tanz: Dr. Pirkko Husemann (Künstlerische Leitung Schwankhalle, Bremen), Maximilian Probst (Autor und Kulturjournalist „Die Zeit“, Hamburg), Dr. Eike Wittrock (Universität Hildesheim, Tanzwissenschaftler und Dramaturg, Berlin), Beisitz: Dr. Kerstin Evert (Künstlerische Leitung K3, Hamburg).

In der Sparte Sprechtheater/Musiktheater/Performance: Sabine Bornemann-Koch (Körber-Stiftung, Hamburg), Tina Pfurr (Künstlerische Leitung Ballhaus Ost, Berlin), Noah Holtwiesche (Neuere dt. Literatur/ Theaterforschung, Uni Hamburg), Beisitz Musiktheater: Mascha Wehrmann (HfMT, Hamburg)


 

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