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Jurykommentar zu den Förderanträgen der Freien darstellenden Künste in der Spielzeit 22/23


Für die Spielzeit 2022/23 haben sich die Jurys für die Förderung von 83 Projekten ausgesprochen. Das Fördervolumen konnte durch eine einmalige Erhöhung der Gelder aus Corona-Mitteln der BKM um 220.000 Euro aufgestockt werden. Über die Vergabe der Mittel zur Förderung der Freien Darstellenden Künste haben unabhängige Fachjurys in jeweils mehrstündigen Online-Sitzungen beraten.

Kinder- und Jugendtheater

Auch wenn die erschwerten Produktions- und Aufführungsbedingungen der letzten beiden Jahre vieles durcheinandergewirbelt haben: Die Auswahlkommission der Produktionen Freier Darstellender Künste für ein junges Publikum fand für den Produktionszeitraum Spielzeit 2022/23 aussagekräftige Anträge vor. Erneut überstieg die Antragssumme die Möglichkeiten der Förderung. Elf Produktionsförderungen, vier Basisanträgen, drei Rechercheförderungen und einer Nachwuchsförderung konnte entsprochen werden. Die bundesweiten Förderstrukturen haben allerdings manche Produktionsausfälle und Einnahmeverluste der kontinuierlich produzierenden Gruppen aufgefangen.

Die geplanten Projektvorhaben sehen verstärkt Formate auf den Bühnen vor, weniger den Versammlungseinschränkungen geschuldete mobile Produktionen. Und: Standardformate der Kinder- und Jugendtheaterproduktionen wie Inszenierungen von Stückvorlagen mit textbasierten Dialog- und Erzählstrukturen bestimmen weniger die Hamburger Szene. Tanztheater, Diskursformate, themenbasierte Rechercheergebnisse mit hybriden Wechseln von digitalen wie analogen Darstellungsweisen in kollektiven und kooperativen Produktionsvorgängen sind vorherrschend geworden. Dazu sind Dramaturgien einer Gamekultur erkennbar wie Walks und Installationen mit Elementen der Partizipation und Selbstermächtigung, nonlineares Erzählen fern ab narrativer Spannungs- und Mitteilungsdramaturgien. Schnittmengen mit den aktuellen gesellschaftlichen Themen wie Klimawandel, Biodiversität und Werte der Vielfalt sind stark. 

Tanz

Die Jury Tanz hat für die Spielzeit 22/23 insgesamt 26 Produktionsanträge, sechs Nachwuchs- und fünf Konzeptionsanträge im Bereich Tanz begutachtet. Damit wurde allein im Bereich der Produktionsförderung die zur Verfügung stehende Fördersumme von 425.000 Euro um mehr als das Doppelte übertroffen, trotz der einmaligen Erhöhung der Fördergelder. So konnten elf Produktionsanträge gefördert werden, zwei mehr als im Vorjahr. Der Fokus unserer Entscheidung lag zu allererst auf der künstlerischen Qualität der Anträge. Ihre ästhetische, thematische und methodische Vielfalt haben wir in der Förderentscheidung widerzuspiegeln versucht. Es wurden zusätzlich drei Nachwuchsförderungen und eine Konzeptionsförderung im Bereich Tanz zur Förderung ausgewählt.

Die meisten Anträge waren von einer hohen Qualität: Wie schon in den Jahren zuvor hätten wir mehr Anträge fördern wollen als wir konnten. Das hat uns dazu geführt, diesmal nicht die vollen Antragssummen zu bewilligen, sondern bei allen ein klein wenig zu kürzen, um einen Antrag mehr fördern zu können. Ein Vorgehen, dass wir nicht auf Dauer stellen wollen.  

Weiterhin stellt sich auch die Frage, wie die Kulturförderung nicht nur lokale Entwicklungen anstoßen, sondern Hamburg auch als Produktions- und Lebensort für international agierende Künstler*innen attraktiv machen kann. Die dreijährige Konzeptionsförderung ist in dieser Hinsicht ein wichtiges Instrument. Es ist jedoch kulturpolitisch problematisch, etablierten Künstler*innen, denen mit dieser Förderung zeitweilig eine kontinuierliche künstlerische und personelle Entwicklung ermöglicht wurde, nach diesem Zeitraum wieder den planerischen Unwägbarkeiten der Projektförderung auszusetzen. Instrumente wie eine langfristige Exzellenzförderung bleiben deshalb ein Desiderat. 

Sprechtheater, Musiktheater, Performance

Auch nach zwei Jahren Pandemie und den damit verbundenen erheblichen Einschränkungen für Kunst und Leben in der Freien Szene von Hamburg kann die Teiljury für Sprechttheater, Musiktheater, Performance (SMP) nur feststellen: Obwohl die Schwierigkeiten zunehmen, lebt die Freie Szene, und sie strotzt geradezu vor kreativen Energien, richtungsweisenden ästhetischen Innovationen und ambitionierten künstlerischen Programmen!

Dies findet seinen unmittelbaren Niederschlag in einer Vielzahl von Projektanträgen mit hoher inhaltlicher und formaler Qualität. Uns als Juror:innen bürdet es uns die schwierige Aufgabe auf, auszuwählen, welche Projekte durch Mittel der Projektförderung der Behörde für Kultur und Medien realisiert werden können. Als große Hilfe erweist sich dabei der diesjährig einmalige Zuwachs der Gesamtfördersumme für unseren Teilbereich auf 515.000 € durch Mittel des Corona-Hilfspakets Kultur. Gleichwohl ist nach wie vor festzustellen: Die relevanten Potentiale im Bereich SMP übersteigt diese zur Verfügung stehende Fördersumme gewaltig!

Dies zeigt sich nicht zuletzt an den Zahlen: 48 Projektanträge wurden gestellt, nur 14 Projekte aus dem Bereich SMP konnten tatsächlich gefördert werden. Das entspricht 29% der Anträge. Das Gesamtvolumen der beantragten Projektförderungen beträgt 1.730.639 €, die zur Verfügung stehenden 515.000 € entsprechen 30% davon. Im Vorjahr lagen die Zahlen bei 17% bzw. 19%. Einerseits ist damit eine begrüßenswerte Verbesserung der Förderquote zu verzeichnen, andererseits ist die Zahl der Antragstellungen im Vergleich zum Vorjahr um nahezu ein Fünftel gesunken – womöglich ein Zeichen dafür, dass für Künstlerinnen und Künstler die Schwierigkeiten bei der Realisierung ihrer Projekte zunehmen.

Die durchschnittlich beantragte Fördersumme liegt bei 36.000 Euro, die der geförderten Projekte bei 37.000 Euro.  Damit ist eine weitere Steigerung der finanziellen Volumen der Projekte zu verzeichnen (im Vorjahr waren es 30.000 Euro). Die größeren finanziellen Volumen der einzelnen Projekte werden von der Jury SMP zunächst einmal positiv bewertet, da die Gruppen und Künstler:innen realistischer kalkulieren und sich vor allem konsequenter an die vom Dachverband empfohlene Honoraruntergrenze halten. Dass damit noch lange nicht das nötige Maß an Professionalisierung erreicht ist, um der Prekarität der Künstler:innen angemessen zu entgegen zu wirken, zeigt sich an dem Missverhältnis zwischen Gagen und Sachkosten. Um nicht den notwendigen Prozess der Professionalisierung und damit den dauerhaften Erfolg der Freien Szene zu konterkarieren, haben wir uns entschieden, die ausgewählten Projekte mit der jeweils vollen beantragten Summe zu fördern. Dies hat allerdings zur Folge, dass weniger Projekte gefördert werden können. Deren Umsetzung aber gerät nicht durch Unterfinanzierung in Gefahr oder muss hinter den selbst gesetzten Qualitätsmaßstäben zurückfallen.

So konnten von den vielen förderungswürdigen Projekten mit herausragender künstlerischer Qualität am Ende leider nur 14 Projekte bewilligt werden. Angesichts der hohen Zahl an förderwürdigen, aber abgelehnten Anträgen müssen wir mit Bedauern feststellen, dass den Hamburger Zuschauern und Zuschauerinnen viele künstlerisch interessante und gesellschaftliche relevante Projekte womöglich entgehen werden.

Allgemein ist in diesem Jahr wieder festzustellen, dass die Freie Szene ein genuiner Ort der zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen unserer Gegenwart ist: Gerade in Erprobung neuer szenischer Formen, neuer Weisen des Miteinanders und der Thematisierung gesellschaftlicher und kultureller Wirklichkeiten liegt ihre enorme, gesellschaftliche Wirkungsmacht. Durch Innovationskraft, persönlichem Engagement und flexiblen Produktionsstrukturen bekommt die Freie Szene so Zugriff auf unterschiedliche Themen und Fragestellungen. Davon zeugen die dieses Jahr eingereichten Projekte. In ihnen geht es um Menschenrechtsverletzungen, um die ökonomischen und sozialen Risiken des Klimawandels, um Artensterben, um Fragen der Geschlechter- und Generationengerechtigkeit, sozialen und ökonomischen Ausgleich, um die Entfaltung von Lebensräumen für Minoritäten, um Entwicklung urbaner und ländlicher Lebensräume in und um Hamburg, um die Würde des Alterns, um Fragen der aktuellen Erinnerungskultur, um das Verschwinden sprachlicher Vielfalt – um hier nur einige Themen zu nennen. Die Stärken der Freien Szene sind u.a. ihre soziale und künstlerische Beweglichkeit, die Fähigkeit, auf unmittelbar Betroffene und Stakeholder einzugehen und künstlerische und kommunikative Prozesse relativ gleichberechtigt und ergebnisoffen anzustoßen, Formate zu finden, in denen sich benachteiligte Gruppen selbst ermächtigen können und die urbane Landschaft Hamburgs explorativ für unterschiedliche Zuschauer:innengruppen zu erschließen.

Das Ziel der Jury bei der Auswahl der geförderten Projekte war es daher, die Vielfalt der Formate, Genres, Erzählstrategien, Ästhetiken, Rezeptionssituationen, Spielorte und Zuschauergruppen möglichst zu erhalten und abzubilden. Eine Aufgabe, bei der uns nur zu bewusst ist, dass die Auswahl auch anders hätte ausfallen können. 

Basis- und Rechercheföderung

Auch in den Fördermodulen Basis- und Rechercheförderung sind zahlreiche Anträge eingegangen – der Trend nach produktionsunabhängiger Strukturförderung zeichnet sich weiterhin ab und ist ein Zeichen für die anhaltende Professionalisierung der Freien Szene. Insgesamt konnten 14 Basisanträge und 22 Rechercheanträge zur Förderung ausgewählt werden. 

Der unabhängigen Fachjury gehörten in diesem Jahr an:

Sprechtheater, Musiktheater, Performance

Leyla Ercan (Agentin für Diversität, Programm-, Publikums- und Personalentwicklung, Niedersächsisches Staatstheater Hannover), Noah Holtwiesche (Neuere dt. Literatur/ Theaterforschung, Uni Hamburg), Bahar Roshanai (Programm-Managerin, Musikvermittlerin und -pädagogin, Körber-Stiftung Hamburg, Bereich Kultur), Beisitz: Mascha Wehrmann (Koordinatorin Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg)

Tanz

Katrin Ullmann (freie Tanz- und Theaterkritikerin), Olivia Hyunsin Kim (Choreografin und Performerin in Berlin, Frankfurt und Seoul), Maximilian Probst (Autor und Kulturjournalist „Die Zeit“, Hamburg), Beisitz: Dr. Kerstin Evert (Künstlerische Leitung K3 | Tanzplan Hamburg) 

Kinder- und Jugendtheater

Charlotte Baumgart (Kulturwissenschaftlerin, künstlerische Leitung Kompanie Kopfstand), Eva Binkle (Musiktheaterpädagogin Staatsoper Hamburg), Thomas Lang (Vorstandsmitglied der ASSITEJ 1996-2016)

Basis- und Rechercheförderung (spartenübergreifend)

Melmun Bajarchuu (Philosophin, Dramaturgin, künstlerische Produktionsleitung, Team Produktion Sophiensaele Berlin), Tuğsal Moğul (Schauspieler, Regisseur, Anästhesist und Notarzt)

 

 

 

 

 

 

 

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