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Hintergründe zur Welterbe-Bewerbung Geschichte der Juden in Hamburg

 

Geschichte der Juden in Hamburg

Aschkenasische und sephardische Juden

Die Gemeinschaft der Juden zerfällt in zwei Hauptzweige, die sich seit der Antike getrennt entwickelt haben: in Aschkenasen und Sepharden. Beide Gemeinschaften berufen sich auf Tora und Talmud als Lebensgrundlage. Die Unterschiede betreffen Sprache, Traditionen, Ritus und Liturgie sowie die konkrete Auslegung einzelner biblischer Vorschriften und finden auch in der Grabmalkunst ihrer Friedhöfe ihren Ausdruck.

Als aschkenasische Juden bezeichnet man die mittel-, nord- und osteuropäischen Juden, insbesondere diejenigen, die im deutschsprachigen Raum sowie im heutigen Polen, Litauen, Weißrussland und der Ukraine lebten und leben.

Als Sepharden bezeichneten sich zum einen iberische Juden, die bis zu ihrer Vertreibung 1492 in Spanien lebten und dann in großer Zahl nach Nordafrika, ins Osmanische Reich oder Italien emigrierten, wo sie entweder eigene jüdische Gemeinden gründeten oder sich bestehenden Gemeinden anschlossen. Als „Portugiesen“, seltener als Sepharden, bezeichneten sich zum anderen die Nachfahren der 1497 in Portugal zwangsgetauften Juden, seinerzeit Kryptojuden, Neuchristen oder Marranen genannt, die ab 1580 nach der Einführung der Inquisition und Verschärfung der Lebensumstände auch aus Portugal emigrieren mussten und sich Ende des 16. Jahrhunderts in Nordeuropa niederließen. Wir nennen diese Sepharden zur besseren Unterscheidung „portugiesische Sepharden“. Sie siedelten sich insbesondere in den Seehandels- und Hafenstädten der Niederlande (Amsterdam), in Norddeutschland (Hamburg, Glückstadt) und seit Mitte des 17. Jahrhunderts auch in London und der Neuen Welt an (Curaçao, Barbados, Surinam, Nevis, St. Eustatius, St. Thomas, Charleston, New York).

Die portugiesischen Sepharden können, obwohl sie im Verhältnis zur gesamtjüdischen Bevölkerung eher eine kleine Gruppe darstellten, aufgrund ihrer familiären und wirtschaftlichen Vernetzung einen großen Anteil an der Entwicklung des modernen globalisierten Merkantilismus und Kapitalismus für sich beanspruchen. Sie waren durch ihre Handelsbeziehungen in die Neue Welt in nicht unbeträchtlicher Weise an der Etablierung des atlantischen Handels beteiligt. Auch die Entstehung und Entwicklung des Börsenwesens verdankt den portugiesischen Sepharden entscheidende Impulse. Unter ihnen bildete sich ein modernes, auf Rationalität begründetes Ethos heraus, das für die wirtschaftliche Entwicklung von Städten wie Amsterdam, Hamburg, London und New York von entscheidender Bedeutung war. Wirtschaftsgeschichtlich gesehen kommt den portugiesischen Sepharden daher eine globale Bedeutung zu.

Geschichte der Juden in Hamburg

Hamburg wurde Ende des 16. Jahrhunderts zu einer Zufluchtsstätte für zwangsgetaufte sephardische Glaubensflüchtlinge aus Portugal. Diese kamen mit einem in jeder Beziehung reichen Gepäck, von dem Hamburg nur profitieren konnte.  Der Senat schloss deshalb 1612 einen im Abstand von fünf Jahren zu verlängernden Vertrag mit der „Portugiesischen Nation“, der den portugiesischen Sepharden Wohnrecht und volle Freiheit der Berufsausübung garantierte. Allerdings legte er ihnen im religiösen Bereich große Beschränkungen auf.

1595 waren wohl sieben portugiesische Familien in Hamburg ansässig, für 1609 sind schon 98 Personen nachweisbar und um 1650 lebten bereits über 1200 „Portugiesen“ in Hamburg. Es waren vor allem Bankiers, Großkaufleute, Überseehändler, Seeversicherer, Handelsmakler, Juwelenhändler und Ärzte, die Hamburg im 17. Jahrhundert zum Aushängeschild des sephardischen Judentums im Westen machten.

Aschkenasischen Juden war es Ende des 16. Jahrhunderts nur im Hamburger Umland erlaubt Gemeinden zu gründen. Sie ließen sich vielfach im Altona des toleranten protestantischen Landesherrn Graf Ernst von Schauenburg nieder. 1611 waren es vier jüdische Familien, in den folgenden Jahren kamen weitere hinzu.

Während sich die Blütezeit der portugiesischen Sepharden in Hamburg bereits im späten 17. Jahrhundert ihrem Ende zuneigte, sodass die portugiesisch-sephardische Gemeinde 1872 nur noch 275 Mitglieder zählte, war die Zahl der aschkenasischen Juden im Hamburger Raum im Laufe des 17. Jahrhunderts kontinuierlich angewachsen. 1811 war die sogenannte „Dreigemeinde AHU“, ein Zusammenschluss der aschkenasischen Gemeinden von Altona, Hamburg und Wandsbek, mit etwa 6300 Mitgliedern, die größte im deutschen Reich. Auch die im Frühjahr 1933 im Hamburger Raum lebenden ca. 19.000 Juden waren überwiegend Aschkenasen.

Während der Nazi-Herrschaft erfuhren aschkenasische und sephardische Juden dasselbe Schicksal: Wem es nicht gelang zu flüchten, kam im Rahmen der Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten um. Bei Kriegsende lebten nur noch 647 Menschen jüdischen Glaubens in Hamburg.

Im September 1945 wurde in Hamburg eine neue jüdische Gemeinde als Einheitsgemeinde gegründet. 2015 zählte diese 2445 Mitglieder.

Text: Dr. Agnes Seemann / Denkmalschutzamt Hamburg / Behörde für Kultur und Medien