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Hintergründe zur Welterbe-Bewerbung Sephardische und Aschkenasische Grabmalkunst

 

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Sephardische und Aschkenasische Grabmalkunst

Grabmalkunst der portugiesischen Sepharden

Sephardische Juden verwenden im Allgemeinen liegende Grabplatten oder andere liegende Grabmaltypen wie z.B. zeltartige Formen, hebräisch Ohalim genannt. Diese Grabmalformen sind bei den portugiesischen Sepharden versehen mit überbordendem Schmuck, sowohl in dekorativer als auch in ikonographischer und in epigraphischer Form. Reiche Schmuckformen wie Kartuschen, Säulen, Pilaster, Ranken und Blumengebinde dienen dazu, die Flächen der Grabmale künstlerisch aufzugliedern. Im 17. und 18. Jahrhundert finden sich darüber hinaus eine Fülle von Motiven sowie ein reiches Bildprogramm figürlicher Szenen, das auf den ersten Blick für jüdische Kunst nicht charakteristisch ist, das aber große Ähnlichkeit mit der zeitgenössischen christlichen, insbesondere protestantischen Grabmalkunst aufweist.

Die Einzigartigkeit der portugiesisch-sephardischen Grabkunst zeigt sich vor allem in der Darstellung von Menschen und Tiergestalten. Diese finden sich zum Beispiel in Bildszenen, in denen biblische Geschichten aus dem Alten Testament dargestellt werden, welche in der Regel den Vornamen des Toten illustrieren sollen: Joseph im Brunnen, Jacobs Traum von der Himmelsleiter, Daniel in der Löwengrube, Rahel mit den Schafen, David mit der Lyra, Salomon als Weltenrichter etc. Mit Darstellungen biblischer Szenen werden auf portugiesisch-sephardischen Friedhöfen aber nicht nur die Namen der Verstorbenen und damit gleichzeitig die Geschichte des jüdischen Volks illustriert. Einige Grabsteine zeigen auch Abbildungen von Tieren, die in der Mythologie der Antike und in der jüdischen Überlieferung eine große Rolle spielten, z.B. Phönix, Pelikan und Schmetterling. Häufig sind auch Darstellungen von Leoparden, Adlern, Hirschen und Löwen.

Ein weiteres hervorstechendes Merkmal stellt darüber hinaus die Mehrsprachigkeit der Inschriften der portugiesisch-sephardischen Grabmale dar: In bewegenden Eulogien und mit kunstvollen und häufig gereimten ein-, zwei- oder dreisprachigen Epitaphien in hebräischer, portugiesischer, spanischer, englischer, französischer, holländischer und deutscher Sprache, setzen sie dem Verstorbenen ein ehrendes, bleibendes und schönes Andenken. Neben der vorrangigen Absicht, die Verstorbenen als gottesfürchtige Menschen darzustellen, zeugen die dekorativen, bildbeladenen Grabsteine der portugiesisch-sephardischen Friedhöfe aber auch vom Stolz des Verstorbenen und ihrer Familien, wenn nicht als Jude geboren, so doch wenigstens als Jude gestorben zu sein.

Aschkenasische Grabmalkunst auf dem jüdischen Friedhof Hamburg Altona

Auch bei der Gestaltung der ursprünglich ausschließlich aufrecht stehenden Stelen der aschkenasischen Juden, heute zum Teil  niedergelegt, ist eine große Variationsbreite zu erkennen: Einerseits gab es über die ganze Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts hinweg schnörkellose, von künstlerischer Zurückhaltung geprägte aschkenasische Steine, andererseits erscheinen daneben ab den 1660er Jahren auch neue, monumentale, antik anmutende Grabstelen in Form von Ädikulen. Diese neuen Grabmaltypen, gepaart mit den Einflüssen des Barock-Zeitalters mit seinen verspielten Formen und reichlich ornamentalem Schmuck, führten zu einer beachtlichen Ansammlung von künstlerisch herausragenden Grabmalen. In ihrer Pracht und ihrem Dekorationsreichtum müssen sie einen Vergleich mit portugiesisch-sephardischen Grabsteinen des Vergleichszeitraums nicht scheuen. Besonders variantenreich und verziert ist dabei der obere Abschluss der Grabmale. Ab der Mitte des 18. Jahrhundert finden sich dann vermehrt auch wieder schlichtere Formen, die Grabmale der Aschkenasen werden wieder kleiner.

Der hebräischen Inschrift auf der Vorderseite wurde seit ca. 1835 eine deutsche auf der Rückseite hinzugefügt. Auch bei diesen Grabmalen wurde das Schriftfeld seit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts häufig ornamental oder architektonisch gerahmt und mit plastischem Schmuck versehen, vor allem mit pflanzlichem Dekor, seltener mit Putten.

An dekorativen Elementen finden sich auf den Grabmalen der aschkenasischen Friedhöfe in der Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts neben den oben geschilderten architektonischen Elementen, die den Grabstein rahmen, vor allem Kronen, Widderhorn, Schreibfeder, Beschneidungsmesser, Sabbatleuchter und Hauszeichen sowie, als Zeichen für die Angehörigen der Priestergeschlechter Levi und Kohen, die „Levitenkanne“ und die „Segnenden Hände“. Daneben finden sich auch Namenssymbole wie Gans, Herz oder Hirsch. Bildszenen unter Verwendung von Menschen oder Tierdarstellungen findet man auf dem aschkenasischen Friedhofsteil aber nicht.

Von besonderer Bedeutung auf dem aschkenasischen Friedhofsteil sind die zahlreichen, an Schriftumfang, literarischer Originalität und äußerem Schmuck besonders anspruchsvollen Rabbinergräber.


Text: Dr. Agnes Seemann / Denkmalschutzamt Hamburg / Behörde für Kultur und Medien