7. Juni 2018 7. Triennale der Photographie Hamburg 2018


7. Triennale der Photographie Hamburg 2018

Exzellenzen,
sehr geehrte Mitglieder der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter, lieber Herr Professor Gundlach,
lieber Herr Professor Luckow,
lieber Herr Kaufmann,
lieber Herr Candrowicz,
meine sehr verehrten Damen und Herren,


links ein Fensterflügel und ein Taubenhaus, hinten ein Baum, davor ein Schrägdach, rechts ein kleines Gebäude, vermutlich ein Backhaus: das sah Joseph Nicéphore Niépce (1765 – 1833), französischer Militär und Erfinder, wenn er im Burgund um 1826 aus dem Fenster seines Arbeitszimmers sah. Die erste (noch) erhaltene Photographie der Welt, die Heliographie „Ansicht von Le Gras“ [„Point de vue du Gras“], zeigt seinen alltäglichen Blick aus dem Fenster. Mit diesem beschaulichen Ausblick hat die Fotografie vor 192 Jahren ihren Anfang genommen.

2016 hatte der Foto-Online-Dienst Instagram eigenen Angaben zufolge über 500 Millionen Mitglieder. Dazu weisen die Statistiken (von 2016) aus, dass von den Mitgliedern jede Minute mehr als 40.000 Fotos und Videos bzw. täglich knapp 60 Millionen Beiträge hochgeladen wurden. Heute dürften es erheblich mehr sein.

2017 wurde vermeldet, dass allein auf Facebook täglich etwa 300 Millionen Fotos hochgeladen werden. Zu diesen Zahlen addiert sich beispielsweise noch die nicht mehr bezifferbare Menge an Fotos, die täglich weltweit mit Smartphone-Kameras „geschossen“ und jenseits von Plattformen gespeichert oder in Clouds eingelagert werden. 

Längst wird die Welt überall und jederzeit durch das fotografische Bild vermessen. Buchstäblich alles wird festgehalten, bearbeitet und verbreitet: kein anderes Medium hat weltweit und in kurzer Zeit einen so allumfassenden Zugriff auf die Welt ermöglicht.

Unsere Gesellschaft ist mehr denn je geprägt durch die visuelle Wahrnehmung. 
Das Erstarken der Bilder, die sich auch ohne Sprache weltweit vermitteln, ist Ausdruck eines längst lebensweltlichen visual turn, der mit dem Fernsehen an Fahrt aufnahm und in der heutigen digital vermittelten Kommunikation erst recht eine sichere Strategie ist, sich in der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie durchzusetzen.
Umso genauer sollten wir hinschauen und die Bilder lesen lernen, wenn wir mündige und demokratiefähige Bürger sein wollen. Denn immer noch unterstellen wir Bildern ja viel zu oft und unhinterfragt, dass sie wahr seien. Dieser essentialistische Trugschluss verdeckt die Tatsache, dass ein Bild immer auch eine Behauptung ist. Von möglichen Manipulationen – angefangen bei dem, was man eben ganz absichtlich NICHT zeigt, über bewusste Bildinszenierungen, bis hin zu Photoshop-Bearbeitungen – ganz zu schweigen.

Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer, schreibt in seinen Analysen der „Inszenierung des Scheins“: 

„Diese Form einer Revisualisierung unserer Kultur verändert unsere Kommunikationsfähigkeit, indem sie in Bildform präsentierte Behauptungen über die Welt und wie sie sein soll durch die naturalistische Suggestion der Bildwirkung immunisiert und gleichzeitig die Kultur des Diskurses auf den öffentlichen Bühnen schmälert.“

Es kommt also darauf an, dass wir die diskursive Qualität des Bildes erkennen und transparent machen. Es ist genauso eine Behauptung wie die sprachliche Äußerung, die wir sofort in Zweifel ziehen.

Die visuellen Künste können genau an diesem Punkt ansetzen:
Sie versuchen gar nicht erst, uns eine scheinbar objektive Weltansicht „unterzujubeln“. 
Sie sind bekennend subjektiv. 
Sie fordern uns zu Widerspruch, Kritik oder Zustimmung heraus – in jedem Fall aber zu einer eigenen Haltung. 
Sie bringen uns miteinander ins Gespräch, indem sie uns Bruchkanten aufzeigen.

Die Kraft der Fotografie – und ihre Anziehung für den Fotografierenden – liegt auch darin, dass sie der Vergänglichkeit etwas entgegensetzt, indem sie etwas festhält – und dies scheinbar für die Ewigkeit. In dieser Wahrnehmung schwingt tröstend die Hoffnung mit, „Leben“ könnte durch Fotografie vor dem Vergehen bewahrt und dem Verfall entzogen werden. 

Der Schauspieler Lars Eidinger, ein intensiver Instagram-Nutzer und bekennender Abhängiger dieser Plattform, sieht in der Fotografie jedoch nicht Tröstung und Rettung, sondern eher das Aufscheinen des Endlichen und Endgültigen, wie er kürzlich in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung deutlich machte:

„Ich war immer ein großer Fan von Fotografie, aber es ist ein Missverständnis, dass man damit Leben einfangen kann. 
Wenn man auf ein Foto schaut, betrachtet man etwas Totes, Vergangenes. Das macht für mich den Reiz aus, die Faszination des Morbiden, des Endlichen. Also etwas live einzufangen, das nach einem Tag verschwindet.“

Das sind Blick und Gefühl eines Melancholikers – und kommt dem Wesen der Fotografie ziemlich nah. Denn Melancholie und Fotografie ist gemeinsam, dass sich beide auf die Vergangenheit in dem Wunsch fokussieren, die Zeit anzuhalten.
Und gerade so das Vergehen der Zeit ins Bewusstsein holen.

Walter Benjamin schrieb im Jahr 1939:
„Das ‚Knipsen‘ des Photographen wurde besonders folgenreich, ein Fingerdruck genügte, um ein Ereignis für eine unbegrenzte Zeit festzuhalten. Der Apparat erteilte dem Augenblick sozusagen einen posthumen Chock“.

Mit dem Begriff „Chock“ verband er eine Irritation, ein Körnchen im Getriebe – ein positiv „aktivierendes“ Element: Das Moment des Fotografieren als Moment von Reflexion und Erkenntnis. 

Dies mutet 80 Jahre später historisch und gleichzeitig brandaktuell an. Angesichts der gigantischen Bilderfluten scheint sich die Wirkung des einzelnen Bildes zu atomisieren. Die Willkürlichkeit und Belanglosigkeit der meisten Bilder drohen zu einer Bedeutungslosigkeit aller Bilder zu führen. Statt sie in ihrer Welt-deutenden Kraft wahrzunehmen, fangen wir an, sie zu ignorieren und müssen mit immer dramatischeren Mitteln aufgerüttelt werden. Das entwertet die Bilder zunehmend.

Daher gilt es, seine Bedeutung zurückzuerobern.
Die Fotografie hat in den vergangenen Jahrzehnten zwar ökonomisch an Gewicht gewonnen hat, aber sie hat ästhetisch an Gewicht verloren. Fotografen sind also in einer einerseits schwierigen und andererseits privilegierten Situation. Privilegiert, weil Bilder in unserer Gesellschaft allgegenwärtig und somit etwas wie ein demokratisches Medium sind. Schwierig, weil die kaum mehr wahrzunehmende Bilderflut mit einem Bedeutungsverlust einhergeht. Sie müssen sie wieder mit Bedeutung aufladen, um überhaupt noch etwas wahrnehmbar zu machen und zu vermitteln.

Die diesjährige Triennale setzt auf den Benjamin’schen „Chock“, auf die Brechung. Sie identifiziert BREAKING POINTS und verbindet in ihrer Präsentation die Möglichkeit der Fotografie, Auslöser einer irritierenden und damit auch aufklärerischen Wahrnehmung zu sein, mit der Möglichkeit, durch die optische Bündelung von Themen den Diskurs zu den Fragen unserer Gegenwart anzuregen.

Damit setzt die Triennale 2018 einen anderen Akzent als ihre Vorgängerin von 2015, die stärker von der Selbstbeschäftigung der Fotografie mit der Fotografie und von der Reflexion über die Zukunft der Fotografie bestimmt war. 2015 bot die Triennale so etwas wie ein „Selfie der Fotografie“, 2018 hingegen zeigt sie sich deutlicher als sozialer Akt, öffnet sich: hin zum Menschen und zum Zustand der Welt. Und der macht das auch dringend nötig…
 
Die Triennale beleuchtet unsere Gegenwart unter den Begriffen: ENTER, SPACE, HOME, SHIFT, CONTROL, RETURN, DELETE, ESCAPE. Wenn Ihnen das bekannt vorkommt: Sie finden alle Funktionen auf Ihrer Computer-Tastatur. Kurator Kristof Candrowicz widmete diese Begriffe jedoch um und füllt sie mit Fotografie – und mit Leben.

Die gezeigte Fotografie und die mit der Triennale verbundenen Aktionen – wie beispielsweise das originelle ökologisch-visuelle Lebens-Projekt „2 Boats“ (von Claudius Schulze aus Hamburg und Maciej Markowicz aus Berlin), eine schwimmende Fotografie-Plattform – folgen überwiegend einem humanistischen und aufklärerischen Impuls.

Dies gilt auch für ein Foto-Projekt und -Buch wie das von Mathieu Assellin, das 2017 auf der PARIS PHOTO den „Prix du premier livre photographique“ erhielt. Es handelt sich um investigativen Bild-Journalismus über das Biotechnologieunternehmen MONSANTO. 
Der aufklärerische Impuls ist in dieser Arbeit deutlich zu spüren. Einige der Arbeiten Asselins sind im Festivalzentrum zu sehen. 
 
„Photographieren“ heißt „mit Licht zeichnen“. Photographie hält nicht einfach nur einen Moment fest, sondern sie erhellt und beleuchtet wie mit einem Spot Spezifisches und Unspezifisches unserer Welt, zeigt Brechungen, Brüche und Wendepunkte.
Fotografie kann somit ganz in einem Benjamin’schen Sinne der Anstoß für Veränderungen sein. SEARCHING FOR CHANGE lautet denn auch sinnfällig einer der Untertitel des Festivals.

Und so paradox es klingen mag: Die Triennale eröffnet sowohl die Möglichkeit, Bilder neu wahrzunehmen, als auch die, dem visuellen Overkill einen gewissen Einhalt zu gebieten: durch ein vielfältiges, sorgsam kuratiertes Angebot an den innehaltenden Betrachter. 

Eine weitere mögliche Antwort auf den gigantischen Bilderberg unserer Zeit ist, weniger Bilder in die Welt zu setzen oder bereits vorhandene Bilder bewusst – quasi „analog“ – zum Verschwinden zu bringen: ein Foto doch nicht zu machen, die DELETE-Taste zu betätigen, auf das Symbol des PAPIERKORBS zu klicken.

Die „digitale Form“ sieht so aus: Instagram besorgt auch das Verschwinden selbst, selbstredend nicht aus humanistischen Gründen, sondern aus Erwägungen des effizienteren Marketings. Seit 2016 erreicht die Plattform viele Menschen mit einem neuen Angebot: Instagram-Stories löscht Fotos und mit dem Smartphone aufgenommene Filme nach 24 Stunden automatisch. Sie verschwinden. 

Auch das Original der "Ansicht von Le Gras" ist im Verschwinden, seit fast zwei Jahrhunderten. Die 20 Zentimeter hohe und 25 Zentimeter breite beschichtete Zinnplatte, die heute im Harry Ransam Humanities Research Center der Universität von Texas in Austin ausgestellt ist, lässt nur noch schwach erahnen, was Niépse Anfang des 19. Jahrhunderts recht konturiert gesehen hat. 

Wir sehen: Zur Fotografie gehört nicht nur das Festhalten, sondern auch das Verschwinden. Ein Moment der Melancholie, der der positivistischen Bildergläubigkeit unserer Gegenwart möglicherweise etwas entgegenzusetzen vermag. Das vermag auch die künstlerische Fotografie. 

Mein Dank gilt dem Team der Triennale, das unter dem Dach der Deichtorhallen Hamburg arbeitet – hier insbesondere der Intendanz, Herrn Professor Luckow, und dem kaufmännischen Geschäftsführer Herrn Kaufmann.  Dieses Kernteam wird kuratorisch geführt von Herrn Candrowicz, geleitet von Frau Guhl, unterstützt von Frau Pathirana und vielen weiteren Mitstreiterinnen sowie kenntnisreich beraten von Herrn Rüters. 
Dazu kommen die engagierten Kuratoren und Teams der beteiligten Museen, der Ausstellungshäuser und Galerien: Sie alle füllen die Idee der Triennale als Ort und Festival intensiver, konzentrierter Kommunikation über Fotografie im, mit und für den öffentlichen Raum mit Leben.
Mit Leben in Form von Bildern. 

Ihnen allen – und auch allen, die sie unterstützt haben – gilt meine Anerkennung und mein sehr herzlicher Dank. 

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