16. Juni 2018 50 Jahre Landesjugendorchester Hamburg

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

50 Jahre Landesjugendorchester Hamburg

Sehr geehrte Mitglieder der Hamburgischen Bürgerschaft,
liebe Orchestermitglieder,
sehr geehrter Herr Tennie,
sehr geehrter Herr Wittenburg,
sehr geehrter Herr Grambow,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

das Landesjugendorchester Hamburg feiert heute sein 50. Jubiläum. Dazu gleich zu Beginn meinen allerherzlichsten Glückwunsch!

1968 wurde das Orchester gegründet. 
Das ist ein Jahr, in dem viel Unruhe war auf der Welt: Studentenunruhen, Vietnam-Krieg, Prager Frühling, Attentate auf Martin Luther King, John F. Kennedy und Rudi Dutschke. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa war eine ganze Generation dabei, an den bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu rütteln. Die Gegenbewegungen blieben selbstredend nicht aus. Aufruhr, Aufbruch und (politische) Reaktion – das waren die dialektisch verknoteten Dynamiken dieser Zeit. Heute wissen wir: 1968 hat die Welt verändert. 

Zweifelsohne wurden dadurch auch in Deutschland viele wichtige Veränderungen initiiert: die konsequente Aufarbeitung der Verbrechen des 20. Jahrhunderts;
der Wunsch, mehr Demokratie zu wagen; der Abschied von überkommenen Geschlechterrollen und Gleichberechtigung; eine Diskussionskultur, die nicht autoritär geprägt ist und vieles mehr. (Und im Übrigen auch fantastisch gute Musik.) Ein Politikwissenschaftler sprach einmal von einer „Durchlüftung der Bundesrepublik“.

Sie fragen sich vielleicht, warum ich Ihnen das alles erzähle. 

Im legendären Jahr 1968 wurde auch das Landesjugendorchester Hamburg gegründet. Als eines der ersten bundesweit. Und es ist anscheinend kein Zufall, dass die Gründung in dieses Jahr fiel. Denn so wie der Ausgangspunkt der 68er-Bewegung ein demokratischer Protest war, so stand auch beim Landesjugendorchesters von Beginn an die demokratische Idee im Vordergrund.

Initiiert wurde es durch das „Amt für Jugendförderung“. Die Jugendlichen emanzipierten sich jedoch sehr rasch und forderten die Selbstverwaltung des Orchesters ein. Das Amt, dessen Aufgabe unter anderem die – wie es hieß – „staatsbürgerliche Bildung“ der Jugendlichen war, konnte schwer „nein“ sagen – denn was könnte eine bessere Schulung in Demokratie sein.

Diese selbstverwaltete Organisationsstruktur ist bis heute im Kern erhalten geblieben. Neben dem Musizieren fördert sie viele Orchestermitglieder zum Beispiel im Bereich des Orchestermanagements. Und auch die Programmauswahl wird demokratisch getroffen. Das ist unter den Landesjugendorchestern bundesweit einzigartig. Darauf können die Mitglieder dieses Orchesters, die die Selbstverwaltung lebendig halten, stolz sein. 

Es ist aber auch eine große Verantwortung, damit sorgfältig umzugehen. 
Es erfordert neben dem momentanen Spaß an der Sache auch den weitsichtigen Blick in die Zukunft. 
Es braucht Ausdauer und gute Argumente, um gemeinsam die richtigen Entscheidungen zu treffen. 
Es braucht Kompromissbereitschaft, wenn es viele Meinungen zu einem Thema gibt. 
Es erfordert Fingerspitzengefühl, für die eigenen Interessen einzustehen und gleichzeitig das Orchester als Gesamtes nicht aus dem Blick zu verlieren. 

Das ist gelebte Demokratie. Und ich finde es großartig, dass so viele Jugendliche sich seit fünfzig Jahren immer wieder neu dieser – manchmal sicherlich auch sehr herausfordernden – Aufgabe stellen. 

Von Aristoteles, dem Philosophen der griechischen Antike, bis heute sind sich viele einige darin, dass Musik nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft ist, sondern auch in diese hinein wirken kann. Und das gilt ja für alle Künste.
Der Bamberger Poptheoretiker Frank Apunkt Schneider vertritt zum Beispiel die These, dass amerikanischer Jazz der Nachkriegszeit oder französische Filme und britischer Pop der 1960er Jahre mehr zur Demokratisierung beigetragen haben, als so mancher Schulunterricht. 

Beim Landesjugendorchester wird die spielerische Übung in Demokratie seit der Gründung vor 50 Jahren von Generation zu Generation weitergetragen. Immer wieder neue junge Hamburger Nachwuchsmusikerinnen und Musiker werden in die Orchestergemeinschaft aufgenommen. 

Die Jüngeren können von dem Wissen und der Erfahrung der Älteren lernen. 
Und vielleicht haben die jüngeren manches Mal auch – ganz im Geiste der Gründerinnen und Gründer von 1968 – eine provokante Idee im Gepäck… Denn ein bisschen Wandel braucht alles, das im Kern bewahrt werden soll. Dass es einer Gemeinschaft gelingen kann, sich immer wieder aus sich selbst heraus zu erneuern, ohne durch allzu große Provokationen gesprengt zu werden, beweist das Landesjugendorchester Hamburg seit 50 Jahren immer wieder aufs Neue. 

Das Landesjugendorchester überzeugt aber natürlich nicht nur durch seine Struktur – sondern natürlich vor allem durch das stets hohe musikalische Niveau. Das finde ich umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass die Mitglieder ja ausschließlich junge Musikerinnen und Musikern sind, die – wenn sie in das Orchester eintreten – noch ganz am Anfang ihrer musikalischen Laufbahn stehen. Sie erhalten die Möglichkeit, in einem exquisiten Auswahlorchester anspruchsvolle Programme im großen symphonischen Rahmen zu präsentieren, das Repertoire zu erweitern und eine eigene Spielkultur zu entwickeln. 
Das ist vorbildliche Nachwuchsförderung und hat Generationen von jungen Hamburger Musikerinnen und Musikern geprägt – musikalisch wie charakterlich.

Mit seinen interessanten programmatischen Akzenten und großartiger Musik hat sich das Orchester in den vergangenen fünf Jahrzenten auf jeden Fall einen Spitzenplatz im Hamburger Musikleben erspielt. Das werden wir gleich auch noch hören.

Ganz besonders freue ich mich auf die Hamburger Erstaufführung des Werkes „Spektrum“ des ehemaligen Chefdirigenten der NDR Bigband, Jörg Achim Keller.
Hierzu lädt das Orchester Mitglieder des Landesjugendjazzorchesters Hamburg auf die Bühne ein. Gemeinsam mit Lars Seniuk, dem Leiter des Landesjugendjazzorchesters, und dem Trompeter der NDR Bigband, Ingolf Burkhardt, beweisen die beiden Nachwuchsensembles, dass die vermeintliche Grenze zwischen E- und U-Musik eher eine Einladung zum gemeinsamen Ausloten des Möglichen ist.

Beim Hamburger Publikum hat das Landesjugendorchester da bereits vorgebaut: mit seiner erfolgreichen Musikvermittlung im letzten halben Jahrhundert hat es ganz bestimmt dazu beigetragen haben, die Hamburger musikalisch für Neues zu öffnen und zu begeistern.

Dazu und zu 50 Jahren voller wunderbarer Musik gratuliere ich den Orchestermitgliedern, dem Orchestervorstand, dem Beirat und dem Dirigenten Justus Tennie ganz herzlich. 

Dieses Jubiläum befindet sich ja in einer guten Runde weiterer Geburtstage wie 40 Jahre Landesmusikrat und 30 Jahre Landesjugendjazzorchester.
Besonders bedanken möchte ich mich beim Landesmusikrat für das große Engagement, mit dem er das Orchester begleitet und unterstützt.

Für die Zukunft wünsche ich dem Landesjugendorchester Hamburg weiterhin Geschick und Mut bei der Auswahl der Konzertprogramme, viele unvergessliche Konzertreisen und die demokratische Überzeugung, dass Vielfalt eine Stärke ist – musikalisch und menschlich. 

Denn wenn man weiß, wofür man mit guten Gründen steht, dann reichen auch ein paar Noten und eine Partitur, um die Verhältnisse immer wieder aufs Neue zum Tanzen zu bringen. 

Und unser Landesjugendorchester steht wie die Elbphilharmonie fest im Herzen unserer Musik- und Kulturstadt.

Schönen Dank.

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