19 Juni 2018 Privattheatertage Hamburg

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Privattheatertage Hamburg

Lieber Herr Schneider, 
lieber Herr Kruse,
sehr verehrte Damen und Herren,

der Dramatiker Heiner Müller sagte einmal treffend, dass Theater, wenn sie als Würstchenbuden genommen werden, am Ende auch nur Würstchenbuden sind. Jedenfalls wenn man sich den Erwartungen fraglos fügt. Theater ist aber, wenn es gut ist, immer auch ein Spiel mit den Erwartungen und ihrer Durchbrechung.

Für den Theaterkritiker Dirk Pilz war die Aussage von Heiner Müller deshalb der Ausgangspunkt für ein vehementes Plädoyer: für das Theater als künstlerischen Freiraum und gegen die Verzweckung der Kunst.

Diese Freiheit, die wir immer wieder neu verteidigen müssen, garantiert unser Grundgesetz in Artikel 5 Absatz 3: 
„Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“

Wer mit harter Münze konkrete Gegenleistungen erkaufen will, beraubt die Kunst, und also auch die darstellende Kunst, das Theater, ihrer wichtigsten, ihrer größten Möglichkeiten: zu überraschen, zu irritieren, zu begeistern – und ja auch das: zu verärgern. 

Ein gewitzter Journalist verwies mal darauf, dass im Gegensatz zum harmonischen Empfinden, der Ärger viel länger im Gedächtnis bleibe und also nachhaltiger sei, denn dann „hat man mehr von seinem Geld“. . .  Aber auch ernsthaft betrachtet ist ein Theaterabend, an dem man sich ärgert, kein verschenkter Abend: oftmals entwickeln sich dann die interessantesten, gehaltvollsten Gespräche.

Dass Sie sich ärgern, wollen wir natürlich trotzdem nicht und deswegen haben die „Privattheatertage“ die besten Inszenierungen aus dem ganzen Land für Sie nach Hamburg geholt.

Theater ist keine moralische Anstalt, keine sozialpädagogische und auch keine tagespolitische. Seine Freiheit besteht darin, dass es uns mit moralischen, mit sozialen oder mit politischen Fragen konfrontieren kann, aber eben nicht muss.

Theater muss – und will – uns zunächst einmal Geschichten erzählen. Sich Geschichten zu erzählen – das ist ein nachgerade archaisches Bedürfnis der Menschen. 
Über die gemeinsamen Geschichten bilden sich Gemeinschaften.
Und zugleich verschaffen uns Geschichten einen größeren Horizont über den eigenen Tellerrand hinaus. 

Geschichten sind so etwas wie ein Bindeglied zwischen den Individuen und zwischen den Gesellschaften. Sie helfen uns, die Welt, andere Menschen – und manchmal auch sich selbst – besser zu verstehen.

Der US-amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey (1859-1952) hat einmal gesagt:
„Die Demokratie ist mehr als eine Regierungsform; sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung.“

Theater und andere Kulturorte sind für unsere Gesellschaften wichtig, um Erfahrungen miteinander zu teilen und die Vielfalt der Stimmen hör- und sichtbar zu machen.
Deshalb sind sie in unseren Demokratien unverzichtbar.

Umso mehr freue ich mich, dass bei den diesjährigen Privattheatertagen 12 ausgewählte Stücke auf sieben verschiedenen Bühnen mit uns ihre Geschichten und Erfahrungen teilen werden. 
Im Programmheft sind sie geschmückt mit den theatral aufgeladenen Emblemen: Krone, Narrenkappe und Teufelshörner – sie geben uns einen Hinweis auf das Genre. 

Aber unabhängig davon, ob die Figuren der eingeladenen Stücke im Mantel der Tragödie oder der Komödie auftreten – ich bin sicher, es wird allen Produktionen gelingen, das Publikum mit ihren Geschichten in den Bann zu ziehen und zu begeistern. Sie werden Ihnen, liebe Gäste, die Preisentscheidung über die „crème de la crème“ der Privattheater-Produktionen nicht leicht machen! 

In der Qualität der Stücke als auch in dieser Kraft zur Begegnung mit seinem Publikum, zeigt sich die besondere Rolle der Privattheater in der großen und vielfältigen Theaterlandschaft Deutschlands. Theater nehmen damit auch heute noch eine Rolle ein, die ihnen bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zukam: als einem Ort der bürgerlichen Öffentlichkeit, in dem ein komplexer Prozess demokratischer Meinungsbildung stattfinden kann. 

Das Wagnis zum Experiment ist für Privattheater oft größer als für Stadt- und Staatstheater, denn wenn diesen Theatern das Publikum wegbleibt, ist das für sie in besonderer Weise existentiell. Sie brauchen also uns, sie brauchen Sie, meine Damen und Herren, als ebenso wagemutige, neugierige, theaterbegeisterte Besucherinnen und Besucher – auch bei schwierigen Themen. 

Und so ein Thema haben wir heute mit „Ghetto“ von Joshua Sobol in einer Inszenierung des Wolfgang Borchert Theaters, Münster, vor uns. Das Stück wurde 1984 in Israel uraufgeführt, im gleichen Jahr wurde es in Berlin in einer aufsehenerregenden Inszenierung von Peter Zadek auf die Bühne gebracht und war dann als Gastspiel im „Deutschen Schauspielhaus“ zu sehen. Seither wurde es in mehr als 20 Sprachenübersetzt und in über 25 Ländern aufgeführt. Es ist ein Stück, das aufrüttelt, das Diskussionen auslöst, das – nach einer wahren Begebenheit im jüdischen Ghetto von Wilna (1942) erzählt – emotional nach wie vor schwer zu ertragen ist. 

Mit „Buten vör de Döör“ ist auch eine schwer verdauliche, aber sehr großartige Produktion aus Hamburg dabei. Wolfgang Borcherts Klassiker „Draußen vor der Tür“ in plattdeutscher und hochdeutscher Sprache aus dem „Ohnsorg Theater“. 
Das Stück, welches dem Untertitel zufolge, „kein Stück sein will und kein Publikum sehen will“, kehrt damit an die „Hamburger Kammerspiele“ zurück, wo es 1947 kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges uraufgeführt wurde.

Meine Damen , meine Herren,

ich freue mich sehr, alle Künstlerinnen und Künstler sowie alle Theaterbesucherinnen und -besucher im Namen der Stadt Hamburg herzlich zu den diesjährigen „Privattheatertagen“ begrüßen zu können. 

Bedanken möchte ich mich bei allen Spielstätten, die ihre Tore öffnen.

Ein ganz besonderer Dank geht natürlich an die Person, die diese Privattheatertage vor sieben Jahren initiiert hat und mit hohem Engagement und großer Leidenschaft die künstlerische Leitung Jahr für Jahr übernimmt: 
Axel Schneider, Ihnen und Ihrem Team ganz herzlichen Dank dafür, dass Sie diese großartige Zusammenkunft ermöglichen. 
Ihnen, lieber Herr Kruse, danke ich für den langjährigen Einsatz und die finanzielle Unterstützung aus Mitteln des Bundes. 
Ihnen und uns allen wünsche ich anregende, amüsierende und aufwühlende Theatertage.

„Theater“ heißt, wenn man es aus dem Altgriechischen übersetzen würde: der Ort, an dem man hinschaut. Schauen wir also hin, sehr genau, hören zu, und sprechen miteinander. Es wird großartig werden!

Schönen Dank. 

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