20. Juni 2018 Italo-Svevo-Preis 2018

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Italo-Svevo-Preis 2018

Sehr geehrter Herr Faktor, 
sehr geehrte Frau Teutsch,
sehr geehrter Herr Guggolz, 
sehr geehrter Herr Professor Hegewald, 
meine Damen und Herren,

im Prager Stadtteil Žižkov erhebt sich inmitten von Bahnschienen, Gründerzeitgebäuden und Kneipen mit so schönen Namen wie „Zum ausgeschossenen Auge“ der grüne Veitsberg, Vitkov auf Tschechisch. 

An seinem Fuß liegt das derzeit in Sanierung begriffene Armeemuseum, auf seiner Spitze reitet seit Jahrzehnten der einäugige Hussitenführer Jan Žižka mit einer Fackel in der Hand Richtung Westen, als wolle er augenblicklich den Ersten Prager Fenstersturz in Angriff nehmen. 

In dem monumentalen Gebäude hinter und unter dem gewaltigen Reiterstandbild befindet sich die nationale Gedenkstätte der Tschechen. Inmitten einer prächtig verzierten Kuppelhalle, der Eingang ist leicht zu verfehlen, geht es einige Stufen hinab in ein unterirdisches Laboratorium. 
Es riecht immer noch nach Lösungsmitteln: Hier präparierten bis Anfang der sechziger Jahre Nacht für Nacht Spezialisten in einer Art Frankenstein-Labor den einbalsamierten Leichnam Klement Gottwalds, des ersten kommunistischen Staatspräsidenten der Tschechoslowakischen Republik. 
Tagsüber wurde der tote Präsident per Aufzug in das Mausoleum gefahren, damit „sein Volk“ an ihm vorbeidefilieren konnte. 

Klement Gottwald, schwer alkoholkrank und syphilitisch, hatte es sich nicht nehmen lassen, im März 1953 an der Beerdigung Josef Stalins in Moskau teilzunehmen. Die strapaziöse Reise war zu viel für den schwer Kranken: 
Keine zehn Tage nach dem „Generalissimus“ war auch der tschechoslowakische Diktator tot. 

Und ebenso wie bei Stalin und vor ihm Wladimir Iljitsch Lenin, wurden die sterblichen Überreste des Genossen Gottwald konserviert, um den Arbeitern und Bauern in einem gläsernen Sarg präsentiert zu werden.
Aber, so hieß es schon damals hinter vorgehaltener Hand: Die Präparatoren hatten schludrig gearbeitet. Oder war der lebenslange Alkoholkonsum Gottwalds schuld? Schließlich half alle Restaurationskunst nichts mehr, und der Leichnam wurde 1962 eingeäschert. 

Ich vermute, dass auch der junge Jan Faktor am einbalsamierten Staatsoberhaupt vorbeispazieren musste, wie es damals in der Pionierorganisation der ČSSR üblich gewesen sein dürfte. 
Jan Faktor, 1951 in Prag geboren und dort aufgewachsen, studierte EDV, arbeitete als Programmierer und ging 1978, zehn Jahre nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, in die DDR – nicht aus Protest, sondern der Liebe wegen. 

Ein Jahr zuvor verfassten Bürgerrechtler um Václav Havel die „Charta 77“, ausgelöst durch das Verbot der psychedelischen Underground-Band „The Plastic People of the Universe“, in deren Song „100 Punkte“ es heißt:

„Sie fürchten die Arbeitenden.
Sie fürchten die Parteileute.
Sie fürchten die Parteilosen.
Sie fürchten die Wissenschaft.
Sie fürchten die Kunst.
Sie fürchten die Poesie.
Sie fürchten die Maler und Bildhauer.
Sie fürchten die Musiker und Sänger.
Sie fürchten die, die an der Maschine stehen.
Sie fürchten die Zeitungen.
Sie fürchten das Telefon. (...)
Warum, zum Teufel, fürchten wir uns vor ihnen?“

Ist es nicht interessant, dass in so vielen Staaten Umbrüche durch Künstler eingeleitet werden?

Über diese Band, die auf die jüngere tschechische Geschichte wohl eine ähnliche Wirkung hatte wie Wolf Biermann auf die deutsch-deutsche – bei recht unterschiedlichen Sounds, versteht sich – hat Jan Faktor in der Vergangenheit hellsichtige Artikel geschrieben. 

In einem heißt es: 
„Die Kunst ist der Kampf des Menschen gegen die Weltherrschaft der Traurigkeit.“ 

Der Lyriker Jan Faktor ist seit Jahren denen ein Begriff, die sich mit der Literatur zwischen Kap Arkona und Zwickau beschäftigen, die Volker Braun, Werner Bräunig, Franz Fühmann, Sarah Kirsch, Brigitte Reimann und Christa Wolf und viele andere gelesen haben und immer wieder lesen. 

Literarisch in Erscheinung getreten ist er in der alternativen Literaturszene des Prenzlauer Bergs, gemeinsam mit Adolf Endler, Bert Papenfuß, Uwe Kolbe und anderen. Zum Romancier wurde er spät: 2005 veröffentlichte er bei Kiepenheuer & Witsch sein Romandebüt „Schornstein“, in dem der gleichnamige Held in die Mühlen der Wissenschafts- und Gesundheitsbürokratie gerät. 

Eine Familie namens Schornstein gibt es auch in dem opulenten 600-Seiten-Roman mit dem mäandernden Titel „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“, mit dem er 2010 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand und endgültig in den Feuilletons angekommen war. 

Ein Schelmenroman – zwischen Bohumil Hrabal und Jaroslav Hašek – über eine von Georgs Mutter und zahlreichen Tanten bewohnte Wohnung. Diese sei „hochgradig verunstaltet, eine Missgeburt voller Narben und hässlicher Kompromisse“, heißt es im Roman. 
Ihre Bewohnerinnen pflegen das „großbürgerliche geistige Milieu bei gleichzeitig hoher Neurosendichte“, so Felicitas von Lovenberg in der „FAZ“. 

Faktors überbordender Roman erzählt von Georgs Aufwachsen in einer matriarchalen Gemeinschaft, die sich vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Prager Frühling spannt. Über dieses kraftvolle Werk, in dem es riecht und tropft und gluckst, wird uns der Laudator Sebastian Guggolz sicherlich gleich noch Genaueres berichten.

Mit seiner Frau, der Psychoanalytikerin Annette Simon, hat er 1995 das Buch „,Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin’: Versuch über ostdeutsche Identitäten“ verfasst. 

Die Migrationsforscherin Naika Foroutan hat vor wenigen Wochen in der „taz“ die mühsam verheilte Wunde zwischen Ost und West aufgerissen, indem sie ausführte, dass Ostdeutsche und Migranten ein ähnliches Schicksal teilten: 
„Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen.“ 
Ihre Thesen haben eine heftige Debatte quer durch alle Bevölkerungsschichten und Himmelsrichtungen ausgelöst mit Themen, die dem hellsichtigen Autorenpaar Faktor/Simon schon vor 25 Jahren ein Anliegen waren. 

So zeugt Jan Faktors Schaffen in Lyrik, Prosa und Essay von jener „Welterkundung und Zeitgenossenschaft“, die in der Jurybegründung gepriesen wird. 

Jan Faktor ist ein hervorragender Preisträger des „Italo-Svevo-Preises“, denn dieser feiert – ganz im Sinne seines Namensgebers – vor allem das Eigensinnige. 
Opulenz kann ebenso dazugehören wie das Sich-Zeitlassen, dass Sich-Verweigern gegenüber den Marktgesetzen und dem immer schneller rotierenden Literaturbetrieb. 

Zum 16. Mal stellt die Auszeichnung ausdrücklich keinen Autor oder Autorin in den Mittelpunkt, deren Werk in schöner Regelmäßigkeit von der Literaturkritik gepriesen wird oder auf den Bestsellerlisten auftaucht. 

Nach Zsuszanna Gahse und Sabine Peters ist die Wahl der Jury nun auf den in Prag geborenen und in Berlin lebenden Jan Faktor gefallen. 
Eine hervorragende Entscheidung, die auch denjenigen freuen dürfte, dem wir das heutige Fest verdanken: 

Dass wir heute Abend hier sein dürfen, dass der „Italo-Svevo-Preis“ mit 15.000 Euro Preisgeld zu den wohlfeil dotierten Auszeichnungen gehört, und wir später unser Glas auf den Preisträger erheben dürfen, dafür sorgt bereits im siebten Jahr ein großzügiger Mäzen, der sich wünscht, nicht genannt zu werden. 

Für seine Liebe zur Literatur, die mit freundlichster Großzügigkeit einhergeht, möchte ich ihm meinen herzlichen Dank aussprechen.

Danken möchte ich auch der Jury – dem Schriftsteller Wolfgang Hegewald, dem Verleger Sebastian Guggolz und der Literaturkritikerin Katharina Teutsch – deren klarer Blick auch die Randlagen des Literaturbetriebs in Augenschein nimmt und die seit Jahren ihre schönsten Entdeckungen mit uns teilen. 

Diese drei richten mit literarischem Gespür den Scheinwerfer auf Bücher, durch deren Lektüre wir klüger und stärker werden – und deren Verfasserinnen und Verfasser gelesen werden müssen. 

Über unseren heutigen Preisträger freue ich mich sehr und gratuliere Ihnen, 

lieber Jan Faktor, 

im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg sehr herzlich zum Italo-Svevo-Preis 2018! 

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