21. Juni 2018 Resonanzraum Festival

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Lieber Herr Rempe,
liebe Frau Küçük,
sehr geehrte Damen und Herren,

wenn man die Ankündigung zu diesem Festival liest, hat man ein bisschen den Eindruck, man werde einem dionysischen Fest beiwohnen – oder einem Urknall.

Der Komponist Iannis Xenakis, den Sie später noch hören werden, sagte einmal:

„Bei mir gibt es kein Grundmaterial. Jedes Mal beginne ich aus dem Nichts.“

Die Theorie vom Urknall ist vielleicht eine der am fruchtbarsten missverstandenen Theorien dieser Welt. Wir glauben: Aus dem Nichts entstehen Welten. 

Das war früher dem göttlichen Schöpfungsakt vorbehalten: 
Der „deus geometer“ – also Gott als Architekt – erschuf die Welt. Aus dem Mittelalter sind uns Darstellungen überliefert, die ihn mit einem weltumfassenden Zirkel zeigen. Denn Gott hat – so behauptet die Bibel – alles nach „Maß, Zahl und Gewicht geordnet“.

Wir wissen inzwischen: mit der harmonischen Ordnung ist es nicht so weit her . . .
Und die Physik hat erkannt: Der Urknall ist nicht der Beginn der Ordnung, sondern der Beginn der Unordnung. 

Der Anfang unserer Welt, wie wir sie kennen, war kein Nichts. Wie sollte auch ein Nichts explodieren? Es war also etwas da: ein so geordnetes, kompaktes Etwas, dass es kaum wahrzunehmen gewesen sein wird – behaupten  die Physiker. 

Mit dem Urknall kam Bewegung in die Sache: Seither dehnt sich das Universum beständig aus – und wird immer unordentlicher. 

Stellen Sie sich eine Pusteblume vor: rund und mit vielen hunderten Samenständen, die fein säuberlich im Kreis angeordnet sind. Wenn Sie dagegen pusten, stieben diese in alle Richtungen davon. So ähnlich stelle ich mir den Urknall vor.

Die Physiker nennen dieses Phänomen, dass die Unordnung mit der Zeit zunimmt, den „Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik“. 
Ihr Versuch, das dem Laien verständlich zu machen: Eine Tasse kann in tausend Stücke zerspringen – aber nicht umgekehrt. 

Es erstaunt mich immer wieder, zu welcher Poesie Wissenschaftler fähig sind: „Pfeil der Zeit“ – so nennen sie diesen Zuwachs an Unordnung.

Diese Benennungspoesie geht weiter: Sollte sich diese Entwicklung irgendwann umkehren und das ganze Universum implodieren – nennen Sie das das „Große Knirschen“. 

Der Physiker Stephen Hawking zog daraus eine sehr interessante Schlussfolgerung: Ein schrumpfendes, also ein sich zurück-ordnendes Universum kann kein intelligentes Leben bergen. 
Als Beispiel dafür führt er an, dass Menschen mit der Nahrung geordnete Energie aufnehmen und sie in ungeordnete Energie verwandeln: in Wärme. 

Nehmen wir ein gewisses Maß an Unordnung also mit Freude als ein Zeichen von Leben an. 

Der Philosoph und große Fürsprecher der Demokratie John Dewey (1859 - 1952) sprach einmal davon, dass es sinnvoll sei, ein produktives Verhältnis zur Unordnung zu entwickeln. Denn im Gegensatz zu starren Ordnungskräften mobilisiere sie eine „rhythmisch fortschreitende Entwicklung“. 

Man könnte auch kurz und bündig sagen: Rhythm is it. Womit wir bei der Musik wären. Und bei diesem Festival.

„Stoff“ heißt das Eröffnungsprogramm, das „Chaos“ und was daraus entstehen kann, erleben wir später ab 21 Uhr. Mit „rivers“ fließen morgen die Rhythmen und Kulturen Persiens und Griechenlands ineinander und am Samstag fordert uns die Komposition „Bohor“ von Xenakis heraus, uns zwischen Logik und Sinnlichkeit, Kontrolle und Zufall, Ordnung und Unordnung zurechtzufinden. 

Xenakis war übrigens gelernter Architekt und lange Zeit Assistent von Le Corbusier. 
Auch als Komponist war er eine Art Baumeister, schrieb mal ein Kritiker der ZEIT. In der Antike wurden Architektur und Musik sogar als Geschwister betrachtet, denn beide galten als „Wissenschaften vom richtigen Abmessen“. 

Der Komponist erschafft Welten. 
Nicht aus dem Nichts, das ist schier unmöglich. 
Nicht eine einzige, absolut gültige Welt, wie der Gott des Mittelalters – sondern viele verschiedene. 
Und auch nicht mit dem Zirkel, sondern mit dem Bleistift, mit dem Computer, mit Instrumenten und insbesondere: mit Tönen.

Meine Damen und Herren,

in vielen verschiedenen Welten ist auch das Ensemble Resonanz zuhause:
Musikalisch in der klassischen und in der zeitgenössischen Musik.
Geographisch hier im Hamburger Medienbunker auf St. Pauli und als „Orchester in residence“ in der Elbphilharmonie. Es wirft regelmäßig „Anker“ an anderen Orten dieser Stadt und es tourt in die unterschiedlichsten Länder dieser Welt. Oder es holt sich die Welt hierher nach St. Pauli, so wie mit diesem Festival.

Bei diesem Festival geht die musikalische Reise des Ensembles Resonanz gemeinsam mit vielen hochkarätigen Gastkünstlern „von Teheran über Kreta bis in die Türkei“.
Hamburg mit seinem Hafen ist ein „Tor zur Welt“. Und Hamburg ist auch eine Ankunftsstadt, eine Stadt, in die viele Menschen kommen, um hier ihren „Pursuit of happiness“ zu versuchen. Das Ensemble Resonanz gibt uns mit diesem Festival einmal mehr die Gelegenheit, zu entdecken, dass dies auch für uns eine Chance ist. 
Denn kulturelle Vielfalt ist kultureller Reichtum. Wie in der Musik finden wir unterschiedliche Rhythmen und unterschiedliche Klänge.
Versuchen wir also die Welt nicht als etwas Statisches, sondern als etwas im Prozess Befindliches zu begreifen, das einen richtig guten Rhythmus hat.

Meine Damen und Herren,

ich danke den Förderern und Medienpartnern für ihre Unterstützung dieses ausgezeichneten Ensembles und dieses Festivals. 
Ihnen allen wünsche ich bereichernde Festivaltage, einen regen Austausch und dem Ensemble Resonanz weiterhin viel Erfolg.

Schönen Dank.

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien