21. Juni 2018 Eröffnung der Ausstellungen „Charline von Heyl: Snake Eyes“ und „Asger Jorn: Without Boundaries“

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Grußwort des Senator Dr. Carsten Brosda

Sehr geehrte Frau von Heyl,
Sehr geehrter Herr Luckow,
sehr geehrter Herr Corbett, 
meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Namen des Senats begrüße ich Sie sehr herzlich zur heutigen Ausstellungseröffnung in den Hamburger Deichtorhallen.

Nach der Anfang Juni eröffneten 7. Triennale der Photographie Hamburg, die unter dem Titel „Breaking Points“ die Fotografie als Kunstform und Medium feiert, widmen sich die Deichtorhallen nun in der großen Nordhalle der Kraft der Malerei in der Gegenüberstellung zweier spannender Künstlerpersönlichkeiten. 

Auf den ersten Blick verblüfft dieses, zumal die Arbeiten in separaten Ausstellungskonzepten mit eigenen Titeln präsentiert werden – dennoch gibt es natürlich eine Reihe von Bezügen, die es zu entdecken gilt. 

Wie mir Herr Luckow erzählte, entstand die Idee dazu bei einem Besuch von Ihnen, sehr geehrte Frau von Heyl, in der Ausstellung „Picasso in der Kunst der Gegenwart“ im Frühjahr 2015 zur Wiedereröffnung der sanierten Nordhalle, in der neben vielen anderen Künstlern auch zwei Arbeiten von Asger Jorn gezeigt wurden.

Dieser zählt zu den von Ihnen besonders geschätzten Künstlern, dessen Arbeiten Sie in ihrer Wirkung als „suggestive Seh-Maschinen“, abstrakt und figurativ zugleich, begeistert haben.
Auf Ihre Anregung entstand dann die Idee, die Ausstellung Ihrer Arbeiten mit einer Ausstellung zu Asger Jorn zu verbinden. 

Kurz zuvor, im März 2014, feierte sein Heimatland Dänemark seinen 100. Geburtstag mit einer umfassenden Retrospektive im „Statens Museum for Kunst” (Dänemarks Nationalgalerie) unter dem Titel der „Restless Rebel“.

Dieser Titel traf es gut, denn Asger Jorn ist nicht nur als ein einzigartiger Künstler, er hat die Kunst auch immer als Medium des individuellen und sozialen Lebens begriffen, deutlich Position bezogen und durch seine Radikalität auch nachfolgende Künstlergenerationen nachhaltig beeindruckt und inspiriert. 

Dank der Kooperation mit der norwegischen Canica Art Collection, dem Jorn Museum in Silkeborg und Privatsammlern – darunter auch eine Leihgabe aus dem Besitz von Charline von Heyl – gelingt den Deichtorhallen eine umfassende Schau mit fast 60 Gemälden, Kohle- und Tuschezeichnungen, Keramiken und Skulpturen, die dem Hamburger Publikum zum ersten Mal einen Überblick über Jorns Kunst von den 1930er bis zu den 1970er Jahren ermöglicht.

Der am 3. März 1914 in Jütland geborene Asger Oluf Jörgensen (später nimmt er den Künstlernamen Jorn an), lernt neben einer Ausbildung als Lehrer das Malen und beteiligt sich 1933 erstmals an einer Ausstellung, später studiert er an der Kunstakademie in Kopenhagen.

In den 30er Jahren entdeckt er seine Liebe zu Paris, wo er die Malschule bei Fernand Legers besucht. 

Zurück im von den Deutschen besetzen Dänemark engagiert er sich bei der Gründung der Kunstzeitschrift Helhsten – Höllenpferd (angelehnt an den surrealistischen Minotaurus), in der Maler „die von den Feinden als ‚entartet‘ bezeichnete Kunst als ihre Sache ansehen und . . . den verworfenen Stil engagiert weiterentwickeln“.
Neben Künstlern sind Archäologen, Architekten, Historiker und Psychologen beteiligt, es entwickelt sich zum wichtigen Medium der dänischen Avantgarde. 
 
Nach dem Krieg gründet er in Paris gemeinsam mit Künstlern aus Copenhagen, Bruxelles und Amsterdam die Gruppe mit dem aus den verschmolzenen Anfangsbuchstaben gebildeten Namen CoBrA – „nicht ganz zufällig der Name einer gefährlichen Schlange“. Es geht darum, „das Leben zur vollen Blüte bringen, die Malerei einsetzen, um die Menschen mit ihrer Intensität anzustecken, die Farben der Zuversicht entzünden.“

Thorsten Sadowsky erläutert im Katalog der Ausstellung, dass Jorn damit „eine der wichtigsten und schillerndsten Figuren der europäischen Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg wurde. Ihm gelang es, durch die Synthese von Surrealismus, Informel, Action-Painting und nordischer Volkskunst eine neue figurative Malerei zu entwickeln. Malerei war für Jorn ein Fest, ein sinnlich materielles Spektakel, ein vandalischer Stilbruch.“

Die Ausstellung „Without Boundaries“ setzt sich intensiv mit der Malerei, der Intensität seiner Kunst, ihrer politischen Bedeutung und deren Faszination auseinander. Sie macht das Fest erlebbar.

Unterstützt durch den ausführlichen Katalog lädt sie uns ein, den Kosmos Asger Jorn zu entdecken. Dabei bieten seine Bilder und Schriften immer wieder Anlass für vielfältige künstlerische, historische oder aktuelle Bezüge - ob die Auseinandersetzung mit der Formensprache der Ulmer Schule von Max Bill, dem Bauhaus, dem Surrealismus, der Kunst des Nordens bis zu Jackson Pollock oder Albert Oehlen.

Ebenso wie Jorn befasst sich auch Charline von Heyl, mit dem prozesshaften Charakter ihrer Kunst.
Sie betont die Vielschichtigkeit von Bildern, die nicht nur aus konkreten Formen und Farben bestehen, sondern für sie immer auch atmosphärisch sind. 
„Bilder sind Objekt und gleichzeitig Ereignis. Jedes Bild ist wie ein perpetuum mobile. Seine Bewegung muss in Gang gebracht werden – es muss vom Betrachter aktiviert werden“.

In einem Gespräch mit Evelyn Hankins vom „Washingtoner Hirshhorn Museum“ betonte von Heyl im Jahr 2017, dass ihre Bilder der Sprache immer etwas voraus haben sollten. Sie wolle den Betrachter dazu bringen, über Definitionen hinaus zu gelangen zu etwas Persönlicherem, an einen „Punkt, an dem Gedanken und Gefühle zusammenkommen, wo das Sehen sich anfühlt wie Denken.“

Evelyn Hankins nennt dieses „das Unaussprechliche“ an den Bildern. 
Gerade in Zeiten fortgesetzter gesellschaftlicher Sprachlosigkeit ist dieser intuitive Weg zur Ratio ein spannendes Angebot, dessen diskursive Kraft es noch zu ergründen gilt.

Sehr geehrte Frau von Heyl, 

mit Ihrem unverwechselbaren und umfangreichen Werk sind Sie inzwischen in den bedeutenden internationalen Kunstsammlungen wie der Tate Modern London, dem MoMA NY oder dem Musée d`Art Moderne de la Ville Paris vertreten. John Corbett wird Ihre Arbeiten später noch ausführlich würdigen.

Diese Ausstellung wird im Anschluss an die Hamburger Präsentation noch an anderen großen Museen zu sehen sein. Von Hamburg, das auch der Ort Ihres künstlerischen Beginns ist – Sie studierten hier in den 80er Jahren an der „HfBK“ Malerei bei Jörg Immendorf –, wandert die Ausstellung weiter nach Washington und ins belgische Deurle. 

Ich freue mich sehr, dass wir Ihre Arbeiten ab heute hier in einer umfangreichen Ausstellung entdecken können.

Vielen Dank.


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