27. April 2018 Eröffnung 3. Internationales Musikfest Hamburg

Grußwort des Senators Dr. Carsten Brosda

Eröffnung 3. Internationales Musikfest Hamburg

Sehr geehrte Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft,
Sehr geehrter Herr Lieben-Seutter,
sehr geehrter Herr Kühne, sehr geehrte Frau Kühne,
sehr geehrte Mitglieder des Förderkreises Internationales Musikfest Hamburg,
sehr geehrte Mitglieder der Stiftung Elbphilharmonie,
sehr geehrte Partner des Musikfestes,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

einem Hamburger Politiker zu sagen, er solle über Utopien sprechen – das ist schon eine kleine Provokation.

Schließlich haben Utopien immer etwas mit Visionen zu tun. Und über die hat sich – wie alle wissen – der Hamburger Überpolitiker Helmut Schmidt abschließend geäußert: „Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen.“

An diesem Satz muss ich also vorbei, bevor ich zum Thema dieses Internationalen Musikfestes gelangen kann. Es hilft, dass Schmidt später gesagt hat, das sei „eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage“ gewesen.

Es ändert aber nichts daran, dass Schmidt ein ausgesprochener Anti-Utopist gewesen ist. Er stand all jenen Geisteshaltungen skeptisch gegenüber, bei denen die Pluralität der politischen Zielsetzungen zugunsten eines abstrakten Ideals aufgegeben wird. Die „totale Utopie“, wie er es nannte, war für ihn das Gegenteil einer offenen, freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft.

Für ihn war Politik vielmehr „pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken“. Mir ist diese Positionierung sympathisch. Ein solches an Kant und Popper geschultes Politikverständnis zielt auf das systematische und schrittweise Lösen gegenwärtiger Probleme. 

Das ist einerseits utopisch sehr ernüchert, andererseits aber natürlich einer Demokratie durchaus angemessen. Die Politikwissenschaft spricht von einem inkrementellen Politikstil. Journalisten nennen es Durchwursteln oder – ein wenig eleganter auf Englisch – „muddling throug“...

Die Sehnsucht nach der Vision, nach der Utopie aber bleibt. Denn natürlich hilft es erheblich, wenn man weiß, zu welchem Ziel man sich Durchwursteln möchte… 

Und in einer Zeit, in der die Utopie nicht mehr sofort mit der totalitären Vorstellung eines nachrevolutionären Gesellschaftsentwurfs verbunden sein muss, können wir uns der Utopie einer besseren Gesellschaft vielleicht wieder etwas entspannter nähern, als Schmidt in den 1970ern.

Denn natürlich ist eine politische Vorstellung von einer noch nicht erreichten Zukunft, von einem noch nicht gegenwärtigen „Un-Ort“ ein hilfreiches, ja vielleicht ein notwendiges Mittel. Wir brauchen einen theoretischen und einen moralischen Standort und eine Idee, was das Ziel ist.

Der Ökonom Otto Neurath (1842 – 1940) sagte einmal, man erkenne erst dann „das Wirkliche, wenn man auch das Mögliche“ überschaue. Und manchmal natürlich auch das Unmögliche.
Die Utopie kann also zu Erkenntnissen über die Gegenwart beitragen. Und sie kann uns ein Ansporn sein. 

Der Philosoph Ernst Bloch – wir werden später noch mehr über ihn hören – hat sich intensiv mit dem Begriff der Utopie auseinandergesetzt. Die Musik spielte in diesen Überlegungen eine ganz besondere Rolle. Zum einen, so Bloch, sei sie „gesellschaftlich seismographisch“, denn sie reflektiere Brüche unter der sozialen Oberfläche. Zum anderen drücke sie „Wünsche nach Veränderung“ aus. Ob Lockruf, Klage oder Jubelgesang – für Bloch verbindet sich die Musik immer mit einer Hoffnung, mit einer Erwartung für die Zukunft. Folgen wir diesem Gedanken, ist Musik sinnliche Manifestation des Utopischen. 

Demnach ermöglicht uns die Musik für die Dauer eines Stücks oder eines Konzerts in einer Utopie zu verweilen. Diese kann musikalisch kritisch, melancholisch, zuversichtlich oder tröstlich formuliert sein; sie kann sich 
in der Klangsprache, in der kompositorischen Diktion oder in den dargestellten Inhalten artikulieren. Das ist nicht entscheidend. 
Entscheidend ist eine Erfahrung, die außerhalb des eigenen Denk- und Erlebnishorizonts liegt. 
Das Erfinden, Spielen und Hören von Musik nennt Bloch deshalb „konkrete Utopie“.

Das kann für das Publikum durchaus herausfordernd sein, wie die Uraufführung von Arnold Schönbergs Zweitem Streichquartett vor 110 Jahren gezeigt hat.
Schönberg verabschiedete sich damals von der bis dahin üblichen Harmonielehre. Es war durchaus passend, dass er im vierten Satz ein Gedicht von Stefan George verwendete, dessen erste Verszeile programmatisch gelesen werden kann:

"Ich fühle Luft von anderem Planeten."

Diese Luft spürten auch die Zuhörer. Bei der Uraufführung kam es zu Tumulten.

Meine Damen und Herren,

solche konkreten Utopien, solche künstlerischen Interventionen, Irritationen und Inspirationen sind zu allen Zeiten wichtig. Ganz besonders aber, wenn wir feststellen, dass wir vermeintliche Gewissheiten unserer modernen, offenen, freiheitlichen und vielfältigen Gesellschaft wieder einmal aufs Neue begründen und festigen müssen.

Denn in der Moderne ist nichts gesichert, alles ist kontingent. Das kann anstrengend und verunsichernd sein. Es bietet aber auch Chancen, wenn wir im gemeinsamen Gespräch immer wieder neu verhandeln müssen, wie wir leben wollen.

Die Künste können in diesem Prozess immer wieder neue Möglichkeitsräume aufzeigen. Sie sind deshalb unverzichtbar für die Gegenwart und die Zukunft menschlichen Zusammenlebens.
Und sie sind wertvolle Impulsgeber für eine Politik, die neben allem Problemelösen des Alltags den Sinn für das noch Anzustrebende und das noch zu Erringende nicht verliert.

Das in diesem Haus zu sagen, das ja letztlich auch eine gebaute Utopie ist, entbehrt nicht einer gewissen ironischen Spannung: Es waren schließlich die Probleme einer Vision, die hier pragmatisch gelöst werden mussten, bevor die Utopie der Musikstadt Hamburg Wirklichkeit werden konnte.

Meine Damen und Herren,

das „Internationale Hamburger Musikfest“ zeigt in der Vielfalt der dargebotenen Konzerte und der Konzertorte die großartige Vielfalt der Musikstadt Hamburg. 

Konzertveranstalter, Orchester, Musikerinnen und Musiker – die Akteure der hiesigen Musikszene gestalten dieses Fest gemeinsam und zeigen ganz kompakt in zwei Wochen die vielen Facetten des Musiklebens unserer Stadt. 

Dadurch wirkt dieses Fest in unsere Stadt hinein und strahlt zugleich darüber hinaus. Und so gilt mein besonderer Dank den Beteiligten, die dieses Musikfest gemeinsam veranstalten:
Christoph Lieben-Seutter und seinem Team von der Elbphilharmonie, dem NDR, dem Philharmonischen Staatsorchester, den Symphonikern Hamburg, ProArte, der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und der Musikhochschule Lübeck.

Auch wenn die Freie und Hansestadt Hamburg die Durchführung des Festivals finanziell unterstützt, will ich nicht vergessen, dass das Festival erst durch die erneut großzügige Unterstützung durch die „Klaus Michael Kühne-Stiftung“ , den „Förderkreis Internationales Musikfest Hamburg“, der Stiftung Elbphilharmonie und der Sponsoren in seiner jetzigen Form ermöglicht wird. 
Dafür ein ganz herzlicher Dank.

Ich freue mich, dass mit der Aufnahme des Regelbetriebs der Elbphilharmonie nun auch das „Musikfest“ sozusagen seinen „Regelbetrieb“ aufgenommen hat und zukünftig jährlich stattfinden wird. So bündelt es vier Wochen lang die Kräfte und die künstlerische Exzellenz der Hamburger Akteure und wird dadurch zum international wahrnehmbaren Markenzeichen der Elbphilharmonie und der Kulturstadt Hamburg.

Meine Damen und Herren,

für die nächsten vier Wochen wünsche ich Ihnen beim „3. Internationalen Musikfest Hamburg“ viele musikalisch bewegende Momente, seismographische Erkenntnisse, konkrete Utopien und musikalische Sternstunden.

Schönen Dank. 

Ämter der Behörde für Kultur und Medien

Einrichtungen der Behörde für Kultur und Medien